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KBV gibt Bedenken auf und erwartet Gründungswelle bei MVZ1

Die seit Anfang 2004 bestehenden Ärztezentren nach dem Vorbild der einstigen Polikliniken der DDR haben sich bisher kaum durchgesetzt. Mitte 2006 waren bundesweit erst 490 Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gegründet, ergab eine Analyse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Doch bald wird es viel mehr geben, glaubt die Ärztevertretung.


Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte die Möglichkeit zum Bilden von Versorgungszentren durchgesetzt, in denen auch angestellte Ärzte arbeiten können. Für Patienten sollen sie den Vorteil kurzer Wege bieten, indem mehrere Fachrichtungen unter einem Dach arbeiten und die Ärzte sich untereinander besser absprechen können. Die Kassenärzte hätten anfangs erhebliche Vorbehalte gehabt, räumte KBV-Chef Andreas Köhler ein: "Wir müssen selbstkritisch sagen, dass wir die MVZ zunächst dämonisiert haben." Köhler sah darin einen Grund für die bislang geringe Zahl der Ärztezentren.

Das Gesundheitsministerium wies darauf hin, dass sich der Gründungsprozess in den ersten Monaten 2006 stark beschleunigt habe. Ende 2005 waren erst 253 MVZ registriert gewesen. Die anstehende Gesundheitsreform werde die Chancen für MVZ weiter verbessern. Auch die Kassenärzte erwarten, dass sich die Gründung solcher Zentren weiter beschleunigt.

Die Sorge, große Konzerne, Krankenhausbetreiber und Pharmafirmen könnten eigene Versorgungszentren mit angestellten Ärzten gründen, hätten sich bisher kaum bewahrheitet, sagte Köhler. Es sei aber zu erwarten, dass sich vor allem Krankenhäuser vermehrt bemühen, über solche Zentren in den ambulanten Markt einzusteigen. Bei den Ärzten bestehe jedoch nach wie vor Zurückhaltung. Grund für das Verlassen des Krankenhauses und die Niederlassung in einer ambulanten Praxis sei für viele Mediziner ja gerade, den Hierarchien und festen Strukturen zu entkommen, sagte Köhler.

Positiv wertete die KBV, dass viele MVZ das Know-how der KVen nutzen. In vertragsärztlichen Fragen seien sie sogar Berater der ersten Wahl, so ein Ergebnis des "MVZ-Surveys 2005". Dafür hatte die KBV zwischen November und Dezember 2005 alle ärztlichen Leiter der seinerzeit 253 bestehenden MVZ schriftlich befragt. Themen waren zum Beispiel die Gestaltung ihrer Einrichtungen, Motivationen zur Gründung, Erfahrungen und Visionen. 104 der angeschriebenen Ärzte haben geantwortet. Das entspricht einer Quote von 41 %. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse:

"Der MVZ-Survey 2005 macht deutlich, dass MVZ über ein hohes Vernetzungspotenzial und die gesteigerte Bereitschaft zur Bildung von Kooperationen über den ambulanten Sektor hinaus verfügen", resümiert die KBV. "MVZ sind damit auf Expansionskurs." Sie seien geeignete Partner für Krankenkassen bei der Gestaltung der zukünftigen Versorgungslandschaft in Deutschland. Die Teilnahme von MVZ an der Integrierten Versorgung wird steigen, während Disease-Management-Programme und die hausarztzentrierte Versorgung eher stagnieren werden, glaubt die KBV.

  • Gründermotivation: Die überwiegende Zahl der befragten MVZ wurde vor allem zur Erweiterung der eigenen Position am Gesundheitsmarkt (24,0 %), zur Steigerung der Effizienz (16,3 %) oder zur weiteren Anstellung von Ärzten gegründet (11,5 %). Die meisten MVZ (60,6 %) ließen sich in städtischen Gebieten nieder und arbeiten im Durchschnitt mit drei Ärzten. Für die betriebswirtschaftliche Organisation ist überwiegend (61,5 %) ein ärztlicher Leiter zuständig.
  • 61,0 % der MVZ bieten eine medizinische Schwerpunktbehandlung an. Ärzte gründen MVZ nicht primär, um Synergieeffekte zu erzielen und Gründungsrisiken zu teilen sowie flexibler mit Arbeitsressourcen zu arbeiten. Lediglich 2,9 % der MVZ verbanden mit der Gründung vor allem ein verringertes Investitionsrisiko und die Entlastung von Verwaltungsaufgaben.
  • Gestaltung: Um den Informationsfluss zwischen den behandelnden Ärzten zu optimieren und einen reibungslosen Behandlungsablauf für den Patienten zu gewährleisten, arbeiten 71,2 % der befragten MVZ mit einer gemeinsamen Patientenakte, 7,7 % planen eine. Jedes zweite MVZ hat standardisierte Behandlungspfade, 15,4 % wollen welche entwickeln und einführen. Fast jedes zweite MVZ veranstaltet Patientenschulungen und Vorträge. 14,4 % wollen dies künftig tun. Der Großteil der untersuchten MVZ (66,3 %) bietet Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an. Jedes vierte MVZ hat außerdem Telefonsprechstunden für die Patienten. 63,5 % der MVZ sind bereits mit einer eigenen Homepage im Internet vertreten und ein Drittel nutzt einen "Tag der offenen Tür" als Informationsmöglichkeit.
  • Vernetzung: MVZ kooperieren hauptsächlich mit niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. Über die Hälfte der MVZ (57,9 %) arbeitet mit drei oder mehr Partnern zusammen. Jedes vierte MVZ ist bereits Vertragspartner der Integrierten Versorgung. 39,4 % planen künftig ebenfalls die Teilnahme an einem Vertrag zur Integrierten Versorgung. 40,4 % nehmen an einem Disease-Management-Programm teil; 9,6 % wollen dies künftig tun. Sowohl für die weitere Gesamtentwicklung als auch für die weitere Entwicklung des eigenen MVZ, sagen die befragten Teilnehmer voraus, dass die Anzahl der MVZ und die Anzahl der im MVZ tätigen Ärzte ansteigen wird. Kooperationen mit Leistungserbringern des stationären Sektors (Krankenhaus) werden zwar zunehmen, aber das stetige Wachstum der MVZ wird die ambulante Versorgung gegenüber der stationären stärken. Einige MVZ-Betreiber sind außerdem davon überzeugt, dass sich in Zukunft Facharztzentren unter den MVZ herausbilden werden.

KBV und Kassenärztliche Vereinigungen haben ein gemeinsames Papier zur MVZ-Gründung entwickelt. "Medizinische Versorgungszentren - ein Leitfaden aus der Praxis für die Praxis" finden Interessierte in Internet unter http://www.kbv.de/


[1]Erstabdruck: Zeitschrift A+S aktuell, Heft Nr. 18, vom 13.09.2006.
Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung.


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