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Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung - Erwartungen von TherapeutInnen an Fachverbände

Im Rahmen einer durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierten Fragebogenstudie wurde den Erwartungen, die Therapeuten und Therapeutinnen an Berufs- und Therapieverbände bzgl. des Umganges mit dem Thema "sexuelle Übergriffe in der Therapie" hegen, nachgegangen.


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Überblick:

  1. Vom Umgang mit dem Thema - ein Rückblick
  2. Die Studienergebnisse
  3. Erwartungen an die Berufs- und Therapieverbände
  4. Zum Umgang mit Berichten über sexuelle Übergriffe durch Kollegen oder Kolleginnen
  5. Schlußfolgerungen
  6. Literatur

(erschienen in der VPP 1/99; dgvt-verlag)

Im Rahmen einer durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierten Fragebogenstudie wurde den Erwartungen, die Therapeuten und Therapeutinnen an Berufs- und Therapieverbände bzgl. des Umganges mit dem Thema "sexuelle Übergriffe in der Therapie" hegen, nachgegangen.
Bevor die Ergebnisse dieser 1996/97 durchgeführten Studie dargestellt werden, soll ein Rückblick die Annäherung der Verbände an das Thema skizzieren, da es sinnvoll ist, die Studienergebnisse auf diesen Kontext zu beziehen.

1. Vom Umgang mit dem Thema - ein Rückblick

Mit Fug und Recht kann sich die DGVT rühmen, der erste Verband in Deutschland gewesen zu sein, der sich kontinuierlich und nachhaltig mit dem Thema sexuelle Übergriffe innerverbandlich und öffentlichkeitswirksam auseinandergesetzt hat. Die 1986 auf dem DGVT-Kongreß gegründete DGVT-Arbeitsgemeinschaft "Frauen in der psychosozialen Versorgung", im weiteren kurz "Frauen-AG" genannt, bot die strukturellen und programmatischen Voraussetzungen, das Thema zu skandalisieren. Vorausgegangen waren der Vortrag von Roswitha Burgard zu dem Thema auf dem DGVT-Kongreß 1986, der im überfüllten Hörsaal die Sprengkraft der Problematik deutlich machte. 1989 erhielt Irmgard Vogt in ihrer Untersuchung "Gewalt gegen Frauen als Thema in der Suchtkrankenhilfe" erste Hinweise auf die Größenordnung dieses Problems in Deutschland. Auf die Fragen: "Gelegentlich hört man, daß auch Therapeuten und Berater sich sexuell mit ihren Patientinnen/Klientinnen einlassen. Haben Sie schon einmal eine Klientin beraten, die ein intimes Verhältnis mit einem Therapeuten oder Berater gehabt hat?" "Kommt das öfter vor oder sind das seltene Ausnahmen?" gaben im Befragungsjahr 1989 mindestens jede vierte Beraterin und jeder dritte Berater in der Suchtkrankenhilfe an, schon einmal, die meisten jedoch häufiger, Frauen in ihrer Beratung gehabt zu haben, die in ein intimes Verhältnis mit einem anderen Berater oder Therapeuten verwickelt waren oder sind (Vogt, 1993). Andere Gründungsmitglieder der Frauen-AG wurden mehr und mehr mit diesem Problem konfrontiert, indem sich betroffene Frauen telefonisch an sie wandten, so daß die Problematik nicht mehr zu ignorieren war.

Im Februar 1989 nutzte die Frauen-AG die Pressekonferenz der DGVT-Workshoptagung, um auf diesen Mißbrauch unter dem Deckmantel therapeutischer Hilfe aufmerksam zu machen. Es wurde ein Informationsblatt für Klientinnen vorgestellt, das verschiedene Mißbrauchsgefahren, neben sexuellen auch die Anwendung von Zwang und finanzielle Ausbeutung, thematisierte und das die Rechte der Klientinnen klar formulierte. Die DGVT begann damit eine Kampagne für die Rechte der Klientinnen und gegen offene und verdeckte Diskriminierungen von Frauen in der Therapie. 1988 und 1989 erschienen auch die ersten Fallberichte von Betroffenen und Erfahrungsberichte von Folgetherapeutinnen (z.B. Anonyma, 1988; Wirtz, 1989).

Im Januar 1991 veranstaltete die Frauen-AG ein öffentliches Hearing in Bonn. Der Titel "Sexuelle Übergriffe in der Therapie - Kunstfehler oder Kavaliersdelikt?" machte den damaligen Diskussionsstand deutlich. Die wenigen Fälle, die den Berufs- und Therapieverbänden bis dahin zur Kenntnis gebracht worden waren, wurden nicht mit dem gebotenen Einsatz von den Verbaenden zu klären versucht. Sie verliefen in derBearbeitung durch die zuständigen innerverbandlichen Stellen, z.B. durch Ehrengerichte, meist im Sande. Dieses Hearing bedeutete für die Berufs- und Therapieverbände in Deutschland einen entscheidenden Wendepunkt im Umgang mit dem Thema. Taten sich auch einige Verbände dort noch sehr schwer, die Größenordnung der Problematik zu akzeptieren, weiter machen wie bisher konnte nach dem Hearing niemand mehr. Im Anschluß an das Hearing wurde eine regelmäßige Arbeitsgruppe der Berufs- und Fachverbände ins Leben gerufen, an der 13 Verbände teilnahmen. 1998 waren 18 Verbände vertreten, das Gremium ist also seit seiner Gründung angewachsen. Am Verbändetreffen beteiligen sich alle großen Fachverbände sowie beratungsorientierte Verbände wie die BUKO oder PRO FAMILIA. Ziel ist vor allem, bzgl. des Problemes sexueller Übergriffe Bewegung in die eigenen Verbände zu bringen und die Verhältnisse intern zu verändern. Bisher haben viele der beteiligten Verbände Ethikrichtlinien erstellt. Ethikkommissionen wurden eingerichtet, Informationen für Patientinnen verfaßt (BDP) oder eine Checkliste für Patientinnen und TherapeutInnen in der Zeitschrift "Psychologie heute" geschaltet (DGVT). Mit konkreten Tätermeldungen tun sich die Verbände nach wie vor schwer. Unseres Wissens hat bisher nur ein einziger Verband in einem Fall einen Täter aus den eigenen Reihen ausgeschlossen.

1991 war das Jahr, in dem sich Presseberichte über mißbrauchende Therapeuten häuften. Eine weitere Untersuchung wurde vorgelegt (Arnold, Retsch, 1991). Auch das damalige Bundesministerium für Frauen und Jugend schaltete sich ein und ludt im Mai 1992 einen Teil der Verbände, auch die DGVT, zu einer Anhörung. Das Hearing hatte deutlich gemacht, daß eine Strafrechtsänderung notwendig war, um die gesetzliche Grundlage zur Ahndung von sexuellen Übergriffen in der Therapie zu schaffen. Das Bundesjustizministerium wurde tätig. Im April 1997 war es endlich soweit: das Bundeskabinett beschloß die Änderung des Strafgesetzbuches. In einer neuen Strafbestimmung (§ 174 c StGB) wird der sexuelle Mißbrauch bei Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses unter Strafe gestellt.

Dieser Erfolg kam nicht ohne die Lobbyarbeit vieler regionaler Gruppen, die konkreten Tätermeldungen nachgingen und das Thema allgemein in die Öffentlichkeit brachten, zustande. Eine besonders aktive Gruppe war die Arbeitsgruppe - Frauen gegen sexuelle Übergriffe und Machtmißbrauch in Therapie und Beratung Oldenburg", die regionale Fortbildungen für ein breites Spektrum an MultiplikatorInnen durchführte, konkrete Tätermeldungen in der Region bearbeitete und zwei bundesweite Vernetzungstreffen regionaler Gruppen durchführte. Die wichtigsten Arbeitsergebnisse mehrerer Jahre wurden 1995 im DGVT-Verlag als ein Buch zum Thema veröffentlicht. Dort wurden 24 regionale Gruppen aufgeführt, die zu diesem Zeitpunkt intensiv zu dem Thema arbeiteten.

Die DGVT gab 1993 ein Ausbildungsmanual zum Thema "Sexuelle Übergriffe in der Therapie" heraus (Vogt, Arnold). Damit wurde erstmalige die Lücke an Aus- und Fortbildungsmaterial geschlossen, indem eine Anleitung zur Selbsterfahrung und zum Selbstmanagement erschien. Seit 1992 wurde in der DGVT und dem Verbändetreffen über eine bundesweite Anlauf-, Vernetzungs- und Informationsstelle diskutiert, da sich die Meldungen betroffener Frauen häuften. Leider ist bisher eine solche Stelle nicht eingerichtet worden. 1993 vergab das Bundesministerium für Frauen und Jugend einen Forschungsauftrag an das Freiburger Institut für Psychotraumatologie von Fischer und Becker-Fischer, um über Ausmaß und Verbreitung von sexuellen Übergriffen in Psychotherapie und Psychiatrie, deren Folgeerscheinungen, möglichen Risikovariablen bei Therapeuten und Patientinnen, den Erfahrungen der Betroffenen mit der gegenwärtigen Rechtspraxis sowie Präventionsmöglichkeiten informiert zu werden (Becker, M., Becker-Fischer, G., 1997). 1996 führten Vogt, Arnold und Sonntag eine repräsentative Fragebogenuntersuchung an klinischen PsychologInnen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und vom Berufsverband Deutscher Pychologinnen und Psychologen unterstützt, durch.

2. Die Studienergebnisse

1996-1998 wurde die "Epidemiologische Studie zu Körperkontakten und sexuellen Kontakten im psychotherapeutischen Setting" von den Autorinnen durchgeführt. Verhaltensweisen sowie Einstellungen zu Verhaltensweisen bzgl. Körperkontakten im therapeutischen Setting standen im Mittelpunkt. Dabei konnte auf die Studien von Arnold und Retsch (1991) sowie von Stake und Oliver (1991) Bezug genommen werden. Zusätzlich wurden zwei Themenkomplexe angefügt, die in den anderen Studien so nicht enthalten waren. Zum einen wurde nach dem Umgang mit Berichten über sexuelle Übergriffe durch Kollegen oder Kolleginnen gefragt, zum anderen nach den Erwartungen an die Therapie- und Berufsverbände. Diese beiden letzten Fragekomplexe sollen hier im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.

Die repräsentative Stichprobe wurde aus der Sektion Klinische Psychologie des BDP gezogen. Von 3000 Personen antworteten 1242, das entspricht einer Rücklaufquote von 41,4 %. Die Stichprobe der Antwortenden spiegelt mit 64,2 % Frauen und 35,8 % Männern sehr genau die Geschlechterverteilung in der Grundgesamtheit wider (ausführlich zum Design der Studie vgl. Vogt, Arnold, Sonntag 1998).

3. Erwartungen an die Berufs- und Therapieverbände

Was erwarten die Befragten von ihren Berufs- und Therapieverbänden, wenn Fälle von sexuellen Beziehungen zwischen Therapierenden und ihrer Klientel bekannt werden? Die Mehrheit der Befragten ist dafür, daß sexuelle Beziehungen sanktioniert werden - fast zwei Drittel der befragten Therapeutinnen und über die Hälfte der Therapeuten möchte solche Fälle immer sanktioniert wissen. Wenn es jedoch um die schärfste aller einem Verband zur Verfügung stehenden Sanktionen geht, dem Ausschluß aus dem Verband, sind viele Befragte weniger eindeutig. Etwa jede dritte Therapeutin und jeder vierte Therapeut ist der Meinung, daß eine solche Sanktion "immer" verhängt werden sollte, wenn eine sexuelle Beziehung nachweislich stattgefunden hat. Die meisten Befragten plädieren dafür, daß diese Sanktion gelegentlich oder oft erfolgen sollte. Dies läßt sich so interpretieren, daß diese Sanktion nur nach genauer Untersuchung des Einzelfalles erfolgen sollte. Hilfsangebote für Therapeuten/Therapeutinnen und Klientinnen/Klienten, die sexuelle Beziehungen hatten, wünscht sich dagegen eine Mehrheit der männlichen und weiblichen Befragten.

Um Antwortmustern auf die Spur zu kommen, wurden die Daten einer "Latent Class"-Analyse unterzogen. Die Befragten wurden entsprechend ihrem Antwortverhalten zu Gruppen zusammengefaßt. Die Latent Class Analysis (LCA) ist ein probabilistisches, multivariates Verfahren, das entwickelt wurde, um bei dichotomen Variablen Personengruppen (Klassen) zu identifizieren, die ein für ihre Gruppe typisches Antwortmuster wählen (vgl. Rost, 1990; Rost, 1996). Die Daten wurden nach Geschlecht differenziert bearbeitet.

Für die Therapeutinnen ergeben sich sechs Klassen mit unterschiedlichen Antwortmustern. Die größte Gruppe (27,8 %) ist der Meinung, sexuelle Beziehungen in der Therapie sollten einerseits immer sanktioniert werden, andererseits sollten die Therapie- und Berufsverbände für TherapeutInnen und KlientInnen Hilfsangebote zur Verfügung stellen. Die Einstellungen dieser Gruppe lassen sich mit "strafen und helfen" charakterisieren. Eine zweite Gruppe (22,8 %) zeigt fast das gleiche Antwortmuster, nur auf einem niedrigeren Niveau. Ihre Mitglieder wünschen sowohl Sanktionen wie Hilfe, allerdings nicht "immer", sondern lediglich "oft". Eine dritte große Gruppe von Therapeutinnen (23,6 %) vertritt dagegen die Meinung, TherapeutInnen wie KlientInnen sollte durch die Therapieverbände in erster Linie geholfen werden. Sanktionen werden zwar "oft", aber nicht "immer" für sinnvoll gehalten. Insbesondere der Ausschluß aus dem Verband wird von dieser Gruppe weniger befürwortet. Diese Einstellung läßt sich als "eher helfen als strafen" beschreiben.

Eine etwas kleinere Gruppe (14 %) befürwortet immer Sanktionen, auch den Ausschluß aus dem Verband, sowie Hilfsangebote für Klientinnen. Spezielle Hilfsangebote für TherapeutInnen werden dagegen nur gelegentlich für sinnvoll erachtet. Diese Haltung läßt sich mit "eher strafen als helfen" charakterisieren. Diese vier Gruppen umfassen insgesamt ca. 88 % der befragten Therapeutinnen. Zusätzlich ergaben sich zwei weitere Gruppen. 7 % der Befragten scheinen Interventionen der Verbände, sei es helfend oder strafend, insgesamt für weniger wünschenswert oder nützlich zu halten. 4,8 % möchten sexuelle Beziehungen immer sanktioniert wissen, auf Hilfsangebote durch Verbände, sei es für Therapierende oder Klientel, jedoch eher verzichten.

Die größte Gruppe (44,2 %) der männlichen Befragten befürworten sowohl Sanktionen als auch Hilfe. Hilfe wird in jedem Falle gefordert, für die Klientin/den Klienten und den Therapeuten/die Therapeutin. Ebenfalls "immer" werden Sanktionen befürwortet, etwas seltener der Ausschluß aus dem Verband. Die zweitgrößte Gruppe (21,9 %) vertritt ähnliche Meinungen, allerdings auf einem niedrigeren Niveau. Sie wollen Strafe und Hilfe nicht verbindlich machen.

Für einen Vorrang von Strafe vor Hilfe treten 13,7 % der Therapeuten ein. Sie wollen immer sanktionieren, meist auch durch Ausschluß aus dem Verband. Sie sehen es nur "gelegentlich" als angebracht an, Hilfen für Therapeuten anzubieten. Weitere 14 % der Therapeuten befürworten eher Hilfe als Strafe; es sollte nur gelegentlich sanktioniert, aber (fast) immer geholfen werden. Eine kleine Gruppe von 2,3 % der Therapeuten vertritt die Meinung, es solle immer gestraft, aber keine Hilfe angeboten werden. Das Antwortmuster der letzten Gruppe (4 %) läßt sich als Plädoyer dafür lesen, daß sich die Verbände in dieser Frage nicht engagieren sollten.

Zusammenhänge gibt es zwischen Gruppenzugehörigkeit und Dauer der Berufserfahrung. Diejenigen Therapeuten, die vor allem für Strafe plädieren, verfügen häufiger über kürzere Berufserfahrung, während diejenigen mit langer Berufstätigkeit häufiger für eine Kombination aus Sanktionen und Hilfe eintreten.

4. Zum Umgang mit Berichten über sexuelle Übergriffe durch Kollegen oder Kolleginnen

Die große Mehrheit der Befragten würde betroffenen Klientinnen bzw. Klienten therapeutisch helfen. Viele der Befragten würden mit Kolleginnen oder Kollegen oder in der Supervision über diese Sache sprechen. Dagegen sind weniger als 20 % der Befragten dazu bereit oder trauen sich zu, den Beschuldigten oder die Beschuldigte direkt anzusprechen. Noch weniger würden ihm oder ihr raten, den Beruf zu wechseln. Die Mehrheit will solche Informationen nicht für sich behalten, aber auch nicht den zuständigen Verband informieren. Auffällig ist, daß sich mehr als 20 % der Befragten nicht entscheiden können, ob sie die Sache für sich behalten, ob sie den Beschuldigten/die Beschuldigte ansprechen oder ein juristisches Vorgehen des Klienten/der Klientin unterstützen wollen. Zusätzlich liegt der Anteil derjenigen, die diese Frage nicht beantworten, jeweils bei etwa 10 % und damit deutlich höher als bei den meisten anderen Items. Es entsteht der Eindruck, daß sich viele der Befragten unsicher sind, was in einem solchen Falle zu tun ist.

Es gibt auch hier geschlechtsbezogene Unterschiede. Therapeutinnen sind stärker als Therapeuten geneigt, Klientinnen und Klienten in diesem Punkt Glauben zu schenken. Sie beschreiben sich als aktiver, indem sie den Betroffenen oder die Betroffene therapeutisch oder bei einem möglichen juristischen Vorgehen unterstützen oder den Fall dem zuständigen Verband melden. Sie lassen auch ein stärkeres Mitteilungsbedürfnis erkennen: Sie besprechen die Sache häufiger in der Supervision oder mit Kolleginnen und Kollegen, während Therapeuten häufiger versuchen, die Angelegenheit zu vergessen oder für sich zu behalten. Ein Grund für diese geschlechtsbezogenen Unterschiede mag darin liegen, daß es sich in der überwiegenden Zahl der Fälle um Klientinnen handelt, die betroffen sind.

5. Schlußfolgerungen

Die Ergebnisse der Studie zeigen sowohl die Schwachpunkte bisheriger Verbandspolitik in diesem Feld auf, geben jedoch auch Hinweise darauf, in welche Richtung die Verbände sich nach Meinung der befragten Therapeutinnen und Therapeuten bewegen sollten.

Die Mehrheit der Befragten ist dafür, daß sexuelle Beziehungen sanktioniert werden. Allerdings sind viele uneindeutiger, wenn es um die schärfste aller Sanktionen geht, den Ausschluß aus einem Therapie-/Berufsverband. Hilfsangebote für Therapeuten /Therapeutinnen wünscht sich wieder die Mehrheit Daraus läßt sich ableiten, daß die Befragten eine differenzierte Sanktions- und Hilfspolitik fordern. Dies ist insofern weise, als ein Ausschluß keinerlei Gewähr bietet, daß Übergriffe durch die ausgeschlossene Person ab diesem Zeitpunkt verhindert sind. Nur der Wirkungskeis des Täters/ der Täterin wird ein anderer. Die Erfahrungen der lokalen Initiativgruppen belegen diese Entwicklungen.

Es gibt bis heute keine erfolgversprechenden Rehabilitationskonzepte für TäterInnen. Hier sind nun die Verbände gefordert, mit Fachverstand und Kreativität neue Wege zu gehen. Vorstellbar wären z.B. folgende Regelungen: Enthebung aller Funktionen im Verband, z.B. Streichung von der Supervisoren- oder Ausbilder-Liste; Rückstufung vom Status des Ausgebildeten auf den Status des Auszubildenden bzw. Nachzuschulenden; Erstellung einer Auflagen-Liste (nur unter "Aufsicht" praktizieren, Erhöhung der Supervisionstermine, Aufarbeitung des Übergriffes in Einzelarbeit); ein "Zur Seite Stellen" von einer oder zwei Vertrauens-Personen, die als BegleiterInnen regelmäßig Gespräche führen und emotionale Unterstützung bieten können sowie in Krisensituationen für die zu rehabilitierende Person da sind.

Die Verbände haben jahrelang darüber nachgedacht, ob es eigentlich ihre Aufgabe sei, Hilfsangebote für Klientinnen/Klienten zu entwickeln und vorzuhalten und ob dies von den Mitgliedern ihrer Organisation gewünscht wird. Diese Fragen können nun eindeutig beantwortet werden. Die Mehrheit der in der Studie Befragten wünscht von ihrem Verband Hilfsangebote für Klientinnen/Klienten, die in sexuelle Beziehungen mit ihren Therapeuten/Therapeutinnen verwickelt waren. In der DGVT-Frauen-AG war vor Jahren das Konzept einer überregionalen Anlaufstelle entwickelt worden, die von den Verbänden gemeinsam getragen würde. Dort würden kostenfrei telefonisch Basisinformationen gegeben und an regionale Stellen verwiesen werden. Diese Stelle würde auch eine gewisse Vernetzung der lokalen Stellen vorantreiben und neue Initiativen vor Ort unterstützen können. Zudem hätte sie ein dezidiertes Wissen über und einen Zugriff auf die Strukturen möglichst vieler Verbände. Durch eine Strategie der kurzen Wege würden die Kontakte der betroffenen Frauen in die Verbände hinein angebahnt werden können.

Ein sehr interessantes Ergebnis der Studie ist, daß viele der Befragten unsicher sind, was im Falle des Wissens um Übergriffe durch einen Kollegen/eine Kollegin zu tun sei. Die Mehrheit will solche Informationen nicht für sich behalten, aber auch nicht den zuständigen Verband informieren. Mehr als 20 % der Befragten können sich nicht entscheiden, ob sie die Sache für sich behalten, ob sie den Beschuldigten/die Beschuldigte ansprechen oder ein juristisches Vorgehen der Klientin/des Klienten unterstützen wollen. Der Anteil derjenigen, die diese Frage nicht beantworten, liegt mit 10 % vergleichsweise hoch. Wenn andererseits die Mehrheit sich für Sanktionen und Hilfe durch die Verbände aussprechen, so ist dies ein großer Widerspruch. Wer soll denn die Verbände informieren? Die Hürden, dies zu tun, sind ausgesprochen hoch.

Hier sind die Verbände gefordert, eindeutige und eindeutig positive Signale auszusenden und die Schwelle für ihre Mitglieder zu senken, Meldungen zu machen. Dabei ist eine große Transparenz gefragt, wie ein Verband mit Meldungen überhaupt umgeht. Es müssen Routinen entwickelt und unter den Mitgliedern veröffentlicht werden. Vertrauensbildende Maßnahmen erdenken, eindeutige Verfahrenswege festlegen, Qualitätsstandards für die verbandsinterne Bearbeitung von Meldungen entwickeln, dies sind die nächsten Schritte, die gegangen werden müssen.

Weniger als 20 % der Befragten sind bereit oder trauen sich zu, den Beschuldigten oder die Beschuldigte direkt anzusprechen. Schon in den Ausbildungen und spätestens in den Weiterbildungen sollte gelernt werden, wie dies aussehen kann. Dabei muß besonders Konfliktfähigkeit, die Übernahme von Verantwortung und das Aufkündigen von "Männerbünden" und "Professionellenklüngeln" erarbeitet werden. Die Erfahrungen mit dem Thema sexuelle Übergriffe hat nämlich gezeigt, daß viele Männer Geschlechtsgenossen über Jahre gedeckt haben und auch Frauen Kollegen. Diese Formen der "Solidarität" gilt es zu verändern.

Ute Sonntag, Irmgard Vogt, Eva Arnold

6. Literatur:

  • Ahmann, U., Bormann, M., Braecker, S., Fisch, U., Nikolaus, A., Solomon-Scheuermann, I., Sonntag, U., & Vogt, I. (Hrsg.) (1991). Sexuelle Übergriffe in der Therapie - Kunstfehler oder Kavaliersdelikt? Dokumentation des öffentlichen Hearings am 19.1.1991 in Bonn. Tübingen: DGVT Verlag
  • Anonyma (1988). Verführung auf der Couch. Eine Niederschrift. Freiburg i. Br.: Kore Verlag
  • Arnold, E. & Retsch, A. (1991). Liebe, Sexualität, Erotik zwischen Therapeuten und Klientinnen. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 23, 273-288
  • Becker-Fischer, M. & Fischer, G. (1997). Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Band 107 der Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Stuttgart: Kohlhammer
  • Rost, J. (1990). LACORD. Latent Class Analysis for Ordinal Variables (2nd Ed.). Kiel: Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN)
  • Rost, J. (1996). Lehrbuch Testtheorie, Testkonstruktion. Bern: Huber
  • Vogt, I. (1993). Gewaltsame Erfahrungen. Gewalt gegen Frauen als Thema in der Suchtkrankenhilfe. Bielefeld: Kleine-Verlag
  • Vogt, I. & Arnold, E. (1993). Sexuelle Übergriffe in der Therapie. Anleitungen zur Selbsterfahrung und zum Selbstmanagement.Ausbildungsmanual 1. Tübingen: DGVT-verlag
  • Vogt, I., Arnold, E. & Sonntag, U. (1998). Epidemiologische Studie zu Körperkontakten und sexuellen Kontakten im psychotherapeutischen Setting. Abschlußbericht zum DFG-Projekt
  • Wirtz, U. (1989). Seelenmord. Inzest und Therapie. Zürich: Kreuz

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