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Was brauchen Patienten wirklich?*

Von: Rosemarie Stein

Die Gesundheitsminsterin ruft zum Diskurs über Prioritäten im Gesundheitswesen auf


Nicht nur in Deutschland werden Klinikbetten abgebaut. In Kanada sank die Sterblichkeit erstaunlicherweise besonders in den Provinzen mit dem stärksten Bettenabbau. Einen Beitrag zur Klärung der Gründe könnte eine deutsche Studie über Operationshäufigkeiten liefern. Eines ihrer Ergebnisse: Je mehr Arztpraxen, desto weniger Blinddarmoperationen gibt es in einer Region. Aber je mehr Krankenhausbetten bereit stehen, desto mehr Leute werden ihren Wurmfortsatz los.

Solche Zusammenhänge mag die Sozialmedizin aufklären. Deren wissenschaftliche Gesellschaft tagt noch bis Sonnabend in Berlin. Ihr Präsident Johannes Gostomzyk nannte als eine ihrer wesentlichen aktuellen Aufgaben die Klärung der Frage: Wie erreicht man im Gesundheitswesen mit seinen begrenzten Mitteln den größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Zahl?

Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer begnügte sich bei den Sozialmedizinern nicht mit einem Grußwort ("Dies hier ist kein Pflichttermin"), sondern hielt ein richtiges Referat. Darin verteilte sie an die Sozialmedizin, die zu Unrecht im Schatten anderer Fächer steht, eine Menge Hausaufgaben: Was tun wir eigentlich, wie gut tun wir's, mit welchem Aufwand und mit welchem Nutzen? Der Aufwand sei bei uns erheblich größer als anderswo, ohne dass ein entsprechend größerer Nutzen für die Gesundheit erzielt werde. Warum nicht? Die Ministerin hörte im Ausland Kritik an der mangelnden Kooperation, an der schlechten Verbindung zwischen den verschiedenen Versorgungsstufen. Mit der Qualitätssicherung seien wir auch nicht sehr weit. Aber: "Alles Geld, das wir für Murks ausgeben, fehlt uns an einer anderen Stelle." Zum Beispiel für die sehr kostspieligen medizinischen Spitzenleistungen. Sind sie bei knappen Ressourcen überhaupt gerechtfertigt, fragt Andrea Fischer, solange unzählige Alte und chronisch Kranke nur unzulänglich gepflegt werden können?

Die Ministerin rief zu einer gemeinsamen Debatte über Gesundheitsziele auf; man müsse heute Prioritäten setzen. "Das kann ich nicht wie Kai aus der Kiste einfach selber tun!" Mit Sicherheit hätten die großen Volkskrankheiten Vorrang. Priorität in der öffentlichen Aufmerksamkeit genie�?t heute alles, was mit Genetik zu tun hat. Andrea Fischer mahnte die Sozialmediziner, dafür zu sorgen, dass man dabei nicht hinter den von ihnen erarbeiteten Erkenntnisstand zurückfällt. Danach ist der Mensch samt seiner Gesundheit nicht allein von den Genen bestimmt, sondern ebenso von den Lebensumständen und seiner Lebensführung. Wichtiger als gentherapeutische Zukunftsträume ist der Gesundheitsministerin offensichtlich die Realität. Besonders krankheitsanfällige Randgruppen wie Arbeitslose oder Immigranten müssten mehr Aufmerksamkeit finden. Auch sollten sie in die unbedingt qualitätsgesicherten Präventionsprogramme der Kassen einbezogen werden. Die Experten, so forderte Andrea Fischer auf, sollten bei der Prüfung und Bewertung von Leistungen im Gesundheitswesen auch die Prävention unter die Lupe zu nehmen; sie habe genauso wissenschaftlich fundiert zu sein wie Diagnostik und Therapie.

Das waren viele Forderungen der Politik an die Wissenschaft! Ein Mittler zwischen beiden ist der von Friedrich Wilhelm Schwartz geleitete "Sachverständigenrat für die Konzertiere Aktion im Gesundheitswesen". Dieses Politikberatungs?Gremium wurde im Gesundheitsreformgesetz vom Dezember 1999 verpflichtet, alle zwei Jahre ein Gutachten über bedarfsgerechte Versorgung oder Fehlversorgung zu erarbeiten..

Wie schwierig, ja fast unmöglich das ist, machte Schwartz deutlich, indem er das Vorgehen des Rats beschrieb. Zunächst musste er die Begriffe klären. "Objektiven Bedarf" definierte er als "einen Zustand, dessen Behandlung gesundheitlichen Nutzen erwarten lässt". Einem Kranken eine solche Behandlung zu verweigern, wäre "Rationierung". Die liege jedoch nicht vor, wenn dem Behandlungsbedürfnis, dem "subjektiven Bedarf" eines Versicherten, kein objektiver Bedarf zu Grunde liegt. Jede Krankenversicherung müsse nur den objektiven Leistungsbedarf ihrer Mitglieder decken. Eine Budgetierung sei damit nur so lange vereinbar, als noch genügend unnötige Leistungen zu Gunsten der nötigen ausgeschlossen werden könnten.

Werden bedarfsgerechte - und wirtschaftliche - Leistungen nicht erbracht, spricht der Sachverständigenrat von Unterversorgung. Werden Leistungen über die bedarfsgerechte Versorgung hinaus ? oder unwirtschaftlich ? erbracht, spricht er von Überversorgung. Leistungen, durch deren Anwendung oder auch Unterlassung der Patient einen vermeidbaren Schaden erleidet, führen zur Fehlversorgung.

Zu einer Prüfung sämtlicher Leistungen der medizinischen Versorgung auf Bedarfsgerechtigkeit sieht sich der Sachverständigenrat mit seinen sieben ehrenamtlichen Mitgliedern und fünf wissenschaftlichen Mitarbeitern nicht in der Lage, sagte Schwartz. Deshalb entschloss er sich zu einer umfassenden Befragung. Adressaten waren 107 medizinische Fachgesellschaften, 65 Betroffenenorganisationen ? womit erstmals auch sie eine starke Stimme haben ?, 46 Mitgliedsorganisationen der "Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen" (wie Bundesländer, Verbände der Kassen und der Heilberufe, Arbeitgeber und Gewerkschaften) und 53 weitere Organisationen.

Mehr als die Hälfte haben schon geantwortet. Die gesammelten Stellungnahmen - meist Beschreibungen von Defiziten der Gesundheitsversorgung - werden im Internet allgemein zugänglich sein. Der Rat will damit den öffentlichen Diskurs in Gang bringen. Der ist überfällig.

 

*Dieser Artikel erschien zuerst im "Tagesspiegel" am 29.09.2000. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des "Tagesspiegeles" und der Autorin Rosemarie Stein.


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