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Psychotherapie: Kein Platz mehr für psychisch schwer Kranke


PRESSEERKLÄRUNG 

Psychotherapie: Kein Platz mehr für psychisch schwer Kranke

Auf akute Probleme bei der Versorgung von psychisch kranken Patienten, die an besonders schweren Störungen leiden, weist der Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ) hin. Wie der Verein in einer Presseerklärung deutlich macht, haben schwer kranke Patienten zunehmend Schwierigkeiten, eine fachärztliche Betreuung zu finden, bei der sie sowohl Medikamente als auch Psychotherapie erhalten.

"Gerade durch kombinierte Behandlung", so VDÄÄ-Vorsitzender Winfried Beck, "werden - wie wissenschaftliche Studien belegen - häufig die besten Heilungsergebnisse erzielt". Fortschritte in der Patientenversorgung, wie sie im Zuge der Psychiatrie-Reform erreicht werden konnten mit der Ausbildung von Fachärzten, die gleichermaßen spezialisiert sind auf Psychiatrie und Psychotherapie, würden in Hessen durch eine "unselige Regelung" der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zur Honorarverteilung wieder rückgängig gemacht.

Nach Beobachtung des VDÄÄ sind Psychiater und Nervenärzte seit März vergangenen Jahres praktisch gezwungen, von kombinierter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung abzusehen und sich entweder für psychiatrisch-medikamentöse Therapie oder für den psychotherapeutischen Zugang zu entscheiden.

Laut Honorarverteilung der KV Hessen erhalten nur jene Behandler einen festen Betrag für psychotherapeutische Leistungen (zu Zeit DM 116 pro Behandlungsstunde), die in ihrer Praxis insgesamt mehr als 90 Prozent Psychotherapie betreiben. Ein Arzt dagegen, der diesen Anteil nicht erreicht - z.B. weil er neben Psychotherapie beschäftigt ist mit der Behandlung akuter psychiatrischer Notfälle -, muss sich mit quartalsweise wechselnden Honoraren begnügen, die deutlich unter DM 100 pro Psychotherapiestunde liegen.
Folge ist, dass Ärzte ganz auf psychotherapeutische Leistungen verzichten und sich auf rein psychiatrisch-pharmakologische Behandlungen beschränken - oder aber die Betreuung von psychosekranken Patienten oder akuten psychiatrischen Notfällen einstellen und nur noch ausschließlich psychotherapeutisch behandeln - auch wenn dies mit ihrem ärztlichen Versorgungsauftrag nicht vereinbar ist.
Auch den psychosomatischen Fächern wie Frauen-, Haut- und Kinderheilkunde sowie der Allgemeinmedizin wird der Zugang über die somatischen Störungen zur psychischen Grundproblematik erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Dies drückt sich unter anderem dadurch aus, dass immer weniger Ärzte aus diesen somatischen Fachgebieten bereit sind, den Zusatztitel Psychotherapie zu erwerben. Eine ganze, als ganzheitlich einzustufende Behandlungsrichtung wird so ausgegrenzt und gefährdet.

Hintergrund dieser Regelung sind das Psychotherapeutengesetz sowie ein Urteil des Bundessozialgerichts zur Honorierung psychotherapeutischer Leistungen aus dem Jahr 1999. Ein ärztlicher Psychotherapeut aus Marburg hatte mit seiner Klage gegen die KV-Hessen vor dem obersten Sozialgericht Erfolg. Dieses stellte in seinem Urteil fest, dass die KV-Hessen über viele Jahre gegen das Gebot einer gerechten Honorarverteilung zum Nachteil der Psychotherapeuten verstoßen hätte. Da psychotherapeutische Behandlungsstunden mit festen Zeitvorgaben (= 50 Minuten) versehen sind und nur persönlich erbracht werden können, müssten sie so bezahlt werden, dass sich mit einer voll ausgelasteten psychotherapeutischen Praxis zumindest so viel Ertrag wie mit einer durchschnittlich ausgelasteten allgemeinärztlichen oder nervenärztlichen Praxis erwirtschaften lasse. Anspruch auf das hierfür notwendige Stundenhonorar von DM 145,- sicherte das BSG-Urteil all denjenigen zu, die mindestens 90% ihres Praxisumsatzes mit Psychotherapie erwirtschaften.
Die Aufforderung zur Honorarumverteilung durch das oberste Sozialgericht haben die KV-Hessen und allen anderen KVen der Bundesrepublik bis heute nicht umgesetzt und zahlen statt des vom Gericht geforderten Mindesthonorars von DM 145,- für eine Behandlungsstunde den Psychotherapeuten mit DM 116,- noch weniger als in den Jahren vor dem Bundessozialgerichtsurteil. Zusätzlich hat die KV die Idee mit den 90% aus dem Urteil aufgegriffen und zahlt denen mit weniger als 90% Psychotherapieanteil - Psychiater, Nervenärzte und Kinder- und Jugendpsychiater - noch weniger Honorar für ihre psychotherapeutischen Leistungen. Damit erhalten Psychotherapeuten für die gleiche Leistung bei gleicher Qualifikation stark voneinander abweichende Honorare, je nachdem, in welches künstlich von der KV geschaffene Raster sie fallen, ohne Rücksicht auf die Versorgungserfordernisse der Bevölkerung. In diesem Zusammenhang unterstützt der VDÄÄ die Forderung des Verbandes Hessischer Vertragspsychotherapeuten (VHVP) nach fester Vergütung zeitgebundener psychotherapeutischer Leistungen entsprechend der Vorgaben des Bundessozialgerichtes.
Aber auch die, von uns immer geforderte und längst überfällige, Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes, mit dem unter anderem der wesentlich einfachere Zugang zu Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten erreicht wurde, ist ein Grund für die Weigerung der KV-Hessen, das Urteil des Bundessozialgerichts umzusetzen. Hierdurch wurden Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu ordentlichen Mitgliedern der KV. Die Angst, das vom Bundessozialgericht vorgeschriebene Mindesthonorar nun sogar für eine größere Zahl von Psychotherapeuten und auch noch an "Nichtärzte", an Psychologische Psychotherapeuten zahlen zu müssen, gab offenbar den Ausschlag dafür, dass die KVen sich bundesweit weigerten, dem Umverteilungsgebot des Bundessozialgerichts Folge zu leisten. Ein Vorgang, der Fragen zur Funktionsfähigkeit und zum Rechtsverständnis der ärztlichen Selbstverwaltung aufwirft.

Mitverantwortung an der Misere tragen allerdings auch die Bundesregierung und die Krankenkassen, die zwar durch das Psychotherapeutengesetz die notwendige Integration psychologischer Psychotherapeuten in die kassenärztliche Versorgung bewirkten, sich andererseits aber weigerten, den hierfür erforderlichen finanziellen Mehrbedarf zur Verfügung zu stellen.
Hinter dieser Entwicklung steckt offenbar auch die überholt geglaubte und neuerdings wieder zunehmend akzeptierte Tendenz, psychosoziale Ansätze in der Medizin zurückzudrängen und biologistische Sichtweisen zu fördern . Dies zeigt sich nicht nur in der dem Geist des Psychotherapeutengesetzes widersprechenden Praxis der KVen. Auch in der Überbewertung technischer Leistungen und der Benachteiligung der "sprechenden Medizin", wie sie von engagierten Hausärzten in sozialen Brennpunkten praktiziert wird oder der drohenden Auflösung psychosomatischer Kliniken, sozialpsychiatrischer Einrichtungen sowie medizinpsychologischer und medizinsoziologischer Universitätsinstitute kommt diese roll back Bewegung zum Ausdruck.

Dr. med. Winfried Beck
Vorsitzender


Anmerkung des DGTV-Vorstandes zur vorstehenden Erklärung des VDÄÄ)

"Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" - ist aus Sicht der DGTV eine im Prinzip angemessene Forderung. Problematisch ist jedoch nach den Planungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) die generelle Ungleichbehandlung der Psychotherapeutischen Berufsgruppen, die im neuen einheitlichen Bewertungsmaßstab für ärztliche Leistungen (EBM 2000+) (vgl. hierzu die Stellungnahme in der Rosa Beilage zur VPP (4/2000).
Der geplante EBM 2000+ sieht vor, dass Ärztliche Psychotherapeuten zukünftig in unbeschränkter Höhe bzw. Anzahl antragsfreie psychotherapeutische Leistungen durchführen dürfen, Psychologische Psychotherapeuten oder Kinder-/Jugendlichenpsychotherapeuten sollen dies jedoch nicht dürfen. Dies ist natürlich ebenfalls als unangemessene Ungleichbehandlung zu kritisieren.
Die DGTV wäre bereit, sich der Forderung nach Honorargleichbehandlung aller Psychotherapeuten anzuschließen, wenn speziell die ärztlichen Psychotherapieverbände bereit sind, sich mit gleichem Engagement dafür einzusetzen, dass der EBM 2000+ für alle Psychotherapeuten gleiche Abrechnungsziffern vorsieht.


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