< vorheriger Artikel

Bericht zur Gründung des Nationalen Forums für Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung am 27. September 2006 in Berlin

Wer sich selbst schon einmal auf die Suche nach einer sachkundigen und zeitlich angemessenen Beratung zu beruflichen und Laufbahnfragen oder zu Weiterbildung gemacht hat oder mit Jugendlichen nach einer individuellen Berufswahlberatung Ausschau gehalten hat, hat mit großer Wahrscheinlichkeit erfahren, dass die öffentlichen Angebote hierzulande nicht gerade üppig sind.


Nachdem berufliche Beratung bis 1998 unter dem Monopol der Bundesanstalt für Arbeit stand und sich erst seitdem mit zum Teil massiver Mittelknappheit andere Angebote konstituieren, ist die berufliche Beratungslandschaft noch eher ein Flickenteppich. Allerdings finden sich inzwischen mancherorts eine ganze Reihe von gut qualifizierten Angeboten, die oftmals befristet über Gelder aus EU-Programmen Beratung und Unterstützung für bestimmte Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf leisten. In vielen dieser Projekte versteht sich  Bildungs- und Berufsberatung als sozialpädagogische und psychosoziale Unterstützung auf dem Weg zur Entwicklung einer individuellen Laufbahnperspektive, in Abstimmung von persönlichen Grenzen und Möglichkeiten und unter manchmal schwierigen äußeren Bedingungen von Erwerbslosigkeit und Ausbildungsplatzmangel. Besonders an Übergängen fehlen jedoch oftmals Beratungsangebote – Übergängen zwischen Grundschule und Sekundarstufe, Übergänge in die Ausbildung und von Ausbildung in Arbeit, Übergänge im Erwachsenenalter bei Erwerbslosigkeit oder nach Krankheit sowie bei dem Wunsch nach einer anderen Erwerbstätigkeit. Eine Ausnahme stellt die Studien- und Studentenberatung dar, die an allen Hochschulen verfügbar und vergleichsweise fest verankert ist.

Auch in der Wissenschaft sind Beiträge zu Bildungs- und beruflicher Beratung bislang eher selten. Weder in der Forschung noch in der Lehre wurde diesem Feld bisher die Aufmerksamkeit gewidmet, die ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entspricht. Ersteres ist sicherlich u.a. damit begründet, dass für Beratungsforschung allgemein kaum öffentliche Fördermittel verfügbar waren. Und solange berufliche Beratung allein von der Bundesanstalt geleistet werden durfte, war auch die Ausbildung von StudentInnen in diesem Thema eher müßig. Das Interesse an Bildungs- und beruflicher Beratung oder Beratung von Erwerbslosen hat an den Hochschulen jedoch in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Vor diesem Hintergrund hat sich am 27. September 2006 in Berlin das "Nationale Forum für Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung" (nfb) als Verein gegründet. Das Forum hat zum Ziel, mehr Transparenz in der Bildungs- und beruflichen Beratungslandschaft herzustellen und die Qualität der Angebote zu verbessern. Es will sich für die fachgerechte Aus- und Weiterbildung von BeraterInnen einsetzen und zudem Forschungsaktivitäten zu beruflicher und Bildungsberatung unterstützen. Geschehen soll dieses u. a. durch Politikberatung, Anregung von Themenstellungen für die Politik und eigene Öffentlichkeitsarbeit.

Besonders die beiden letzten Ziele sind auch für die DGVT als psychosozialem Fachverband von Interesse, da sich die DGVT vor allem über das Forum Beratung schon seit geraumer Zeit für die Professionalisierung von Beratung, für Aus- und Weiterbildungsangebote und wissenschaftliche Beiträge engagiert. Neben den Weiterbildungen für BeraterInnen (wie das zweijährige Angebot "Psychosoziale Beratung/Counselling") zählen hierzu u.a. auch Veröffentlichungen in der Beratungsreihe des DGVT-Verlags.

Im nfb haben sich Organisationen, die mit Beratungs- und beruflichen Orientierungsfragen befasst sind, und Einzelpersonen zusammengeschlossen, die wissenschaftlich oder berufspolitisch in der Beratung tätig sind. Am Initiativkreis zur Gründung beteiligt sind u.a. VertreterInnen und Einzelpersonen aus der Internationalen Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung (AIOSP), des Deutschen Verbandes für Bildungs- und Berufsberatung e.V. (dvb), des dvb-Berufs-Beratungs-Registers e.V., der Gewerkschaften Ver.di und GEW, des Forum Européen d" Orientation Académique (FEDORA), des Arbeit & Bildung e.V. Berlin, des Instituts für Beratungsforschung und -weiterbildung e.V. Bielefeld (ibfw), der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung (DGfK), des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) sowie der DGVT. Auch von WissenschaftlerInnen der Technischen Universität Dresden und der  Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wird der Initiativkreis unterstützt, ebenso wie von StudienberaterInnen der Bergischen Universität Wuppertal und der Freien Universität Berlin.  

Für den Vorstand gewählt wurden Karen Schober (Bundesagentur für Arbeit), Prof. Dr. Christiane Schiersmann (Universität Heidelberg) und Dr. Bernhard Jenschke (AIOSP). Stefan Nowack (Arbeit & Bildung e.V. Berlin), Wilhelm Eichhorn (BAG Berufsbildungswerke), Dr. Ursula Herdt (GEW) und Dr. Gerhart Rott (FEDORA) zählen zum erweiterten Vorstand.
   
Als Aufgabenstellungen für die kommende Zeit wurden eine Reihe von Themen diskutiert: Beratungsforschung vor allem über die langfristigen Ergebnisse von Bildungs- und beruflicher Beratung soll initiiert werden. Bildungs- und berufliche Beratung soll in der öffentlichen Debatte nicht einseitig im Hinblick auf ihren volkswirtschaftlichen Nutzen betrachtet werden, sondern auch als Beitrag zu einer zufriedenstellenden Lebensführung für die Einzelnen. Probleme der gegenwärtigen Beratung sollen aufgelistet werden. Das Forum will sich bemühen, eine klare Terminologie in den Bereich der Bildungs- und beruflichen Beratung zu implementieren. Große Bedeutung wird auch der Einführung von Qualitäts- und Ethikstandards zugemessen. Vor allem unter dem Begriff des Coaching firmieren seit einiger Zeit verschiedenste Angebote beruflicher und Karriereberatung von AnbieterInnen, die zum Teil weder eine Beratungsqualifikation noch angemessene berufskundliches Wissen oder Kenntnisse des Bildungssystems nachweisen können. Hier wurde auf neue Beratungsstudienangebote für Bildung, Beruf und Beschäftigung verwiesen (wie z.B. das Masterstudium "Counselling Studies" in Dresden, an dem die DGVT als Kooperationspartnerin beteiligt ist). Das nfb wird sich im nächsten Jahr auf zwei bis drei ausgewählte Themen dieser Auflistung konzentrieren.

Für die DGVT:
Ursel Sickendiek
Institut für Beratungsforschung und -weiterbildung
ibfw e.V.
Breite Straße 37
33602 Bielefeld

Nähere Informationen zum nfb unter www.forum-beratung.de Hier sind in Kürze die Gründungsdokumente sowie das Leitbild des nfb verfügbar.


Zurück