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Bericht zur Tagung "In Vielfalt beraten - MigrantInnen als interkulturelle BeraterInnen" am 14. Januar 2005 in Dresden

Von: Ursel Sickendiek

Im Kontext des Weiterbildungsstudiums "Interkulturelle Beratungskompetenzen für MigrantInnen" des Instituts für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften der Technischen Universität Dresden und der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. fand im Januar in Dresden die Tagung "In Vielfalt beraten" statt.


Gegenstand der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Tagung war die Diskussion interkultureller Beratungspraxis in Verbindung mit der beruflichen Integration von MigrantInnen als BeraterInnen. Mit über hundert TeilnehmerInnen aus mehr als 16 Herkunftsländern und zahlreichen VertreterInnen von Behörden und Verbänden war die Tagung erfreulich gut besucht.

In fast allen Beratungsfeldern steigen die Anforderungen an interkulturelle Kompetenzen. Im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitssektor erfordern die kulturellen Unterschiede der AdressatInnen auf Seiten der BeraterInnen Wissen und Sensibilität im Umgang miteinander und in der Gestaltung der Angebote und Programme. In den Beratungsstellen finden sich jedoch erst wenige MitarbeiterInnen mit Migrations- und interkulturellen Erfahrungen.

Gari Pavkovic, der Integrationsbeauftragte der Stadt Stuttgart und zuvor langjähriger Leiter einer Erziehungsberatungsstelle, referierte konzeptionelle Ansätze interkultureller Beratung. Davon ausgehend schilderte er die positiven Erfahrungen mit einer gezielten Politik der Öffnung sozialpädagogischer und psychosozialer Dienste für MigrantInnen als MitarbeiterInnen in Stuttgart. Nicht nur mit Zuwanderung, sondern auch mit der Pluralisierung soziokultureller Milieus der einheimischen Bevölkerung geht einher, dass kulturelle Diversität ein Dauerthema für Beratung sein wird.

Mit "Diversity Management" setzte sich Mekonnen Mesghena, Referent für Migrationspolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, in seinem Vortrag auseinander. Eine erfolgreiche Umsetzung kultureller Vielfalt in Organisationen hängt u.a. davon ab, dass MigrantInnen als MitarbeiterInnen eingestellt werden, allen MitarbeiterInnen dann aber auch Freiräume für die Entfaltung unterschiedlicher Fähigkeiten oder Herangehensweisen an Aufgaben geboten werden. Diversity Management braucht zudem "commitment", d.h. permanent engagierte Personen, die sich für kulturelle Vielfalt einsetzen, möglichst auch in den Leitungsebenen der Organisationen.

In den anschließend stattfindenden Arbeitsgruppen wurden drei Beratungsfelder genauer unter die Lupe genommen: Für interkulturelle Beratung in der Sozialpädagogik/Sozialarbeit wurde u.a. die Forderung nach mehr Besetzung von Personalstellen mit gut qualifizierten MigrantInnen gestellt, wobei auch Erleichterungen bei der Anerkennung ausländischer Hochschulabschlüsse gewünscht wurden. Vom neuen Zuwanderungsgesetz erhoffen sich viele MigrantInnen den Zugang zu beruflichen Qualifizierungen der Arbeitsagenturen für den Sozialsektor.

Für interkulturelle Beratung im Gesundheitsbereich wurde die Bedeutung von Weiterbildungen für medizinisches Personal zu kulturellen Unterschieden in den Auffassungen von Krankheit, im Ausdruck und in der Verarbeitung von Krankheit betont. Gefordert wurden professionelle SprachmittlerInnen in der medizinischen Versorgung sowie mehrsprachiges, leicht verständliches Informationsmaterial zu fremdsprachigen ÄrztInnen und über das deutsche Gesundheitssystem. Lokal sollten multikulturelle Gesundheitsberatungsteams aufgebaut werden, die vermitteln, informieren und bei der Klärung von Problemen helfen. Dazu könnte das Thema "Gesundheit - Gesundheitsversorgung" in die neuen Integrationskurse für ZuwandererInnen aufgenommen werden.


Zu interkultureller Bildungs- und beruflicher Beratung schlugen die TeilnehmerInnen vor, dass stärker als bislang Eltern und Familien der AdressatInnen mit einbezogen werden sollten. Viele Eltern benötigen mehr Information über Schule, Berufsbildung und Studium. Schulberatung könnte sich verstärkt zur Aufgabe machen, LehrerInnen beim Umgang mit multikulturellen Klassen zu unterstützen. Ein weiterer Vorschlag: Viele MigrantInnen haben informell und pragmatisch Kompetenzen erworben und ihnen fehlen Zeugnisse und Nachweise. BeraterInnen könnten sie u.a. dabei unterstützen, solche informellen Fähigkeiten in Bewerbungsschreiben besser darzustellen.

Die Abschlussdiskussion ergab, dass eine stärkere berufliche Integration von MigrantInnen und damit vielfältigere Erfahrungshintergründe und vielfältigere Kompetenzen des Beratungspersonals ein Gewinn für die Gesamtheit der KlientInnen sein können. Eine pauschale "Ethnisierung" der Zuständigkeit ("kurdische BeraterInnen für kurdische KlientInnen") erscheint jedoch als zu simpel. Als Ergebnis bleibt die Forderung nach mehr multikulturellen Beratungsteams, die Offenheit für diverse Klientele signalisieren. Von zentraler Bedeutung sind die Reflexion von Erfahrungen mit heterogenen KlientInnen und die tägliche Auseinandersetzung mit interkultureller Zusammenarbeit im Team.


Organisation der Tagung:
Prof. Dr. Frank Nestmann, Technische Universität Dresden, Fakultät für Erziehungswissenschaften Institut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit, 01062 Dresden, Frank.Nestmann(at)mailbox.tu-dresden(dot)de  
Antje Beckmann, Technische Universität Dresden, Fakultät für Erziehungswissenschaften Institut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit, 01062 Dresden,
Ursel Sickendiek, Institut für Beratungsforschung und -weiterbildung e.V., Bielefeld, Weberplatz 5, 01062 Dresden, E-Mail: ursel.sickendiek(at)mailbox.tu-dresden(dot)de


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