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11. Kongress Armut und Gesundheit

Von: Hubert Kötter und Bernhard Wilhelmer

Am 18. und 19. November 05 fand an politisch bedeutsamem Ort in Berlin im Rathaus Schöneberg der nun schon fast traditionelle 11. Kongress Armut und Gesundheit statt.


Er stand wie schon die vorigen unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, der die über 1000 TeilnehmerInnen mit einem ansprechenden Grußwort ermutigte. Als Rahmenthema wurde in diesem Jahr gewählt: "Präventionsziele gegen Armut.  - Gesunde Lebenswelten gemeinsam gestalten"
Das einzig Negative vorweg: Zumindest der Anspruch des ersten Satzes wurde auf dem Kongress nur unzureichend eingelöst. Zwar konzentrierten sich zahlreiche Beiträge auf Präventionsziele und insbesondere auf das noch immer nicht verabschiedete Präventionsgesetz, die Ziele waren aber überwiegend an gesundheitlicher Prävention ausgerichtet. Allerdings wurde der enge Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage bzw. finanziellen Möglichkeiten den Erwartungen entsprechend von alten und auch immer wieder neuen Seiten betrachtet. So ist z.B. einerseits statistisch erhoben, dass ein großer Teil der Armen noch immer etwa 10 Jahre früher stirbt als der der Wohlhabenden, andererseits ist es bezeichnend, dass private Gesundheit und Wellness inzwischen zum größten expandierenden Markt avanciert ist.

Bereits zu Beginn des Kongresses wurde hervorgehoben, dass das Thema Armut noch immer einen geringen Stellenwert in der Gesellschaft im Allgemeinen und in der Forschung im Besonderen hat und dies vor dem Hintergrund einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich oder genauer einer zunehmenden Dreiteilung der Gesellschaft: Ein Drittel ist integriert und verfügt über befriedigende Arbeitsbedingungen; ein Drittel lebt in prekären Lebensverhältnissen ohne gesicherte und in der Regel befristete Arbeitsverhältnisse; ein Drittel ist sozusagen der Gruppe der "Überflüssigen der Gesellschaft" zuzuordnen, da ihnen kein Platz und kein Stellenwert im gesellschaftlichen Produktions- und Lebenszusammenhang zuerkannt wird (O. Negt).

Im ersten Einführungsreferat stellte Frau Pott von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung neue Strategien der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten vor. Hier hat sich ein Kooperationsverbund "Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten" entwickelt, in dem Krankenkassenverbände, Gesundheitsvereinigungen, Arbeitsgemeinschaften im Bereich Gesundheitsförderung sowie Länder- und Bundeseinrichtungen mitwirken. Bisher wurde eine Datenbank über eine Vielzahl von Projekten und Maßnahmen und eine Internetplattform (www.gesundheitliche-chancengleichheit.de) erstellt. Darüber hinaus bestehen regionale Knotenpunkte in zehn Bundesländern und eine Verknüpfung mit der europäischen Ebene. Im Rahmen dieses Kooperationsverbundes wurden zwölf Kriterien für eine gute Praxis im Bereich der Gesundheitsförderung von sozial Benachteiligten entwickelt, wobei von guter Praxis allenfalls dann gesprochen werden kann, wenn mindestens drei dieser Kriterien erfüllt sind. Im Einzelnen enthält der Kriterienkatalog u.a.: 1. Klare Zielbestimmung 2. Genaue Benennung der Zielgruppe 3. Innovation und Nachhaltigkeit 4. Multiplikatorenkonzept 5. niederschwellige Arbeitsweise 6. Partizipation der Zielgruppen 7. Empowerment  8. Setting-Ansatz 9. Integriertes Handlungskonzept und Vernetzung 10. Qualitätsentwicklung.

Im zweiten Einführungsreferat setzte sich Rolf Rosenbrock, u.a. Mitglied des Sachverständigen Rates für die Begutachtung der Entwicklung im  Gesundheitswesen, mit der Frage auseinander "Wie geht es weiter mit der Prävention??". In der Versorgung chronisch Kranker und dem disease management sieht er die beiden herausragenden Anforderungen an eine  zukünftige Gesundheitspolitik, Gesundheitsversorgung, wobei Prävention und Gesundheitsförderung im Vordergrund stehen müssen.

In diesem Zusammenhang setzt Rolf Rosenbrock darauf, dass die neue Bundesregierung die Planungen für ein Präventionsgesetz wieder aufnimmt und an den Inhalten des in der letzen Legislaturperiode gescheiterten Gesetzes anknüpft. Dieser Gesetzentwurf hatte aus seiner Sicht durchaus eine Reihe von Stärken:

  • Zum ersten Mal gab es mit dem bisherigen Entwurf ein Bundesgesetz zur nicht-medizinischen Prävention.
  • Das Präventionsgesetz enthielt eine Definition von Prävention.
  • Es sah eine - wenn auch mäßige - Vermehrung der Ressourcen vor.
  • Es enthielt eine Verpflichtung zur Verminderung von Ungleichheit, eine Verpflichtung auf Gesundheitsziele und zur Qualitätssicherung.
  • Es sah eine Steigerung der Ressourcen für Setting-Projekte vor.
  • Vorgesehen war zudem die Einführung von Präventionskampagnen und schließlich
  • die Einbeziehung der Sozialversicherungsträger.

 

Gleichwohl enthielt das zunächst gescheiterte Präventionsgesetz nach Rosenbrock auch eine Reihe von Schwächen:

  • Die Entscheidungs- und Koordinationsstrukturen waren in dem Gesetz zu komplex gestaltet.
  • Die Finanzierung sollte ausschließlich durch Versicherungsbeiträge erfolgen.
  • Die Bundesagentur für Arbeit und die PKV waren nicht einbezogen.
  • Es gab Ausweichmöglichkeiten beim Zielbezug.
  • Schließlich waren die Begrifflichkeiten nicht immer klar genug.

 

Die Breite und Vielfalt der sich anschließenden Workshops gibt zunächst ein gekürzter Überblick über die  Themenbereiche wieder: AIDS und Armut / Altern - Verlust von Menschenwürde? / Arbeitslosigkeit und Gesundheit / Armut und Gesundheit in Osteuropa / Behinderung / Bewegungsförderung und Barrierefreiheit / Gesunde Lebenswelten gemeinsam gestalten / Gewaltfreie Lebenswelten / Globalisierung und Gesundheit / Kinder- und Jugendgesundheit / Migration - Recht, verstanden zu werden / Qualitäten der Gesundheitsförderung / Suchtprävention / Teenagerschwangerschaft / Wohnungslosigkeit und Gesundheit / Netzwerke gegen häusliche Gewalt / Hochschulen für Gesundheit / Präventionsforschung / Salutogenese.

Letzterer workshop war mit dem Beitrag von Heiner Legewie ein Beispiel unter vielen, mit dem sowohl eine theoretische Weiterentwicklung der Salutogenese unter sozialpsychologischem Betrachtungswinkel als auch ein Bezug zur gesundheitspolitischen Praxis in einem Quartier aufgezeigt wurde.

Angesichts von 60 workshops an zwei Tagen und fast 300 mitwirkenden ReferntInnen und ModeratorInnen mag man Verständnis haben, dass hier kein systematischer Überblick über die geleistete Arbeit gegeben sondern nur ein subjektiver Eindruck vermittelt werden kann.

Während in 23 Sitzungssälen die workshops tagten, tummelte sich im leergeräumten großen Willi-Brandt-Saal ein Jahrmarkt der vielfältigen Möglichkeiten mit Informationsständen unterschiedlicher bis gegensätzlich erscheinender Initiativen: Vom Weglaufhaus bis zur häuslichen Krankenpflege, vom exotisch duftenden Kerzenlicht zur Raucherentwöhnung oder vom gesünderen Wohnen im trauten Heim zur Krankenversorgung der Obdachlosen und der Migranten ohne Papiere.
Insgesamt war es ein Treffen, das nach der Rückmeldung der Allermeisten Mut machte und Anregungen auf den Weg zurück in die vielfältigen NGOs und Initiativen, aus denen die TeilnehmerInnen zusammengekommen waren, gab.
Alles in Allem: Es war eine Oase des Optimismus!

Auch am zweiten Tag mit der abschließenden Podiumsdiskussion, aufgeteilt in drei Tische mit je zwei VertreterInnen aus Politik, Wissenschaft und Krankenkassen wurden die TeilnehmerInnen nicht gequält mit dem leidigen Hinweis auf die leeren Kassen, die Perspektive war entschieden ausgerichtet auf das, was dennoch möglich ist, was geändert werden muss und wofür zu kämpfen lohnt. Niemand gebrauchte den in Deutschland überstrapazierten Reformbegriff, mit dem nur noch eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung und der sozialen Lage verschleiert werden soll. Der Blick über den deutschen Tellerrand hinaus wurde von der Schweizerin Ilona Kickbusch gelenkt, die bei der WHO an der Entwicklung der Ottawa Charta beteiligt war. Er wurde gerichtet auf Schweden, Dänemark, Holland und auch England. Damit wurde deutlich, was selbst unter einer hiesigen schwarz-roten Koalitionsregierung machbar wäre, ohne die Fesseln des Systems zu sprengen. Und auch die Berliner Senatorin für Gesundheit und Soziales, Heidi Knake-Werner, die unter dem Diktat des Finanzsenators weit weniger realisieren kann, als sie es für notwendig hielte, klagte nicht angesichts des Fülle des Nicht-Machbaren sondern zeigte Ermessensräume auf, z.B. bei der straffreien ärztlichen Versorgung von Migranten ohne Papiere und versprach die Anregungen des Kongresses in die Berliner Regierungspolitik hineinzutragen.
Über dem Podium wurden zahlreiche Zitate, die von den Arbeitsgruppen und workshops zusammengetragen waren, auf eine Leinwand projiziert, z.B.: "Es gibt kein Gesetz, das alten Menschen verbietet, auf Bäume zu klettern" (A. Lindgren).

Wenn die Volkssolidarität beim gemütlichen Abend im Casino eine kostenlose Erbsensuppe mit Würstchen ausgab, ging sie wohl von der Annahme aus, dass sich hier die Armen versammelt hätten, was nicht heißen soll, dass die Suppe nicht schmackhaft war. Aber: Man muss nicht arm sein, um gegen die Armut zu kämpfen!

Zum Schluss sprach sogar der kritische Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock zum Erstaunen des überfüllten Saales einen Dank an den Springerverlag aus, er galt der aktuellen Schlagzeile der Bildzeitung. Er verkenne nicht, dass der Verlag dabei nur seine Auflagenstärke im Auge habe, aber man könne die Meldung in den bekannten übergroßen Lettern ja gesundheitspolitisch auch konstruktiv nutzen. Die Schlagzeile der ersten Seite der BILD vom 19.11., lautete: "Als Kassen-Patient bist DU der letzte ARSCH!"
(Die entsprechende Überschrift im Tagesspiegel lautete übrigens: "Klassenkampf im Wartezimmer!" - auch nicht falsch!)


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