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Bericht über die 6. europäische Konferenz zur Effektivität und Qualität der Gesundheitsförderung der Internationalen Union für Gesundheitsförderung und -erziehung (IUPHE)

vom 1. bis 4. Juni 2005 in Stockholm


Alle zwei Jahre führt die IUPHE/EURO als internationale Fachorganisation der Gesundheitsförderung eine Konferenz zur Effektivität und Qualität der Gesundheitsförderung in Europa durch.
Die diesjährige Konferenz war vom schwedischen Institut für Volksgesundheit (www.fhi.se ) in Stockholm organisiert worden.

Im Mittelpunkt der Tagung stand die Frage, wie die Kooperation zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis für eine wirkungsvolle Gesundheitsförderung verbessert werden kann.
Schweden hat dafür im Jahr 2002 mit einem Parlamentsbeschluss von 11 evidenzbasierten Gesundheitszielen und der Entwicklung einer nationalen Gesundheitsförderungs-Strategie für die lokale Ebene ein europaweit führendes Beispiel gegeben. (Information in Englisch unter: www.fhi.se ) Ähnliche Initiativen sind auch in den anderen skandinavischen Ländern, Großbritannien und den Niederlanden zu verzeichnen.

Das Mehrebenen-Konzept der Gesundheitsförderung der Ottawa-Charta der WHO wird dabei umgesetzt und die kommunale Ebene wird als die wesentliche Koordinations- und Handlungsebene für praktische Gesundheitsförderung gesehen, um eine produktive und kreative Verbindung zwischen gemeinsamen Politikzielen und einem abgestimmten Engagement verantwortlicher lokaler Akteure zu erreichen. Politik und Praxis sollen sich dabei gemeinsam darum bemühen, ihre Aktivitäten öffentlich plausibel als zielführend zu erläutern. Das magische Wort hierfür heißt Evidenz. "Evidence into Practice and Practice into Evidence" beschreibt dabei den wechselseitigen Bezug, der insbesondere die WissenschaftlerInnen dazu auffordert, ihre Evaluationsmethoden auf die spezifischen Ziele und Fragen der jeweiligen Projekte und Aktivitäten abzustimmen.
Evaluationsforschung soll theoriegestützt und nützlichkeitsorientiert die praktischen Bemühungen der Akteure informieren und unterstützen und der Politik eine nationale Orientierungsgrundlage verschaffen.

In vielen europäischen Ländern wurden in den letzten Jahren Projekte zur Entwicklung angemessener Instrumente und Indikatoren für die Gesundheitsförderung unterstützt. Im Rahmen des von der EU finanzierten GEP-Projektes (GEP = Getting Evidence into Practice) werden gegenwärtig die verschiedenen Ansätze gesammelt und geprüft mit dem Ziel, ein oder mehrere einfache Instrumente künftig auch für vergleichende Untersuchungen in den Mitgliedsstaaten der EU nutzen zu können.

In Stockholm wurde über den Zwischenstand dieses vielversprechenden Projektes berichtet. Die Übersicht über die verschiedenen existierenden Instrumente, wie z. B. die Schweizer Quintessenz-Liste (www.quint-essenz.ch ) oder das niederländische Preffi-Programm, wird auf der Webseite des niederländischen Zentrums für Gesundheitsförderung (www.nigz.nl/gettingevidence ) veröffentlicht und ist damit für alle PraktikerInnen zugänglich.

Ein übergeordnetes Thema war die zunehmende Ungleichheit der Gesundheitschancen sowohl zwischen einzelnen Ländern als auch innerhalb der Länder zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Verschiedene Formen sozialer Beeinträchtigung und Benachteiligung verstärken sich bei manchen Bevölkerungsgruppen in Abhängigkeit vom Einkommen, dem Bildungsstand, dem sozialen Status und der sozialen Integration, dem Familienstand, den Arbeits- und Wohnbedingungen und den Gesundheitsgewohnheiten im Alltag. In fast allen entwickelten Ländern öffnet sich dabei eine soziale Schere hinsichtlich der Lebensqualität, den Krankheitshäufigkeiten und der Lebensdauer und diese existenzielle Ungerechtigkeit stellt insbesondere bei einer angestrebten Deregulierung des Gesundheitswesens die politisch-moralischen Grundlagen der Staatsverantwortung in Frage.
In vielerlei Hinsicht waren dabei die Berichte des Gastgeber-Landes Schweden beispielgebend. Es gibt gegenwärtig kein europäisches Land, das im Bereich der Morbiditäts- und Mortalitäts-Entwicklung einen geringeren Gradienten zwischen den oberen und unteren Bevölkerungsschichten zu verzeichnen hat.
Die folgenden 11 Leitziele des schwedischen Gesundheitsprogrammes von 2002, die sich durch epidemiologische Daten plausibel fundieren lassen, wurden daher von vielen der etwa 500 Konferenz-TeilnehmerInnen dankbar mit auf den Heimweg mitgenommen. Auch die Gesundheitspolitik in Deutschland könnte an Wirksamkeit und öffentlicher Unterstützung erheblich gewinnen, wenn sie sich die Evidenz der folgenden schwedischen Gesundheitsziele zu eigen machte:

  1. Soziale Beteiligungs- und Einflussmöglichkeiten in der Gesellschaft
  2. Ökonomische und soziale Sicherheit
  3. Sichere und unterstützende Entwicklungsbedingungen in der Kindheit und Adolenszenz
  4. Gesünderes Arbeitsleben
  5. Gesunde und sichere Umwelt und Produkte
  6. Gesundheits- und medizinische Dienste, die aktiv die Gesundheit fördern
  7. Wirksamer Schutz vor ansteckenden Erkrankungen
  8. Sichere Sexualität und eine gute reproduktive Gesundheit
  9. Vermehrte körperliche Aktivität
  10. Gute Essgewohnheiten und sichere Lebensmittel
  11. Reduzierter Gebrauch von Tabak und Alkohol, eine Gesellschaft frei von schädigenden Drogen und Reduktion der schädigenden Wirkung exzessiven Spielens.

Vertreter der WHO stellten einen ersten Entwurf für eine "Bangkok-Charta: Charta für Gesundheitsförderung in einer globalisierten Welt" zur Diskussion, der Anfang August bei einer neuen Weltkonferenz der WHO in Bangkok beraten und verabschiedet werden soll. Stärker betont wird dabei die planende und koordinierende Rolle der Regierungen, die Mitverantwortung der Wirtschaft und anderer Politikbereiche jenseits des Gesundheitswesens, in denen maßgeblich über die Determinanten der Gesundheit entschieden wird und die zivilgesellschaftliche Beteiligung bei der Entwicklung einer nachhaltigen Gesundheitsförderung.

Auch in dem Entwurf der EU-Kommission für ein neues Programm im Bereich öffentlicher Gesundheit und Verbraucherschutz für die Jahre 2007 - 2013 wird der Aspekt der zivilgesellschaftlichen Beteiligung stärker betont.

Für die Entwicklung in Deutschland bedeutet dies, dass die Städte und Gemeinden ihre Planungs- und Koordinationskompetenzen im Bereich der Gesundheitsförderung erheblich erweitern und die Länder die dafür notwendigen Rahmenbedingungen gewährleisten müssen.
Dabei wird in den meisten Bundesländern eine grundlegende Umstrukturierung des öffentlichen Gesundheitsdienstes unerlässlich, da dieser gegenwärtig den neuen gesellschaftlichen Anforderungen kaum gerecht wird. Die Koordination der Analyse der städtischen Lebensverhältnisse, einer zielorientierten Politikformulierung und eines partizipativen Projektmanagements erfordert eine Ansiedlung der Gesundheitskoordination als Stabsfunktion auf der Ebene der Bürgermeister und der Dezernenten, um das Potential bürgerschaftlichen Engagements und abgestimmten Verwaltungshandelns wirkungsvoll erschließen zu können.
Für die Gesundheitsförderung in den Lebensräumen des Alltags der Menschen sind dagegen neue Infrastrukturen einer aktivierenden Beteiligung notwendig, deren relative Eigenständigkeit etwa durch die Bildung von Gemeinwohl-Stiftungen im kommunalen Raum unterstützt werden kann.

Qualifizierung und "Capacity Building" waren auch in diesem Zusammenhang häufige Themen. Die Ausbildung von Gesundheitsförderungs-Spezialisten, die die lokalen Programm-Entwicklungen koordinieren können, findet in fast allen europäischen Ländern inzwischen auf einem akademischen Niveau statt und die IUHPE wird die Entwicklung gemeinsamer professioneller und akademischer Standards in Europa künftig durch eine eigene Kommission begleiten. Im Rahmen eines von der Hochschule Magdeburg-Stendal initiierten Thematischen Netzwerkes zur gemeinsamen Entwicklung von Bachelor-, Master- und Promotions-Studiengängen in Europa erfolgt dieser Austausch auf der Ebene der Hochschulen in Kooperation mit der IUPHE (www.iuhpe.org) in den nächsten Jahren in Anlehnung an den Bologna-Prozess zur Entwicklung eines einheitlichen europäischen Bildungsraumes. Auch deutsche Hochschulen, soweit sie nicht bereits Mitglied des Kooperationsverbundes "Hochschulen für Gesundheit" (www.hochges.de ) sind, sind zur Mitwirkung eingeladen. Aktuelle Informationen sind auf der Webseite www.sgw.hs-magdeburg.de/ThematicNetwork  erhältlich.

Den Abschluss der Konferenz, deren Beiträge demnächst auf der Webseite www.bestpractice2005.se  dokumentiert werden, bildeten Diskussionen über künftige Initiativen auf der Ebene der EU, der WHO und der IUPHE. Die EU-Kommission wird mit dem General-Direktorat für Gesundheit und Verbraucherschutz in der neuen Planungsperiode 2007 - 2013 ihre Anstrengungen verstärken, Gesundheitsaspekte auch in den anderen Politikbereichen wie Wirtschaft, Verkehr, Umwelt und Verbraucherschutz wirksam zu machen. Große Anstrengungen werden unternommen, die gesundheitsrelevante Berichterstattung der Mitgliedsländer zu vereinheitlichen und dabei künftig auch soziokulturelle Determinanten der Gesundheitsentwicklung zu berücksichtigen, um eine Vergleichbarkeit der Gesundheitsentwicklung in Europa zu fördern.

Die WHO wird die Gesundheitsförderung durch ihre Konferenz in Bangkok im August 2005 in einen Kontext globaler Gesundheitsentwicklung stellen und vor allem auf einen Abbau der eklatanten Unterschiede der Lebenschancen zwischen den verschiedenen Regionen der Welt drängen. Neben den Regierungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen werden dabei vor allem auch die internationalen Konzerne in ihrer sozialen Verpflichtung angesprochen.

Die IUPHE wird ihre Aktivitäten verstärken, die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren der Gesundheitsförderung in Politik, Praxis und Wissenschaft zu intensivieren. Neben dem "Global effectiveness programme" (Infos unter www.iuhpe.org ) werden weitere Konferenzen auf regionaler und globaler Ebene vorbereitet, um den Impuls der Konferenz von Stockholm wirkungsvoll weiterzuführen.

Die nächste europäische Gesundheitsförderungs-Konferenz wird im Oktober 2006 in Budapest sein, die nächste Weltkonferenz zum Thema "Research, Policy and Practice for the 21st Century" findet vom 11. - 15. Juni 2007 in Vancouver statt. (www.iuhpeconference.org ).

Das gesundheitspolitische Konzept der Gesundheitsförderung der WHO hat sich im internationalen Rahmen etabliert und ist in vielen Ländern bereits ein tragendes Element einer präventiven Gesundheitspolitik geworden.
Vielleicht wächst nach der Bundestagswahl endlich auch in Deutschland der Mut, die Weichen für eine systematische Politik der Gesundheitsförderung etwa nach dem schwedischen Beispiel zu stellen und die Rolle des kommunalen Lebensraumes angemessen in der künftigen Gesundheitspolitik zu berücksichtigen.

Die Konferenz in Stockholm war ein sehr anregendes Ereignis.
Die Gastgeber hatten eine sehr angenehme Kongress-Atmosphäre geschaffen, die viel Zeit zum Gedankenaustausch und für persönliche Kontakte bot.
Die Zahl der TeilnehmerInnen aus Deutschland war noch sehr übersichtlich. Aber vielleicht reizt dieser Bericht ja dazu, sich bei der nächsten IUHPE-Konferenz 2006 in Budapest am internationalen Austausch aktiv zu beteiligen.

Als Ansprechpartner für die deutschsprachige Sektion der IUHPE, die auch ein internationales Austauschprogramm für PraktikerInnen organisiert, stehe ich zur Verfügung.

Prof. Dr. Eberhard Göpel
Hochschule Magdeburg-Stendal
Breitscheidstr. 2
39114 Magdeburg
e-mail: eberhard.goepel(at)sgw.hs-magdeburg(dot)de

Quelle: VPP 3/2005


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