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Wien, Freud und die Globalisierung:

Folgerungen für die rechtliche Regelung von Psychologie und Psychotherapie


Die Anfänge professioneller Psychotherapie im heutigen Sinne sind mit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu datieren und orientieren sich an Sigmund Freuds Werken. Diese Schriften dokumentieren den Beginn eines psychotherapeutischen Behandlungsansatzes, der als "Psychoanalyse" schon bald so verbreitet war, dass - wie weithin bekannt - in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts "Psychotherapie" und "Psychoanalyse" häufig als identisch angesehen wurden (Kriz, 2001). Diese Entwicklung ist jedoch nicht losgelöst vom gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Hintergrund zu betrachten, in der sie entstanden ist: Einem Wien des Fin de Siècle, den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, großen gesellschaftlichen Unterschieden, zum Teil ausschweifendem Leben, der Vorkriegssittlichkeit bei gleichzeitiger Verachtung jener Moral. Nicht ein wirklicher Moralismus war gefordert, sondern ein Sittlichsein, also ein bloß Sich-moralisch-Verhalten, ein Tun aller vor allen "als ob", wie es aus den Werken von Arthur Schnitzler bekannt ist (Autobiographie "Jugend in Wien", 1990) oder wie es beispielsweise Stefan Zweig beschrieben hat ("Über Sigmund Freud", 1989).

Die Gedanken und Ideen der Psychoanalyse wurden in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts sehr schnell in die Welt hinausgetragen und machten bereits sehr früh einen "Globalisierungsprozess" durch, wie das heute vielfach bezeichnet wird. Nicht nur waren viele der Analytiker Juden und mussten emigrieren, der Hass der Nationalsozialisten galt auch dem Ansatz selbst. "Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens für den Adel der menschlichen Seele!" lautete der "Feuerspruch", mit dem die Schriften Freuds verbrannt wurden. Nachdem die Mitglieder des zweiten wichtigen Instituts für Psychoanalyse, jenem in Berlin, bereits nach dessen Schließung 1933 emigriert waren, praktizierte 1938 (am 11. März 1938 marschierten die Nationalsozialisten in Österreich ein) keines der berühmten Mitglieder der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft mehr in Wien. Weit über 100 Psychoanalytiker und Individualpsychologen emigrierten - nach England, in lateinamerikanische Staaten, mehrheitlich in die USA, ein Großteil ließ sich in New York nieder. Bis heute ist es eine ungelöste Frage in der Geschichte der Psychoanalyse, inwieweit die Traumata der Vertreibung und die Reaktion auf die amerikanische Gesellschaft ihren Optimismus und Fortschrittsglauben, die Weiterentwicklung der Psychotherapie prägten (Handlbauer, 2004).

Heute findet eine zweite "Globalisierungswelle" insofern statt, als das Zusammenwachsen von Wirtschaftsräumen zunehmend auch eine Mobilität ihrer Bürger, einen Austausch von Wissen und Wissenserwerb mit sich bringt, was eine Vergleichbarkeit von Bildungssystemen, von Ausbildungsstandards und damit auch von gesetzlichen Regelungen innerhalb verschiedener Berufssparten voraussetzt. Dies gilt auch für die Ausbildung zum(r) Psychotherapeuten/in sowie zum(r) Klinischen Psychologen/in, für die Berufsausübung sowie für die gesetzlichen Grundlagen dieser Professionen. Für diese Bestrebungen, gesetzliche Grundlagen für die Psychotherapie zu schaffen, ist wesentlich, dass die Psychoanalyse lange Zeit keine Reputation auf akademischem Boden gefunden hat und die Einführung in ihre Denkweise sowie der Erwerb bzw. das Erlernen ihres Vorgehens fern der Universitäten stattfand. So auch in der Stadt ihres Entstehens, also in Wien, was die Gesetzgebung in diesem Bereich in Österreich beeinflusste und prägte.

Die gesetzliche Regelung in Österreich

Am 1.1.1991 sind in Österreich zwei Gesetze in Kraft getreten, die Titelschutz und Tätigkeit des Psychologen einerseits und des Psychotherapeuten andererseits regeln (Kierein, Pritz & Sonneck, 1991). Der Gesetzgeber setzte damit eindeutige Grenzen: Seit diesem Zeitpunkt müssen Psychologen, die im klinischen oder Gesundheitsbereich tätig sind, eine postgraduale Ausbildung absolviert haben (Psychologengesetz). Als Psychotherapeut darf sich nur der/diejenige bezeichnen bzw. diese Tätigkeit nur der/diejenige ausüben, der/die durch die entsprechende Ausbildung eine diesbezügliche volle rechtliche Anerkennung erhalten hat (Psychotherapiegesetz; siehe Abbildung 1). Viele Psychologen sind zugleich auch Psychotherapeuten, haben also beide Ausbildungen absolviert (Kryspin-Exner, 2004a).

Psychotherapiegesetz

Einige Charakteristika des Psychotherapiegesetzes:

  • Es handelt sich um keine "akademische" Ausbildung, sie wird nicht an Universitäten angeboten und unterliegt daher den Gesetzmäßigkeiten der freien Marktwirtschaft (wird also mehrheitlich von Psychotherapievereinen getragen).
  • Die Ausbildung kann von Personen absolviert werden, die eigenberechtigt sind und entweder die Reifeprüfung (in Österreich Matura, in Deutschland Abitur) oder einen entsprechenden Abschluss haben sowie zusätzlich einen sog. "Quellenberuf" (z.B. Krankenpflegeberufe, Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen, Mediziner usw.) vorweisen (siehe Tabelle 1). Weiters können Personen aufgrund ihrer Eignung nach Einholung eines entsprechenden Gutachtens des Psychotherapiebeirates vom Bundesministerium für Gesundheit und Frauen per Bescheid zur Absolvierung zugelassen werden (§10(1)5 - unabhängig von weiteren Vorbedingungen - über die individuelle Eignung einer für die Psychotherapieausbildung besonders motivierten Persönlichkeit).
  • Der "Psychotherapiebeirat", angesiedelt am Ministerium für Gesundheit und Frauen (früher Soziale Sicherheit und Generationen), ist zur Zeit oberste Aufsichtsbehörde; von diesem wird auch die Psychotherapeutenliste geführt, in die jene Personen eingetragen werden, die die Ausbildung ordnungsgemäß abgeschlossen haben und damit zur selbstständigen Ausübung der Psychotherapie berechtigt sind.
  • Die Ausbildung gliedert sich in ein Psychotherapeutisches Propädeutikum (Dauer und Inhalte sind im Gesetz als Mindestanforderungen definiert, siehe Tabelle 2) und ein Psychotherapeutisches Fachspezifikum mit verschiedenen schulenspezifischen Schwerpunkten (siehe Tabelle 3; zurzeit gibt es 32 Anbieter von Fachspezifika).
  • Das Psychotherapeutische Propädeutikum dauert ca. sechs Semester (bei Bausteinen, die während des Studiums - Medizin, Psychologie, Pädagogik usw. - erworben wurden, kann eine Anrechnung erfolgen); für das Fachspezifikum muss mit einer Dauer von vier bis sechs Jahren gerechnet werden (Stumm, Deimann, Jandl-Jager & Weber, 1995).

Psychologengesetz

Die Ausübung des psychologischen Berufes im Bereich des Gesundheitswesens ist der gesetzlichen Regelung Österreichs entsprechend "die durch den Erwerb fachlicher Kompetenz erlernte Untersuchung, Auslegung, Änderung und Vorhersage des Erlebens und Verhaltens von Menschen unter Anwendung wissenschaftlich-psychologischer Erkenntnisse und Methoden" (Psychologengesetz Artikel II, § 3 (1); Kierein et al., 1991, S. 16).

  • Es kann der Titel eines Klinischen und/oder Gesundheitspsychologen erworben werden. Vorgeschrieben ist eine postgraduale Ausbildung (nach Abschluss des Psychologiestudiums mit einem Magister) im Ausmaß von mindestens 160 Stunden Theorie und 1480 Stunden Praxis im psychosozialen Feld (letzteres entspricht ungefähr einem Jahr ganztägiger Tätigkeit); weiters sind 120 Stunden begleitende Supervision obligatorisch (Kryspin-Exner, Lueger-Schuster & Weber, 1998; siehe auch Abbildung 1). Analog zum "Psychotherapiebeirat" sorgt hier der "Psychologenbeirat" dafür, dass in die Liste der Klinischen und Gesundheitspsychologen jene Personen eingetragen werden, die die Ausbildung ordnungsgemäß abgeschlossen haben und somit berechtigt sind, als Psychologen im Gesundheitswesen tätig zu werden.

Die Ausübung des psychologischen Berufs umfasst diesem Gesetz entsprechend

  • die klinisch-psychologische Diagnostik,
  • die Anwendung psychologischer Behandlungsmethoden zur Prävention, Behandlung und Rehabilitation von Einzelpersonen und Gruppen oder die Beratung von juristischen Personen sowie die Forschungs- und Lehrtätigkeit auf den genannten Gebieten und
  • die Entwicklung gesundheitsfördernder Maßnahmen und Projekte.

Das bedeutet, dass mit dem Terminus "Psychologische Behandlung" im österreichischen Psychologengesetz die therapeutischen Kompetenzen des Klinischen und Gesundheitspsychologen bezeichnet werden. Dieser Begriff ist im Gesetzestext nicht weiter ausgeführt, inhaltlich nicht differenziert und auch nicht von Psychologischer Beratung und Psychotherapie abgegrenzt (Kryspin-Exner, 1994a, 2000).

Psychotherapie-Ausbildung für Ärzte

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass von Ärzten für eine psychotherapeutische Kompetenz Diplome der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) für psychosoziale, psychosomatische und psychotherapeutische Medizin erworben werden können. Im Bestreben, psychosoziales und psychosomatisches Gedankengut zu vertiefen sowie psychotherapeutisches Handeln der Ärzteschaft zu intensivieren, wurde 1989 von der Österreichischen Ärztekammer eine postpromotionelle Fort- und Weiterbildungsmöglichkeit in Form der aufeinander aufbauenden Diplomlehrgänge "Psychosoziale Medizin", "Psychosomatische Medizin" und "Psychotherapeutische Medizin" geschaffen, d.h. dass das ÖÄK-Diplom "Psychosoziale Medizin" Voraussetzung ist, um den Baustein "Psychosomatische Medizin" absolvieren zu können. Die beiden letztgenannten sind wiederum Voraussetzung für das ÖÄK-Diplom "Psychotherapeutische Medizin". Im Abschnitt "Psychosoziale Medizin" wird ein umfassendes Verständnis der Medizin, das der Körper-Seele-Geist-Einheit des Menschen in seiner biopsychosozialen Wirklichkeit Rechnung trägt, in den Mittelpunkt gestellt. Ziel des Moduls "Psychosomatische Medizin" ist die Vermittlung von Kenntnissen unterschiedlicher psychosomatischer Denkmodelle und ihrer entsprechenden Anwendung. Weiters soll es dem Arzt ermöglichen, Empathie mit diagnostisch-therapeutischer Reflexion zu koppeln. Schließlich wird im Bereich der "Psychotherapeutischen Medizin" die Weiterbildung zu einer ganzheitlichen, schulenübergreifenden psychotherapeutischen Medizin angestrebt. Voraussetzung für den Beginn der Lehrgänge ist - nach Abschluss des Medizinstudiums - die Aufnahme der ärztlichen Tätigkeit und damit die Eintragung in die Ärzteliste; seit einiger Zeit ist eine Psychotherapieausbildung im Bereich der Facharztausbildung für Psychiatrie verbindlich vorgesehen.

Konsequenzen

Was hat diese Zersplitterung, insbesondere die Loslösung von Psychologie und Psychotherapie, in Österreich gebracht?

  • Zuerst einmal ein böses Erwachen für die Psychologen, die sich um einen Teil ihrer Kompetenz betrogen sahen und sich in ihrer Existenz bedroht fühlten, was jedoch - optimistisch beurteilt - den Beginn einer neuen Identitätsbildung darstellte, weil
  • von Seiten der Psychologie ein größer werdendes Interesse am Thema "Gesundheit" zu beobachten ist, verbunden mit einer besseren diesbezüglichen Aufklärung im Berufsfeld mit Auswirkung auf die Öffentlichkeit (und hoffentlich der Eröffnung neuer Berufschancen).
  • Psychologische Beratung und Behandlung (im englischen Sprachraum "Counselling") bekommen eine immer wichtigere Rolle (Bamberger, 2001; McLeod, 2004; Nestmann, Engel & Sickendiek, 2004): Dies hat in mehrerer Hinsicht Bedeutung:
    • Kommt ein Klient/Patient zum Psychologen/Psychotherapeuten, so ist zu Beginn kaum zu entscheiden, wie umfangreich und tiefgehend die Therapie wird sein müssen.
    • Das "Setting" (aufgrund der Gesetzeslage) darf keinesfalls dafür ausschlaggebend sein, festzulegen, was ein Betroffener benötigt.
    • Viele Patienten mit somatischen Erkrankungen brauchen eine supportive, bewältigungsorientierte psychologische Behandlung und keine klärungsorientierte.
    • Insbesondere in Allgemeinkrankenhäusern ist eine psychologische Beratung bzw. symptomorientierte Behandlung mit Funktions-/bzw. Fertigkeitenorientierung indiziert (z.B. neuropsychologische Trainings, Umgehen mit der Krankheit, inklusive entsprechender Informationen oder Akzeptanz von Hilfsmitteln bzw. neuen Lebensbedingungen; Stützung von Selbstsicherheit etc.; Kryspin-Exner, 1994; 2004a).
    • Ressourcen werden in gleicher Weise thematisiert wie Probleme (siehe Stichworte wie soziales Netzwerk, Aktivierung von Selbsthilfepotentialen, Lebensqualität, Wiedereingliederung in Berufstätigkeit, Compliance etc.; Kryspin-Exner, 1999; Nestmann, 2002).
    • In Zeiten der knapper werdenden finanziellen Mittel im Gesundheitswesen sind ökonomisch vorgehende, zielorientierte Interventionen nötig.
  • Die Definition von Psychotherapie, die dem österreichischen Psychotherapiegesetz zugrunde liegt (siehe Tabelle 4), beinhaltet "wissenschaftlich psychotherapeutische Methoden". Diese zu formulieren und hinsichtlich ihrer Grundlagen zu diskutieren, ist ein wesentliches Element, sollen Grundhaltungen oder Leitbilder diesbezüglich beurteilt werden. Dies gilt auch für Evaluationsmethoden und Verfahren zur Analyse von Wirkfaktoren. Durch die Aufnahme neuer "Schulen" im Rahmen der Psychotherapie kann eine immer größer werdende Methodenvielfalt beobachtet werden, die Kriterien "wissenschaftlich psychotherapeutischer Methoden" erfüllen müssen (2004 gibt es in Österreich 18 anerkannte Psychotherapiemethoden, siehe Tab. 3, bzw. -
    wie bereits erwähnt - 32 Anbieter von psychotherapeutischen Fachspezifika). Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik und die Erarbeitung von (vorläufigen) Parametern der "Wissenschaftlichkeit" sind wohl noch in einem frühen Stadium bzw. als "work in progress" zu beurteilen (Kryspin-Exner, 2004b; 2001; Slunecko, 1996).

In Deutschland und Österreich wird nicht nur die gleiche Sprache gesprochen, wir haben auch eine gemeinsame Grenze. Insofern scheint es nahe liegend, Erfahrungen auszutauschen und Annäherungen zwischen diesen Ländern anzupeilen. Ich bedanke mich daher beim Vorstand der DGVT für die Einladung zu einem Vortrag im Rahmen des Expertenhearings II beim DGVT-Kongress 2004 in Berlin bzw. für die Möglichkeit, die Ausführungen hier zu veröffentlichen. Untenstehend habe ich versucht, auch Erfahrungen, die ich bei diesem Kongress gewonnen habe, in die Diskussion einzubauen sowie auf einige Punkte hinzuweisen, die sich aus dem Blickwinkel der Erfahrungen in Österreich ergeben:

  • Es gilt zwischen sozialrechtlichen und berufsrechtlichen (also inhaltlichen) Aspekten der gesetzlichen Regelungen zu unterscheiden. Das Auseinanderreißen der Berufssparte hat zur Folge, dass die Zuordnung therapeutischer Kompetenzen verschwommen ist: Was ist Aufgabe der Psychologischen Behandlung, was jene der Psychotherapie, welche Stellung hat die spezifische Ausbildung von Ärzten, was ist Sozialberatung? Dies lässt sich an Beispielen demonstrieren, die auch in Deutschland diskutiert werden: Welche Therapierichtungen werden mit welchen Begründungen in Akkreditierungsverfahren akzeptiert (siehe Kriterien der "Wissenschaftlichkeit")? Wie wird etwa "Neuropsychologische Rehabilitation" (nach Unfällen, Schlaganfällen usw.) zugeordnet? In wessen Kompetenz fällt die Betreuung chronisch Kranker (z.B. Schmerzbehandlung, Operationsvorbereitung) oder die Betreuung Angehöriger (z.B. bei intellektueller Behinderung oder in der Geriatrie); noch viele weitere Beispiele ließen sich anfügen. Vor allem im Sinne des "Konsumentenschutzes" ist diese Begriffsverwirrung für große Gruppen der Bevölkerung nicht durchschaubar (auch von Vertretern der Medien nicht!) und schafft somit innerhalb eines Berufs, der ohnehin mit vorsichtiger Distanz betrachtet wird, noch zusätzlichen Erklärungsnotstand.
    Zurzeit kann in Österreich bei den verschiedenen Sozialversicherungen bei Patienten mit Diagnose einer psychischen Störung (nach ICD-10) um Teilerstattung der Kosten nachgesucht werden, jedoch nur wenn der Behandler Psychotherapeut ist (die Ärzte mit ÖÄK-Diplomen haben wiederum eine eigene finanzielle Regelung). Diese Voraussetzungen für die Indikation zur Psychotherapie bzw. Psychologischen Behandlung sind zu diskutieren und hinsichtlich des präventiven inklusive rehabilitativen Bereichs neu zu überdenken. Vor allem Patienten mit somatischen Störungen, die psychologische Unterstützung benötigen, bleiben weitgehend unversorgt, obwohl viele Personen dieser Gruppe eine bewältigungsorientierte Begleitung und Unterstützung benötigen; Ähnliches gilt für den palliativen Bereich.
  • In den Diskussionen im Rahmen des DGVT-Kongresses wurde mehrfach bemängelt, dass die primär kurative Ausrichtung der Psychotherapie in Deutschland Aspekte der Prävention sowie Rehabilitation zu wenig berücksichtigt. Die Konzentration auf Störungsbilder und deren Behandlung vernachlässige die Rolle von Themen der Lebensbewältigung (z.B. in Zusammenhang mit Partnerproblematik, Arbeitsplatzverlust, Schulschwierigkeiten usw.) sowie existenzieller Fragen im Vorfeld von manifesten Störungsbildern und die Bedeutung ihrer frühzeitigen Behandlung. Diesbezügliche Kosten-Nutzen-Analysen, die die 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts geprägt haben und in denen aufzuzeigen versucht wurde, welche Kosteneinsparungen frühzeitige Behandlungen bringen, sind zugunsten von Evaluations- und Wirkfaktorenstudien bei nach ICD oder DSM diagnostizierten Störungsbildern in den Hintergrund getreten. Insofern existieren auch wenige verlässliche Daten aus den Bereichen somatischer Erkrankungen und dem palliativen Hilfsangebot.
  • Im Zusammenhang mit gesetzlichen Regelungen verdient auch das Verständnis von Klinischer Psychologie und Psychotherapie Beachtung. Kurz nach Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes in Deutschland wurden die einschlägigen Publikationsorgane umbenannt bzw. ihre Titel erweitert, so haben die "Zeitschrift für Klinische Psychologie" wie auch sämtliche Neuauflagen deutschsprachiger Lehrbücher der Klinischen Psychologie den Zusatz "und Psychotherapie" erhalten (Baumann & Perrez, 1998; Reinecker, 2003). So sehr die Freude über die Schaffung eines der Medizin gleichwertigen Heilberufes zu verstehen ist, verschiebt die starke Dominanz der "Psychotherapie" doch auch Wertigkeiten: Wie sieht das Berufsprofil eines Klinischen Psychologen aus? Was sind dessen Kompetenzen? Fast gewinnt man den Eindruck, als wäre in der "Psychoszene Deutschlands" diese Domäne verschwunden bzw. auf einige "Grundlagenwissenschaftler" reduziert. Vor dem Trend, der in Österreich zu beobachten ist, dass Stellen immer häufiger für "Doppeltqualifizierte" angeboten werden (Ausbildungsabschluss in Klinischer/Gesundheitspsychologe und Psychotherapie), ist zu warnen. Die Ausbildungszeiten werden damit so sehr verlängert, dass junge Menschen kaum noch Chancen haben, in dem Beruf, für den sie primär die Qualifikation erworben haben, unterzukommen. Zudem wird damit die Entwicklungsmöglichkeit eines wesentlichen Berufs- und Wissenschaftszweiges der Psychologie - der Klinischen Psychologie - gehemmt. Insofern sind die innovativen Impulse, die die Entwicklung der Klinischen Psychologie in Österreich mit sich gebracht hat, erfreulich, und sie spiegeln sich auch in den weiter oben dargestellten Themen wider, die ich beim DGVT-Kongress entdeckt habe, nicht ohne zu verschweigen, dass ich danach natürlich auch gesucht habe: Dem Schwerpunkt "Psychologische Beratung" (siehe dazu auch "Frankfurter Erklärung zur Beratung" - Aufruf zu einem neuen Diskurs; Forum Beratung in der DGVT), der "verloren gegangenen" Rolle von Prävention und Rehabilitation, und ich habe weiter oben die Interventionsansätze bei somatischen Erkrankungen und im Bereich der palliativen Betreuung noch hinzugefügt.
    Eingebettet in ein biopsychosoziales Rahmenmodell orientiert sich die im österreichischen Psychologengesetz festgelegte Psychologische Behandlung vorwiegend an den Erkenntnissen der Psychologie (Entwicklungs-, Sozial-, Kognitions-, Motivations-, Neuropsychologie, Theorien zu Problemlöse- oder Bewältigungsprozessen oder zur Stressverarbeitung etc.). Psychische Reaktionen und Abweichungen werden unter Rückgriff auf Methoden und Kenntnisse der "normalen" Psychologie zu verstehen versucht, d.h. sowohl hinsichtlich der Ätiopathogenese als auch der sich aus dieser Hypothesenbildung zur Entstehung von Störungen ergebenden therapeutischen Konsequenzen werden die verschiedenen Gebiete der Allgemeinen und der Angewandten Psychologie herangezogen. Was mir in diesem Zusammenhang wichtig erscheint, ist, die Psychologie als die Lehre vom Erleben und Verhalten durch einen dritten Aspekt, nämlich den des Wissens, zu ergänzen. Die Menschen sind heute über Gesundheit und Krankheit in vielfacher Weise informiert (oder glauben es zu sein), sie werden ständig mit neuen diesbezüglichen Annahmen oder Erkenntnissen konfrontiert, teilweise indoktriniert, und sie können beispielsweise Unmengen davon auch im Internet abrufen (Kryspin-Exner, Jagsch & Stetina, 2002; Ott & Eichenberg, 2003). Wie sie mit diesem Wissen umgehen und ob und in welcher Form sie es dann tatsächlich in Verhalten umsetzen, ist eine andere Frage. Deshalb klaffen hier sehr oft Informationsstand und Verhalten auseinander, und die Klinische Psychologie/Psychotherapie muss sich zunehmend auch damit befassen, dieses Wissen von Patienten/Klienten zu erfragen und in die Behandlung zu integrieren (Kryspin-Exner, 2004a). Häufig besteht hier kein Wissensdefizit, sondern ein Wissensüberschuss, den es zu ordnen gilt.
  • Eine Frage, die immer häufiger zur Diskussion Anlass gibt, ist die Überlegung hinsichtlich einer methodenübergreifenden (Psycho-)Therapie. Während die Ausbildung im Rahmen der Ärztekammer in Österreich von einem mehr eklektischen Ansatz ausgeht, beruht die Eintragung in die Psychotherapeutenliste - wie oben dargestellt - auf dem Ansatz einer schulenspezifischen Ausbildung: Die Eintragung erfolgt als Psychotherapeut mit der Zusatzbezeichnung, in welcher Richtung die/der Betreffende ihr/sein "Fachspezifikum" absolviert hat. Innerhalb der Berufsgruppe der Psychologen/innen wiederum wird vermehrt der Ansatz einer "Psychologischen Therapie" diskutiert und präferiert (Grawe, 1998), die sich vorwiegend an psychologischen Modellen orientiert. Es ist dann eine Etikettenfrage und Auslegung nationaler rechtlicher Bestimmungen, ob dies als "Psychologische Behandlung" oder "Psychologische Therapie" bezeichnet wird.
  • Nicht zuletzt bewegt viele Psychologen/innen und Psychotherapeuten/innen die "Europäisierung" dieses Ausbildungssegments. Aufgrund der spezifischen österreichischen Situation erscheint eine Zustandsanalyse der postgradualen Situation von Psychotherapie und Psychologie in Europa sinnvoll - inwieweit hängt die Berufsberechtigung in verschiedenen Bereichen in den einzelnen Ländern davon ab? Wie sieht die gegenseitige Anerkennung dieser Qualifikation aus?
    Interessieren sich bereits graduierte Psychologen/innen sowie Psychotherapeuten/innen (insbesondere in Grenznähe) mehr für Länder übergreifende Berufsregelungen (welche Regelungen haben die zehn demnächst neu hinzukommenden EU-Länder?), bewegen Studierende und Lehrende Ausbildungsfragen. Welche Konsequenzen wird eine mögliche Umsetzung der Gliederung von Studien in Bakkalaureat/Master/Dokoratsstudium ("Bologna-Deklaration", die entsprechend der Übereinkunft von Bildungspolitikern bis 2010 in allen EU-Staaten umgesetzt werden soll) hinsichtlich spezifischer Ausbildungsinhalte haben (also beispielsweise klinischer bzw. psychotherapeutischer Curricula)? Inwiefern sind Ausbildungen in Psychologie/Psychotherapie an Universitäten gebunden? Ergeben sich Synergien zwischen akademischen Ausbildungseinrichtungen und Anbietern zum Erwerb der praktischen Kompetenzen? Wie sehr ergänzen sich universitäre Ausbildung und Versorgungssysteme (siehe beispielsweise das National Health System in England als Anbieter von "placements" zum Erwerb der Graduierung als "Klinischer Psychologe"), d.h. inwieweit wirken Anbieter von theoretischer Kompetenz und Ausbildungsstellen zum Erwerb der praktischen Fertigkeiten in der Ausbildung zusammen?

Anzustreben ist eine EU-weite Anerkennung, die auf regionale Besonderheiten, wie ich sie eingangs skizziert habe, Rücksicht nimmt, die jedoch auf Qualitätskriterien beruht, wodurch eine Vergleichbarkeit garantiert wird. Mit einem möglichen Lösungsvorschlag im Rahmen eines gemeinsamen EU-Projekts von Deutschland, Griechenland, Irland, Luxemburg und Österreich (Projektkoordinator) beschäftigt sich der Artikel von Annette Schröder in diesem Heft (siehe dazu auch www.univie.ac.at/master_clinicalpsych ).

Literatur

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  • Baumann, U. & Perrez, M. (Hrsg.). (1998). Lehrbuch Klinische Psychologie - Psychotherapie (2. vollständig überarbeitete Auflage). Bern: Huber.
  • Grawe, K. (1998). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.
  • Handlbauer, B. (Hrsg.). (2004). Else Pappenheim. Hölderlin, Feuchtersleben, Freud. Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse, der Psychiatrie und Neurologie. Graz: Nausner & Nausner.
  • Kierein, M., Pritz, A. & Sonneck, G. (1991). Psychologengesetz, Psychotherapiegesetz: Kurzkommentar. Wien: Orac.
  • Kriz, J. (2001). Grundkonzepte der Psychotherapie (5., vollständig überarbeitete Auflage). Weinheim: Beltz.
  • Kryspin-Exner, I. (1994). Einladung zu psychologischen Behandlung. Verhaltensmodifikation, Verhaltenstherapie, Verhaltensmedizin, Gesundheitspsychologie. Berlin: Quintessenz.
  • Kryspin-Exner, I. (1999). Von Leib und Seele zu Body & Soul?!. R(h)apsodien über die Klinische Psychologie. Antrittsvorlesung anlässlich der Berufung zur ordentlichen Universitätsprofessorin für Klinische Psychologie an der Universität Wien am 12. November 1998 (Wiener Universitätsreden, neue Folge, Band 7). Wien: WUV.
  • Kryspin-Exner, I. (2000). Neue Entwicklungen und Trends der Klinischen Psychologie. In W. Beigelböck, S. Feselmayer & E. Honemann (Hrsg.), Handbuch der klinisch-psychologischen Behandlung (S. 17-32). Wien: Springer.
  • Kryspin-Exner, I. (2001). Beratung, Behandlung, Psychotherapie: Szenen einer Ehe. Psychologie in Österreich, 5, 350-358.
  • Kryspin-Exner, I. (2004a). Klinische Psychologie. In G. Metha, (Hrsg.). Die Praxis der Psychologie. Wien: Springer, im Druck.
  • Kryspin-Exner, I. (2004b). Szenen einer Ehe. In A. Kämmerer & J. Funke (Hrsg.). Seelenlandschaften Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, im Druck
  • Kryspin-Exner, I., Jagsch, R., Stetina, B.U. (2002). E-Health: Über Wirkungen und Nebenwirkungen informieren Sie ? Psychologie in Österreich, 4, 148-155.
  • Kryspin-Exner, I., Lueger-Schuster, B. & Weber, G. (Hrsg.). (1998). Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie. Postgraduale Aus- und Weiterbildung. Wien: WUV.
  • McLeod, J. (2004). Counselling - Eine Einführung in Beratung. Tübingen: DGVT.
  • Nestmann, F., Engel, F. & Sickendiek, U. (2004). Das Handbuch der Beratung. Band 1: Disziplinen und Zugänge. Tübingen: DGVT.
  • Nestmann, F. und Projektgruppe DNS (2002). Beratung als Ressourcenförderung. Weinheim: Juventa.
  • Ott, R. & Eichenberg, Ch. (2003). Klinische Psychologie im Internet. Göttingen: Hogrefe.
  • Reinecker, H. (2003). Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. Modelle psychischer Störungen (4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Göttingen: Hogrefe.
  • Schnitzler, A. (1990). Jugend in Wien. Eine Autobiographie. Frankfurt am Main: Fischer.
  • Slunecko, Th. (1996). Wissenschaftstheorie und Psychotherapie. Ein konstruktiv-realistischer Dialog (Cognitive Science; 7). Wien: WUV.
  • Stumm, G., Deimann, P., Jandl-Jager, E. & Weber, G. (Hrsg.). (1995). Psychotherapie. Beratung, Supervision, Klinische Psychologie. Ausbildung in Österreich. Wien: Falter.
  • Zweig, St. (1989). Über Sigmund Freud. Portrait, Briefwechsel, Gedenkworte. Frankfurt am Main: Fischer.

 

 

Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner
Institut für Psychologie der Universität Wien
Abteilung Klinische Psychologie
Universitätsstr. 7
A-1010 Wien


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