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'Nicht drin, was draufsteht'

Anpassung des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) an europäische Richtlinien birgt Gefahren für PatientInnen und Qualität der Psychotherapie


Quelle: 'Rosa Beilage' zur VPP 2/2004

Andreas Veith und Kerstin Burgdorf

Die vielfach kritisierte Konzeption der Qualifizierung zum/zur Psychologischen Psychotherapeuten/in als Ausbildung wirkt sich auf vorher nicht bedachte Weise nun negativ auf die Sicherung der Qualität des Berufstandes aus - und zwar durch die im letzten Jahr beschlossene und zu Beginn dieses Jahres in Kraft getretene Anpassung des PsychThG an europäische Richtlinien zur gegenseitigen Anerkennung der beruflichen Befähigungsnachweise.[1]

So muss nun eine in einem anderen europäischen Mitgliedsstaat erworbene Ausbildung zum Psychotherapeuten anerkannt werden, wenn sie in Dauer und Umfang den im PsychThG geforderten Leistungen entspricht. Die Anerkennung einer Ausbildung zum Psychotherapeuten im europäischen Ausland wird zwar nicht zum Automatismus - werden wesentliche Unterschiede in Bezug auf die Dauer oder den Inhalt der im europäischen Ausland absolvierten Ausbildung festgestellt, können zusätzliche Anforderungen für die Anerkennung der beruflichen Befähigungsnachweise gestellt werden. In diesem Fall haben Antragsteller gem. § 2 Abs. 2 Satz 3 PsychThG einen "höchstens dreijährigen Anpassungslehrgang zu absolvieren oder eine Eignungsprüfung abzulegen, wenn nicht ihre nachgewiesene Berufserfahrung zum Ausgleich der festgestellten wesentlichen Unterschiede geeignet ist". Die Prüfung erstreckt sich dabei auf den Inhalt der staatlichen Prüfung. Damit finden die Anforderungen, die das jeweilige Mitgliedsland für sich an die Erteilung der Approbation knüpft wieder Eingang in die Entscheidung über die Anerkennung.

Doch weitergehende Vereinfachungen sind geplant, in deren Kern die Möglichkeit steht, dass Unterschiede in der Qualität der Ausbildungen durch Umfang und Dauer der Berufstätigkeit ausgeglichen werden können. Sowohl für den Berufsstand als auch für die Patienten können diese Regelungen negative Auswirkungen haben, u. a. die folgenden:

Die in Deutschland notwendige Bindung der Ausbildung an ein Hochschulstudium der Psychologie (Pädagogik/Sonderpädagogik für den KiJu-Bereich), die in vielen anderen europäischen Ländern nicht vorgeschrieben ist, ist nicht mehr sichergestellt. Damit wird die psychotherapeutische Tätigkeit, die von der Therapeutin/dem Therapeuten ein umfassendes Wissen über menschliches Funktionieren verlangt, indirekt gleichgesetzt mit der Anwendung bestimmter Methoden und Techniken in einem "normalen" Ausbildungsberuf (was sicherlich auch eine nicht zu unterschätzende Kompetenz darstellt, für den psychotherapeutischen Bereich aber unpassend und verkürzend ist). Genausowenig sichergestellt ist dann die wissenschaftliche Anerkenung des erlernten psychotherapeutischen Verfahrens.

Es steht zu befürchten dass die leichter zu erwerbenden Qualifikationen im europäischen Ausland zu einem "Ausbildungstourismus" führen könnten, gleichzeitig werden durch die Gleichstellung Aufwand, Bemühen und Leistungen unserer AusbildungsteilnehmerInnen abgewertet.

Für die PatientInnen, für die die Auswahl eines/r "passenden" PsychotherapeutIn immer noch ein schwieriges Unterfangen ist, wird die Situation noch schwieriger: Gegebenenfalls ist da, wo "Psychotherapeut draufsteht, nicht mehr Psychotherapeut drin", jedenfalls nicht der, auf dessen Qualifikation nach dem PsychThG der Patient/die Patientin sich verlassen kann. Das Bemühen der Ausbildungsstätten und der Landesprüfungsämter für eine umfassende Qualitätssicherung im Sinne der PatientInnen zu sorgen, könnte durch diese europäischen Entwicklungen gefährdet werden.

Man kann diese Entwicklung jedoch auch als Herausforderung und Chance zur Weiterentwicklung sehen.

Der an sich sinnvolle Abbau von innereuropäischen Barrieren innerhalb der Berufsausübung macht deutlich, dass die "deutsche" Konzeption der PsychotherapeutInnenausbildung als "Ausbildung" unangemessen ist. Sie war im Kern nur gewählt worden, weil das Bundesgesundheitsministerium wegen der konkurrierenden Gesetzgebungskompetenzen von Bund und Ländern damals meinte, auf diesem Weg einem Streit mit den Ländern über die Zuständigkeit der Regelung einer Psychotherapeutenweiterbildung von Psychologen aus dem Weg gehen zu können. Diese Entscheidung hat sich als kurzsichtig erwiesen, nicht nur wegen der jetzt aufgetretenen Probleme im Zuge der Vereinheitlichung europäischer Berufsausbildungen, sondern auch, weil sich nach näherer Analyse der mit den PsychThG festgelegten Regelungen zeigt, dass es sich im Kern trotz andersartiger verbaler Umschreibungen doch um eine Weiterbildung handelt[2] . Wenn das nunmehr zuständige Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung weiterhin daran interessiert ist, in Deutschland "keine österreichischen Verhältnisse" aufkommen zu lassen (was die heterogenen Psychotherapeutenqualifikationen angeht), dann bestände nunmehr - angesichts der aktuell aufgetretenen Probleme eine aus der Not geborene Chance zur Bereinigung des damaligen Fehlers. Es sollte dann die bisherige Ausbildung als Weiterbildung analog zur ärztlichen umdefiniert werden, was für die TeilnehmerInnen zudem auch eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich brächte (bei der tariflichen Eingruppierung, der Steuer und ggf. möglicher Förderung durch die Arbeitsagenturen).

Der zweite Aspekt betrifft die Fachverbände der wissenschaftlich orientierten Verfahren sowie die Berufsverbände der europäischen Mitgliedstaaten: Wenn es den Fach- und Berufsverbänden gelingt, sich über sinnvolle Kriterien für die Aus-/Weiterbildung zu einigen, erhöht dies die Chance, auf der jeweiligen nationalen und auf der europäischen Ebene die Notwendigkeit hoher Qualitätsstandards der Politik verständlich zu machen und Eckpunkte für eine angemessene Qualifizierung von PsychotherapeutInnen durchzusetzen.

 

 

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[1] Vgl. § 2 Abs. 2 ff. PsychThG n.F. Die Regelungen des PsychThG zur Approbation waren aufgrund der Richtlinie 89/48/EWG des Rates vom 21.12.1988 und der Richtlinie 92/51/EWG des Rates vom 18.6.1992 neu zu formulieren.

[2] Vgl. hierzu die Positionsbeschreibungen der Fachkommission Psychologische Psychotherapeuten und Kinder-/Jugendlichenpsychotherapeuten in der Gewerkschaft ver.di in VPP 4/03, S. 862f

 


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