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Kongress 2006: Bericht und Präsentationen

DGVT-Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung vom 3 März bis 7. März 2006 an der Technischen Universität in Berlin. Wieder einmal ist ein Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung in Berlin, nun schon der 16., nach weitgehend übereinstimmender Meinung der TeilnehmerInnen und OrganisatorInnen erfolgreich zu Ende gegangen. Die in langen Jahren erworbene Organisationsprofessionalität vieler DGVT-MitarbeiterInnen, die engagierte inhaltlich-thematische Planungsarbeit der Kongressvorbereitungsgruppe und nicht zuletzt das Management-Know-how der Kongressorganisation von CTW-Wiese in Berlin haben eine geeignete Plattform für einen fachlichen Austausch und eine interdisziplinäre Diskussion von psychotherapeutischer und psychosozialer Theorie und Praxis geschaffen. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!


Unter dem Thema „Psychotherapie in der Entwicklung in der Psychotherapie“ wurde referiert, diskutiert und das Gehörte in den themenbegleitenden Workshops vertieft. Eine breite Palette spezieller fachlicher Themen von A wie „Aktuelle Entwicklungen in der Psychiatrie und Stellenwert der Psychotherapie“ über N wie „Neue Versorgungsformen“ bis zu Z wie „Zur Störung des Sozialverhaltens als Entwicklungsphase auf dem Weg zur fully functioning person in der Globalisierungsgesellschaft“ trug für die rund 1 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu – wie wir hoffen – erlebnisreichen Kongresstagen bei.
Nach der Eröffnung des Kongresses durch den Vizepräsidenten der Technischen Universität, Prof. Dr. Jörg Steinbach und Prof. Dr. Gabriele Wilz vom Institut für Psychologie und Arbeitswissenschaft, begrüßte für die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie Bernhard Scholten die Kolleginnen und Kollegen und führte in das Thema des Kongresses ein. Peter Fiedler, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Heidelberg, gab in seinem Eröffnungsvortrag einen Überblick über aktuelle Perspektiven in der Fortentwicklung psychotherapeutischer Ansätze. Er kritisierte, dass sich Neuerungen in der Forschung vorrangig auf die Verbesserung der Therapietechnologie und nicht so sehr an den faktischen Bedingungen ausrichten wie kritischen Lebensereignissen, komplexen Lebenslagen, d.h. den realen Sorgen und Befürchtungen von PatientInnen. Den kompletten Text des Vortrags finden Sie in VPP 2/06. Musikalisch umrahmt wurde die Eröffnung durch Primadonna, einem Frauenchor aus Leipzig. Ihr Repertoire reichte von afrikanischer Musik über mazedonische Folklore bis hin zu Rocksongs.
Bei dem sich anschließenden Berliner Abend wurden die TeilnehmerInnen zu Beginn im Lichthof mit einem Glas Sekt empfangen und durch ein Catering  bewirtet, musikalisch wurde der Abend durch das Jazz-Trio Snatch begleitet.

Das Rahmenthema des Kongresses wurde in drei Kernthemen „Lebensalter, Politik und Nachbardisziplinen“ aufgegriffen und in jeweils zwei Vorträgen vertieft. Im Kernthema „Lebensalter“ referierte Sergio Chow aus Münster zum Thema „Was wir lernen, wenn wir mit Kindern arbeiten…“ und Susanne Zank aus Berlin beschäftigte sich mit den Herausforderungen an die Psychotherapie im dritten und vierten Lebensalter.
Beim Kernthema Politik setzte sich Georg Alpers aus Würzburg mit der europäischen Hochschullandschaft im Wandel auseinander, charakterisierte die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master und plädierte dafür, die wissenschaftlichen Standards beizubehalten. Thomas Gerlinger aus Frankfurt ging auf die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen der psychosozialen Versorgung ein und beschrieb die Auswirkungen und Konsequenzen der  Gesundheitsreformen der letzten fünfzehn Jahre. Dabei unterschied er zwischen der Kostendämpfungspolitik, die zunehmend zu Lasten chronisch kranker Menschen gehe, und den innovativen Poltikansätzen wie der Integrierten Versorgung, den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) oder den Disease-Management-Programmen. Dabei sieht er in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung eine Vorbildfunktion für die anderen Gesundheitsbereiche, denn in der Psychiatrie seien durch die Strukturen Klinik, Tagesklinik, Institutsambulanz die ansonsten starren Grenzen zwischen „ambulant“ und „stationär“ schon deutlich gelockert.
Der letzte Kongresstag war dem Thema „Nachbardisziplinen“ gewidmet. Während Bettina Walde, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theoretische Philosophie der Universität Mainz,   sich mit der Frage beschäftigte, ob es im Zeitalter der Hirnforschung noch möglich sei, von einem „freien“ Willen des Menschen zu sprechen, berichtete Peter König, Professor für Neuropsychobiologie am Institut für Kognitionswissenschaften an der Universität Osnabrück, von seinen Experimenten, einen künstlichen Sinn für Himmelsrichtungen zu erzeugen. Bettina Walde kam in ihrem Vortrag zu dem Ergebnis, dass sich Determinismus und „freier“ Wille keinesfalls ausschließen. Vielmehr seien erst durch die grundsätzliche Determinierung des Verhaltens Alternativen möglich, denn gäbe es keinen Determinismus wäre alles Handeln zufällig und beliebig. Da sich (menschliches) Verhalten jedoch auf bestimmte Vorbedingungen gründet, seien Alternativen im Denken und Handeln möglich. Peter König berichtete von einem faszinierenden Experiment, mit einem künstlichen „Sinnesorgan“ den Norden „fühlbar“ zu machen. In weniger als sechs Wochen habe das Gehirn gelernt, diese künstlichen Sinneseindrücke zu integrieren und eine neue Raumwahrnehmung zu konstruieren. Dieses Experiment, so König, zeige, wie sehr sich das Gehirn neuen Informationen anpassen könne und sich auch entsprechend verändere. Das Lokalisieren von Gefühlen, Gedanken und Empfindungen in verschiedenen Gehirnarealen helfe nicht weiter, das Gehirn und seine Funktion zu verstehen. So spannend die neuen Forschungsinstrumente seien, die auch psychisches Empfinden im Gehirn „sichtbar“ machen, so wenig würden sie dazu beitragen, die Plastizität des Gehirns zu verstehen. Hier sollte die Psychologie stärker mit den Kognitionswissenschaften zusammenarbeiten, schlug er vor.
Das Kongressfest am Sonntagabend im „Shake“, dem Theaterzelt am Ostbahnhof, gab den KongressteilnehmerInnen die Gelegenheit, sich in entspannter Atmosphäre zu treffen, sich zu unterhalten und zu tanzen. Der Auftritt des Zirkus Cabuwazi, dem größten Kinder- und Jugendzirkus in Europa, wurde vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Gegen 4 Uhr morgens verließen die letzten das energiegeladene Fest.

Waltraud Deubert

Präsentationen

Festvortag:

Peter Fiedler: Psychotherapie in der Entwicklung

Aspekte therapeutischer Arbeit mit Menschen in verschiedenen Lebensalter:

Sergio Chow: Was wir lernen, wenn wir mit Kindern arbeiten

Susanne Zank: Psychotherapie im dritten und vierten Alter

Nachbardisziplinen:

Bettina Walde: Bewusstsein und Willensfreiheit im menschlichen Entscheiden und Tun

Politik:

Thomas Gerlinger: Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen der psychosozialen Versorgung

Georg W. Alpers: Europäische Hochschullandschaft im Wandel: Welcher Studienabschluss führt künftig zur Psychotherapieausbildung?


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