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"Mehrgenerationenhäuser" – Chance und Ergänzung für die Jugendhilfe oder Gefahr und Abbau von professioneller Arbeit?

Von: Waltraud Deubert

Mehrgenerationenhäuser: das Konzept

Das Konzept stammt aus Niedersachsen: Mehrgenerationenhäuser wollen eine Antwort auf die Veränderungen des sozialen Lebens geben und werden als Beitrag zum Aufbau neuer Nachbarschaften mit Begegnungs- und Kontaktmöglichkeiten zwischen Jung und Alt propagiert. Dabei werden Dienstleistungen und Aktivitäten wie Gesprächskreise und Kinderbetreuung angeboten. Über allem steht der Gedanke der Selbsthilfe. Das Mehrgenerationen-Haus ist offen für alle Menschen im Umkreis. Träger können zum Beispiel Kommunen, Wohlfahrtsverbände, Initiativen, Vereine, Kirchen, Bildungsträger, Träger der Jugend- oder Altenhilfe sein.
Bundesfamilienministerin von der Leyen hat in ihrer Zeit als niedersächsische Sozialministerin bereits die Einrichtung von Mehrgenerationenhäusern in Niedersachsen gefördert. Die bundesweite Förderung startet noch in diesem Jahr. Interessierte Trägerinstitutionen können sich an das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wenden.

Die Mehrgenerationenhäuser sollen ehrenamtliche Tätigkeit, Selbsthilfe und professionelle Unterstützung zu einem umfassenden Angebot für Menschen jeden Alters verbinden. Sie sollen auch wichtige Anlaufstellen für Risikofamilien sein, die hier Unterstützung und Rat finden. Die Einrichtungen bieten praktische Hilfe bei der Kinderbetreuung, unterstützen Eltern in der Erziehungskompetenz, machen Angebote im Rahmen der Gesundheitsförderung und schaffen eine Plattform für Dienstleistungsangebote. Mehrgenerationenhäuser sollen die Weitergabe von Erfahrungen und Kompetenzen der Älteren an die nachfolgende Generation fördern und verhindern so das Nebeneinanderher-Leben der verschiedenen Generationen. Die Einrichtungen sollen als offene Tagestreffpunkte für Jung und Alt konzipiert werden, in denen vielfältige Aktivitäten und Serviceangebote möglich sind. In den meisten Fällen gibt es einen zentralen Begegnungsraum, Kindertagesbetreuung und Altenservice. Ergänzend kommen je nach Einrichtung weitere Angebote und Leistungen hinzu: In Weiterbildungsseminaren, Kursen, Gesprächsrunden und Vorträgen werden die Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt, die notwenig sind, um als „Familienmanager“ oder „Familienmanagerin“ erfolgreich zu sein.
Hier noch einmal stichwortartig um welche Bereiche es gehen soll:

  1. Familienberatung
  2. Seniorenbildung
  3. Patenschaften
  4. Familienunterstützende Dienstleistungen
  5. Beschäftigungsförderung
  6. Weitergabe von Erziehungswissen

Eine Servicestelle wird den Aufbau der Mehrgenerationenhäuser von Mitte 2006 an begleiten.

Mehrgenerationenhäuser in der Praxis

Im "Haus der Begegnung" in Wildeshausen beispielsweise gibt es einen Offenen Treffpunkt im Café, Frühstücks- und Mittagsangebote für die ganze Familie, Bastelangebote, Hausaufgabenbetreuung und gemeinsame Tagesausflüge. Darüber hinaus bestehen generationenspezifische Angebote wie Gedächtnistraining für Ältere und eine Mutter-Kind-Gruppe. Das Mehrgenerationenhaus kooperiert auch mit einem nahe gelegenen Altenheim: Zu Weihnachten etwa führen Schülerinnen und Schüler dort ein Theaterstück für die Senioren auf.
Die Jüngsten können sich mit der Großelterngeneration austauschen und finden in sozial engagierten älteren Menschen im Idealfall Ersatz-Großeltern, die Ansprechpartner für alle kleinen und großen Freuden und Sorgen des Lebens sind. Älteren helfen Mehrgenerationenhäuser, soziale Kontakte zu Jüngeren zu knüpfen, weiterhin mitten im Leben zu stehen und ihre Erfahrungen und Kompetenzen sinnvoll einzubringen.
Der Austausch der Generationen und die gegenseitige Unterstützung - das macht den Alltag im Mehrgenerationenhaus "Haus der Begegnung" in Wildeshausen in Niedersachsen aus. Träger ist das Deutsche Rote Kreuz. Früher war hier ein Seniorenbüro - mit Angeboten zu Gymnastik und Gedächtnistraining. Vor 2 Jahren wurde das "Haus der Begegnung" zum Mehrgenerationenhaus ausgebaut.

Stand der Entwicklung der Mehrgenerationenhäuser

Bis zum Jahr 2010 sollen an 439 Standorten in allen Landkreisen und kreisfreien Städten Deutschlands Mehrgenerationenhäuser entstehen, die durch den Aufbau verlässlicher Strukturen auch nach Beendigung der Bundesförderung fortbestehen.
Derzeit wird im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Konzept ausgearbeitet und eine geeignete Arbeitsstruktur vorbereitet, um dieses Vorhaben in den nächsten Jahren erfolgreich umsetzen zu können.
Länder und Kommunen, Wirtschaft, Verbände, Kirchen und gesellschaftliche Gruppen werden durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in die Planung und Realisierung des Programms eingebunden. Erste Informationsgespräche dazu werden im 2. Quartal 2006 stattfinden und den Startschuss für eine enge Kooperation bilden.
Im 3. Quartal wird in einer bundesweiten Ausschreibung zur Teilnahme am Aktionsprogramm "Mehrgenerationenhäuser" aufgefordert. Dann wird über Antragsvoraussetzungen, Antragsfristen, Fördermöglichkeiten etc. informiert. Gleichzeitig wird eine Servicestelle eingesetzt, die potenzielle Antragsteller informiert und berät.
Im 4. Quartal beginnt die Etablierung in der Fläche mit dem Ziel, im Verlauf des im Koalitionsvertrag genannten Zeitrahmens von fünf Jahren in allen Landkreisen und kreisfreien Städten präsent zu sein. Im Koalitionsvertrag wurde vereinbart, das für jedes Mehrgenerationenhaus 40 000 € aus Mitteln des Bundes zur Verfügung gestellt werden. Damit können die vor Ort notwendigen Sachmittel finanziert werden. Eine Förderung des Erwerbs oder Umbaus einer geeigneten Immobilie ist nicht vorgesehen.
Die Realisierung des Aktionsprogramms steht noch unter dem Vorbehalt der Ergebnisse der Verhandlungen und der parlamentarischen Beratung. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist aber zuversichtlich, dass dieses wichtige Vorhaben auf den Weg gebracht werden kann. 

Kontakt: 

Einrichtungen, Initiativen oder Kommunen, aber auch Privatpersonen, die sich für den Aufbau eines Mehrgenerationenhauses interessieren, können bereits jetzt ihr Interesse anmelden unter MehrGenerationenHaus@bmfsfj.bund.de. Die Interessenten erhalten dann zeitgleich mit der öffentlichen Bekanntgabe der Ausschreibung im Herbst 2006 eine Information, so dass eine Beteiligung am Ausschreibungsverfahren sicher gestellt ist.


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