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Stellungnahme der Allianzverbände NRW - Können wir uns keine Psychotherapie für Kinder und Jugendliche leisten?

Die ALLIANZ PSYCHOTHERAPEUTISCHER BERUFS- U. FACHVERBÄNDE (NRW) betont, dass neben der zunehmend wichtiger werdenden Bildung als Zukunftsressource die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen Beachtung finden muss.


Die dafür nötigen Behandlungsmöglichkeiten brauchen dringend einen angemessenen Stellenwert und materielle Unterstützung. Nur zu leicht wird verleugnet, dass bestehende psychische Störungen massive Gefahren für die weitere Entwicklung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit zukünftiger Generationen bedeuten. Unabdingbar ist daher, diesen Erkrankungen deshalb frühzeitig, gründlich und fachkundig entgegen zu wirken, wie wir nachfolgend aufzeigen.

Bei der sogenannten "Bedarfsplanung", die vor drei Jahren als Grundlage für die Zulassung von PsychotherapeutInnen in freier Praxis durchgeführt wurde, wurden Psychologische PsychotherapeutInnen (PP) und Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (KJP) in einer Kategorie zusammengefasst. Es scheint den Initiatoren dieser Bedarfserhebungen entgangen zu sein, dass Kinder und Jugendliche eigene Bedarfe haben. Inzwischen ist durch verschiedene Studien eindeutig belegt worden, dass die Versorgungslücke bei der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in ambulanter Kassenpraxis noch erheblich größer ist als die Lücke im Erwachsenenbereich. Gleichzeitig geraten die öffentlichen Geldgeber immer stärker unter Druck und müssen sparen und auch dies geschieht zur Zeit im Bereich der ambulanten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, indem z.B. in Nordrhein-Westfalen die Landesmittel für Erziehungsberatungsstellen, die einen großen Teil der psychosozialen (auch psychotherapeutischen) Versorgung von Kindern und Jugendlichen erbringen, ersatzlos gestrichen werden sollen.

Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen scheint eine Marginalie zu sein, nicht weiter beachtenswert und bei knappen Kassen gut verzichtbar. Aber stimmt das?
Kann es sich eine Gesellschaft wie die unsere leisten, diejenigen Kinder und Jugendlichen, die sich nicht zurechtfinden, die die geforderten Leistungen nicht in der erwarteten Form erbringen, die zu laut und aggressiv, zu zappelig und impulsiv oder auch zu schüchtern und verängstigt sind, um den Anforderungen unserer Gesellschaft zu genügen, einfach sich selbst, ihren überforderten Familien, medikamentenspendenden Ärzten und schulischer Vernachlässigung zu überlassen?
Gerade wird im Bildungsbereich aufgrund der beeindruckend schlechten Leistungen deutscher Schüler im internationalen Vergleich eine umfassende Debatte geführt, in der von niemandem bezweifelt wird, dass materielle Ressourcen und konzeptionelle Innovationen notwendig sind, um hier langfristig wieder internationale Konkurrenzfähigkeit herzustellen.

Dies wird aber nicht gelingen, wenn die schulische (und vorschulische) Bildung der einzige Ansatzpunkt der Debatte bleibt. Kinder mit psychischen Problemen werden auch bei besserem Unterricht nicht die Leistung erbringen können, zu der sie eigentlich in der Lage wären, aber das ist nur ein Teilproblem.

Wichtiger ist noch, dass nicht nur die schulische Bildung, sondern auch die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in einer komplexen Welt nicht nur von individueller Bedeutung ist, sondern auch die Grundlage für die Zukunft unserer Gesellschaft darstellt. Unbehandelte psychische Störungen persistieren nicht nur, sie kumulieren. Das bedeutet, dass unbehandelte Störungen ein Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer und auch sozialer Störungen darstellen. So ist z.B. bekannt, dass bereits Regulationsstörungen im Kleinstkindalter, sofern sie unbehandelt bleiben, das Risiko für eine spätere hyperaktive Störung erhöhen, diese wiederum die Gefahr einer aggressiven Verhaltensstörung, diese wiederum Jugenddelinquenz, schulisches Versagen und später - bei den dann Erwachsenen - auch gewalttätiges Verhalten in der Familie sowie die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen fördert. In diesen Familien sind dann wiederum alle Risikofaktoren vorhanden, damit die darin lebenden Kinder erneut, im Rahmen eines Generationentransfers, die gleichen Probleme entwickeln.

Eine demokratische, pluralistische, leistungsfähige, soziale Gesellschaft kann sich dies eben nicht leisten. Durch den Verzicht auf kompetent durchgeführte (und damit notwendigerweise auch: angemessen vergütete) Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wird nicht nur individuelles Leid produziert, es wird auch die Zukunft einer gerechten, sozialen und leistungsfähigen Gesellschaft verspielt.

Kontaktmöglichkeiten:

Dr. Michael Borg-Laufs, Essen
Diplom-Psychologe
Psychologischer Psychotherapeut
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
Erziehungsberatungsstelle Essen-Frillendorf, Elisenstraße 64, 45139 Essen
Tel. 0201 238959, Fax 0201 238436 borg-laufs(at)freenet(dot)de

Dipl. Psych. Andreas Pichler
Geschäftsführender Sprecher der ALLIANZ PSYCHOTHERAPEUTISCHER BERUFS- & FACHVERB�?NDE (NRW)
Rotdornstr. 14, 53639 Königswinter,
Tel. 02244 �?? 874 653, Fax 02244 �?? 874 645, Email: pichba(at)aol(dot)com

 


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