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Brief an die Bundesanstalt für Arbeit


(bzgl. Blätter zur Berufskunde 2-II B 31: Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in)

Sehr geehrte Damen und Herren,

in den o.a. Blättern zur Berufskunde stellen Sie den Beruf des/der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in vor. Obwohl Sie im Vorwort erwähnen, dass nach dem neuen Psychotherapeutengesetz nun auch andere als tiefenpsychologische Ausbildungen in diesem Bereich möglich sind, beschreiben Sie in ihrer Broschüre weiterhin ausschließlich die tiefenpsychologische Variante der Ausbildung.

Im Vorwort begründet der Autor dieses Vorgehen damit, dass zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des Psychotherapeutengesetzes ausschließlich tiefenpsychologische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/inn/en im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung zugelassen waren. Diese Begründung erscheint wenig stichhaltig: Wenn nun endlich eine neue gesetzliche Grundlage geschaffen wurde, die dazu führt, dass eine wissenschaftlich völlig unbegründete Monopolstellung tiefenpsychologischer Psychotherapieschulen aufgehoben wird, ist mir nicht recht klar, warum in diesbezüglicher berufsorientierender Literatur diese Monopolstellung weiter tradiert wird. Da sich möglicherweise viele Interessenten mit Hilfe der "Blätter zur Berufskunde" über das Berufsfeld informieren, wird dies eher dazu führen, dass der verhaltenstherapeutisch orientierte KJP auch weiterhin eher als Randerscheinung wahrgenommen wird, während tiefenpsychologische KJP als "Normalfall" dargestellt werden.

An einigen Stellen der Broschüre wird noch einmal besonders deutlich, dass die hier vom Autor der Broschüre gewählte Vorgehensweise letztlich unangemessen ist:

    • Auf. S. 5 wird darauf verwiesen, dass es auch andere als tiefenpsychologische Verfahren gäbe und es werden die DGVT und die GwG (Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie) als Anbieter genannt. Unabhängig von einer inhaltlichen Bewertung muss hier festgehalten werden, dass Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie zur Zeit als Richtlinienverfahren anerkannt sind, während humanistisch orientierte Therapieverfahren - die in den Zuständigkeitsbereich der GwG fallen - diesen Status zur Zeit nicht haben. Wenn hier also auf der einen Seite Tiefenpsychologie als "Normalfall" und auf der anderen Seite Verhaltenstherapie und Gesprächspsychotherapie als Alternative dazu dargestellt werden, ist dies nicht richtig: Verhaltenstherapie ist - im Gegensatz zur Gesprächspsychotherapie bzw. nondirektiven Spieltherapie - ebenso ein anerkanntes Richtlinienverfahren wie die analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. (Es sei nochmals darauf verwiesen, dass wir hiermit keine inhaltliche Wertung vornehmen wollen, sondern lediglich auf die bestehende Rechtslage hinweisen).
    • Auf den folgenden Seiten (S.6-9) werden inhaltliche Angaben gemacht, die ausschließlich auf die analytisch orientierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie zutreffen. Wenn Interessenten sich von diesen Beschreibungen nicht angesprochen fühlen, sich aber gleichzeitig nicht darüber im Klaren sind, wie stark inhaltlich unterschiedlich die Alternative (verhaltenstherapeutische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie) wäre, fehlt ihnen eine wichtige Information zur Berufswahl.
    • Die folgenden Abschnitte über Ausübungs- und Aufstiegsformen wären problemlos so formulierbar, dass sie sowohl für analytische als auch für verhaltenstherapeutische KollegInnen treffend wären (z.B. müsste auf S. 11 in der tabellarischen Übersicht bei der Beschreibung als freiberuflicher KJP in der Ausbildung lediglich das Wort "analytisch" gestrichen und zwischen "Dozenten" und "Kontrollanalytiker" das Wort "Supervisoren" eingefügt werden.
    • Auch der gesamte folgende Abschnitt über die Ausbildung könnte mit relativ wenig Aufwand so umformuliert werden, dass er für beide anerkannte Therapieformen gilt. Die formalen Ausbildungsvoraussetzungen und -bedingungen sind ja identisch, nur einige wenige inhaltliche Aussagen müssten differenziert werden.
    • Im Abschnitt "Ausbildungsstätten" werden ausschließlich tiefenpsychologische Institute benannt, obwohl es inzwischen eine Fülle verhaltenstherapeutisch orientierter Ausbildungsinstitute gibt. Um die Seitenzahl der Broschüre nicht unverhältnismäßig aufzublähen, könnten hier möglicherweise nur die Adressen der überregionalen Träger oder Instituts-Zusammenschlüsse aufgeführt werden - allerdings unter Einbezug der verhaltenstherapeutisch orientierten Institute. Gerade an dieser Stelle - der konkreten Benennung der Ausbildungsinstitute - entsteht eine völlig verzerrte Wettbewerbssituation: Tiefenpsychologisch orientierte Institute werden namentlich und mit voller Adresse in einer quasi "neutralen" und offiziellen Broschüre des Arbeitsamtes genannt, während die anderen Anbieter am Markt ungenannt bleiben.
    • Schließlich sei noch auf die Literaturhinweise auf den Seiten 30/31 verwiesen, die ausschließlich tiefenpsychologisch orientierte Schriftenreihen und Bücher betreffen.

Da in der Vergangenheit - vor Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes am 1.1.1999 - die Berufsbezeichnung "Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut" tatsächlich tiefenpsychologisch orientierten KollegInnen vorbehalten war (obwohl auch schon seit langer Zeit verhaltenstherapeutisch orientierte KollegInnen mit Kindern und Jugendlichen arbeiteten, sie hießen damals aber eben nicht "Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutIn"), ist es nachvollziehbar, dass die 1998 in 7ter Auflage erschienene Broschüre noch diesen Stand beschreibt.

Für zukünftige Auflagen der Broschüre möchten wir aber dringend empfehlen, deutliche Veränderungen vorzunehmen. Zusammengefasst ergibt sich diese dringende Empfehlung aus folgenden Sachverhalten:

    • Die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen sollten unbedingt auch - außer in Randbemerkungen - ihren Niederschlag in offiziellen Informationsbroschüren des Arbeitsamtes finden, da Sie sonst InteressentInnen schlichtweg unzureichend informieren.
    • Die inhaltlichen Beschreibungen, die ausschließlich tiefenpsychologische Inhalte referieren, stellen das Berufsbild verzerrt dar: Verhaltenstherapeutische KollegInnen arbeiten völlig anders als hier beschrieben.
    • Die formalen Beschreibungen können mit wenig Aufwand den aktuellen Bedingungen angepasst werden, da die formalen Voraussetzungen und Bedingungen bei tiefenpsychologischen und verhaltenstherapeutischen Ausbildungen gleich sind.
    • Die ausschließliche Konzentration auf ein therapeutisches Verfahren, die darin gipfelt, ausschließlich Ausbildungsinstitute dieses Verfahrens namentlich und mit Adresse zu benennen, während die anderen Anbieter außen vor bleiben, führt zu einer sicherlich auch von Ihnen nicht gewünschten Wettbewerbsverzerrung.

Wir hoffen, dass Sie diesen Brief als hilfreiche Anregung verstehen, bei zukünftigen Auflagen das Berufsbild auch zutreffend dem aktuellen Stand entsprechend zu beschreiben.

Über eine Rückmeldung von Ihnen würden wir uns freuen.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Dr. Michael Borg-Laufs
(Sprecher der Fachgruppe)


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