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Fachtagung der Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der DGVT in Berlin am 24.2.2002

Von: Claudia Ruff, Bottrop

Auf dem Weg zu einer allgemeinen Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie - eine diskursive Annäherung


Ein persönlicher Bericht
Am 24. Februar 2002 fand die Fachtagung der Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der DGVT statt. Birgit Wich-Knoten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit freier Praxis in Münster, und Prof. Dr. Hans-Peter Michels aus Cottbus hatten Vertreter verschiedener Therapieschulen eingeladen. Nach eigenen Aussagen handelte es sich um Vertreter, die "sich in der Vergangenheit [..] als offen für eine allgemeine KJPsychTh (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie) gezeigt haben, kritisch und selbstkritisch, vor allem aber auf sehr konkretem Niveau die Möglichkeiten der Integration der Therapieschulen öffentlich zu diskutieren", wie es in der Ankündigung heißt. Spätestens seit Grawes Arbeit in der Erwachsenentherapie wird wohl kein Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut der Notwendigkeit einer allgemeinen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ablehnend gegenüber stehen. Im Rahmen dieser Fachtagung sollte der Versuch unternommen werden, die Vorstellungen von einer Überwindung der Therapieschulen zu konkretisieren. Mit Spannung erwarteten Publikum und Vortragende Anworten auf die Fragen: Welche Grundannahmen, Vorgehensweisen und Wirkfaktoren halten die Vertreter der einzelnen Therapieschulen für unverzichtbar für eine allgemeine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie? In wie weit ist ein Konsens über wirksame psychotherapeutische Interventionen, ihre Überprüfung und Weiterentwicklung möglich?
Matthias Grünke war als Vertreter der rational-emotiven Therapie eingeladen worden. Grünke betonte die typischen Eigenschaften dieser Therapieform. Dazu gehört beispielsweise das direktive, übungsbetonte Vorgehen. Die ausgedehnten Übungen sollen zu neuen Erfahrungen und darüber zur Einstellungsänderungen führen. Bei der rational-emotiven Therapie mit Kindern und Jugendlichen, die auch eine Erziehungsmethode ist, werden auch die Bezugspersonen einbezogen. Die Entwicklung einer allgemeinen Psychotherapie für Kinder und Jugendliche verläuft nach den Theorien des rational-emotiven Ansatzes über die Auswahl von Techniken, die sich in der Praxis bewähren. Im Anschluss an dieses pragmatische Vorgehen kann es nach Ellis zu einer Integration auf Theorieebene und der Suche nach den allgemeinen Wirkfaktoren der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie kommen.
Bruno Metzmacher als Vertreter der integrativen Therapie, bezog sich in seinem Referat auf tiefenpsychologische Ansätze. Er erinnerte an eine wichtige Erkenntnis der Entwicklungspsychologie: Risikofaktoren, wenn sie auch noch so gut beschrieben werden, wirken immer über die Verarbeitung des Kindes. Dem inneren Schema des Kindes kommt in der tiefenpsychologischen Kindertherapie deshalb eine besondere Bedeutung zu. Das verstehende, ganzheitliche Konzept einer allgemeinen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie beeindruckte mich sehr. Dagegen vermisste ich im Vortrag einen wissenschaftlichen Ansatz, der die Bedeutung des Sinnverstehens durch das Kind erfassen könnte.
Stefan Schmidtchen stellte den möglichen Beitrag einer klientenzentrierten Spieltherapie für eine allgemeine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie dar. Die personenzentrierte Gestaltung der therapeutischen Beziehung und das intrinsisch motivierte, selbstinitiierte Spiel sind wichtige Elemente der klientenzentrierten Spieltherapie. Neben der Entwicklungsförderung durch das therapiegeleitete Spiel erhält die Familie eine klientenzentrierte Familientherapie als Mittel der Entwicklungsunterstützung. Der Referent sprach sich für eine sorgfältige wissenschaftliche Überprüfung des Verfahrens aus. Das Bedauern des Referenten, dass auf Grund mangelnder Finanzierung mit einer solchen Evaluation jedoch nicht zu rechnen sei, fand auch im Publikum seinen Widerhall.
Günther Geiken vertrat die Grundpositionen der systemischen Therapie. Dazu gehört die Autonomie der Systeme, ihre Eigendynamik und ihre Berührung zur Umwelt. Die individuellen Probleme und die inneren Konstrukte der Systemmitglieder verändern sich ständig durch Kommunikation. Das Motto, das Geiken gerne in eine allgemeine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie einbringen möchte: "Man muss die Welt nicht verstehen, sondern sich in ihr zurechtfinden.".
Klaus Fröhlich-Gildhoff, eingeladen als Vertreter der Gesprächspsychotherapie, vertrat die These, dass die Praxis bereits weiter sei als die Therapieschulen. In Anlehnung an die Arbeit von Grawe verlangte der Referent, dass auch in der Kinderpsychotherapie nach Wirkfaktoren geforscht werden müsse. Der Gestaltung der therapeutischen Beziehung komme auch in der Kinder- und Jugendpsychotherapie eine besondere Bedeutung zu.
Michael Borg-Laufs, Vertreter der Verhaltenstherapie, zeigte die historische Entwicklung der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie als Wissenschaft auf. Forschung sei notwendig sowohl innerhalb der einzelnen Therapieschulen und als auch beim Finden übergreifender Wirkfaktoren. Der Referent stellte die Flexibilität der Verhaltenstherapie bei der Verwendung verschiedener Methoden heraus. Eine Hemmung schulenübergreifender Forschung sah der Referent in der gesetzlichen Festschreibung der Therapieformen, die wissenschaftlich nicht begründet werden kann.
Nach den Vorträgen stellte sich die Frage, wo denn nun die Unterschiede seien? Vor der Auseinandersetzung mit der zentralen Frage der Veranstaltung versicherten sich alle Beteiligten, dass es in erster Linie um eine Stärkung der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gehen müsse. Momentan stehe die Kindertherapie auf Grund der gesetzlichen Lage in Deutschland erst an dritter Stelle nach Schulpsychologie und Jugendhilfe.
Am Ende der Tagung sollte die Anwendung der Methoden einzelner Therapieschulen auf die Lebenswirklichkeit von Kindern stehen. Es wurde ein kurzer Film gezeigt, der einen meiner Meinung nach sehr lebensnahen Ausschnitt aus der Lebenssituation von Kindern zeigte: Eine Mutter übt in einer Beratungsstelle, vor laufender Kamera, ein Diktat mit ihrem Kind. Neben der persönlichkeitsverletzenden, wenig hilfreichen Kritik der Mutter wird auch das Leid des gezeigten Kindes sehr deutlich. In der engagierten Diskussion entging einigen Teilnehmern, dass hier nicht eine hervorgerufene Foltersituation sondern die Lebenswirklichkeit von Kindern gezeigt wurde. Der Status von Kindern in der Gesellschaft, der sich in dieser kurzen Sequenz mit aller Brutalität zeigt, spiegelt sich in den wenigen Förderungsmöglichkeiten von Forschung zur Kindertherapie wider.
Eine fundierte wissenschaftliche Untermauerung der Wirkfaktoren der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist dringend erforderlich und sollte nicht mit einem vorschnellen Eklektizismus -dem Ausweichen auf Interventionen, die eben offensichtlich wirken- aufgefangen werden. Die Zurückhaltung bei der Diskussion, welche Methoden denn nun wirksam seien und welche nicht, würden eher die gesetzlichen Vorgaben mit ihrer künstlichen Trennung von verhaltenstherapeutischen und tiefenpsychologischen Therapieformen festschreiben, als zu einer allgemeinen Psychotherapie für Kinder und Jugendliche zu führen. Die Enttäuschung, die ich von vielen Tagungsteilnehmern über die wenig konkrete Diskussion der Therapieansätze hörte, ist verständlich. Die schnelle Lösung über den direkten Vergleich der Wirksamkeit einzelner Interventionen konnte es in dieser Veranstaltung aber nicht geben. Der Erfolg der Tagung besteht zu Einem darin, dass ein Austausch der Vertreter verschiedener Therapieschulen ermöglicht worden ist, wie er so direkt selten zu finden ist. Auf der anderen Seite ist sehr deutlich geworden, worum sich Vertreter einer allgemeinen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie bemühen sollten: An erster Stelle sollte der Diskurs mit der Grundlagenforschung, der angewandten Forschung und den klinisch Tätigen stehen. Die Berichte und Stellungnahmen der Referenten der Fachtagung werden in Kürze im DGVT-Verlag veröffentlicht.


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