< vorheriger Artikel

Stellungnahme zum Psychotherapeutengesetz anlässlich der Anfrage aus dem Ministerium vom Oktober 2000

Von: Monika Bormann, Bochum und Ute Sonntag, Bremen

  • DGVT-Stellungnahme zum Psychotherapeutengesetz
  • Gesetzgeberischer Nachbesserungsbedarf beim Psychotherapeutengesetz (PsychThG) Allianz Psychotherapeutischer Berufs- u. Fachverbände
  • Anerkennung von Beratungsstellen als mögliche Institutionen für praktische Ausbildung und praktische Tätigkeit in der Ausbildung von Psychologischen PsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen von Dr. Michael Borg-Laufs, Essen
  • Stellungnahme der DGVT-Arbeitsgemeinschaft "Frauen in der psychosozialen Versorgung" zum Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und zu den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen Monika Bormann, Bochum - Ute Sonntag, Bremen


An
das Bundesministerium für Gesundheit
Am Probsthof 78a
53121Bonn

29.12.2000

Ihre Anfrage vom 25.10.2000, Az. 224-44715:

Stellungnahme zum Psychotherapeutengesetz

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Dr. Schulte-Sasse,

die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie begrüßt uneingeschränkt das Psychotherapeutengesetz von 1998. Damit wurde eine Jahrzehnte währende Benachteilung vieler qualifizierter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten beseitigt, und es wurden wichtige Voraussetzungen für eine deutliche Verbesserung der psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung geschaffen. Mit der Einführung der neuen Heilberufe wurden auch die zentrale Bedeutung der Psychologie als Grundlagenwissenschaft für die Psychotherapie und die Relevanz eines damit verbundenen sozialwissenschaftlichen Modells von Krankheit und Gesundheit für die Medizin anerkannt.

Gleichwohl bedeutete dieses Gesetz einen Kompromiss widerstreitender Interessen in einer Zeit, in der im Gesundheitswesen bereits die Probleme der Kostenexplosion zu Ausgabenbegrenzungen veranlassten. Dies führte dazu, dass manche Vorgaben und Festlegungen des Gesetzes Kompromissformeln waren, die - teilweise kurzfristig entworfen - nunmehr deutlich ihren vorläufigen Charakter zeigen und auf Revisionsbedarf hinweisen.

Vor diesem Hintergrund freuen wir uns, dass das Ministerium die mehrfach wiederholte Ankündigung von Ministerin Fischer im zurückliegenden Jahr umgesetzt und alle Verbände um eine Stellungnahme zum Revisionsbedarf beim Psychotherapeutengesetz gebeten hat. Dieser Aufforderung kommen wir gerne nach.

Gemeinsam mit den anderen Verbänden der Allianz psychotherapeutischer Berufs- und Fachverbände hat die DGVT eine Stellungnahme zu den Punkten erarbeitet, die allen beteiligten Verbände vorrangig erschienen. Diese Positionsbeschreibung (siehe Anlage 1) wird ausdrücklich von uns unterstützt.

Darüber hinaus möchten wir auf einige Aspekte hinweisen, die über diese Punkte hinausgehen. Diese ergänzenden Positionen der DGVT ergeben sich daraus, dass sie sich als Fachverband für Verhaltenstherapie einerseits für eine psychosoziale Versorgung im Interesse der Bevölkerung einsetzt und dass sie andererseits seit 30 Jahren Aus- und Weiterbildung in Verhaltenstherapie durchführt. Seit 1998 erfolgen diese Ausbildungen auch nach den Vorgaben des Psychotherapeutengesetzes, so dass wir zu diesem Bereich inzwischen über vielfältige Erfahrungen verfügen. In der Psychotherapeutenausbildung legen wir besonderen Wert auf qualifizierte und wissenschaftlich begründete Ausbildungscurricula, die aber gleichzeitig (im Interesse der AusbildungsteilnehmerInnen) sachgerechtes Wissen in ökonomischer Form vermitteln und somit vermeidbare Kostenfaktoren begrenzen. Daraus ergeben sich für uns einige, über die Allianz-Stellungnahme hinausgehende Vorschläge zur Revision des Gesetzes, die wir im Folgenden darlegen. Die Stellungnahme orientiert sich an den Paragraphen des Gesetzes (Artikel 1):

§ 2 Approbation

è Wir regen an, in einem eigenen zusätzlichen Absatz die Einführung einer vorläufigen Approbation für AusbildungsteilnehmerInnen (ggf. nach Absolvierung eines Teils der Ausbildung) zu ermöglichen - etwa vergleichbar zur vorläufigen Approbation des Arztes im Praktikum (AiP).

Begründung: Viele AusbildungsteilnehmerInnen sind begleitend zu ihrer Ausbildung in Kliniken, Ambulanzen oder Beratungsstellen beschäftigt und könnten hier ohne weiteres Therapiefälle für die praktische Ausbildung unter Supervision behandeln. Wenn sie keine (vorläufige) Approbation haben, ist dies als Krankenbehandlung - formalrechtlich - gegenwärtig nur dann zulässig, wenn sie eine Heilpraktikerzulassung (ggf. eingeschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie) besitzen. Gerade die Notwendigkeit der Heilpraktikerzulassung für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder-/Jugendlichenpsychotherapeuten sollte mit dem Gesetz aber doch abgeschafft werden. Die Fallarbeit in der Klinik, in der man beschäftigt ist, wird es vielen AusbildungsteilnehmerInnen ermöglichen, die eigene Berufstätigkeit und die Ausbildung in sinnvoller Weise zu ergänzen. Sie wird in den Instituten den Organisationsaufwand für die Ausbildungsambulanzen verringern. Und sie wird dazu führen, dass die AusbildungsteilnehmerInnen für ihre Arbeitsstätten attraktiver werden, weil sie dann auch bereits während der Ausbildung qualifiziert tätig sein können.

§ 5 Ausbildung und staatliche Prüfung

  • Absatz 1: Die Bezeichnungen Vollzeitausbildung und Teilzeitausbildung sollten gestrichen werden. Neuer Formulierungsvorschlag: "Die Ausbildungen .... dauern drei oder fünf Jahre."
    Begründung
    : Ausbildungen für Psychotherapeuten erfolgen in allen Fällen berufsbegleitend. Der Unterschied zwischen den beiden gegenwärtig umgesetzten Ausbildungsformen liegt allein in der Gesamtlänge der Ausbildungen. Egal, ob der Ausbildungsteilnehmer eine (feste) Stelle in der Psychiatrie hat oder in anderen Einrichtungen, er muss alle Vorgaben der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung separat nachweisen. Die angesprochenen Bezeichnungen "Vollzeit-/Teilzeitweiterbildung" legen eine nicht sachgerechte Analogie zur Berufstätigkeit und zur Ärztlichen Weiterbildungsordnung nahe, sie sind insofern missverständlich und führen zu regelmässigen - vermeidbaren - Nachfragen durch Ausbildungsinteressenten.
  • Absatz 3: Hier halten wir es für angemessen, wenn - wie in anderen Psychotherapeutenausbildungen bislang üblich - gleichwertige Ausbildungsinhalte aus dem Studium bzw. vergleichbarer Ausbildungen anerkannt werden. Denkbar wäre es, eine Höchstgrenze von z.B. 200 Stunden festzulegen. Für die praktische Durchführung wäre es sinnvoll, wenn diese Anerkennung der Gleichwertigkeit, wie in universitären Studiengängen üblich, von der Ausbildungsstätte vorgenommen wird.
    Begründung
    : Die Inhalte der theoretischen Ausbildung nach den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen, die durchaus sachgerecht und umfassend sind, wiederholen zu weiten Teilen die Inhalte des Studienschwerpunktes Klinische Psychologie (vgl. Umfrage der Fachgruppe Klinische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie). Sie sind insofern redundant und stellen einen vermeidbarer Kostenfaktor für die AusbildungsteilnehmerInnen dar.

§ 8 Ermächtigung zum Erlass von Rechtsverordnungen

  • Absatz 3: Veränderung der Vorgaben für die Ausbildungs- und Prüfungsverordungen zum Bereich praktische Tätigkeit nach Punkt 3:
    (a) Die Dauer der Praktischen Tätigkeit in Psychiatrischen Einrichtungen sollte von einem Jahr (1.200 Stunden) auf ein halbes Jahr (600 Stunden) (in Abschnitten von drei Monaten) in den Ausbildungen beider Berufe reduziert werden.
    (b) Für die zweite Phase der praktischen Tätigkeit (600 Stunden) sollten Psychologische Beratungsstellen als weitere Orte der praktischen Tätigkeit zugelassen werden (neben Einrichtungen, die von einem Sozialversicherungsträger anerkannt sind, und Psychotherapeutischen Praxen).
    Begründungen:
    (zu a) Die Praktische Tätigkeit dient insbesondere dazu, Kontraindikationen und spezifische Behandlungssettings für psychotherapeutische Arbeit kennenzulernen. Hierfür ist unseres Ermessens der genannte Zeitraum für die Tätigkeit in einer psychiatrischen Einrichtung voll ausreichend. Je länger dieser Ausbildungsabschnitt dauert, umso häufiger müssen die AusbildungsteilnehmerInnen dafür ihre bisherigen Arbeitsstellen kündigen, um dann, da sie in diesen Einrichtungen im Status des Praktikanten zumeist kein Geld erhalten, nicht selten Sozialhilfe zu beantragen. Dies kann nicht im Sinne einer zielorientierten Ausbildungskonzeption liegen.
    (zu b) In psychologischen und psychosozialen Beratungsstellen wird nach den allgemein üblichen Aufgabenbeschreibungen ein hochstehende umfassende und lebensweltorientierte Psychotherapie erbracht, die sich - ausser durch die Kostenträgerschaft - inhaltlich und fachlich nicht von der Tätigkeit im Rahmen der GKV unterscheidet. Da durch die Hereinnahme von Rehabilitationseinrichtungen ("von Sozialversicherungsträgern anerkannte Einrichtungen") ohnehin auch nicht-GKV-Einrichtungen als Orte der Praktischen Tätigkeit zugelassen sind, wäre die Erweiterung auf die qualifizierten Psychologischen Beratungsstellen (unter Leitung eines Psychotherapeuten) nur konsequent. Hier kann ein psychotherapeutisches Arbeitsfeld kennengelernt werden, welches für viele AusbildungsteilnehmerInnen eine zukünftige Wirkungsstätte darstellen wird und hier kann ein umfassender Behandlungsansatz (wie in der Rehabilitation unter integraler Einbeziehung weiterer Behandlungskomponenten als der Einzelpsychotherapie) erlebt werden, der für ein zukünftiges Gesundheitswesen von besonderer Bedeutung ist (vgl. auch die ausführliche Stellungnahme zu diesem Punkt von Dr. Michael Borg-Laufs, dem Leiter der DGVT-Fachgruppe Kinder-/Jugendlichenpsychotherapie, in Anlage 2).

Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen zum Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder-/Jugendlichenpsychotherapeuten:

    • Viele der Vorgaben dieser Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen sind nach den jetzt vorliegenden Erfahrungen nicht sachgerecht und bedürfen einer dringlichen Revision: Hierzu zählen:
      • Supervision (zwei statt drei Supervisoren, 100 statt 150 Stunden Supervision, deutlich verminderte Zahl der Einzelsupervisionsstunden).
      • Selbsterfahrung (deutliche Reduktion der 120 Stunden Vorgabe, da deren fachliche Relevanz wissenschaftlich nicht belegt und deren Umfang nach früheren Erfahrungen deutlich vermindert werden kann, wollte man diesen Punkt auf Erfahrungswissen begründen).
      • Veränderung der in § 1 Abs. 3 vorgegebenen Länge von 4.200 Stunden für die Ausbildung. Nach Einschätzung vieler Beteiligter liegt bei dieser Zahl ein Rechenfehler zugrunde, denn die "Einzel-Vorgaben" für die Ausbildungs-Curricula und andere Vorgaben addieren sich nicht auf diese Zahl, so dass eine, oft als "freie Spitze" apostrophierte Zahl von 930 Std. übrig bleibt, die laut Zulassungbehörden dennoch ausgefüllt werden. Dies kostet unnötig Zeit und Aufwand für alle Beteiligten.
      • Prüfungen (zu aufwendige und damit komplizierte und - letztlich für die AusbildungsteilnehmerInnen - kostspielige Gestaltung). Deutliche Verschlankung (z.B. Abschaffung des schriftlichen Teils oder der mündlichen Einzelprüfung), weniger PrüferInnen und Abschaffung der Vorgabe, dass ein Arzt bzw. eine Ärztin als Prüfer zu beteiligen ist (völliges und unbegründbares Novum im deutschen Ausbildungswesen, dass Angehörige eines akademischen Berufes durch Angehörige eines anderen Berufes geprüft werden).
      • Stärkere Berücksichtigung der Geschlechtsperspektive bei der Ausgestaltung der Curricula (vgl. Stellungnahme der "AG Frauen in der psychosozialen Versorgung" der DGVT in Anlage 3)

       

Zu den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen wurde zwar keine Stellungnahme erbeten. Wir erwarten aber, dass hier ebenfalls die Bereitschaft des Ministeriums besteht, eine kritische Überprüfung und ggf. Revision vorzunehmen.

Wir bitten Sie, die vorstehenden Überlegungen bei der Beratung über den Revisionsbedarf zum Psychotherapeutengesetz zu berücksichtigen. Bei Rückfragen stehen wir natürlich jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

(Heiner Vogel)


Anlagen


Allianz Psychotherapeutischer Berufs- u. Fachverbände
c/o K.Flamm,
Klemens-Hofbauer-Str. 65,
53117 Bonn

Stellungnahme

zur Anfrage des Bundesministeriums für Gesundheit
Geschäftszeichen 224 - 44715

Gesetzgeberischer Nachbesserungsbedarf beim Psychotherapeutengesetz (PsychThG)

Bonn, den 22. Dezember 2000

I. Berufsrechtlicher Novellierungsbedarf

1. Einbezug der neuen Heilberufe in Prävention und Rehabilitation

Gefordert wird die Erweiterung des psychotherapeutischen Heilkundebegriffs um präventive und rehabilitative Funktionen und um den Einbezug der Fachkompetenz der Psychotherapeuten bei der Definition von präventiven und rehabilitativen Leistungen.

(Änderungsbedarf: § 1 Abs. 3 PsychThG, Folgeänderungen im 3. und 4. Abschnitt SGB V und entsprechend im SGB VI, VII, VIII und IX)

2. Ersatzlose Streichung der Anforderung: "Somatische Abklärung vor Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung"

Zum Schutz der Patienten vor unsachgemäßer Behandlung reicht es völlig aus, wenn in der Berufsordnung der Psychotherapeuten eine interdisziplinäre Kooperation mit anderen Heilberufen als Berufspflicht verankert ist, sofern dies im Einzelfall indiziert ist.

(Änderungsbedarf: § 1 Abs. 3 S. 2 PsychThG)

3. Schutz der Tätigkeitsbezeichnung "Psychotherapie"

Aufgrund der erheblichen Qualifikationsunterschiede der Behandler nach PsychThG bzw. nach HPG ist der vom Gesetzgeber beabsichtigte Vertrauensschutz des Patienten in die Qualifikation des Behandlers nur unzureichend abgesichert. Über den Titelschutz hinaus fordern wir daher zusätzlich den Schutz der Tätigkeitsbezeichnung "Psychotherapie".

(Änderungsbedarf: § 1 Abs. 1 PsychThG, Folgeänderungen im Strafgesetzbuch und in der Strafprozessordnung)

4. Sachgerechte Rahmenbestimmungen für die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung

Die Anrechnung psychotherapierelevanter Ausbildungsinhalte aus dem Studium muß ermöglicht werden. Anforderungen bzgl. des Psychiatrienachweises müssen auf ihre sachliche Notwendigkeit hin geprüft werden. Es ist Sorge zu tragen, daß eine Vergütung der praktischen Tätigkeit in der Psychiatrie analog vergleichbarer Ausbildungen vergütet wird. Erforderliche Erfahrungen bei der Behandlung psychiatrischer Patienten können sachgerecht nicht nur in stationären psychiatrischen Institutionen, sondern auch in teilstationären Einrichtungen wie auch in der ambulanten Versorgung erworben werden.

Die Fixierung der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung auf traditionelle Therapieverfahren ist in Übereinstimmung mit dem derzeitigen Stand der internationalen Psychotherapieforschung zu modifizieren.

(Änderungsbedarf: § 5,§ 6 und § 8 PsychThG, Abs. 3 und 4; Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen)

5. Zusammensetzung des Wissenschaftlichen Beirats gem. § 11 PsychThG

Die Bindungswirkung der Entscheidungen des Wissenschaftlichen Beirats auch für die psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung von Ärzten und deren psychotherapeutische Berufsausübung ist gesetzlich sicherzustellen. Darüber hinaus sollte dieses Gremium, dessen Entscheidungen für die Berufsausübung der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten von besonderer Relevanz sind, an der zukünftigen Bundespsychotherapeutenkammer verankert werden.

Der Beirat ist alle vier Jahre neu zu besetzen. Er setzt sich auf Psychotherapeutenseite aus Hochschullehrern zusammen, welche vom Bundesministerium für Gesundheit auf Vorschlag der Bundespsychotherapeutenkammer zu ernennen sind. Aufsichtsbehörde für den wissenschaftlichen Beirat ist das Bundesministerium für Gesundheit.

(Änderungsbedarf: § 11 PsychThG)

6. Erprobungsklausel für Psychotherapieverfahren

In der Legaldefinition der psychotherapeutischen Berufsausübung ist eine Erprobungsregelung ("Heilversuch") aufzunehmen.

(Änderungsbedarf: § 1 Abs. 3 PsychThG)

II. Sozialrechtlicher Novellierungsbedarf

1. Erstzugangsrecht gem. § 27 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB V

Um weiterhin einen sachgerechten niedrigschwelligen Zugang zu einer psychotherapeutischen Behandlung zu gewährleisten, sind in den §§ 140 b ff. SGB V entsprechende Ausnahmebestimmungen einschliesslich der sog. Bonusregelung in § 140 g SGB V für den Fall vorzusehen, dass Psychotherapeuten nicht an integrierten Versorgungsformen beteiligt sind.

(Änderungsbedarf: Entsprechende Ergänzungen in §§ 140 ff SGB V)

2. Konsiliarverfahren gem. § 28 Abs. 3 S. 2 SGB V

Wie bereits unter I. 2 ausgeführt, ist die obligatorische Durchführung eines Konsiliarverfahrens fachlich nicht legitimiert, kostentreibend und für die Patienten häufig zusätzlich psychisch belastend. Aus den unter I. 2 ausgeführten Gründen ist das Verfahren daher ersatzlos zu streichen.

(Änderungsbedarf: Streichung des Konsiliarverfahrens in § 28 Abs. 3 S. 2 bzw. § 92 Abs. 6 a Satz 2 SGB V)

3. Erweiterung des Tätigkeitsumfangs der Psychotherapeuten

Die in § 73 Abs. 2 Satz 2 vorgenommene Einengung des Tätigkeitsspektrums der Psychotherapeuten (Ausschluss von der Berechtigung zum Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, von Krankenhauseinweisungen und für die Einbeziehung von Hilfspersonen bei der Umsetzung von Therapiemaßnahmen) ist weder sach- und fachgerecht noch kostensparend; die Entwicklung von ggf. kostengünstigeren Innovationen in der psychotherapeutischen Versorgung wird so verhindert. Der im Bundesmantelvertrag Ärzte/Krankenkassen vorgenommene sachwidrige Ausschluss von Vertretungsmöglichkeiten für Psychotherapeuten ist ebenfalls aufzuheben.

(Änderungsbedarf: § 73 Abs. 2 Satz 2 SGB V und weitere Bestimmungen; Bundesmantelvertrag Ärzte/Krankenkassen)

4. Soziotherapie gem. § 37 a SGB V

Psychotherapeuten sind gem. § 72 Abs. 2 Satz 2 von der Verordnung von Soziotherapie ausgeschlossen, obwohl sie an der Behandlung von Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen in der Versorgungspraxis beteiligt sind. Diese Einschränkung ist ersatzlos zu streichen.

(Änderungsbedarf: § 72 Abs. 2 Satz 2 SGB V)

5. Adäquate Interessenvertretung für die beiden neuen Heilberufe

Für diejenigen Strukturbereiche der Kassenärztlichen Vereinigungen bzw. der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der gemeinsamen Selbstverwaltung, welche die psychotherapeutische Versorgung berühren, sind Änderungen notwendig, die eine direkte Beteiligung der Psychotherapeuten in allen ihre Belange berührenden Gremien ermöglichen. Dazu gehören u.a. auf Bundesebene der Bewertungs- und der Bedarfsplanungsausschuß sowie die Qualitätssicherungskommissionen, auf der Ebene der Kassenärztlichen Vereinigungen u.a. der HVM- und der Organisationsausschuß und entsprechende Änderungen der Vorgaben für das Wahlverfahren (Verhältniswahlrecht ohne Quotierung).

Aufgrund der existierenden und zu erwartenden Probleme bei einer sinnvollen Organisationsreform der Kassenärztlichen Vereinigungen wie auch der gemeinsamen Selbstverwaltung erscheint uns allerdings eine eigenständige Kassenpsychotherapeutische Vereinigung im Sinne einer Körperschaft Öffentlichen Rechts (unter Einbeziehung der hauptberuflich psychotherapeutisch tätigen Ärzte), welche die sozialrechtlichen Belange der Psychotherapeuten regelt, die sinnvollste Lösung für eine bedarfs- und fachgerechte psychotherapeutische Versorgung.

Zu fordern ist aber zumindest eine Sektionierung der Kassenärztlichen Vereinigungen in unabhängige und mit einem Verhandlungsmandat versehene Abteilungen für Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten.

(Änderungsbedarf mindestens: § 79 b, § 80, § 91, Abs. 2a; §§ 136 ff. SGB V)

6. Einbeziehung des wissenschaftlichen Sachverstands in den Bundesausschuss Ärzte/Krankenkassen in der besonderen Zusammensetzung für Fragen der Psychotherapie

Wie die bisherigen Erfahrungen mit diesem Gremium zeigen, werden dringend erforderliche Innovationen unter Einbeziehung der Ergebnisse der empirischen Psychotherapieforschung durch ökonomisch motivierte Gruppeninteressen zu Lasten Dritter - hier der GKV-Versicherten - blockiert oder sachwidrig verzögert. Dies gilt exemplarisch für das unzeitgemässe und wissenschaftlich unzureichend fundierte Gutachterverfahren, dessen gesetzliche Verankerung in § 92 Abs. 6a Satz 1 deshalb ersatzlos zu streichen ist.

Zum Abbau der Innovationsblockaden schlagen wir darüber hinaus vor, dem Wissenschaftlichen Beirat gem. § 11 PsychThG ein Initiativ- bzw. Vorschlagsrecht gegenüber dem Bundesausschuss in der besonderen Zusammensetzung zu Fragen der Psychotherapie einzuräumen. Voten des Wissenschaftlichen Beirats zur psychotherapeutischen Versorgung im Rahmen der GKV sollten nur mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit des Bundesausschusses überstimmt werden können.

(Änderungsbedarf: § 11 PsychThG iVm § 92 Abs. 6 a SGB V)

7. Bedarfsgerechte ambulante psychotherapeutische Versorgung

Die Schutzklausel im PsychThG für psychotherapeutisch tätige Ärzte, wonach diese sich bis zum 31.12.2008 niederlassen können, wenn die ihnen zugestandene Quote von 40 % nicht erschöpft ist, führt zu gravierenden Versorgungsmängeln. Qualifizierte Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten werden dadurch von der Versorgung ausgeschlossen, da zur Feststellung der Bedarfsdeckung die in vielen Regionen von den Ärzten noch nicht ausgeschöpften 40 %-Anteile mitgezählt werden. Wir fordern daher die Aufhebung der den realen Verhältnissen nicht entsprechenden und damit unverhältnismäßigen 40 %-Schutzklausel für psychotherapeutisch tätige Ärzte im Psychotherapeutengesetz und eine am epidemiologischen Bedarf orientierte Bedarfsplanung. Dies erfordert für den Bereich der psychotherapeutischen Versorgung bei Kindern und Jugendlichen gesonderte Verhältniszahlen.

Für die ab dem Jahr 2003 geltende Bedarfsplanung fordern wir eine bedarfsgerechte Ermittlung von Verhältniszahlen auf wissenschaftlicher Grundlage, die regionalen Besonderheiten und den spezifischen Tätigkeitsbedingungen der Psychotherapeuten angemessen Rechnung trägt und - anders als vorgesehen - von verfassungswidrigen absoluten Zulassungsbeschränkungen Abstand nimmt.

(Änderungsbedarf: § 101 Abs. 4 SGB V)

8. Anpassung der Definition von Krankenhäusern sowie Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen an das Psychotherapeutengesetz

Die im PsychThG erfolgte berufsrechtliche Gleichstellung von Ärzten und Psychotherapeuten macht erforderlich, dass Psychotherapeuten, die im Rahmen einer Anstellung oder Verbeamtung in stationären Einrichtungen oder in anderen Institutionen tätig sind, aufgrund ihrer beruflichen Kompetenz auch berechtigt sein müssen, in Übereinstimmung mit der Aufgabenstellung der Einrichtung Leitungspositionen übernehmen zu können, die mit entsprechenden Weisungsbefugnissen und Dienstaufsichtsmöglichkeiten verbunden sind. Die derzeitige Fassung des § 107 SGB V lässt solche Möglichkeiten nicht zu und ist daher nicht sachgerecht.

(Änderungsbedarf: § 107 SGB V)

Literatur

  • Francke, R. (2000). Wissenschaftlich anerkannte psychotherapeutische Verfahren nach § 1 Abs. 3 Satz 1 PsychThG. MedizinRecht, 18 (10), 447-453.
  • Meyer, A.-E., Richter, R., Grawe, K., Graf v.d. Schulenburg, J.-M. & Schulte, B. (1991). Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes. Hamburg-Eppendorf: Universitäts-Krankenhaus.
  • Schwarz, H.-J. (2000). Das Psychotherapeutengesetz aus Sicht der Psychologischen Psychotherapeuten. Vierteljahresschrift für Sozialrecht, 4/2000 (im Druck).
  • Wittchen, H.-U. (2000). "Bedarfsgerechte Versorgung psychischer Störungen". Abschätzungen aufgrund epidemiologischer, bevölkerungsbezogener Daten. Stellungnahme im Zusammenhang mit der Befragung von Fachgesellschaften durch den Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. München: Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Unveröffentlichtes Manuskript.

Anerkennung von Beratungsstellen als mögliche Institutionen für praktische Ausbildung und praktische Tätigkeit in der Ausbildung von Psychologischen PsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen

von Dr. Michael Borg-Laufs, Essen

Beratungsstellen in öffentlicher und freier Trägerschaft - etwa Erziehungsberatungsstellen, Ehe- und Lebensberatungsstellen, Suchtberatungsstellen u.a. - sind im psychosozialen Versorgungssystem Deutschlands fest verankert. Dort wird lebensweltorientiert und niedrigschwellig Menschen mit psychischen und sozialen Problemen aller Art Hilfe durch unterschiedliche - psychotherapeutische und nicht-psychotherapeutische - Interventionen angeboten.

In vielen Beratungsstellen gehört - neben der gemeindepsychologischen, sozialarbeiterischen und beratenden Arbeit - ein psychotherapeutisches Angebot fest zum vorgesehenen Spektrum der vorgehaltenen Hilfen. Diese Tatsache wurde vor der Diskussion um die Übergangsregelungen zum Psychotherapeutengesetz nie in Frage gestellt. Vielmehr werden Beratungsstellen in den einschlägigen Berichten zur Versorgung psychisch kranker Menschen ausdrücklich genannt, so z.B. in dem "Bericht zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland" (BMJFG, 1975, und im "Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes" (Meyer et al., 1991), welches im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde. So heißt es z.B. bereits im "Bericht zur Lage der Psychiatrie" von 1975, dass die MitarbeiterInnen von Beratungsstellen "unmittelbar mit psychischen Störungen, Krankheiten und Krisen zu tun" haben (S. 9). Im "Forschungsgutachten" von Meyer et al. werden in Absatz 34 Beratungsstellen ausdrücklich als Anbieter ambulanter Psychotherapie aufgeführt, in den Absätzen 38-41 wird speziell - exemplarisch für Beratungsdienste insgesamt - auf die psychotherapeutische Arbeit in Erziehungsberatungsstellen eingegangen.

Auch aktuelle Übersichtsarbeiten zum Versorgungssystem zählen Beratungsstellen zu den Institutionen, in denen psychotherapeutisch gearbeitet wird (Heekerens, 1992; Vogel, 1996; 1999) . Die institutionellen Besonderheiten, die die Psychotherapie in Beratungsstellen mit prägen, also z.B. die Vernetzung der Arbeit im multiprofessionellen Team einer Erziehungsberatungsstelle, stellen eine versorgungspolitisch außerordentlich sinnvolle Ergänzung zur Psychotherapie in Einzelpraxen dar, da die Problemlagen der Patienten häufig so vielfältig sind, dass neben psychotherapeutischen Hilfen noch weitere Hilfen erforderlich sind (vgl. von Schubert, 1999). Insgesamt bleibt festzuhalten, dass in Beratungsstellen eindeutig fachkundig psychotherapeutisch gearbeitet wird, wenngleich die dortige Arbeit "...psychotherapeutische Handlungskompetenz beinhaltet, sich aber nicht auf diese reduzieren läßt" (Haid-Loh, Lindemann & Märtens, 1995, S. 23; vgl. dazu auch Borg-Laufs, 1998; 1999; 2001; Schmelzer & Trips, 1995).

Insgesamt lässt sich festhalten: "Das Bemühen, die therapeutische Tätigkeit in Beratungsstellen von anderer therapeutischer Tätigkeit abzugrenzen, wirkt fachlich und versorgungspolitisch absurd." (Borg-Laufs, 1999, S. 537). Schubert (1999) stellt klar, dass die Bezeichnung "nicht-heilkundliche Psychotherapie" zur Kennzeichnung von Psychotherapie in Beratungsstellen "irreführend" (S. 23) ist. Psychotherapie ist nicht dadurch gekennzeichnet, dass die geleistete Arbeit mit Krankenkassen abgerechnet wird, sondern dadurch, dass eine Dienstleistung bei einer bestimmten Indikation nach gewissen fachwissenschaftlichen Regeln durchgeführt wird (vgl. §5 PsychThG, Psychotherapie im Sinne des Gesetzes ist "...jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist"). Wer diese Tätigkeit bezahlt, ist diesbezüglich zunächst einmal zweitrangig. Es wird also in Beratungsstellen - unter anderem - die gleiche Tätigkeit für das gleiche Klientel erbracht wie im Rahmen der ambulanten Vertragspsychotherapie. Die dem Forschungsstand entsprechende Durchführung einer Psychotherapie etwa mit einem hyperaktiven Kind kann nicht einmal "heilkundlich" sein (in ambulanter Praxis) und einmal "nicht-heilkundlich" (in Beratungsstellen), wenn doch die gleiche Tätigkeit durchgeführt wird (vgl. ausführlicher Borg-Laufs, 1999). Letztlich belegen die vielen im Rahmen der Übergangsrichtlinien zum Psychotherapeutengesetz erteilten Approbationen für MitarbeiterInnen von Beratungsstellen ja ohnehin zweifelsfrei, dass hier in gewissem Umfang Psychotherapie im Sinne des Psychotherapeutengesetzes durchgeführt wurde und wird.

Dass die Tätigkeit in einer Beratungsstelle entsprechend dem PsychThG nicht an eine Approbation gebunden ist, hängt damit zusammen, dass nicht alle MitarbeiterInnen von Beratungsstellen psychotherapeutisch arbeiten und dass auch nicht alle Beratungsstellen ein psychotherapeutisches Angebot in ihrer Konzeption vorsehen. Diese Tatsache kann aber nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass fachgerechte Psychotherapie in Beratungsstellen überhaupt nicht durchgeführt wird. Wie bei anderen Einrichtungen auch, muss hier die Eignung als Ausbildungsstätte für Psychologische PsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen im Einzelfall geprüft werden. Es ist hingegen angesichts der beschriebenen Sachlage in keiner Weise sachgerecht, Beratungsstellen pauschal als nicht geeignet für praktische Tätigkeit und Ausbildung zu betrachten.

Somit ist in bezug auf Veränderungen des Psychotherapeutengesetzes folgendes zu fordern:

Sofern die entsprechenden Vorgaben, die sich aus dem Psychotherapeutengesetz ergeben, erfüllt sind, kann der in einer ambulanten Einrichtung zu erbringende Anteil der praktischen Tätigkeit sowie die gesamte praktische Ausbildung zum/zur Psychologischen Psychotherapeuten/in bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in durch eine entsprechende Tätigkeit in einer psychologischen Beratungsstelle (Erziehungsberatung, Ehe- und Lebensberatung, Suchtberatung, u.a.) erbracht werden. Dazu sind die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen:

    • Ein psychotherapeutisches Angebot in ausreichendem Umfang ist durch Auftrag bzw. Konzeption der Beratungsstelle vorgesehen.
    • In der Einrichtung werden (entsprechend den Vorgaben nach PsychThG und PsychThG-AprV für die anderen Praxiseinrichtungen) genügend PatientInnen mit dem entsprechend breiten Störungsspektrum behandelt.
    • In der Einrichtung steht (entsprechend den Vorgaben für die Praxiseinrichtungen) ein/e Ausbildungsanleiter/in mit der notwendigen Qualifikation (möglichst SupervisorInnen-Qualifikation) im Schwerpunktverfahren der Ausbildung zur Verfügung.

Literatur:

  • Borg-Laufs, M. (1998). Therapie in der Erziehungsberatung. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 30, 235-249.
  • Borg-Laufs, M. (1999). Verhaltenstherapie in der Erziehungsberatung. In M. Borg-Laufs (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen, Band 1: Grundlagen. (S. 527-546) Tübingen: DGVT.
  • Borg-Laufs, M. (2001, i. Dr.). Vorschläge zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. In H. Pohl (Hrsg.). Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Bonn: DPV.
  • Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (BMJFG) (1975). Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland - Zur psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen Versorgung der Bevölkerung. Bonn: Eigendruck.
  • Heekerens, H.P. (1992). Zur Zukunft der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Report Psychologie, 46, 8-18.
  • Meyer, A.E., Richter, R., Grawe, K., Graf v.d. Schulenburg, J.-M. & Schulte, B. (1991). Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes. Universitäts-Krankenhaus Hamburg-Eppendorf: Eigendruck.
  • Schmelzer, D. & Trips, M. (1995). Der Selbstmanagement-Ansatz in der Erziehungsberatung. In H. Reinecker & D. Schmelzer (Hrsg.). Verhaltenstherapie, Selbstregulation, Selbstmanagement (S. 379-404). Göttingen: Hogrefe.
  • Schubert, H. (1999). Psychotherapie in der Beratungsstelle. ezi-Korrespondenz 17, Sommer 1999, 23-26.
  • Vogel, H. (1996). Psychotherapie in der ambulanten Gesundheitsversorgung. Eine kritische Übersicht. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 28, 105-126.
  • Vogel, H. (1999). Verhaltenstheoretische Ansätze in der Gesundheitsversorgung. In H. Reinecker unter Mitarbeit v. M. Borg-Laufs, A. Ehlert, D. Schulte, H. Sorgatz & H. Vogel. Lehrbuch der Verhaltenstherapie (S. 15-43). Tübingen: DGVT.

Stellungnahme der DGVT-Arbeitsgemeinschaft
"Frauen in der psychosozialen Versorgung"
zum Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und zu den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen

Die DGVT-Arbeitsgemeinschaft "Frauen in der psychosozialen Versorgung" hat das Gesetz und die Prüfungsordnungen unter der Frauenperspektive gelesen und nimmt an dieser Stelle ausschließlich unter diesem Aspekt Stellung. Andere Stellungnahmen der Verbände bleiben davon unberührt.

Da das Gesetz ausgesprochen geschlechtsneutral regelt, haben wir dazu nur eine formale Anmerkung. Zwar werden die zu erwerbenden Titel geschlechtsspezifisch benannt mit "Psychotherapeut" und "Psychotherapeutin", aber ansonsten wird im gesamten Gesetzestext nur die männliche Form verwendet. Dies entspricht nicht dem heutigen Bewusstsein, in dem die Sprache deutlich machen soll, von wem sie redet. Da TherapeutInnen beiderlei Geschlechts von dem Gesetz erfasst werden, sollte die Sprache das entsprechend widerspiegeln.

Gleiches gilt für die Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen.

Im Rahmen des gender-mainstreaming gehört die Variable Geschlecht allerdings wesentlich differenzierter in die Ausbildungen.

§ 1 Absatz 2.2: Der Begriff der "sozialen Lage" der PatientInnen beschränkt die Wahrnehmung auf Variablen, die üblicherweise mit "sozial" verbunden werden wie finanzielle, bildungsmäßige, schichtspezifische Faktoren. Das Geschlecht wird dabei in der Regel nicht mitgedacht, obwohl es für die Lebensbezüge des Individuums von entscheidender Bedeutung ist. Wir schlagen daher alternativ vor "...unter Berücksichtigung der ärztlich erhobenen Befunde und der Analyse der Lebenswelt der PatientInnen."

§ 2 Absatz 3: Während der Ausbildung sollte mit männlichen und weiblichen PatientInnen gearbeitet werden, um Erfahrungen mit geschlechtsspezifischen Verarbeitungsformen machen zu können und um die eigenen Reaktionen, Vorlieben und blinden Flecken zum eigenen und anderen Geschlecht kennenzulernen. Daher sollte es heißen "...an der Diagnostik und der Behandlung von mindestens 30 PatientInnen (Männern und Frauen verschiedenen Alters) zu beteiligen."

§ 3-5: In Theorie, Praxis und Selbsterfahrung muss die Auseinandersetzung mit dem Geschlecht als soziale Größe Thema werden ebenso wie die Auseinandersetzung mit Macht in Beziehungen. Besonders spektakulär macht der sexuelle Missbrauch in Therapie und Beratung deutlich, wie wesentlich theoretische Kenntnisse und praktische Erprobung zum Einfluss von Geschlecht und Macht in therapeutischen Beziehungen sind.

Daher gehören in die theoretische Ausbildung die grundsätzlichen Kenntnisse zum genderbias. Absatz 2 sollte um den begriff "psychosozial" erweitert werden "Dabei sind insbesondere psychologische, psychosoziale, psychopathologische und medizinische.Zusammenhänge herauszuarbeiten."

In der praktischen Ausbildung ist die Supervision der Ort für diese Reflexion. Daher sollte es bei der Auswahl der SupervisorInnen verpflichtend sein, Männer und Frauen zu wählen, um die eigenen Verhaltensstrategien in Bezug auf das eigene und das andere Geschlecht effektiv zu reflektieren.

In der Selbsterfahrung ist entsprechend die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht erforderlich.

§ 17 Absatz 1.4: Um die besondere Bedeutung der beiden Faktoren Macht und Geschlecht entsprechend zu gewichten, sollte der Satz 4 erweitert werden. "Theorie und Praxis der Therapeuten-Patienten-Beziehung unter besonderer Berücksichtigung des strukturellen Machtgefälles und der Bedeutung des Geschlechts."

Zum Schluss noch eine Anmerkung zur Ausbildungsordnung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Unter § 2 Absatz 2.2 schlagen wir vor, als Ausbildungsorte auch Erziehungsberatungsstellen, in denen approbierte Psychologische Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten arbeiten, mit aufzunehmen. Durch die Jugendhilfefinanzierung haben Erziehungsberatungsstellen viel mehr Möglichkeiten, die Eltern, und das sind in der Regel die Mütter, in die Arbeit mit einzubeziehen. Dadurch wird Kompetenz und Eigenverantwortung der Mütter gestärkt. Dieses Empowerment der Mütter ist im Sinne der eigenen Gesundheit und der Gesundheit der Kinder erstrebenswert und daher ist dieser Ausbildungsort ein Gewinn für die AusbildungsteilnehmerInnen.

Für die DGVT-Arbeitsgemeinschaft "Frauen in der psychosozialen Versorgung"


Zurück