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World Mental Health Day - Tag der psychischen Gesundheit für Kinder und Jugendliche am 10. Oktober 2003

Der alljährliche World Mental Health Day findet dieses Jahr am 10. Oktober statt. Er ist der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gewidmet.


Mindestens 100 Länder werden sich an diesem Tag an entsprechenden Aktionen beteiligen. Die World Federation for Mental Health (WFMH), ein eng mit der World Health Organization (WHO), der UNESCO und anderen wichtigen transnationalen Organisationen kooperierender Partner, mit Mitgliedern und Kontakten in 112 Ländern, ist der Initiator des World Mental Health Day. Sie hat dieses Jahr die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt gerückt (www.wmhday.net). Als Kooperationspartner der WMHF will das German Network for Mental Health (GNMH) die deutschsprachige Öffentlichkeit auf diesen Tag aufmerksam machen.

Alle Bürgerinnen und Bürger, Politiker, Medien und psychosoziale bzw. medizinische Dienste sind an diesem Tage aufgerufen, Aktionen durch zuführen, die dem Erhalt und der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen dienen.

Zur Lage der Kinder und Jugendlichen
Weltweit leiden ca. 20 % der Kinder und Jugendlichen unter einer psychischen Krankheit. Dazu gehören in erster Linie Angststörungen, Depressionen, pathologische Trauerreaktionen, störendes oder delinquentes Verhalten, posttraumatische Stressstörungen, Hyperaktivität bzw. Aufmerksamkeitsstörungen, Essstörungen, Psychosen und Suizid. In der Bundesrepublik Deutschland leiden im Laufe ihres Lebens etwa 16 - 18 % der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 8 und 18 an psychischen Störungen. Meist liegen Mehrfachbelastungen vor (z. B. Hyperaktivität, Depression und Angststörungen). Drei bis vier Prozent aller Kinder und Jugendlichen benötigen dringend psychosoziale Hilfen. Das sind ca. 880 Tausend Kinder und Jugendliche.

Die Ursachen psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen sind vielfältig. Je nach Störungsbereich liegen erbliche Belastungen vor. Geschlechtsunterschiede spielen z. T. eine erhebliche Rolle. In jedem Fall aber sind es ungünstige soziale Rahmenbedingungen, die als Ursachen oder Krankheitsauslöser in Frage kommen: In erster Linie sind Armut und die damit einhergehenden Missstände als besonders bedeutsam anzusehen. Hinzukommen negative Vorbilder, belastende Milieus, Fehlen an Sorge und Zuwendung, kritische Lebensereignisse (Verlust von Bezugspersonen), mangelnde soziale Integration etc. Die Zahl der gefährdeten Kinder kennt man kaum; sie ist ungleich größer.

Die Folgen psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen im Erwachsenenalter sind gravierend. Die Folgekosten ebenso. Psychische Störungen bei Kinder und Jugendlichen verursachen erhebliches Leid, auch bei den Angehörigen, und sie sind die Ursache von dauerhaften Behinderungen oder der Verkürzung der Lebenszeit. Suizid ist z. B. bei Jugendlichen die dritthäufigste Todesursache (4 Millionen Versuche, 100 Tsd. Suizide). Es wird geschätzt, dass ca. 30 % der beeinträchtigten Kinder im Erwachsenenalter schwere psychische Störungen haben werden.

Diesem Elend steht ein unzureichendes Behandlungsangebot, aber auch ein erhebliches Defizit an Präventionsangeboten gegenüber. Bestehende Angebote, wie z. B. die von Beratungsstellen sind durch Streichungen gefährdet. Etwa 83 % der 14-17-Jährigen bleiben in der BRD unbehandelt. Mit ca. 280 Tausend Beratungen bei Kindern und Jugendlichen wird nur ein kleiner Teil hilfsbedürftiger und zugleich als Risikokinder zu bezeichnende junge Menschen erreicht. Solche, die erreicht werden, leiden mit 28 % unter Entwicklungsproblemen, 27 % haben Schul- und Ausbildungsprobleme, 21 % haben Probleme durch Trennung der Eltern und immerhin 3 % werden wegen sexuellem Missbrauch vorstellig!

Die Versorgungslage gefährdeter oder psychisch kranker Kinder und Jugendlicher ist durch quantitative aber auch qualitative Mängel gekennzeichnet: Mangel an Diensten, fehlende Koordination, schlechte Ausbildung der Helfer usw. Es gibt so gut wie keine Lobby für psychisch kranke Kinder, und auch nicht für solche, die gefährdet sind, psychisch zu erkranken.

Signale
Teilweise werden psychische Krankheiten bei Kindern gar nicht erkannt, weil viele Symptomatiken nicht denen von Erwachsenen entsprechen (oft drücken sich Angststörungen in Bauchschmerzen aus). Deshalb ist es dringend erforderlich über mögliche Risiken und erste Anzeichen zu informieren.

Wichtige Signale sind: Überempfindlichkeiten, anhaltende Ärgerreaktionen, auffälliger sozialer Rückzug, häufiges sozial störendes oder sogar delinquentes Verhalten, starke Ängstlichkeit und Schüchternheit, Konzentrationsprobleme, plötzlicher Leistungsabfall. unerklärliche Veränderungen des Ess- und Schlafverhaltens, Suizidideen. Wenn man solche Zeichen sieht, dann sollte man sich in erster Linie an Erziehungsberatungsstellen, kinderpsychotherapeutische Dienste und niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder Kinderärzte wenden. Auch Kinder oder Jugendliche selbst können und sollten sich an solche Dienste direkt wenden. In vielen Städten sind für sie auch Notfalltelefone eingerichtet worden.

Forderungen
Fachleute und Politiker sind aufgefordert, sich verstärkt mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu befassen. Hierzu gehört in erster Linie eine umfassende, im Sozialgesetzbuch vorgesehene Kinder- und Jugendhilfeplanung, bei der sich alle Dienste, Träger, aber auch Bürger beteiligen sollten. Bestehende Einrichtungen zur Koordination, wie Psychosoziale Arbeitsgemeinschaften, sind aufgefordert sich vermehrt um die Belange von Kindern zu bemühen. Dabei gilt es zu bedenken, dass gerade Kinder von psychisch kranken Eltern besonders gefährdet sind.

Vor allem aber ist zu fordern, dass mehr einschlägige präventive Angebote zur Bekämpfung der Risikofaktoren von Kindern und Jugendlichen in entsprechenden Beratungsdiensten, in Kindergärten, Frühförderstellen, Schulen, Jugendzentren und freier Jugendarbeit angeboten werden. Die Bundesregierung hat ein gewichtiges Programm zur Gesundheitsförderung auch für Kinder und Jugendliche in Aussicht gestellt. Zwar steht dort der Erhalt der physischen Gesundheit im Vordergrund, jedoch fordern die meist für die psychische und physische Gesundheit gemeinsamen Risikofaktoren (z. B. Nutzung legaler Drogen) ein umfassendes Vorgehen zur Prävention von körperlicher und psychischer Krankheit.

 

Gemeinsame Pressemeldung der DGVT und des German Network for Mental Health (GNMH)


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