< vorheriger Artikel

Veranstaltung der Psychotherapeutenkammer Berlin zum Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) bzw. zu Psychotherapien nach dem KJHG - ein Durchbruch zum Erhalt dieser Psychotherapien?

Von: Klaus Bickel, Berlin

Am 1.3.2004 fand im Abgeordnetenhaus Berlin eine von der Berliner Psychotherapeutenkammer initiierte Veranstaltung zur Psychotherapie nach dem KJHG statt.


Im Zentrum der Veranstaltung stand die Frage, inwieweit jetzt und zukünftig Psychotherapien auf Basis des KJHG (SGB VIII) finanziert werden. Dieser vor allem in Berlin praktizierten Möglichkeit der psychotherapeutischen Behandlung stehen die Psychotherapien gegenüber, die nach dem SGB V bewilligt und von den Krankenkassen finanziert werden, wenn es sich um eine Störung mit Krankheitswert handelt. Die psychotherapeutische Hilfe nach dem KJHG bezieht Familie und Umfeld des Kindes/des Jugendlichen in ganz besonderem Maße mit ein und ist in vielen Fällen, wo es sich z.B. um Probleme aufgrund devianter Erziehung (mit) handelt, das Mittel der Wahl.

Hintergrund für diese Veranstaltung bildete die Streichung von 89 Mio. EUR an "Hilfen zur Erziehung" (§ 27 SGB VIII), unter die auch Psychotherapien (§ 27 Abs. 3 SGB VIII) fallen.

§ 27 Abs. 2 SGB VIII sagt sinngemäß aus, dass die für Familien geeignetste Hilfe eingesetzt werden soll (das können eben auch Psychotherapien sein). Des Weiteren sind für dieses und die beiden folgenden Jahre die Vergütungen für die in diesem Rahmen geleisteten Psychotherapien um insgesamt 8 Prozent abgesenkt worden.

So sind die Angst und der Unmut über diese Maßnahmen verständlich, die möglicherweise diese besonders flexibel handhabbare und den Notwendigkeiten der Hilfe für Kinder und Jugendliche und deren Familien angepasste Psychotherapie auf längere Frist entscheidend ausdünnen und letztlich abschaffen könnten.

Diskussionsthemen, die dieser Podiumsdiskussion zugrunde liegen sollten, waren demnach auch:

  • Wie sieht die Zukunft der Psychotherapie im Rahmen des KJHG aus?
  • Wie ist das Verhältnis von SGB VIII und SGB V in Bezug auf die Psychotherapie?
  • Welche Schnittstellen gibt es?
  • Wie könnten Steuerelemente aussehen?
  • Wie ist das Verhältnis von Psychotherapie als Hilfe zur Erziehung im Einzelfall und einer Sozialraumordnung?

Als Forderung der Psychotherapeutenkammer sollte Psychotherapie nach dem KJHG "unter versorgungsrelevanten (Berlin hat eine erhebliche psychotherapeutische Unterversorgung im Kinder- und Jugendlichenbereich) und fachspezifischen Aspekten" erhalten bleiben.

Neben der Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Berlin, Gisela Borgmann, und einem Vorstandsmitglied der Kammer (Michael Schmude), der die Moderation übernahm, waren Thomas Härtel (Staatssekretär für Bildung, Jugend und Sport des Berliner Senats), Elfi Jantzen (gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen), Prof. Dr. jur. Robert Francke (Gesundheits- und Medizinrecht, Uni Bremen), Prof. Dr. Wolfgang Hinte (Stadtteilbezogene Soziale Arbeit, Uni Duisburg-Essen), eine Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände, sowie Manfred Otto (Berliner Arbeitskreis für psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung - BAPP) auf dem Podium vertreten.

Der Saal war überfüllt - vor den Türen heftiges Gedränge. Viele betroffene PsychotherapeutInnen, aber auch viele Fachleute aus den Sozialdiensten, Beratungsstellen und Projekten waren gekommen. Letztere sahen sich durch die Reduzierung und Ausdünnung dieser besonders familienspezifisch einsetzbaren Hilfe eines wesentlichen psychotherapeutischen Instruments beraubt, was auch immer wieder in Redebeiträgen aus dem Publikum deutlich wurde.

Leider war durch die Besetzung des Podiums keine überzeugende Unterstützung des Gedankens der Veranstaltung gegeben. So zeigte sich zwar die Präsidentin engagiert in der Sache, vor allem in der Betonung des präventiven Charakters, den Therapien nach dem KJHG tragen, unterstützt von den Bemühungen des Moderators. Auch der Vertreter der KJHG-Therapeuten betonte natürlich in Ausführlichkeit die Notwendigkeit der KJHG-Therapien.
Der Senatsvertreter ging aber erst gar nicht groß auf inhaltliche Argumente ein. Klar und unmissverständlich betonte er die Notwendigkeit, Kosten einzusparen und da seien eben auch die Hilfen nach dem KJHG betroffen.
Diesem Argument wollte sich auch die Grünenvertreterin nicht verschließen, obwohl sie grundsätzlich die KJHG-Therapien für sinnvoll hielt, vor allem, wenn unter dem Spargesichtspunkt Qualitätskriterien auch hier besondere Beachtung finden würden.
Der Rechtsvertreter der Uni Bremen bezweifelte gar aus rechtlichen Erwägungen heraus, dass sich Psychotherapien außerhalb des SGB V finanzieren ließen bzw. finanziert werden sollten. Krankheitseinschätzung und ICD-10 waren für ihn das Maß der Dinge, die Krankenkassen müssten und sollten demnach zahlen.
Sicher hätte man sich auch mehr von dem Reisenden in Sachen Sozialraumorientierung der Uni Duisburg-Essen versprechen können, da ja die KJHG-Therapie den sozialen Raum mit einbezieht. Stattdessen erging sich Dr. Hinte in Anzweiflungen von Notwendigkeiten dieser Therapien im Sozialraum. Hier müssten die Ressourcen des Raumes genutzt werden, die mit Therapie im engeren Sinne nichts zu tun hätten und wenn, dann wären andere Hilfen eh sinnvoller. Dass dieser Kollege gerade in diesen Zeiten als "Umkrempler" von Teilen der sozialen Landschaft von Berliner Senat und Jugendämtern der Bezirke angefordert wird, lässt vermuten, dass auch hier der Einspargedanke das Handeln bestimmt.
Engagierte Gegenwehr kam zwar aus dem Publikum, aber es steht in Frage, ob durch diese massive Wegorientierung und In-Zweifel-Stellung der Psychotherapien nach dem KJHG, die auf dem Podium mehrheitlich vertreten wurde, das Signal, das von dieser Veranstaltung ausgehen sollte und ausgegangen ist, deutlich genug war, um die Notwendigkeit und Bedeutsamkeit der KJHG-Therapien im Rahmen der psychosozialen und gesundheitlichen Versorgung der Berliner Bevölkerung (und darüber hinaus) aufzuzeigen und deren Bestand zu sichern.
Auf der anderen Seite zeigte sich aber auch, welche Geschütze heutzutage aufgefahren werden, um effektive Hilfen im psychosozialen Kontext tendenziell abzuschaffen.
Wenn diese Veranstaltung erst der Anfang von weiteren Aktivitäten durch die Psychotherapeutenkammer, aber nicht nur durch sie, war, ist letztlich das Resümee positiv.


Zurück