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Profil der Sozialberufe bei der Zulassung zur staatlich anerkannten Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ("Mindest-Standards") - März 2006

Das Psychotherapeutengesetz (PsychThG) von 1998, das nur für den nicht-ärztlichen Bereich gilt, hatte zwei neue Heilberufe etabliert: den Psychologischen Psychotherapeuten (PPT) und den Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP).


Während der erstgenannte  Beruf den Diplom-PsychologInnen vorbehalten ist, sind beim letzteren auch Sozialberufe zur staatlich anerkannten Ausbildung, die zu einer Approbation führt, zugelassen. Hierzu zählen vor allem Absolventen mit Studienabschlüssen in Sozialpädagogik, Pädagogik und Heilpädagogik (jeweils Universität oder Fachhochschule). Darüber hinaus haben die Länderbehörden in unterschiedlicher Weise weitere Sozialberufe zugelassen. Mit dieser Regelung vollzog der Gesetzgeber die ohnehin von Anfang an bestehende Situation nach, dass die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Deutschland maßgeblich von PädagogInnen entwickelt und praktiziert wurde und wird.
Obwohl das PsychThG eindeutig von der Gleichwertigkeit der psychologischen und pädagogischen Berufe bei der Zulassung ausgeht, gab es hin und wieder berufspolitisch motivierte Diskussionen über den Kreis der zuzulassenden Berufe, die sich hauptsächlich um die Frage drehte, welcher Beruf wie viele klinisch relevante Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Patienten für die Ausbildung mitbringt.

2. Die neue Situation: Studienreform Bachelor/Master

Bei der Festlegung der zuzulassenden Berufe war das PsychThG davon ausgegangen, dass das Diplom (Uni oder FH) oder ein gleichwertiger Abschluss für die Zulassung notwendig ist. Zwar taucht in der Gesetzesformulierung der Begriff "Diplom" nicht auf; jedoch haben sich alle Länderbehörden auf den Diplom-Abschluss verständigt. Aufgrund des Bologna-Prozesses und den damit eingeleiteten Studienreformen wird es an den Hochschulen jedoch zunehmend weniger Diplom-Studiengänge und stattdessen Bachelor- und Master-Studiengänge geben. Dadurch entstand die Diskussion, ob ein Bachelor of Arts (BA) bzw. Bachelor of Science (BSc) oder aber ein Master of Arts (MA bzw. Master of Science (MSc) für die Zulassung gefordert werden soll.
Obwohl der Bachelor-Abschluss gemeinhin als der erste berufsqualifizierende Abschluss gilt, haben sich inzwischen aus guten Gründen die relevanten psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbände, die Psychotherapeutenkammern und die universitären Psychologie-Institute darauf verständigt, dass nur der Master-Abschluss als neues Zulassungskriterium in Frage kommt. Denn nur so wäre eine Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Berufsgruppen (Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen, Pädagogen, Heilpädagogen etc.) möglich und sinnvoll. Diese Auffassung scheinen sich auch zunehmend die Länderbehörden zu eigen zu machen, so dass es notfalls eine vom Bundesgesetzgeber durchgeführte Novellierung des PsychThG zur Klarstellung dieser Frage geben könnte.
Während bei den psychologischen Studiengängen aufgrund ihrer stärkeren Einheitlichkeit dazu übergegangen wurde, einen einheitlichen Master-Abschluß (MSc), der ein bestimmtes Maß an klinisch-psychologischen Inhalten aufweist, den Hochschulen für die Zulassung zu empfehlen, gibt es diese Einheitlichkeit bei den pädagogisch-sozialen Studiengängen in dieser Form nicht, vielmehr sind die Master-Abschlüsse  relativ heterogen. Damit stellt sich die Frage, ob die pädagogisch-sozialen Master-Abschlüsse nicht ebenfalls ein bestimmtes Profil beinhalten sollten, um die Zulassung zur staatlich anerkannten KJP-Ausbildung bei einer eventuellen Novellierung des PsychThG nicht zu gefährden.

3. Die Initiative der AZA-KJP

Die Frage,  wie unter den neuen Bedingungen der Studienreform und mit Blick auf die Standards der ärztlichen und psychologischen Psychotherapie-Ausbildung die Zulassung der Sozialberufe gesichert werden kann, war Ausgangspunkt einer Initiative von Mitgliedern der Bundespsychotherapeutenkammer, der Fachhochschulen (Hochschullehrern) und des Fachbereichstages Soziale Arbeit, die sich 2005 konstituierte. Schnell entwickelte sich diese Initiative zu einer "Arbeitsgemeinschaft für die Zulassung zur Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie" (kurz: AZA-KJP), an der VertreterInnen der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit (Federführung), des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit, des Berufsverbandes der Heilpädagogen, der Psychotherapeutenkammern, der psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbände, der Fachhochschulen, der Fachbereichstage Soziale Arbeit und Heilpädagogik sowie der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit und einiger Ausbildungsinstitute für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie teilnahmen.
Nach ausführlichen Diskussionen wurde festgestellt, dass nur der Masterabschluss (M.A.) die weitere Zulassung der Sozialberufe garantieren kann. Die außerordentlich große Heterogenität der konsekutiven und Weiterbildungs-Master sollte durch einen Kriterienkatalog für solche Masterstudiengänge eingedämmt werden,  die an einer Zulassung der AbsolventInnen zur Ausbildung in KJP interessiert sind. Dieser Kriterienkatalog mit dem Titel: "Mindeststandards für ein klinisch-pädagogisch-sozialarbeiterisches Profil von Masterstudiengängen (M.A.) in Sozialer Arbeit und Heilpädagogik" ist angefügt. Die aufgelisteten 4 Studienbereiche erscheinen aus fachlicher Hinsicht als ein notwendiges Minimum und sollen insgesamt in einem Mindestumfang von 18 ECTS in solche Masterstudiengänge aufgenommen werden, die die weitere Zulassung der Sozialberufe anstreben. Die Aufteilung der 18 ECTS auf die einzelnen Bereiche wird vom Profil des jeweiligen Masters abhängen.
Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass es sich hier um keine Einbahnstraße handelt. Die Aufnahme psychologischer Inhalte in den Katalog bedeutet keinesfalls eine Einschränkung des pädagogischen Profils. Vielmehr wäre wünschenswert, dass die Masterstudiengänge für Psychologen, die auf die Ausbildung in KJP ausgerichtet sind, wesentlich mehr pädagogische Inhalte des Kriterienkatalogs berücksichtigen würden, statt allein einer Engführung auf Klinische Psychologie das Wort zu reden.

4. Die Bedeutung der "Mindeststandards"

Das von der AZA vorgelegte Papier über "Mindeststandards" dient in erster Linie der Information und Diskussion in den unterschiedlichen Berufs- und Fachverbänden, wissenschaftlichen Fachgesellschaften, einschlägigen Einrichtungen und Ausbildungsinstituten. Des Weiteren dient es als Empfehlung für die Hochschulen (Universitäten und Fachhochschulen), sich bei der Entwicklung von geeigneten Master-Studiengängen an dem ausgewiesenen Minimum an Standards  zu orientieren, um den AbsolventInnen eine wichtige berufliche Option zu ermöglichen bzw. zu erhalten.
Das Papier zielt vorerst nicht auf eine Diskussion im öffentlich-rechtlichen Raum über die Stellung der Sozialberufe im PsychThG. Sollte es jedoch zu einer Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit kommen, das PsychThG zu novellieren, um dabei die Frage der Zulassung von Masterstudiengängen und Berufsgruppen zu erörtern, könnte das Papier von einiger Bedeutung sein.

Mindeststandards
für ein klinisch-pädagogisch-sozialarbeiterisches Profil
von Masterstudiengängen (M.A.) in Sozialer Arbeit und Heilpädagogik

Studienbereiche (insgesamt 18 ECTS, Aufteilung je nach Master)

1. Modelle von Gesundheit, Krankheit, Normalität und Abweichung

  • Modelle der normalen und pathologischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
  • Epidemiologie/Sozialepidemiologie psychischer/psychosomatischer Störungen
  • Multifaktorielle Erklärungsmodelle psychischer Störungen

2. Diagnostik und Interventionsplanung

  • Prinzipien der Diagnostik und Interventionsplanung
  • Einführung in Klassifikationssysteme
  • Diagnostische Verfahren und Methoden (Anamnese, Test, Fragebogen, Interview, partizipative Vorgehensweisen)

3. Psychosoziale, pädagogische und klinische Interventionen  

  • Grundlagen und Methoden wissenschaftlich begründeter Beratungs- und/oder Psychotherapieverfahren
  • Psychosoziale Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und Gruppen
    • Familien- und Lebensformen
    • Interpersonelle Faktoren, Beziehungsgestaltung und psychische Störungen
    • Grundlagen und Methoden wissenschaftlich begründeter paar- und familienbezogener Interventions- und Therapieverfahren
    • Modelle und Interventionen der Gruppenarbeit
  • Pädagogische und systemorientierte Interventionen
    • Hilfen in therapeutischen Einrichtungen
    • Aufsuchende Arbeit und Interventionen
    • Hilfen in komplexen sozialen Systemen (Kita, Schule, Einrichtungen der Jugendhilfe etc.)
  • Prävention und Rehabilitation
    • Verhaltens- und verhältnisbezogene Präventionsansätze
    • Grundlagen und Konzepte der Rehabilitation
  • Praxisreflexion (Grundlagen und wissenschaftlich begründete Methoden der Anleitung, Supervision, Fallreflexion)
  • Versorgungsstrukturen

4. Forschungs- und Kontrollmethoden

  • Methoden empirischer Sozialforschung (quantitative und qualitative Verfahren, Testtheorie)
  • Methoden der Dokumentation (Basisdokumentation) und Evaluation (Struktur-, Verlaufs- und Ergebnisbewertung)
  • Grundlagen der Interventionsforschung: Prozessforschung und Veränderungsmessung.

Unterzeichnet von
Baumann-Frankenberger, Petra, DVT e.V und AkiP, Köln              
Borg-Laufs, Prof. Dr. Michael, DGVT und Hochschule Niederrhein                                     
Dinter, Christoph, bkj, Wiesbaden
Gahleitner, Prof. Dr. Silke, Redaktion "Klinische Sozialarbeit" und EFH Ludwigshafen
Gisteren, Prof. Dr. Ludger van, EFH Hannover
Klett, Martin, bvvp und PTK Bund und Land Baden Württemberg, Freiburg
Kraus, Prof. Dr. Björn, EFH Freiburg
Lehndorfer, Peter, VAKJP (auch Ansprechpartner für BPtK und PTK-Bayern) 
Lotz, Dr. Dieter, BHP, Berlin
Mühlum, Prof. Dr. Albert, DGS Sektion Klinische Sozialarbeit
Pauls, Prof. Dr. Helmut, FH und ZKS, Coburg
Pielmaier Prof. Dr. H., FBT-Heilpädagogik und KFH Freiburg
Reichl, Andreas, DBSH Bundesfachgruppe Selbständige
Röpke, Christine, VAKJP und STÄKO        
Schwarz, Marion, bkj und LPPKJP-Hessen, Wiesbaden
Winkelmann, K., Institut AKJP-HD und VAKJP, Heidelberg
Zurhorst, Prof. Dr. Günter, GwG und Hochschule Mittweida 

Ludwigshafen, 7.3.2006


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