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Bericht über die Fachtagung "Gesunde Lebenswelten - vernetzte Strukturen für Gesundheitsförderung und Prävention" am 1. September 2005 in Berlin

Von: Armin Kuhr, Berlin

Wie die jüngsten Erfahrungen um den Sturm Katrina und New Orleans gezeigt haben (Kürzung der Finanzmittel für Wasserschutzmaßnahmen) hat es das Thema Prävention schwer.


Warum sollten wir Finanzmittel für mögliche zukünftige Ereignisse oder Entwicklungen bereitstellen, deren Eintreten nach bisheriger Erfahrung nur eine geringe Wahrscheinlichkeit hat? Auch der vom Bundeskabinett im Februar 2005 beschlossene Entwurf zum Präventionsgesetz, der mit der Opposition abgestimmt war, landete auf Antrag der CDU/CSU-Fraktion im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat. De facto bedeutete dies ein Begräbnis erster Klasse, da zur Zeit unklar ist, wann und in welcher Form ein neuer Versuch gestartet werden wird.

Das (zumindest vorläufige) Scheitern des Präventionsgesetzes war natürlich immer wieder Thema bei dieser Fachtagung, die vom AOK-Bundesverband, dem Wissenschaftszentrum Berlin und der Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung ("Gesundheit Berlin") veranstaltet wurde. Primär ging es allerdings darum, eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Lage vorzunehmen und Impulse für die konstruktive Weiterentwicklung vorhandener Strukturen zu setzen. Die Veranstaltung war in drei Blöcke unterteilt, in denen die Strukturen auf Bundes-, Landes- und (Berliner-)Bezirksebene analysiert und diskutiert wurden.

Dr. Hans Jürgen Ahrens vom AOK Bundesverband leitete den ersten Block mit einem Referat über Bausteine und Erfahrungen aus der Primärprävention ein. Für die AOK bekannte er sich (einmal mehr) eindeutig zu Prävention, wobei diese die Chance eröffne, "durch primär-präventive Ansätze und entsprechende Aufklärungs- und Beratungsangebote Versicherte nicht nur in ihren gesundheitlichen Kompetenzen zu stärken, sondern auch deren Lebensqualität zu verbessern." Selbstverständlich verbinde die AOK damit die Hoffnung, langfristig die Morbiditätsstruktur ihrer Versicherten positiv zu verändern. Bezüglich der Umsetzung schlägt der AOK-Bundesverband vor, "dass die Krankenkassen zukünftig mindestens pro 50 Cent je Versicherten und Jahr für nichtbetriebliche Settingmaßnahmen (z.B. in Kindergärten, Schulen, Stadtteilen) zu Verfügung stellen." Diese Selbstverpflichtung solle in den GKV- Leitfaden aufgenommen werden, um die Verbindlichkeit nach außen zu unterstreichen. Noch zu schaffende Rahmenbedingung für einen effektiven und zielgerichteten Mitteleinsatz sei die Erstellung von einheitlichen Qualitätskriterien für die präventiven Maßnahmen, wozu neben der Transparenz bezüglich der durchgeführten Projekte mit Hilfe einer bundesweiten Dokumentation auch die derzeit in Entwicklung befindlichen Instrumente zur Evaluation gehörten. Die AOK ist sich aber natürlich klar, dass die Gesundheit der Versicherten nur begrenzt beeinflussbar ist. Daher käme es darauf an, die Umsetzung von Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu betrachten, was die Verständigung auf nationale Gesundheitsziele, klare gesetzliche Regelungen für alle Akteure und stärkere Vernetzung der Aktivitäten zur Prävention und Gesundheitsförderung bedeute.

Prof. Rolf Rosenbrock vom Wissenschaftszentrum Berlin legte in seinem Vortrag den Schwerpunkt auf die Umsetzung von Primärprävention für sozial benachteiligte Gruppen. Die Entwicklung gesundheitsförderlicher Lebenswelten müsse sich unter direkter Teilnahme der Zielgruppen in allen Phasen der Intervention auf die Senkung von Belastungen und die Stärkung von Ressourcen konzentrieren - unter Einbezug gesundheits- und verhaltensrelevanter Kontexte.

Die Diplom-Psychologin Helga Kühn-Mengel, Patientenbeauftragte der Bundesregierung, trug zu dem Thema Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen - auch ohne Gesetz vor. In Deutschland gebe es schon "eine große Zahl kritischer, selbstbewusster Patientinnen und Patienten, die um ihre Rechte wissen und in Bezug auf ihre Gesundheit eigenverantwortlich handeln und entscheiden." Allerdings müssten Transparenz und Mitsprachemöglichkeiten weiter entwickelt werden. Dies solle auf der Basis des schon in der letzten Legislaturperiode verbesserten Verbraucherschutzes geschehen wie auch durch die Nutzung von Präventionsangeboten, die erneut zu einer Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung gemacht worden seien. Mit der Gesundheitsreform 2004 hätten die Patientenrechte einen Schub erhalten, sie seien "entscheidend" verbessert worden und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen gebe durch seine Informationen PatientInnen eine verlässliche Basis für Entscheidungen. Die Etablierung vernetzter Strukturen im Bereich von Gesundheitsförderung und Prävention und die Einbringung eines Rehabilitationsgesetzes böten die Rahmenbedingungen, welche durch die PatientInnen ausgefüllt werden müssten.

Den letzten Vortrag in diesem Block hielt Dr. Heidi Knake-Werner, Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz in Berlin. Sie bedauerte, dass der parteiübergreifend mitgetragene Kompromiss eines Präventionsgesetzes der "politischen Großwetterlage" zum Opfer gefallen sei. Knake-Werner bekräftigte noch einmal das Anliegen von Länderseite, die spezifischen Bedarfslagen und Problemfelder der Länder zu berücksichtigen. Eine primär zentral gesteuerte Planung würde dies behindern. Daher solle der rechtliche Rahmen die Möglichkeit eröffnen, inhaltlich wie strukturell den Besonderheiten der Länder Rechnung zu tragen und an dort bereits Bestehendes bzw. im Aufbau befindliches anzuknüpfen. Die Diskussion um das Gesetz habe gezeigt, dass die Bereitschaft auf allen Seiten groß sei, Gesundheitsförderung und Prävention voran zu bringen. Dies sei eine notwendige, aber natürlich nicht hinreichende Voraussetzung für die Umsetzung von Präventionskonzepten, nicht zuletzt deshalb, weil die Verständigung über die Finanzierung "nicht ganz einfach" sei. Daher müsse auf allen Seiten die Bereitschaft zum Kompromiss bestehen, um die Weiterentwicklung und Stärkung der Prävention auch tatsächlich in der Praxis umzusetzen.

Im zweiten Vortragsblock (Strukturen auf Landesebene) sprach Ingrid Papies-Winkler über die Vernetzung von Landes- und Bezirksebene. Die "Bezirkliche Gesundheitskonferenz" sieht sie als das zentrale Instrument, bei dem sich die regionalen Akteure der Gesundheitsförderung treffen, Handlungsempfehlungen abgeben und Umsetzungsmaßnahmen erarbeiten. Die Teilnahme von Betroffenen ("Zielgruppen") sei wünschenswert, sie stelle ein "wesentliches Qualitätsmerkmal" dar. Die Ergebnisse der Bezirklichen Gesundheitskonferenzen sollten dann in die Planungen der Landesgesundheitskonferenz einfließen. Die Erfahrungen mit erfolgreichen Ansätzen und Projekten der Gesundheitsförderung und Prävention, insbesondere für sozial benachteiligte Zielgruppen, sollten weitergegeben werden. Darüber hinaus wäre die Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen zur kontinuierlichen Qualitätssicherung bzw. Evaluation wünschenswert.

Rolf D. Müller von der AOK Berlin bekräftigte in seinem Vortrag Netzwerke, Kooperationen und Praxisprojekte in Berlin die Erfahrung, dass die Präventions-Aktivitäten vor Ort solide verankert sein sollten. Die AOK Berlin bringe ihr Wissen im Bereich Gesundheitsförderung in konkrete Projekte ein (z.B. die Verbesserung der Mittagsverpflegung in einer Ganztagsschule - das Angebot eines ausgewogenen und vollwertigen Essens). Die Praxis habe gezeigt, dass solche Projekte nur erfolgreich sein könnten, wenn die Netzwerkpartner ein "hohes Maß an Kooperationsfähigkeit, Akzeptanz und auch Toleranz" mitbrächten.

Dr. Ruth Palik von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte bekräftigte, dass die gesetzlichen Vorgaben der Rentenversicherung im Wesentlichen nur Rehabilitationsmaßnahmen ermöglichten. Für Primärprävention bestehe nur ein geringer Spielraum. Dennoch werde der Anteil derartiger Angebote größer (z.B. Seminare zu Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung). Die Rentenversicherungsträger verfügten bei diesen Themen über breite Erfahrungen, die sie in sektorenübergreifende Präventionsprogramme einbringen könnten. Besonderes Interesse bestünde darin, solche Maßnahmen in der Wirtschaft umzusetzen, da die Sicherung der Erwerbsfähigkeit der Versicherten Teil des originären Auftrags der Rentenversicherung sei. Bei verbesserter Kooperation zwischen Arbeitgebern, Unfallversicherung, Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern könne die Arbeit effizienter geleistet werden.

Im letzten Teil der Veranstaltung wurden die Strukturen vor Ort diskutiert. Prof. Gerhard Meinlschmidt von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz leitete seinen Beitrag mit dem Verweis auf den Sozialstrukturatlas 2004 ein, der zeige, dass sich "die sozialen Disparitäten in der Stadt in ihrer räumlichen Dimension verstärken und in einem zeitlichen Vergleich weiter verschlechtern." An den Daten ließe sich ablesen, wie soziale und gesundheitliche Parameter der Berliner Sozialstruktur (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfebezug, Armut, Sterblichkeit, Lebenserwartung, Kindergesundheit etc.) wechselseitig zusammenhingen. Um die räumlichen, sozialen Unterschiede in der Stadt abzubauen, bedürfe es einer ressortübergreifend organisierten Politik, die sich am "Sozialraum" orientiere. Es gehe darum, soziale Brennpunkte in den Blick zu nehmen und sich dabei nicht nur auf die Bereiche Gesundheit und Soziales zu konzentrieren, sondern andere Politikfelder einzubeziehen, welche die Sozialstruktur prägten (z.B. Bildung und Arbeitsmarkt). Die Landesgesundheitskonferenz und die regionalen Gesundheitskonferenzen müssten "integrierte Netzwerke in Sozialraum aufbauen". Um Erfolge zu erzielen, seien klar definierte Ziele nötig, die relevanten Akteure müssten einbezogen sein. Prioritäten, Handlungsfelder und Zielgruppen müssten festgelegt sein, die finanziellen Ressourcen bereitgestellt und die ergriffenen Maßnahmen evaluiert werden. Dies alles ginge aber nicht ohne den "politischen Willen", die sozialen Probleme in der Stadt konsequent anzugehen.

Peter Lemke vom Bundesverband der Unfallkassen sprach über die Sozialversicherungskooperation in kleinräumigen Settings. Dabei stellte er den Begriff der "lernenden Prävention" in den Vordergrund, da die Prävention immer wieder vor neuartige Herausforderungen gestellt werde und sich die entsprechenden Maßnahmen ständig wandeln müssten. Die komplexen Problemlagen und der heterogene Beratungsbedarf erforderten unterschiedliche Kompetenzen, die nur von Präventionsnetzwerken abzudecken sein. Die Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand verfügten über fundierte Kenntnisse der betrieblichen und schulischen Gegebenheiten und seien, gemeinsam mit den gesetzlichen Krankenkassen, für die Prozesssteuerung regionaler Netzwerke am ehesten qualifiziert (als Beispiel wählt er den Bereich der Schülerunfallversicherung). Vernetzte Prävention begreift er "als gesamtgesellschaftliche Veranstaltung", die über die engere Zielsetzung der Gesundheitsförderung hinaus einen "genuin sozialpolitischen Beitrag" leisten könne. Damit meinte er besonders den Abbau der sozialen Disparitäten im Hinblick auf die Gesundheit.

Dr. Gudrun Eberle vom AOK Bundesverband hebt die Vorteile kleinräumiger Netzwerke in ihrem Beitrag Vernetzung und Kooperation in kleinräumigen Setting hervor. Projekte zur betrieblichen Gesundheitsförderung oder zur gesundheitsfördernden Schule benötigten den regelmäßigen Erfahrungsaustausch, die Weitergabe von Informationen zu konkreten Hilfen, die Stärkung der Motivation und des Durchhaltevermögens mit Hilfe gegenseitigen Vergleichens und schließlich die Möglichkeit zur gemeinsamen Suche nach spezifischen Problemlösungen. Bei solch einer Organisationsform ließe sich am ehesten ein Erfolg versprechender "ganzheitlicher Ansatz" realisieren. Nur in den Settings selbst ließen sich Prozesse anregen und unterstützen (z.B. gesundes Essen, ergonomische Arbeitsplätze, bewegungsfreundliche Schulhöfe). Der Zugang über die verschiedenen Lebenswelten verspreche den größten Erfolg für zielgruppen- und bedarfsorientierte Maßnahmen. Das Endziel sei, die Eigenverantwortung soweit zu stärken, dass sich gesundheitsbewusstes Leben individuell dauerhaft durchsetze.


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