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DGVT und DGVT-BV fordern, Präventionsangebote mit engem Bezug zum Konsum von Cannabis für Jugendliche und junge Erwachsene auszubauen und zu verstärken

14. August 2026

Neue Daten zur Zahl von cannabisspezifischen Krankenhausaufnahmen liegen vor. In einem Artikel von Prof. Irmgard Vogt werden ein paar einfache Ergebnisse aus einer komplexen Datenlage gezogen.

 

Cannabislegalisierung und die Folgen – ein paar einfache Ergebnisse aus einer komplexen Datenlage

In den letzten Wochen wurde im Deutschen Ärzteblatt ein Bericht von Manthey und Mitautoren veröffentlicht mit neuen Daten zur Zahl von cannabisspezifischen Krankenhausaufnahmen in den 12 Monaten vor Einführung des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) und in den 12 Monaten danach (hier also vom 01.04.2022 bis 31.03.2024 und vom 01.04.2024 bis 31.03.2025). Herangezogen wurden zwei Abrechnungssystemen (PEPP und DRG), aus denen sich Daten zur wöchentlichen Aufnahme in Krankenhäusern von Menschen mit den Diagnosen: Cannabiskonsumstörungen (akute Intoxikation usw. und Vergiftung, F12.0-F12.9; T40.7) extrahieren lassen, differenziert nach den Kategorien: Jugendliche (bis 18 Jahre) und Erwachsene (18 Jahre und älter). Überspringt man die Details der Berechnungen, dann ergibt sich für die Erwachsenen, dass die durchschnittliche wöchentliche Rate an Krankenhausaufnahmen mit entsprechenden Diagnosen nach der Einführung des KCanG angestiegen ist. Die Autoren gehen von ca. 1372 zusätzlichen Krankenhausaufnahmen in diesen 12 Monaten aus. In 980 Fällen handelt es sich um Cannabis-induzierte Psychosen und in 392 Fällen um Cannabisvergiftungen.  Bei den Jugendlichen findet man in den ersten Monaten nach Einführung des KCanG einen stärkeren Anstieg der Krankenhausaufnahmen, der sich jedoch in den Folgemonaten stark abflacht und sogar rückläufig ist; insgesamt kam es in den 12 Monaten (2024-2025) zu 91 zusätzlichen Krankenhausaufnahmen. Alles in allem genommen handelt es sich um einen moderaten Anstieg der Krankenhausfallzahlen als Folge einer Cannabiskonsumstörung bzw. einer cannabisinduzierten Vergiftung im ersten Jahr nach Einführung des KCanG. Betroffen sind vornehmlich Erwachsene ab 18 Jahren. Die Autoren weisen darauf hin, dass manche der gesundheitlichen Probleme im Zusammenhang zu sehen sind mit einem vergleichsweisen einfachen Zugang zu Cannabis mit hohem THC-Gehalt (24 und mehr Prozent). Das gilt insbesondere für den Erwerb von medinischem Cannabisblüten und Cannabisextrakten z.B. über Online-Apotheken. 

Da sich aus den Datensätzen PEPP und DRG keine weiteren soziodemographischen Differenzierungen ableiten lassen, wurde zur Untersuchung der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre auf Daten der ambulanten und stationären Betreuung bzw. Behandlung zugegriffen, d.h. es wurden die DHSH-Daten herangezogen. Zur Bearbeitung lagen jedoch nur Daten bis einschließlich 31.12.2024 vor. Diese zeigen, dass die Fallzahlen der ambulanten Betreuung bei Fällen mit der Hauptdiagnose Cannabinoide (F12) für die Altersgruppe 18 bis 24 Jahre seit 2021 rückläufig sind. Dieser Trend zeigt sich auch im Jahr 2024, also in dem Jahr, in dem das KCanG eingeführt worden ist. Bei Erwachsenen über 25 Jahre findet sich dieser Trend nicht. Ein Anstieg der Fallzahlen für das Jahr 2024 ist auch nicht zu beobachten. Auch die Daten zur stationären Behandlung folgen – insgesamt genommen – diesen Mustern, allerdings sind die Trends nicht so ausgeprägt. Auch gibt es erste Hinweise, dass die Fallzahlen mit F12-Diagnosen bei den jungen Erwachsenen (bis 18-24 Jahre) in den Folgejahren ansteigen können. Bei den Altersgruppen 25 Jahre und älter sind die Fallzahlen mit F12-Diagnosen seit 2017 erheblich angestiegen, ein Trend, der auch im Jahr 2024 zu beobachten ist. Der Anstieg im Jahr 2024 mag mit der Einführung des KCanG zusammenhängen, das lässt sich aber nur schwer nachweisen, gerade weil der Anstieg der Fallzahlen seit 7 Jahren zu beobachten ist.

Setzt man die Ergebnisse in Bezug zu internationalen Studien und Daten zum Konsum von Cannabis z.B. in Kanada und einer Reihe von US-Bundesstaaten - alles Staaten, in denen schon seit etlichen Jahren der Konsum von Cannabis legalisiert und zum Teil kommerzialisiert ist, findet man eine Reihe von wichtigen Ergebnissen. Freeman et al. (2026) haben die Entwicklungen in diesen Staaten im Umgang mit Cannabis in enger Verbindung mit der Gesetzgebung differenziert dargestellt. Ohne auf Einzelheiten einzugehen ist pauschal festzuhalten, dass mit der Legalisierung und vor allem mit der Kommerzialisierung von Cannabis bei Erwachsenen (ab 18 Jahren z.B. in Alberta und ab 21 Jahren z.B. in Quebec) der Konsum leicht angestiegen ist und damit auch die Cannabiskonsumstörungen. Weniger eindeutig sind die Ergebnisse im Hinblick auf Psychosen: in einigen Studien nehmen diese in Assoziation mit dem Cannabiskonsum zu, in anderen eher nicht. Hier besteht Forschungsbedarf. 

Hall et al. (2026) argumentieren etwas anders. Diese Forschergruppe verweist darauf, dass es heute gute Evidenz dafür gibt, dass der tägliche Konsum von Cannabis von Menschen zwischen 15 und 25 Jahren die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es zu einer Cannabiskonsumstörung kommt, oft in Verbindung mit Ängsten, Depressionen, Psychosen und bipolaren Störungen. Sie argumentieren weiterhin, dass es eine konsistente Assoziation zwischen der Häufigkeit und Dauer des Konsums von Cannabis und dem Risiko einer Psychose gibt. Das betrifft insbesondere junge Menschen, die regelmäßig Cannabis mit hohem THC-Gehalt konsumieren; sie haben ein sehr hohes Risiko, psychotische Störungen bzw. eine Schizophrenie oder andere schwere psychische Störungen zu entwickeln. 

Was folgt daraus?

Zum einen muss man damit rechnen, dass die Teil-Legalisierung von Cannabis in Deutschland zu einer moderaten Zunahme der Krankenhausaufnahmen führt. Es spricht nicht viel dafür, dass es sich dabei um einen vorübergehenden Effekt handelt. Besonders problematisch ist es, wenn es zu einer Zunahme von Cannabisinduzierten Psychosen und bipolaren Störungen kommt, insbesondere bei Menschen in den Altersgruppen 15 bis 25 Jahren.

Daher ist es dringend notwendig, die Präventionsangebote mit engem Bezug zum Konsum von Cannabis für Jugendliche und junge Erwachsene auszubauen und zu verstärken: Junge Menschen bis ca. 25 Jahren haben ein hohes Risiko, mit dem gewohnheitsmäßigen und täglichen Konsum von hochpotentem THC nicht nur eine Cannabiskonsumstörung zu entwickeln, sondern zusätzliche Störungen wie Ängste, Depressionen und darüber hinaus auch psychotische und bipolare Störung. Selbst in Zeiten von knappen finanziellen Ressourcen im Gesundheitsbereich ist es ein wichtiges Anliegen, die Gesundheitsgefahren, die mit dem Konsum von Cannabis - insbesondere mit hohem THC-Gehalt – verbunden sind, zu minimieren. Eine Rückabwicklung des KCanG ist nicht die Lösung. Vielmehr geht es um Präventionen, die Jugendliche und junge Erwachsene (alle Geschlechter!) zu erreichen und sie zu überzeugen vermag, ihren Konsum von Cannabis stark einzuschränken bzw. ganz aufzugeben. Ebenso geht es um Behandlungen von Cannabis-induzierten psychischen Störungen auch mithilfe von Psychotherapie. 

Psychotherapeut*innen haben einiges anzubieten hinsichtlich der Behandlung von Cannabiskonsumstörungen. Bewährt haben sich MI (Motivational Interviewing) ebenso wie KVT (Kognitive Verhaltenstherapie) im Einzel- wie im Gruppensetting (mehr dazu z.B.  S3_Leitlinie Behandlung cannabisbezogener Störungen, 2025; Halicka et al., 2025; Hoch et al., 2019; 2025). Zu bedenken ist freilich auch in diesen Fällen, dass nach den aktuellen Regelungen in der Psychotherapie-Richtlinie (G-BA) das Behandlungsziel die Abstinenz ist. 

Irmgard Vogt, Frankfurt

Literatur

Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e. V. (DG-Sucht), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) & Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN). (2025). S3-Leitlinie Behandlung cannabisbezogener Störungen. Version 2.0. Zugriff am xx.xx.20xx von https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/076-005

Freeman, T.P., Thoren, R. L., Wasdworth, E. et al. (2026): International cannabis policies and their association with cannabis use, cannabis use disorder, and other psychiatric disorders. Lancet Psychiatry, 2026; 13: 615–26

Hall, W., Yimer, T.F., Thoren, R.L. et al. (2026): Relationships between cannabis use and mental disorders: assessing the coherence of evidence from studies with different methodologies. Lancet Psychiatry 2026; 13: 604–14 

Halicka, H., Parkhouse, T.L., Webster, K. et al. (2025): Effectiveness and safety of psychosocial treatment interventions for the treatment of cannabis use disorder: A systematic review and meta-analysis. Addiction.2025;120:2181–2201. DOI: 10.1111/add.70084

Hoch, E., Preuss, U.W. (2019): Cannabis, Cannabinoide und Cannabiskonsumstörungen PSYCH up2date 2019; 13 (5): 395–409. DOI: 10.1055/a-0847-9296

Hoch, E., Murawski, M., Ferri, M., Feingold, D. (2025): Cannabis use disorder: an overview of treatment approaches in Europe. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience (2025) 275:315–326. doi.org/10.1007/s00406-025-01964-7

Manthey, J., Radas, S., Kraus, L. (2026): Zunahme cannabisspezifischer Krankenhausaufnahmen. Deutsches Ärzteblatt, 123, 15, 413-417

Manthey, J., Kalke, J, Kraus, L. et al. (2026): EKOCAN.  Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 2. Zwischenbericht. Hamburg. www.uke.de/ekocan