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VPP 1/2010

4th Congress – Sex and Gender in Medicine -, November 6-8, 2009 in Berlin

22. Januar 2010

Kongressbericht von Irmgard Vogt

 

Vom 6.-8. November 2009 fand in Berlin der 4. Kongress der “International Society of Gender Medicine (IGM) – Sex and Gender Medicine” statt. Ausrichter des Kongresses waren die Berliner Charité, das Deutsche Herzzentrum Berlin sowie das  Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM unter der Leitung der Institutsdirektorin,  Vera Regitz-Zagrosek,. Der Kongress war zudem an das sechste „Meeting on Mechanical Circulatory Support“ angebunden, das von Roland Hetzer organisiert wurde und im regelmäßigen Turnus alle zwei Jahre stattfindet.  t. Etwa 250 Personen aus allen Teilen der Welt kamen zusammen, um sich über die neuesten Ergebnisse zu „Gender Medicine“ zu  informierenund um über Unterschiede von Krankheitsentstehung, Krankheitsverlauf und Behandlung zwischen Männern und Frauen zu diskutieren.

Die Dekanin der Charité, Annette Grüters-Kieslich, eröffnete den Kongress. Londa Schieblinger vom Clayman Institute for Gender Research in Stanfort, USA hielt die Keynote Lecture mit dem eindringlichen Appell an alle Beteiligten,

(1) Frauen stärker als bisher in den Natur- und Lebenswissenschaft zu verankern und ihnen dieselben Chancen auf Erfolg und Bezahlung einzuräumen wie den Männern,

(2) die Wissenschaftskultur in den Universitäten und Forschungsinstituten zu ändern und subtile Vorurteile, die sich gegen Frauen als Wissenschaftlerinnen richten, nachhaltig abzubauen, und

(3) die Wissensinhalte so zu verändern und zu erweitern, dass das Thema Gender einen angemessenen Platzbekommt.

Sie unterstrich ihre Forderungen u.a. mit dem Hinweis, dass bis in die 1990er Jahre die meisten Medikamente, die in der Medizin eingesetzt worden seien, nur an Männern getestet waren. Frauen  seien nach denselben Regeln behandelt worden wie die Männer- obwohl die Medikamente an Frauen nicht getestet waren. Heute weiß man, dass das nicht immer gut funktioniert hat.  Umso wichtiger  sei es, Gender-Analysen in den Natur- und Lebenswissenschaften und der Medizin verbindlich zu etablieren, damit Frauen und Männer gleichermaßen vom Wissenfortschritt profitieren könnten.

Schwerpunktthemen  des Kongresses waren Forschungsergebnisse bzw.  klinische Ergebnisse zum Thema Gender und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie das Management entsprechender Erkrankungen, einschließlich Herztransplantationen. Vera Regitz-Zagrosek berichtete ausführlich über Ergebnisse  aus dem Bereich der Grundlagenforschung, die auf der Tatsache aufbauen, dass bei Herzkreislauferkrankungen deutliche Geschlechtsunterschiede festgestellt werden können: . Frauen würdenhäufiger eine diastolische, Männer häufiger eine systolische Herzinsuffizienz aufweisen. Diese Unterschiede müssten nicht nur  in der Diagnostik berücksichtigt werden, sondern auch in der Behandlung – was allerdings nur dann stattfinden würde, wenn Ärzte und Ärztinnen entsprechend geschult sind und ihre Patienten und Patientinnen anschließendsorgfältig untersuchen, sowie die Störungen und Krankheiten genderspezifisch diagnostizieren und behandeln. Das  seiheute leider noch  keine Selbstverständlichkeit.. Es  seienvor allem die Frauen, die bislang darunter leiden müssten, dass Gender Analysen und darauf aufbauende Gender-sensible Behandlungen in der Medizin eher die Ausnahme als die Regel sind.

Dieses Thema wurde von Jeanette Strametz-Juranek von der Medizinischen Universität Wien aufgenommen, die auf Geschlechterdifferenzen bei Bluthochdruck hinwies. Frauen seien nach der Menopause mindestens genauso stark wenn nicht sogar stärker gefährdet als Männer, Bluthochdruck zu entwickeln. Frauen würden aber seltener in diese Richtung untersucht werden und noch seltener adäquat behandelt werden(vg. den Vortrag von Giovannella Baggio). Diese Tatsachewürde sich auch in den Behandlungsrichtlinien niederschlagen, die auf Sex und Gender nicht eingehen würden und auch keine Vorgaben zu geschlechtssensiblen Behandlungen machen würden(siehe dazu auch der Beitrag von C. Noel Baierey Merz u.a.). Auch die Studien, die von Mitarbeiter/innen der Studiengruppe „Gender in Cardiovascular Function“ vorgetragen wurden, belegen, dass sowohl in Tierversuchen,  als auch bei Untersuchungen am Menschen systematische Geschlechtsunterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen festgestellt werden könnten. (Beiträge von Dorothy E. Vanter, Jaen-Francois Arnal, Jean-Jacques Mercadier, Michael Bader und Jane Reckelhoff). Magnus Baumhäkel vom Universitätsklinikum des Saarlandes belegt mit neueren Studien, dass sowohl das Geschlecht der Patienten und Patientinnen als auch das Geschlecht der Behandler/innen von Bedeutung seien. Frauen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen  würdenvon Ärzten (männlichen Geschlechts) anders medikamentös behandelt als Männer, Ärztinnen hingegen würdenbeide Geschlechter eher gleich behandeln. Diese Studien belegen einmal mehr, welch große Bedeutung  das Geschlecht aller Beteiligten in der Praxis hat.

Meir Steiner ging in seinem Vortrag auf den Zusammenhang von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen ein. Gut belegt  sei heute die Komorbidität beider Erkrankungen. Depressionen würden Herz-Kreislauf-Erkrankungen verstärken und das Sterblichkeitsrisiko erhöhen. . Dabei würden sowohlbiologische als auch soziale Faktoren eine wichtige Rolle spielen. . Zurzeit  seinicht klar, ob die Behandlung der Depression den Verlauf der Herz-Kreislauf-Behandlung positiv beeinflussen würde  oder nicht. Sicher  sei jedoch, dass eine solche Behandlung die Lebensqualität der Frauen (und Männer) mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt betrachtet erhöhen würde . Wer sich subjektiv besser d.h.gesünder fühlen würde, habe auch objektiv betrachtet bessere Chancen, nicht nur zu überleben sondern auch relativ gut und lange zu leben.

Die Geschlechter würden sich auch hinsichtlich der Herztransplantationen unterscheiden, wie Hannah A. Valantine von der Stanford University, School of Medicine, zeigte. Es  seiallgemein bekannt, dass Männer sehr viel häufiger Empfänger und Frauen sehr viel häufiger Spender von wichtigen Organen seien. r. Mit Jährlich 2000 Herztransplantationen würde  in den USA  der Anteil der Herztransplantationen bei Frauen bei 25 % liegen, der Anteil der Frauen als Spenderinnen von Herzen würde bei 30 % liegen.  Ähnliche Verteilungen  könneman bei Herz-Lungen-Transplantationen finden (und bei Nierentransplantationen, wie noch dargestellt wird). Wichtige Faktoren, die diese  Unterschiedezwischen Frauen und Männern als Empfänger/innen von Herzen erklären könnten,  seienu.a. folgende:

(1) Frauen  hätten ein höheres Risiko als Männer, nach einer Herztransplantation zu sterben. Mit der Entwicklung von besseren Immunsuppressiva  sei dieses Risiko jedoch entsprechend reduziert, was aber von der Fachwelt nicht immer wahrgenommen würde.

(2) Wenn Frauen nach einer Transplantation schwanger werden, würde sich sowohl für die Frauen selber als auch für das ungeborene Kind ein erhöhtes Gesundheitsrisiko ergeben.

(3) Komplexe Interaktionen zwischen dem Alter und dem Geschlecht des Spenders einerseits und dem Alter und Geschlecht des Empfängers andererseits seien auch von Bedeutung: Männer würden   Männerherzen am besten „vertragen“. Das Risiko der Abstoßung seierheblich größer, wenn Männern Frauenherzen eingepflanzt würden. Es  sei jedoch deutlich geringer als das Risiko der Frauen, die ein Männerherz erhalten würden. Frauen würden in diesem Fall sehr häufig heftige Immunabwehrreaktionen entwickeln.

 (4) Bei der Zuweisung von Spender-Herzen an Empfänger seien ebenfalls Geschlechtsunterschiede zu beobachten: Frauen würdenvon Ärzten/Ärztinnen seltener als Empfängerinnen genannt. Diese Tendenz  würde noch dadurch verstärkt werden, dass Frauen, wenn man ihnen als Behandlungsoption eine Herztransplantation anbieten würde, diese häufiger zurückweisen würden als Männer. Nach Valantine müsste  in weiteren Studien der Zusammenhang zwischen Sex und Gender und den geschlechstspezifischen Differenzen hinsichtlich der Transplantation wichtiger Organe untersucht werden mit dem Ziel, die Versorgung von Frauen mit Herzinsuffizienz ebenso wie die von Männern zu verbessern.

Auch Duska Dragung von der Charité Berlin wies in ihrem Beitrag darauf hin, dass es ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen als Spender und Empfänger von Nierengeben würde. Frauen  seienhäufiger Spenderinnen von Nieren (70%)und würden  deutlich seltener eine Niere empfangen als Männer. Frauen, die eine Niere spenden,  hättten bei anschließenden Schwangerschaften ein erhöhtes Krankheitsrisiko  wie zum Beispiel schwangerschaftsbedingten Diabetes, Bluthochdruck oder schwangerschaftsbedingte Krämpfe usw. Dabei  sei die Transplantation einer weiblichen Niere seltener erfolgreich als die einer männlichen Niere. Männer  würdendemnach eine männliche Niere  seltenerabstoßen als. Trotzdem würden Frauen ein höheres Risiko tragen, wenn ihnen die Niere eines männlichen Spenders eingepflanzt würde. Das hohe Risiko von Frauen, eine männliche Niere abzustoßen, wird in Zusammenhang gebracht mit dem Y-Chromosom, das mit der Niere ebenfalls übertragen wird. Dies würde  jedoch nur teilweise die unterschiedlichen Reaktionen und Risiken von Männern und Frauen bei Nierentransplantationen erklären. Weitere Forschungen werden nötig sein, um diese genauer zu ergründen.

Verschiedene Beiträge setzten sich mit Fragen nach der passenden medikamentösen Therapie von Herz-Kreislauf-Problemen von Frauen auseinander. Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass viele bekannte Medikamente bislang nur an Männern auf ihre Wirksamkeit untersucht worden seien. Immerhin müssten seit den 1990er Jahren alle neuen Medikamente sowohl an Männern  als auchan Frauen auf ihre Wirkungen und Nebenwirkungen getestet werden. Da sich Sex und Gender als zentrale Dimensionen in der Medizin noch nicht durchgesetzt hätten, seies auch noch nicht selbstverständlich, die medikamentöse Behandlung danach auszurichten.

Kurz und gut: Es ist noch viel zu tun. Als ein wichtiger Schritt zur Etablierung von Sex und Gender in der Medizin kann die Netzwerkbildung angesehen werden, insbesondere das „Global Knowledge-building Network on Gender Competence in Medical Education, das sich, wie Ann-Maree Nobelius vom Centre for Medical and Health Sciences Education, Melbourne, ausgeführt hat, folgende Ziele gesetzt hat:

(1) Verbesserung des Informationsflusses über Wissensbestände zu Sex und Gender;

(2) Verbesserung der Dokumentation dieser Wissensbestände;

(3) Unterstützung von Forschungen zu Sex  undGender. Die Aktivitäten des Netzwerks sind aktuell  aufgrundder weltweiten Finanzkrise etwas eingeschränkt; die Mitglieder sind aber entschlossen, ihre Ziele weiter zu verfolgen. Interessierte sind aufgefordert, sich diesem Netzwerk anzuschließen.

Auf die 94 Poster und die Postersession wird hier aus Platzgründen nicht eingegangen.

Zusammengefasstwar das eine sehr faszinierende Tagung mit sehr vielen, sehr interessanten Einzelvorträgen zu einem weiten Spektrum von Themen zu Sex und Gender in der Medizin und im Spektrum von Public Health.