8. DGVT-Interview mit Waltraud Deubert geführt im September 2019 in Tübingen von Steffen Fliegel
Der DGVT-Vorstand hat Steffen Fliegel beauftragt, in loser Reihenfolge wichtige frühere und heutige Förderer des Verbandes und der Verhaltenstherapie zu interviewen. Damit sollen zum Einen eine Ehrung und Wertschätzung dieser Kolleg*innen für ihr Engagement zum Ausdruck kommen, zum anderen können die heutigen Mitglieder mehr über die Historie, die Wurzeln und die zum Teil sehr spannungsgeladenen Entwicklungslinien der DGVT und der Verhaltenstherapie in Deutschland erfahren.
Im ersten Interview kamen Peter Gottwald und Dietmar Schulte zu Wort (VPP 4/2010), das zweite Gespräch galt Eva Jaeggi und Jarg Bergold (VPP 1/2012), das dritte Heiner Keupp und Christoph Kraiker (VPP 1/2014), das vierte Dieter Kleiber (VPP 3/2014), das fünfte galt Armin Kuhr (VPP 1/2016), das sechste Sybille Krämer (VPP 1/2018), das siebte Bernhard Scholten (VPP 3/2019). Das achte Interview wurde nun mit Waltraud Deubert geführt.
Steffen Fliegel:
Liebe Waltraud, du bist nun seit vielen Jahren die Geschäftsführerin der DGVT, lenkst also auch seit sehr langer Zeit die Geschicke der DGVT. Ich freue mich daher sehr, heute mit dir ein Gespräch darüber zu führen, wie du nach so vielen Jahren der Arbeit und Zugehörigkeit in der DGVT diese Zeit bewertest. Wie lange bist du bereits in der DGVT aktiv?
Waltraud Deubert:
Lieber Steffen, ich habe 1980 als studentische Hilfskraft in der DGVT angefangen zu arbeiten und habe dann kurz vor dem Ende meines Studiums 1985 eine halbe Stelle angenommen in der DGVT.
Steffen Fliegel:
Was hast du genau für eine Ausbildung absolviert, bevor du in die DGVT eingestiegen bist oder während du in die DGVT eingestiegen bist?
Waltraud Deubert:
Ich habe Dipl. Pädagogik studiert mit Schwerpunkt Beratung und Therapie in Tübingen an der Universität. Dann habe ich noch eine Ausbildung als Sozialwirtin an den Wochenenden gemacht; Schwerpunkte waren Personalführung, Arbeitsrecht und Finanzen. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits bei der DGVT festangestellt.
Steffen Fliegel:
Wusstest du zu Beginn deines Studiums schon, wie dein beruflicher Lebensweg aussehen würde? War so etwas, was du dann so viele Jahre in der DGVT gemacht hast, bereits in deinem Kopf als Idee vorhanden?
Waltraud Deubert:
Nein, das kann ich nicht sagen, ich hatte eigentlich vor, nach meinem Studium in einer Beratungsstelle zu arbeiten. In der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises in Tübingen habe ich auch ein halbjähriges Praktikum gemacht. Und meine Dipl. Arbeit habe ich auch über die Arbeit in Beratungsstellen geschrieben. Ich hätte mir gut vorstellen können, mit Klient*innen zu arbeiten.
Steffen Fliegel:
Du hast deine Karriere, die ja letztlich eine sehr steile Karriere auch wurde, als studentische Hilfskraft begonnen. Was hat dich denn in dieser Zeit motiviert, in der DGVT auch weiterzumachen, also deinen beruflichen Weg in der DGVT fortzuführen?
Waltraud Deubert:
Das war das Engagement einzelner Leute in der DGVT, da kann ich vor allen Dingen Bernhard Scholten nennen, der mich damals als Vorstandsmitglied auch eingestellt hat. Dann waren Thomas Heyden und Bernd Röhrle meines Wissens noch im Vorstand der DGVT. Und Dirk Zimmer kannte ich als Dozent am Psychologischen Institut, wo ich etliche Seminare besucht habe. Auch er hat die DGVT immer wieder als tollen Verband genannt in seinen Seminaren. Die Zusammenarbeit mit diesen Leuten, die ehrenamtlich für die DGVT gearbeitet haben und so viel Zeit, Engagement und Herzblut investiert haben, war für mich Anlass, mich über meine Hilfskrafttätigkeit hinaus für die Politik der DGVT zu interessieren. Hinzu kam sicher auch, dass mein Studium bei den Diplom-Pädagogen in Tübingen auch die Beschäftigung mit den verschiedenen Sozialgesetzbüchern beinhaltete. Von daher reifte doch relativ schnell die Erkenntnis in mir, für die DGVT zu arbeiten und dabei zu bleiben.
Steffen Fliegel:
Wir kommen nachher noch einmal auf die einzelnen Personen zurück, die deinen beruflichen Weg in der DGVT begleitet haben. Ich mache zuerst einmal einen Sprung wieder zurück in die Gegenwart. Du bist heute Geschäftsführerin dieses größten Therapieverbandes in Europa, wenn nicht sogar in der Welt. Alle Achtung, was du in der DGVT und für die DGVT geleistet hast. Wenn du die DGVT, wie du sie heute erlebst, beschreiben würdest, was wären so wichtige Merkmale dieses Verbandes?
Waltraud Deubert:
Also, für mich ist und war es ein wichtiges Merkmal der DGVT, dass sie sich für eine patientengerechte Versorgung einsetzt. Die DGVT war schon immer als Verband breit aufgestellt, hat sich zu vielen Themen im Gesundheits- und Sozialbereich geäußert. In der Anfangszeit meiner Tätigkeit gab es ja die Zusammenarbeit mit den sog. Plattformverbänden (DGVT, die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie und die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (DGSP und GwG), denen es um die Verbesserung der psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung ging. Das war die Zeit der Sparmaßnahmen und Einsparungen im Gesundheitsbereich; die Plattformverbände wollten dem was entgegensetzen. Und in dieser Zeit ist die DGVT auch dem Paritätischen beigetreten, dessen Werte auch den Werten der DGVT entsprechen. Also gerade die Gesundheitspolitik war mir immer ein zentrales Anliegen.
Steffen Fliegel:
Die DGVT ist ein sehr großer Therapieverband, der in der Satzung ja die Versorgung der Bevölkerung mit Psychotherapie an erste Stelle gesetzt hat. Du hast gerade angesprochen, dass dir genau dieser Aspekt der Patientenversorgung in deinem Schaffen als Geschäftsführerin besonders wichtig war. Wo würdest du darüber hinaus die heutigen Schwerpunkte des Verbandes sehen?
Waltraud Deubert:
Weitere Schwerpunkte des Verbandes sind in der Vergangenheit und heute sicher die Psychotherapieausbildung. Früher in selbstorganisierten Arbeitskreisen, dann in einem strukturierten Baukastenmodell. Und wichtig war es für die DGVT dann, dass wir nach dem Psychotherapeutengesetz eine staatlich anerkannte Ausbildung ausrichten konnten. Und auch da war die Idee, denjenigen, die wir ausbilden, die Versorgungspolitik nahe zu bringen. Und obwohl mir die Gesundheitspolitik ein zentrales Anliegen ist, ist auch die Berufspolitik für unsere Mitglieder sehr wichtig. Daher war die Gründung des Berufsverbandes sinnvoll und richtig. Auch in der Berufspolitik kann man reine Klientelpolitik betreiben oder auch Gesundheits- und soziale Aspekte mit berücksichtigen.
Steffen Fliegel:
Ein weiteres Standbein der DGVT ist ihr eigener Verlag…
Waltraud Deubert:
… der mit sehr viel Engagement und Herzblut von Otmar Koschar geführt wird.
Steffen Fliegel:
Du bist gerade von der EABCT, der europäischen Verhaltenstherapie, für dein Wirken für die Verhaltenstherapie geehrt worden. Ich sehe es so, dass diese Ehrung sich auch auf deine Kompetenzen bezieht, den Verband in Deutschland, aber auch in Europa mit aufzustellen und Kooperationen zu knüpfen. Was würdest du sagen, sind so die wichtigsten Beziehungen, die die DGVT in den vielen Jahren deines Wirkens geschaffen hat?
Waltraud Deubert:
In der heutigen Zeit, und das seit etlichen Jahren, macht es keinen Sinn mehr, als Einzelkämpfer-Verband aufzutreten. Die Verbändebeziehungen sind immer wichtiger geworden. Im heutigen Gesprächskreis 2 arbeiten 35 Fach- und Berufsverbände zusammen. Stellungnahmen in die Politik hinein zeigen wesentlich mehr Wirkung, wenn sie von mehreren Verbänden getragen werden. Die Anfänge waren sicher nicht einfach mit den verschiedenen Fach- und Berufsverbänden, aber in der Zwischenzeit hat sich da eine gute Kooperation und Zusammenarbeit ergeben. Das gilt selbstverständlich auch für die Bundespsychotherapeutenkammer. Was die Verbände in der EABCT (European Association of Beviour and Cognitive Therapy) anbelangt, kann man das genauso sagen. Auch auf europäischer Ebene wird eine gute Zusammenarbeit und Kooperation zu pflegen immer wichtiger.
Steffen Fliegel:
Ich glaube, dass an der DGVT auf versorgungspolitischer Ebene, was die Psychotherapie angeht, in Deutschland, aber auch in Europa, nichts mehr vorbei geht, dass die DGVT immensen Einfluss gewonnen hat. Und das ist in großem Maße dir zu verdanken, Waltraud. Gibt es Schwerpunkte aus der DGVT-Arbeit, die in Zusammenarbeit mit den anderen Verbänden problematisch sind, bzw. wo die DGVT sehr um Zustimmung und Anerkennung kämpfen muss?
Waltraud Deubert:
Also, in der heutigen Zeit sind die Konflikte sicher geringer geworden. Aber in den Anfangszeiten gab es hier durchaus Auseinandersetzungen. Die DGVT ist ja dem Ersatzkassenvertrag nicht beigetreten, weil sie das nicht unterstützen konnte, dass die Kolleg*innen im Delegiertensystem und in Abhängigkeit von den Ärzten arbeiten. Aber auch als das Psychotherapeutengesetz verabschiedet wurde bzw. in der Zeit davor gab es natürlich etliche Konflikte. Die DGVT hat immer eine sehr offene Verhaltenstherapie vertreten. Der DGVT war es wichtig, dass Pädagog*innen in das Psychotherapeutengesetz mit aufgenommen wurden und der Beruf des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten etabliert wurde.
Steffen Fliegel:
Die DGVT hatte ja nach ihrem sogenannten Arbeitskreis des selbstorganisierten Lernens eine curriculare Weiterbildung, die sich eben nicht, wie du gerade richtig gesagt hast, in das System der kassenärztlichen Bundesvereinigung hat einbinden lassen, sie hat quasi parallel, man könnte fast sagen außerparlamentarisch ausgebildet. Sie hatte ihren Schwerpunkt mehr auf die institutionelle Arbeit gelegt und nicht nur für die freie Niederlassung ausbilden wollen. Dies hat dennoch viel Resonanz gefunden bei Kolleg*innen, die genau diese Ausbildung machen wollten. Könntest du etwas dazu sagen, warum sich die DGVT, die sich auch sehr aktiv, wir waren ja beide auch sehr involviert, an der Schaffung des damaligen Psychotherapeutengesetzes beteiligt hat, warum die DGVT dann doch dieser gesetzlichen Ausbildung zugestimmt hat, die ja auch wieder sehr auf die individuelle Psychotherapie ausgerichtet war?
Waltraud Deubert:
Die gesetzliche Situation ist nicht vergleichbar mit dem Delegationsverfahren, das vor dem Psychotherapeutengesetz bestand. Es war den Beteiligten in der DGVT auch klar, dass wir uns jetzt entscheiden müssen: bieten wir entsprechend dem Psychotherapeutengesetz eine Ausbildung an, oder wollen wir den Verband beschränken auf Gesundheitspolitik. Womit wir natürlich auch weniger Einfluss insgesamt gehabt hätten. Von daher war die Entscheidung richtig, und ich konnte sie als Geschäftsführerin gut mittragen. Aus heutiger Sicht war es richtig, dass die DGVT damals den Weg ins Psychotherapeutengesetz eingeschlagen hat. Für die Mitarbeiter*innen, daran kann ich mich noch gut erinnern, war die Situation vor dem Psychotherapeutengesetz sehr schwierig, weil die Mitglieder erst einmal abgewartet haben und nicht wussten, ob es sinnvoll sei, eine Ausbildung vor dem Gesetz anzufangen. Es war damals auch finanziell eine schwierige Situation für die DGVT. Als das Psychotherapeutengesetz verabschiedet war, hatten wir dann so viel Arbeit mit den Übergangsregelungen. Unser Telefon stand nicht mehr still, wir wussten das kaum zu bewältigen. Ohne das ehrenamtliche Engagement von der damaligen Anerkennungskommission hätten wir das gar nicht geschafft, ganz abgesehen von den vielen Ehrenamtlichen, die sich bereiterklärt hatten, die Beratung der Mitglieder durchzuführen.
Steffen Fliegel:
Du hast viele Vorstände kommen und gehen sehen, bist sozusagen die stabile Instanz über die vielen Jahre gewesen, musstest dich wahrscheinlich auch immer wieder mal der ein oder anderen Strömung anpassen, die aus der Vorstandsarbeit hervorgegangen ist, wie hast du das geschafft?
Waltraud Deubert:
Was ich in der DGVT gelernt habe, ist, dass man, wenn man sich auf Personen einlässt, auch gut mit ihnen arbeiten kann. Natürlich gibt es Personen auch im Vorstand und in den Kommissionen, die mir näher standen, aber Arbeitsbeziehungen konnte ich eigentlich zu allen aufbauen. Das ist aber auch ein Wert, den die DGVT mir vermittelt hat, und da bin ich auch wirklich sehr dankbar. Ich habe in der Zeit bei der DGVT so viel Unterstützung und auch Vertrauensvorschuss von den Vorständen und Kommissionen erhalten, ohne das wäre meine Arbeit gar nicht möglich gewesen.
Steffen Fliegel:
Vieles in der DGVT hat ja überdauert, man könnte fast sagen, ist zeitlos, wie zum Beispiel die Kommissionen. Die heutige Landschaft der Kommissionen, Arbeitsgruppen und Arbeitsgemeinschaften hat sich zwar immer wieder erweitert, aber Vieles ist auch stabil geblieben. Vielleicht kannst du ein paar Vorstandsmitglieder oder auch andere Personen in der DGVT-Arbeit benennen, die du entweder besonders prägend fandest für die Entwicklung der DGVT oder auch, mit denen dir die Zusammenarbeit besonders viel Freude gemacht hat?
Waltraud Deubert:
Anknüpfend an das, was ich gerade gesagt habe, wenn man sich auf Personen einlässt, es dann auch klappt, eine gute Arbeitsbeziehung herzustellen, müsste ich eine ganze Liste von Personen nennen. Aber natürlich haben sich mir einige Vorstände besonders eingeprägt, mit denen ich sehr lange zusammengearbeitet habe. Mit Bernhard Scholten habe ich nach der Zusammenarbeit im Vorstand noch bis 2018 die DGVT-Kongresse geplant. Und mit Gerhard Brückner und Heiner Vogel habe ich jeweils fast 20 Jahre im Vorstand zusammengearbeitet und mit Wolfgang Schreck arbeite ich jetzt auch schon 10 Jahre zusammen. In einer so langen Zeit wächst man zusammen und kennt sich mit allen Stärken und Schwächen. Im gesundheitspolitischen Bereich, im Forum Beratung, in der Frauen-AG, in der Gemeindepsychologie und im Ausbildungsbereich haben sich sehr freundschaftlich kollegiale Beziehungen entwickelt. Einige davon haben mich stark geprägt und unterstützt.
Steffen Fliegel:
Es hat mir in der DGVT immer sehr imponiert, dass es tatsächlich einige Kämpfernaturen gab, die sich mit einem unglaublichen Engagement eben für die Prävention und die Vorsorge für Menschen eingesetzt haben, die Gefahr laufen, psychische Störungen zu entwickeln, die in schwierigen Arbeitsverhältnissen und Lebensbedingungen leben. Und da hat sich mit oder parallel zur DGVT eine gemeindepsychologische Gesellschaft gegründet. Hier nenne ich mal Hubert Kötter, der leider sehr früh verstorben ist. Wie siehst du die Zusammenarbeit mit dieser gemeindepsychologischen Gesellschaft in der Vergangenheit und auch heute?
Waltraud Deubert:
Die Zusammenarbeit mit den Gemeindepsycholog*innen war in den früheren Jahren sicher viel enger. In den Anfangszeiten habe ich noch an jeder Sitzung der Gemeindepsycholog*innen teilgenommen. Leider war das im Laufe der Jahre durch die vielen anderen Termine, die ich wahrgenommen habe und durch die Betreuung vieler Fachgruppen in der DGVT neben der Zuarbeit für den Vorstand nicht mehr so möglich.
Steffen Fliegel:
Warum waren die Gemeindepsycholog*innen, die ja sowohl größtenteils aus der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie als auch aus der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie erwachsen sind, so wichtig oder auch für die DGVT so wichtig?
Waltraud Deubert:
Bei den Gemeindepsycholog*innen ging es schwerpunktmäßig immer um die Gesundheits- und Sozialpolitik, nicht so sehr um Realpolitik. Man konnte auch mal Fantasien entwickeln, wie das Gesundheitssystem umgestaltet werden könnte, ohne gleich zu überlegen, wie das denn gehen könnte. Das fand ich immer sehr anregend. Das war für meine Arbeit in der DGVT auch wichtig, um neue Ziele aufzubauen. Aber die DGVT musste immer auch ein Stück Realpolitik betreiben, um in der Verbändelandschaft zu bestehen. Die Gemeindepsycholog*innen hatten und haben es da ein wenig einfacher. Aber das in die DGVT mitzunehmen, fand ich sehr gut. Auch wenn das auch immer ein Spagat war.
Steffen Fliegel:
Welche Fachgruppen in der DGVT hast du insbesondere betreut?
Waltraud Deubert:
Die erste Fachgruppe in der DGVT war die Fachgruppe „Frauen in der psychosozialen Versorgung“, die sich schon früh dem Thema „Sexueller Missbrauch“ gewidmet hat. Diese Fachgruppe hat wirklich viel erreicht, denn es wurde auch auf Grund deren Initiative Sexueller Missbrauch als Offizialdelikt eingeführt. Die Fachgruppe hat spannende Fachtagungen initiiert und mit deren Fachfrauen mich heute auch noch viel Persönliches verbindet. Eine weitere Fachgruppe war die „Fachgruppe gegen Rassismus und Antisemitismus“, die Fachgruppe „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“. Dann wäre das „Forum Beratung“ zu nennen, das sich als Ergänzung zur Psychotherapie in der DGVT gegründet hat. Gerade das Forum Beratung hat es immer wieder geschafft, junge Kolleg*innen zu rekrutieren, die sich in diesem Bereich engagieren. Mit denen arbeite ich auch heute immer noch gerne zusammen. Sie haben im Dachverband für Beratung Funktionen eingenommen und den Beratungsbereich in Deutschland mit etabliert. Und das „Forum Beratung“ war auch immer ganz engagiert in den letzten Jahren bei den DGVT-Kongressen.
Steffen Fliegel:
Die DGVT hat in ihren Mitgliederzahlen große Schwankungen vollzogen. Es gab ja Zeiten, an die ich mich noch gut erinnere, wo die Marke von 6.000 Mitgliedern überschritten wurde. Es gab auch deutlich niedrige Zahlen. Aber heute sind es mehr als 9.000. Kannst du etwas dazu sagen, was zu Mitgliederschwund und was aber auch zu massiven Mitgliedersteigerungen in der DGVT beigetragen hat?
Waltraud Deubert:
Was zum Mitgliederschwund beigetragen hat, das hatte ich vorhin schon einmal kurz erwähnt. Das war die Phase, in der unklar war, ob und wann das Psychotherapeutengesetz kommt, welche Ausbildung wird dann in den Übergangsregelungen anerkannt. Das war eine Phase, in der wir einen starken Mitgliederaustritt hatten. Und die Zahlen sind wieder angestiegen nach Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes, als die DGVT dann in die entsprechende staatlich anerkannte Ausbildung eingetreten ist. Heute haben wir ca. 9.400 Mitglieder. Von der Statistik her ist es so, dass viele junge Mitglieder beitreten, wenn sie die Ausbildung bei der DGVT anfangen. Nach wie vor treten aber auch Mitglieder ein, weil die DGVT sich in der Berufs- und Fachpolitik engagiert.
Steffen Fliegel:
Es gab ja mal eine Zeit, wo die verschiedenen Berufsgruppen in der DGVT Bedeutung hatten. Neben Psycholog*innen waren das Sozialpädagog*innen, Pädagog*innen, Ärzt*innen. Diese Bedeutung ist ja deutlich zurückgegangen. Heute sind es ja fast ausschließlich Psycholog*innen, die eine Psychotherapieausbildung machen oder die bereits approbiert sind. Hat die DGVT da aus deiner Sicht etwas versäumt, obwohl sie sich in ihrer Satzung für verschiedene Berufsgruppen in der psychosozialen, psychotherapeutischen Versorgung einsetzt und sich doch letztlich konzentriert hat auf die Psycholog*innen?
Waltraud Deubert:
Ob wir da etwas versäumt haben, das finde ich schwierig zu sagen. Es ist uns jedenfalls nicht gelungen, die anderen Berufsgruppen im Verband zu halten bzw. andere Berufsgruppen für den Verband zu interessieren. Es sind natürlich durch die Ausbildung im Bereich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie auch viele Sozialpädagog*innen im Verband, die als Grundberuf Pädagogik studiert haben. Aber unserem Anspruch, wirklich insgesamt für psychosoziale Berufsgruppen da zu sein, diesem Anspruch konnten wir nicht gerecht werden. Ich denke, das hängt auch damit zusammen, dass sich in den 1970er und 1980er Jahren immer mehr Verbände für die unterschiedlichen Berufsgruppen gegründet haben, also zum Beispiel für Sozialpädagog*innen oder Diplom-Pädagog*innen.
Steffen Fliegel:
Aber auch Psycholog*innen haben ihre eigenen Verbände und trotzdem ist die DGVT überwiegend ein Psychologenverband. Hätte da irgendetwas anders laufen können, um auch andere Berufsgruppen mehr zu binden? Teamarbeit ist ja weiterhin ein wichtiges Ziel in der DGVT, und das könnte sich ja auch in einer Mitgliederstruktur bemerkbar machen, in der verschiedene Berufsgruppen zusammenwirken.
Waltraud Deubert:
Dass so viele Psycholog*innen in der DGVT Mitglied geworden sind, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass es viele VT-Lehrstühle an den Universitäten gibt, und dass es bei den Pädagog*innen wenig Hochschullehrer*innen gibt, die VT als Verfahren vertreten. Vielleicht hat auch der Name „Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie“ dazu geführt, dass andere Berufsgruppen sich nicht angesprochen fühlten.
Steffen Fliegel:
Vielleicht ist es ja auch eine Überforderung für so einen Verband, sich für die verschiedenen Arbeitsfelder einzusetzen, in dem auch die unterschiedlichen Berufsgruppen arbeiten bzw. zusammenarbeiten. Wahrscheinlich reicht das „Forum Beratung“ eben nicht aus, die Beratungsarbeit in den Beratungseinrichtungen, Beratungsstellen und so weiter umfassend in den Blick zu nehmen. Die Verbandskonzentration hat sich seit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes eben sehr stark auf dessen Umsetzung fokussiert und ist jetzt noch einmal durch die Kammerarbeit in der DGVT natürlich auch immens gestärkt worden, wo sich dann eben andere Berufsgruppen nicht wiederfinden.
Bevor wir vielleicht noch einmal einen Blick in die Zukunft werfen, bleiben wir noch einmal in der Gegenwart. Gibt es derzeit neue Schwerpunkte in der DGVT-Arbeit?
Waltraud Deubert:
Ja. Was ich sehr spannend finde, es gibt eine neue Fachgruppe „Psychosoziale Versorgung“, die unter anderem auch von Bernhard Scholten, Monika Bormann und Irmgard Vogt mitgetragen wird und auch einigen jungen Mitgliedern. In dieser Arbeitsgruppe wird der Prozess der Weiterentwicklung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung begleitet, die die Aktion Psychisch Kranke als Auftrag vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat. In der Zwischenzeit haben zwei Dialogforen stattgefunden. Die Arbeitsgruppe gibt immer Stellungnahmen zu den einzelnen Themen heraus, die man auch in der VPP und auf der Homepage nachlesen kann. Das ist eine sehr spannende Arbeit. Und man kann nur hoffen, dass das Ministerium die Empfehlungen, die die Aktion Psychisch Kranke daraus ableitet, auch umsetzt.
Steffen Fliegel:
Um welche Empfehlungen wird es gehen?
Waltraud Deubert:
Es geht vor allen Dingen um Änderungen im SGB V. Dabei u. a. um die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen, was ja der DGVT immer ein großes Anliegen ist, um die Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, die ja in vielen Bereichen schwierig ist. Es geht leider nicht so sehr darum, die Finanzierung aus verschiedenen Sozialgesetzbüchern zu ändern, auch ein altes Thema der DGVT, wenn man an die frühere Broschüre denkt „Psychosoziale Hilfen im regionalen Verbund“, in der die DGVT eine Mischfinanzierung für Versorgungsbereiche vorgeschlagen hat.
Steffen Fliegel:
Das Psychotherapeutengesetz hat seine Reform ja nun abgeschlossen. Und wir können eine sehr kritische Haltung dazu einnehmen, im Sinne von „Eine Chance vertan“. Was wird diese Reform, die den Psychotherapie-Ausbildungsbereich komplett verändern wird, aus deiner Sicht für die DGVT verändern?
Waltraud Deubert:
Das wird sicher eine große Veränderung für die DGVT und die DGVT-Ausbildungsinstitute geben, wenn aus der Ausbildung eine Weiterbildung wird. Die Finanzierung der Weiterbildung bleibt weit hinter unseren Erwartungen zurück. Außerdem werden zukünftig die Landeskammern die Aufsicht über die Institute haben bzw. sie zur Weiterbildungsdurchführung ermächtigen. Dies liegt derzeit in staatlichen Händen. Da stehen weitreichende Veränderungen an. Wobei es sicher gut ist, dass die DGVT in den Kammern sehr aktiv ist. Die DGVT hat ja in mehreren Landespsychotherapeutenkammern auch Vorstände, in der Bundespsychotherapeutenkammer sind mit Wolfang Schreck und Andrea Benecke sogar zwei DGVT-Aktive im Vorstand. Von daher ist die Zusammenarbeit in den Kammern und mit den Kammern sehr gut. Die DGVT beteiligt sich aktiv an dem Reformprozess und Günter Ruggaber, mein Kollege und Geschäftsführer der Akademie, ist hier unermüdlich im Einsatz. Die DGVT ist mit ihm und den Kolleg*innen in der AusbildungsAkademie in diesem Bereich gut aufgestellt.
Steffen Fliegel:
Liebe Waltraud, jetzt möchte ich gerne mit dir noch einen Blick in die Zukunft richten und würde dich gerne fragen, wie deine Zukunft aussehen wird, was du für dich persönlich für Planungen hast. Du wirst bis Mitte des Jahres in der Geschäftsführung der DGVT aktiv sein, hast du schon Pläne für danach?
Waltraud Deubert:
Mein Mann ist ja bereits seit Dezember 2019 in Rente, und wir haben natürlich Pläne, danach etwas unabhängiger zu sein. Zum Beispiel etwas mehr reisen zu können, ohne dass wir uns dann an Urlaubsabsprachen halten müssen. Der Urlaub kann dann auch länger sein als drei oder vier Wochen. Und vielleicht steht auch ein Ortswechsel an, das wissen wir noch nicht. Und ich habe vor, dann auch wieder etwas mehr Sport zu machen oder in ein Fitnessstudio zu gehen, was ja im Alter auch nicht ganz schlecht ist. Da soll man ja nicht nur laufen, sondern auch ein bisschen darauf achten, Krafttraining zu machen. Solche Sachen schweben mir einfach vor, wie auch mehr die Kontakte und Freundschaften zu pflegen, die nicht vor Ort sind. Das kommt im Berufsleben immer viel zu kurz.
Steffen Fliegel:
Irgendwann wird ja der Tag kommen, wo du morgens nicht mehr in die DGVT-Geschäftsstelle und nicht mehr in dein Büro gehen wirst. Glaubst du, dass der Abschied und die Umstellung dir schwerfallen werden nach so vielen Berufsjahren an der gleichen Arbeitsstelle, im gleichen Verband, mit vielen wichtigen und netten Menschen, mit denen du ja auch aktuell noch zusammenarbeitest?
Waltraud Deubert:
Ganz einfach wird das sicher nicht werden. Ich kann mir schon vorstellen, dass es Tage gibt, wo ich denke, es wäre jetzt ganz schön, in die DGVT-Geschäftsstelle zu gehen und mit den Leuten einen Kaffee zu trinken. Aber das kann ich ja trotzdem zwischendurch immer mal machen. Ich denke und hoffe auch ein wenig, dass der Kontakt nicht abreißen wird. Und wenn mir die DGVT wirklich sehr, sehr fehlt, dann kann ich mich ja auch immer noch ehrenamtlich engagieren in der DGVT, da gibt es ja sehr viele Möglichkeiten.
Steffen Fliegel:
Und wie wird es deiner Meinung nach ohne dich in der DGVT-Geschäftsstelle weitergehen?
Waltraud Deubert:
Ich bin sehr zuversichtlich, dass die DGVT und die Geschäftsstelle sehr gut weiterlaufen werden. Ich habe mit meinem Kollegen Günter Ruggaber, mit dem ich seit Jahren in der Geschäftsführung eng und vertrauensvoll zusammenarbeite, einen Kollegen, von dem ich weiß, dass ihm auch die Dinge wichtig sind, die mir immer wichtig waren in der DGVT. Und auch der Berufsverband hat mit Kerstin Burgdorf eine langjährige und engagierte Mitarbeiterin. Und worauf ich sehr geachtet habe in den letzten Jahren, dass die DGVT in der Geschäftsstelle junge Leute einstellt, die mit neuen Ideen und mit neuer Kraft an die Arbeit herangehen. Es gibt also eine gute Mischung von erfahrenen, langjährigen und jungen neuen Mitarbeiterinnen. Und von daher bin ich ganz zuversichtlich und glaube auch, dass es wichtig ist, den jungen Leuten jetzt das Ruder zu überlassen, und die werden das sehr gut machen.
Steffen Fliegel:
Bleiben wir noch einen Moment in der Zukunft. Du hast sehr viel Erfahrung, du hast sehr viele Kompetenzen, die du in die DGVT-Arbeit eingebracht hast. Und du persönlich hast bestimmt auch Ideen, was du der DGVT wünschen würdest für die Zukunft?
Waltraud Deubert:
Also, ich würde mir wünschen, dass die DGVT weiterhin offen ist für neue Impulse, für neue Ideen und natürlich auch in Bezug auf die Ausbildungsreform, dass da die DGVT weiterhin wichtige Rollen einnimmt. Ich wünsche mir auch, dass die DGVT den Bereich der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz mit bedenkt und da frühzeitig Weichen stellt. Der Berufsverband hat ja dafür auch eine neue Fachgruppe, die Fachgruppe „E-Health“, gegründet. Und insofern hoffe ich, dass in diesem Bereich die DGVT zukunftsorientiert ist.
Steffen Fliegel:
Ich finde es durchaus legitim, wenn wir, ich sage mal als „Alte“ in der DGVT, auch aufgrund unserer Erfahrung mit diesem Verband, Vorschläge oder Ideen äußern, was unserer Meinung nach in der Zukunft wichtig sein kann. Ich finde es aber auch gut, wie du es gesagt hast, richten sollen es jetzt die „Jüngeren“. Das heißt, wir halten uns dann zurück, ob die nachfolgenden Generationen unsere Ideen aufgreifen oder ob sie ganz andere Ideen entwickeln. Aber ein Blick nach vorne hindert uns nicht daran, abschließend noch einmal einen Blick zurück zu werfen. Fast vierzig Jahre DGVT-Arbeit auf dem Rücken, was waren deine schönsten oder zufriedenstellendsten Momente oder Herausforderungen in diesen vierzig Jahren?
Waltraud Deubert:
Wenn ich in die jüngste Vergangenheit blicke, dann war natürlich das Jubiläum der DGVT überwältigend und die Ehrung durch den Vorstand und die Laudatio durch Armin Kuhr in Berlin. Armin hat das so wunderbar gemacht. Da habe ich mich riesig gefreut, und die Anerkennung, die mir da zuteilwurde, war berauschend. Es waren so viele Gremienmitglieder und auch alte Mitstreiter*innen da. Und last not least alle Mitarbeiter*innen aus der Geschäftsstelle. Und in dem Zusammenhang jetzt natürlich auch die Ehrung durch den europäischen Verband EABCT, die mir zusammen mit Otmar Koschar zuteilwurde. Das zeigt mir doch, dass ich meine Arbeit nicht ganz schlecht gemacht habe in der DGVT. Und an inhaltlichen Momenten, gibt es sicher ganz viele, begonnen mit meiner Tätigkeit als studentische Hilfskraft. Vieles war sehr spannend und aufregend. Wie zum Beispiel die erste Sitzung mit der Redaktionskommission im Jahr 1986 in Bochum, an der Otmar und ich nach unserer damaligen Anstellung teilgenommen haben. Oder als ich zum ersten Mal den DGVT-Kongress organisiert habe. Überhaupt die Vorbereitung der Kongresse habe ich immer sehr genossen. Mit vielen unserer Kongressplanungsgruppen hatte ich tolle Sitzungen und nette Begegnungen. Alleine um sie zu treffen, muss ich zum nächsten Kongress gehen.
Steffen Fliegel:
Und ich erinnere mich an das erste Verbändetreffen der AG der Therapieverbände ….
Waltraud Deubert:
… bei denen ich unterschiedliche Leute aus unterschiedlichen Therapierichtungen getroffen habe. Am Anfang haben an diesen Sitzungen übrigens fast nur Männer teilgenommen. Und schließlich der Prozess des ersten Psychotherapeutengesetzes.
Und als es endlich soweit war, das Psychotherapeutengesetz verabschiedet wurde, waren wir alle schon sehr erleichtert und haben uns gefreut, dass wir diesen Prozess geschafft haben.
Steffen Fliegel:
Liebe Waltraud, dieses Interview zeigt die Vielfältigkeit deiner Arbeit in der DGVT, von der studentischen Hilfskraft bis zur Geschäftsführerin. Ein solcher Weg geht nur mit großer Kompetenz und Instinkt und Einfühlungsvermögen für das was gerade
wichtig ist und sein wird. Und vor allem hast du in der Geschäftsstelle eine gute Infrastruktur geschaffen, die die professionelle und ehrenamtliche Arbeit in der DGVT möglich macht. Wirklich toll.
In dieser Zeit hattest du viele Vorstands-
Wechsel, insgesamt viele Wegbegleiter*innen kommen und gehen sehen…
Waltraud Deubert:
Ja und an dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich in den vielen Jahren in der DGVT begleitet und unterstützt haben. Ich hätte gerne viel mehr Wegbegleiter*innen namentlich erwähnt, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite standen. Last und least möchte ich aber noch ein großes Dankeschön an alle Mitarbeiter*innen der Geschäftsstelle richten, mit denen ich auch teilweise schon 20 – 25 Jahre zusammengearbeitet habe und ohne die meine Arbeit nicht möglich gewesen wäre.
Steffen Fliegel:
Ich danke dir für die vielen Jahre engagierte Arbeit in der DGVT, die wir hiermit aktenkundig gemacht haben. Alles, alles Gute und auch viel Muße für die Zukunft.