Skip to main content
 
Rosa Beilage 2/2010

Ärztemangel – ein neuer Mythos?

20. Mai 2010
 

Der Ärztemangel ist zu einem der großen Probleme des deutschen Gesundheitswesens stilisiert geworden. Reales Problem oder neues Phantom im Gesundheitswesen?

Da gehen die Meinungen erheblich auseinander. Die Ärzteverbände stimmen ein Tragik-Lamento an und verbinden es mit Forderungen nach mehr Geld.

Die Krankenhäuser klagen über Ärztemangel, sprechen von Tausenden unbesetzter Stellen, wollen die vom Marburger Bund, auch mit Hinweis auf diesen Mangel erstrittenen höheren Kosten für Ärzte erstattet haben – und zwar nicht wie am Ende der letzten Legislaturperiode nur einmalig, sondern im Regelfall.

Philipp Rösler will dem Numerus Clausus an den Kragen, damit mehr Ärzte ausgebildet werden können.

Der GKV-Spitzenverband (GKV-SV) dagegen konstatiert, dass sich zwischen 1990 und 2007 die Zahl der Ärzte um 50% erhöht hat, dass aufgrund von Überversorgung fast alle Kreise für neue Niederlassungen gesperrt seien. Sie mahnen eine andere Bedarfsplanung an, weil die bestehende kein Instrument gegen Überversorgung habe und sprechen von Kosten durch die Überversorgung in Höhe von 5 Mrd. € pro anno. Es fehlten 800 Ärzte in bestimmten Regionen bei einem allgemeinen Überhang von 25.000 Ärzten für eine bedarfsgerechte Versorgung.

Lässt man einmal alle lohn- und honorarsteigerungsintendierte Prosa beiseite, so sind sich alle darin einig, dass auf dem Land Versorgungsengpässe entstanden sind, die sich ausweiten - dies bei einer besonders dort immer älter werdenden Versichertenstruktur.

Das ist ein handfestes Problem, kein Phantom. Aber Ärztemangel?

War nicht seinerzeit wegen einer drohenden Ärzteschwemme zum Schutz der schon Niedergelassenen der Numerus Clausus eingeführt worden? Dass zu wenige Ärzte ausgebildet wurden, kann also nicht richtig sein.

Warum viele junge Ärzte heute in andere Berufe abwandern?

Früher gab es diese Berufe nicht, sie sind aber höchst interessant und versprechen gute Aufstiegschancen, und dies nicht nur in der Pharmaindustrie.

Warum junge Ärzte in andere Länder abwandern?

Weil sie für kurze Zeit in Ländern mit eklatantem Ärztemangel deutlich mehr verdienen. Die meisten kehren aber recht bald an den heimischen Futtertrog zurück. Warum wohl?

Mobilität gehört nun eben einmal zu einer modernen Gesellschaft, und was schadet es, Auslandserfahrungen zu haben? Gerade diese werden doch in Sonntagsreden immer wieder angemahnt.

Von einigen ewig Gestrigen wird die Feminisierung des Berufs geradezu beklagt. Es stimmt, Frauen wollen andere Rahmenbedingungen für ihre Berufstätigkeit, aber ganz offensichtlich auch junge Männer. Das alte Familienmodell ist überholt und wird von immer weniger jungen Menschen angestrebt. Die klassische Niederlassung alter Prägung aber erlaubt allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen heute keine, nicht voll ausgelastete Praxis, keine „Teilzeitpraxis“. Dazu kommen hohe „Einstiegskosten“ für die Niederlassung.

Besonders junge Frauen scheuen diese Kosten, zu Recht. Frauen sind nach allen Studien die besseren Finanzmanager, weil sie rechnen und weniger prestigeorientiert sind. Bei immer schneller akzelerierendem medizinischem und vor allem technischem Fortschritt können sich Praxisinvestitionen alten Stils kaum mehr amortisieren. Zudem wissen viele dieser jungen Leute auch, dass die goldenen Zeiten im Gesundheitswunderland Deutschland vorbei sind.

Demnach verhalten sich viele junge Ärzte völlig vernünftig, wenn sie eine Niederlassung alten Stils scheuen. Sie haben nur ein Handicap – das sind die alten Strukturen und alte, ewig gestrige Funktionäre, die, selbst wenn sie die veränderten Rahmenbedingungen und die Notwendigkeit neuer Strukturen sehen, um von einer altertümlichen, wie auch immer gearteten Versammlung wiedergewählt zu werden, am alt Hergebrachten festhalten und nur zaghaft Veränderungen einleiten.

Dies ist ein Beispiel, wie Alte die Zukunft der Jungen aus Altertümelei und eigenen wirtschaftlichen Interessen verbauen.

Gleichzeitig werden durch die Unterbezahlungspropaganda bei den Jungen schon an den Universitäten, auch im Vergleich zu anderen Akademikern, auch mit getürkten Fakten, überdimensionierte finanzielle Erwartungen geweckt, die auf Dauer nicht erfüllt werden können und zu einer Enttäuschung führen müssen.

Das Argument, dass die heutige Ärzteschaft überaltert ist, scheint bei genauerem Hinsehen nun auch nicht das große Problem zu sein, könnte man durch altersbedingte Rückgaben von Kassensitzen die Überversorgung abbauen, finanzielle Modalitäten würden sich schon finden.

Ob Philipp Rösler nicht sieht, dass eine Vielzahl der Probleme hausgemacht und relativ leicht aufzubrechen sind?

Wahrscheinlich schon, aber man kann nur die Mädels küssen, die auf der Kirmes sind, und das sind im Gesundheitswesen immer noch sehr konservative alte Jungfern.

Warum die Krankenhäuser Ärztemangel haben?

Welcher junge Mensch, ob Frau oder Mann, will schon diese, z. T. rechtswidrigen Arbeitszeiten haben? Wer will sich schon in diese originär militärischen Strukturen einordnen (immer noch mit militärischem Jargon)? Wenn sie eine Facharztausbildung an einem Krankenhaus absolvieren, sind sie bei dieser Facharztausbildung à la Gutsherrenart ohne unabhängige Prüfung den in der Hierarchie über ihnen Stehenden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Noch immer gibt es kaum interdisziplinäre Teams, keine unabhängige Facharztausbildung, kaum Teilzeit, kaum familienfreundliche Arbeitsbedingungen, in einigen Disziplinen sogar immer noch eine latente Frauenfeindlichkeit etc.

Hier ist ein Wandel unbedingt notwendig, den aber viele der alten Chefärzte blockieren, aus Bequemlichkeit und Chorgeist von vielen Trägern unterstützt.

Und die Krankenkassen?

Sie haben das Spiel über viele Jahre mitgespielt. In den Gremien der Selbstverwaltung liefen die eingespielten Rituale ab. Warum auch die Phalanx aufbrechen, waren sie doch vom gleichen alten Kaliber wie die Leistungserbringer.

Das Ganze hat nur wenig mit dem Numerus Clausus zu tun, der in Wirklichkeit nur einen Teil der Zulassungsvoraussetzungen abbildet, aber er ist politisch schön griffig und macht Stimmung.

Da stellt sich vielmehr die Frage, ob im digitalen Zeitalter die heutige Medizinerausbildung überhaupt noch zeitgemäß ist und, ob sie nicht entschlackt, verjüngt und ob nicht vieles medial ablaufen könnte (würde auch die Ausbildungskosten senken).

Alles im allem – das Gesundheitswesen ist voller Modernisierungsverweigerer aus unterschiedlichen Gründen, die die Zukunft blockieren.

Aber selbst wenn man dies alles bereinigen würde, wäre die Versorgung auf dem Land nicht gesichert. Wer will schon in der Uckermark wohnen, womit nichts gegen die Uckermark gesagt sein soll. Schulen, kulturelle und sportliche Angebote für Kinder etc. kann man nicht für einige wenige Kinder in die Uckermark versetzen, da kann man den Eltern zahlen, was man will.

Diesen einzig realen Ärztemangel, diesen Versorgungsengpass wird man auf andere Weise als durch höhere Vergütungen beseitigen müssen.

Genereller Ärztemangel, ein Eindruck, der allzu gern erweckt wird, existiert real nicht.

Man kann nur mahnen, dass sich nicht wieder ein neuer Mythos, der Mythos vom Ärztemangel, in den Köpfen von Politik und Bevölkerung festsetzt, der sonst der GKV und damit den Versicherten teuer zu stehen kommen wird.

Daran dürfte eigentlich niemand ein Interesse haben, weder die Ärzte mit Blick darauf, dass auch die nächste Ärztegeneration leben können soll, noch die Krankenhäuser, die sicher auch darüber nachdenken, wie sich die Krankenhauslandschaft, aber auch die Krankenhäuser selbst verändern müssen, und schon gar nicht die Krankenkassen.

Es wäre ein positives Signal, wenn die Politik einmal in nicht-populistischer Manier diesen neuen Mythos schleunigst zu Grabe trägt und pragmatisch Lösungswege für das bestehende und sich auszuweiten drohende Problem findet.

Dazu gibt es viele vernünftige Ansätze und Modelle, z.B. kommunale Gesundheitszentren mit alternativer Teilzeitbesetzung und Mitbetreuung aus Ballungszentren, Zweigstellen von MVZs, Shuttleservices, Basisversorgungszentren, Gemeindeschwestern usw.

Auch Freiberuflichkeit kennt nicht nur ein Modell, und flexibel müssen mittlerweile alle Freiberufler sein.

Das heißt aber, einen, wenn auch nur Teilabschied nehmen von alten Strukturen, von einheitlichen Strukturen, von der einfachen alten, vor allem männlich – hierarchisch geprägten Ärztewelt.

Vielleicht hilft die Erkenntnis, dass sich mit Mythen auf Dauer schlecht regiert.


[1] Quelle: Onlinemagazin Highlights, Ausgabe 9/10: 15.4.2010; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.