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Daniel Surall und Daniel Köhn

Aktionsbündnis für seelische Gesundheit wird aktiv

11. Februar 2008

Diesmal soll es von der breiten Öffentlichkeit bemerkt werden! Das mag der Unterschied sein zu all den Initiativen, die sich bereits in der Vergangenheit um die Aufklärung über psychische Erkrankungen und deren Entstigmatisierung bemüht haben.

 

So steht das neu gegründete Aktionsbündnis für seelische Gesundheit unter der Schirmherrschaft der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Projekt möchte politische Entscheidungsträger aktiv einbeziehen und gesellschaftlich wirksam werden. Wer steckt hinter diesem Bündnis, welche Ziele verfolgt es, was ist von diesem Bündnis noch zu erwarten?

Mittlerweile sind in Deutschland viele Initiativen darum bemüht, psychische Erkrankungen zu entmystifizieren und das ihnen anhängende Stigma zu reduzieren. Das Nürnberger Bündnis gegen Depression konnte mittels einer Aufklärungskampagne erfolgreich Suizidraten senken, der trialogische Ansatz, wie er unter anderem in der Hamburger Antistigmabewegung realisiert wird, hat bereits wichtige Basisarbeit geleistet. Nun versucht das Aktionsbündnis für seelische Gesundheit die Aktivitäten zu bündeln, um mit einer gemeinsamen Stimme politischen Entscheidungsträgern gegenüber zu treten. Initiiert wurde das Aktionsbündnis vom derzeitigen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Prof. Wolfgang Gaebel. Das Aktionsbündnis hat aus der Vergangenheit gelernt. Es gibt nicht mehr die früheren Grabenkämpfe in der Antistigmaarbeit: Kampagnen von „oben“ gegen Kampagnen von „unten“. Betroffene, Angehörige und professionelle Helfer sind - so zumindest der offizielle Kanon - gleichberechtigte Mitglieder im Bündnis und planen gemeinsam Aktivitäten und Aktionen. Das Aktionsbündnis ist mit seinem Sitz an der Geschäftsstelle der DGPPN in Berlin angesiedelt.

Die Zielsetzung des Bündnisses ist in einer gemeinsamen Erklärung der bisherigen Mitglieder festgehalten. Diese beinhaltet löbliche, aber noch sehr wage formulierte Ziele, wobei die Anliegen nicht neu sind: Psychisch kranke Menschen sollen nicht diskriminiert und ausgegrenzt werden. Das Aktionsbündnis will in den kommenden Jahren ein öffentlichkeitswirksames, bundesweites Antistigma- und Aufklärungsprogramm umzusetzen. Dabei will es mit seiner Öffentlichkeitsarbeit über den Wert, aber auch über die Möglichkeiten der sozialen und beruflichen Integration von psychisch erkrankten Menschen informieren, die Chancen der Früherkennung und Prävention aufzeigen und Menschen ermuntern, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dazu versucht es, politische Entscheidungsträger mit einzubeziehen und Kompetenzen und Interessengruppen zu bündeln. „Das Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit setzt sich für den Abbau von Stigmatisierung und Diskriminierung der betroffenen Menschen ein. Es will einen gesellschaftlichen Diskurs anstoßen, durch den das bislang bestehende Tabu gebrochen wird sowie Ängste und Vorurteile abgebaut werden“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung.

Das Bündnis ist derzeit noch offen für diverse Initiativen und Interessengruppen. Mittlerweile sind neben einigen Kompetenznetzen in der Medizin die Bundesärztekammer, verschiedene Berufsverbände – u.a. auch die DGVT und die Bundespsychotherapeutenkammer - sowie Angehörigen- und Betroffeneninitiativen vertreten. Eine aktuelle Liste der Bündnispartner findet sich auf der Homepage des Aktionsbündnisses (www.seelischegesundheit.net). Bislang hat es den Anschein, als ob vor allem Masse gewünscht sei, um für möglichst viele Menschen auf dem Gebiet sprechen zu können. Transparente Richtlinien für die Anforderungen an potentielle Mitglieder wurden noch nicht expliziert.

Die ersten Aktionen des Bündnisses haben sich zunächst auf die Hauptstadt beschränkt, so konnte das Aktionsbündnis die erste Woche der Seelischen Gesundheit im Oktober vergangenen Jahres mit initiieren. Auch hier zeigte sich der Bezug zur Politik, Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, war Schirmherr der Veranstaltung. Zahlreiche Fachtagungen, Schülerveranstaltung, Filmvorführung und auch ein Laufevent wurden mit reger Teilnahme durchgeführt. In diesem Jahr wird die Woche der Seelischen Gesundheit vom 6.-12. Oktober in Berlin stattfinden – die Initiatoren wünschen sich, dass Deutschland weit in diesem Zeitraum Veranstaltungen unter diesem übergeordneten Dach organisiert werden.

Um in den Fachkreisen präsent zu sein, fand am 9. Oktober der sogenannte Initiativkongress „Aufklärung – Prävention – Integration“ in Berlin statt. Dabei wurden den über 180 Kongressteilnehmern – überwiegend Fachpublikum - Chancen und Möglichkeiten von Prävention, Integration und Aufklärung zur Förderung der seelischen Gesundheit aufgezeigt. Erfolgreiche Maßnahmen zur Früherkennung psychischer Erkrankungen und Projekte der Jugendarbeit wurden vorgestellt. Das Thema der seelischen Gesundheit im Berufsleben wurde diskutiert und Erkenntnisse aus der Antistigma-Forschung, die sich mit dem Abbau negativer Vorurteile gegenüber Menschen mit seelischen Erkrankungen beschäftigt, aufgezeigt. Die Tagung zeigte eine Problematik des Aktionsbündnisses auf: Brauchen Fachleute wirklich die Unterstützung des Aktionsbündnisses, um sich über diese Möglichkeiten zu informieren? Erscheint es nicht viel sinnvoller, mit den Zielen des Aktionsbündnisses an die breite Öffentlichkeit heranzutreten? Dies erfordert natürlich auch entsprechende finanzielle Ressourcen, die sich wohl nur mittels des Bundesgesundheitsministeriums realisieren lassen oder – und da wird es dann problematisch – durch die Pharmaindustrie.
 
Eine gleichfalls nicht auf die Öffentlichkeit sondern auf die Fachwelt ausgerichtete Präsentation war der gemeinsame Stand zahlreicher Bündnispartner beim DGPPN Kongress in Berlin (siehe auch Beitrag in diesem Band).

Fazit: Das Aktionsbündnis hat im Jahr 2007 langsam Fahrt aufgenommen. Erste Aktionen zeigen das Potential des Bündnisses auf. Die unklaren Strukturen – Mitgliedschaft, Geschäftsordnung, Verantwortlichkeiten – sind in diesem Jahr zu präzisieren. Dies setzt allerdings eine gesicherte Finanzierung des Aktionsbündnisses voraus, die bislang noch nicht vorliegt. Es bleibt somit abzuwarten, ob sich aus diesem Bündnis ein wirklich schlagkräftiges Instrument zum Verändern von Einstellungen der Bevölkerung bezüglich psychischer Erkrankungen entwickeln wird. Vom Ansatz her ist dieses Aktionsbündnis zu unterstützen. Somit wird die DGVT die Entwicklung weiter aktiv mitverfolgen.

Homepage des Aktionsbündnisses seelische Gesundheit:
www.seelischegesundheit.net