Albert Lasker Preis 2006 für klinisch-medizinische Forschung an Aaron Temkin Beck
Im Vorwort seiner Habilitationsschrift "Die verhaltenstherapeutische Behandlung des Stotterns" (Springer-Verlag, Berlin 1991), skizzierte der Schreiber dieser Zeilen die Geschichte der Verhaltenstherapie, die einen "fulminanten Start" gehabt habe, dann aber in der Konfrontation mit der Praxis die "schmerzhafte Erkenntnis" machen musste, "dass Lerntheorie weder die therapeutische Welt erklärt noch ihre Umsetzung in der klinischen Praxis in jedem Fall als Methode der Wahl gelten kann". In der Folge "dann die Suche nach neuen bzw. ergänzenden Ansätzen, die mit den kognitiven Methoden gefunden zu sein schienen und heute die missliche Erfahrung, dass sie nicht halten, was sie ursprünglich versprachen." Nun ja: Wie heißt es so schön? Totgesagte leben länger. Der Autor jenes Buches und der Verfasser dieser Zeilen muss einräumen, dass er mit seiner Einschätzung nicht richtig lag: Die kognitive Therapie ist "alive and well", sie hat sich im Spektrum der psychotherapeutischen Methoden einen soliden Platz erkämpft. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn einer der Ahnherren und (über Jahrzehnte hinweg) wichtigsten Forscher auf diesem Gebiet einen der angesehensten Preise für seine Verdienste um die Kognitive Psychotherapie erhält. Der "Clinical Research Award" für 2006 ging an Aaron Temkin Beck, der, wie es im Preistext heißt "das Verstehen und die Behandlung vieler psychiatrischer Störungen, einschließlich Depression, suizidalem Verhalten, generalisierter Angststörung, Panikstörung und Essstörungen" transformiert hat. Die Preise der Albert Lasker-Stiftung (die mit 100.000 Dollar dotiert sind) gelten als die höchste medizin-wissenschaftliche Auszeichnung in den USA und mit Stolz wird auf der Internetseite der Stiftung vermerkt, dass in der Folge viele der Preisträger den Nobelpreis für Medizin erhielten.
Die Verleihung dieses Preises kann als Höhepunkt von wissenschaftlichen Ehrungen gelten, von denen Beck im Laufe seines Berufslebens buchstäblich Dutzende erhielt. Über mehr als 450 Publikationen, von denen einige zu den meist zitierten in unserem Feld gehören, sicherten ihm einen hohen Grad an Einfluss. Er wird heute als einer der fünf einflussreichsten Psychotherapeuten eingeschätzt.
Ab 1942 studierte er Medizin in Yale. Nach dem Abschluss 1946 verlor er in seiner Zeit als Assistenzarzt sein ursprüngliches Interesse an Psychiatrie, da er dieses Fach als wenig stimulierend empfand und schwenkte über zur Neurologie, die er als eine vergleichsweise präzise Wissenschaft ansah. Im Laufe dieser Weiterbildung sammelte er erste Erfahrungen mit Langzeitpsychotherapie. Ab 1954 arbeitete er an der University of Pennsylvania in der Abteilung für Psychiatrie, wo er noch heute (mit über 85 Jahren) der Leiter der Forschung des Center for Cognitive Therapy im Department of Psychiatry ist.
In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die Psychoanalyse der tragende Ausgangspunkt in Theorie und Praxis. Daher initiierte er in seiner frühen Universitätszeit Forschungsprojekte zu psychoanalytischen Theorien der Depression. Als sich die Hypothesen (z.B. Depression als nach innen gerichtete Feindseligkeit) aus seiner Sicht nicht bestätigten, entwickelte er einen eigenen theoretisch-klinischen Ansatz, den wir heute unter dem Begriff "Kognitive Therapie" kennen und dessen Kernelemente hinlänglich bekannt sind. Damit ist ein wichtiges Grundprinzip der Beckschen Arbeit umrissen – die befruchtende Wechselwirkung zwischen dem Bemühen um das Verstehen der psychopathologischen Hintergründe einer Störung und der Anwendungsorientierung, nämlich der Entwicklung von Behandlungsstrategien für diese Krankheitsbilder auf der Basis theoretischer Überlegungen. Seine Abwendung von der Psychoanalyse und die Entwicklung von Therapiemanualen auf "kognitiver" Basis revolutionierten die Behandlung besonders im Störungsbereich der Depression. Seine Ansätze, die damals revolutionär erschienen, sind heute "Normalität" - ein Hinweis darauf, wie groß sein Einfluss für die Praxis von Psychotherapie war und ist.
Schon zu einem frühen Zeitpunkt seiner beruflichen Karriere beschäftigte er sich mit dem Thema Suizidalität. Er suchte nach Kriterien, mit deren Hilfe PatientInnen mit hohem Suizidalitätsrisiko identifiziert werden konnten. Eine prospektive Studie mit ca. 9 000 Probanden ermöglichte die Entwicklung eines Algorithmus´ zur Bestimmung der Wahrscheinlichkeit zukünftiger Suizidalität. Unter Einsatz kognitiver Interventionen wurde dann versucht, die Hoffnungslosigkeit dieser Menschen zu reduzieren und damit das Suizidrisiko zu senken.
Ein weiterer Schwerpunkt von Becks Arbeit war die Entwicklung von Messmethoden zur Operationalisierung verschiedener Störungen und zur Bestimmung ihres Schweregrades. Die Fragebögen zu Depression, Angst, Hoffnungslosigkeit und Suizidalität sind aus der wissenschaftlichen und klinischen Arbeit kaum noch wegzudenken.
In den letzten Jahren hat er sich zunehmend "schwierigen" Störungsgruppen zugewandt um zu überprüfen, inwieweit Kognitive Therapie auch dort wirksam ist (Borderline-Persönlichkeitsstörung, Chronische Suizidalität, Schizophrenie). Aktuelle Forschungs- und Behandlungsprogramme der von ihm gegründeten Abteilung befassen sich mit sexuellem Trauma und sexueller Psychopathologie (bis hin zu "Cybersex Addiction"). Seine disziplinübergreifende Arbeit wurde durch Forschungsstipendien nicht nur der American Psychiatric Association, sondern auch der American Psychological Association gewürdigt, ein Faktum, das nach Kenntnis des Berichterstatters einmalig ist.
Wer ihn in den letzten Jahren auf Kongressen erlebt hat, weiß, wie wach und agil er nach wie vor ist. Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie gratuliert Dr. Beck herzlich zu diesem Preis und wünscht ihm noch viele persönlich und wissenschaftlich reiche Jahre.