Beck, Barbara, Borg-Laufs, Michael: Sind Sozialarbeiter nicht (mehr) gut genug? Betrachtungen zur Überarbeitung des Psychotherapeutengesetzes.
Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen, Mönchengladbach, 2010. 132 Seiten, ISBN 978-3-933493-28-6
Rezension
Schon der Titel des kleinen Büchleins weist die Richtung. Tatsächlich werden seit über 10 Jahren SozialarbeiterInnen zu Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen ausgebildet und bei aller Diskussion um Zugangsqualifikationen und die Zukunft des Psychotherapeutenberufs ist bisher eines nie in Frage gestellt worden: Die AbsolventInnen einer solchen Ausbildung leisten einen qualitativ hochstehenden und dringend notwendigen Beitrag für die psychosoziale Versorgung von Kindern und Jugendlichen.
Und die Ausgangsfrage, warum dies nicht mehr möglich sein soll, weil sich die formalen, nicht die inhaltlichen, Rahmenbedingungen der Studienlandschaft verändert haben, treibt die AutorInnen, Sozialpädagogin Barbara Beck und Michael Borg-Laufs, Professor und Studiendekan am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, um.
Es ist die zentrale Leistung dieser Veröffentlichung, dass hier zeitnah und unmittelbar in die laufende (fach-)politische Diskussion über die Zukunft der Psychotherapieausbildung ein fundierter und engagierter Diskussionsbeitrag vorgelegt wird.
Dabei bietet Kapitel 1 dem/der eher themenfernen LeserIn eine gute Hinführung in die bestehende Problemlage und die bisher vorgelegten Lösungsansätze. Nachvollziehbar wird die neue Situation nach der sogenannten Bolognareform und der damit einhergehenden Umstellung der Studiengänge in Deutschland dargestellt. Weiterhin werden insbesondere die Ergebnisse des Forschungsgutachtens, das zu diesem Themenkomplex vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegeben worden ist, in ihren Grundzügen dargestellt und dessen Schlussfolgerungen diskutiert.
Die AutorInnen konzentrieren sich bei ihren weiteren Betrachtungen dann auf einen Kernaspekt: Die Frage nämlich, welche Zugangsqualifikationen zukünftig den Zugang zur Psychotherapieausbildung ermöglichen sollen. Dabei wird dann bewusst eine weitere zentrale Frage offen gelassen: Braucht es zukünftig weiterhin zwei Psychotherapieberufe oder kann bzw. sollte eine Integration in einen Beruf gelingen? Eine Beschränkung des Themas also, die aber, soviel sei bereits vorweggenommen, hilft, die Komplexität des Themas zu strukturieren.
In den Kapiteln 2, 3 und 4 werden nun grundsätzliche Vorstellungen über Psychotherapie generell und die Kompetenzen, die SozialarbeiterInnen hierfür mitbringen, im Speziellen dargestellt. Ausgehend von einem Psychotherapieverständnis, das sich stark an Klaus Grawe orientiert, werden Studieninhalte der Sozialen Arbeit analysiert und deren Bedeutung für Psychotherapie hergeleitet. Hierbei handelt es sich um eine wichtige Frage für die vorliegende Diskussion und die AutorInnen bieten eine Sichtweise an. Dem/der mit dem Thema vertrauten LeserIn wird aber auch schnell deutlich werden: Da wird es andere, kaum weniger überzeugende Gegenpositionen weiter geben können. Ein unwiderlegbarer Beitrag zur Frage der unverzichtbaren sozialarbeiterischen Kompetenzen für Psychotherapie kann allein schon deshalb nicht gelingen, weil ja bisher auch z.B. PsychologInnen sehr erfolgreich die Psychotherapieausbildung durchlaufen können.
Den vielleicht lobenswertesten Beitrag für die politische Diskussion liefern die AutorInnen im 5. Kapitel. Sehr überzeugend werden empirische Analysen der bestehenden Möglichkeiten sozialarbeiterischer Studiengänge vorgestellt. Dabei wird dann deutlich, welche Grenzen es zu beachten gilt, will man die Zugangsvoraussetzungen zur Psychotherapieausbildung zukünftig inhaltlich festlegen und damit neu bestimmen. Und zwar Grenzen in dem Sinne, dass man unter bestimmten Bedingungen eben SozialarbeiterInnen de facto aus dem Psychotherapiezugang ausschließt. Bedeutsam sind diese Ausführungen insbesondere deswegen, weil sie den bisher fundiertesten Beitrag zu dieser Frage liefern und viele Meinungen und Behauptungen, die die Diskussion derzeit bestimmen, zukünftig kaum noch haltbar bleiben dürften.
Programmtisch und (fach-)politisch mischen sich die AutorInnen mit dem abschließenden Diskussionskapitel ein. Dabei wird dann der Beschluss des 16. Deutschen Psychotherapeutentags, der sich für das Anstreben eines einheitlichen Psychotherapeutenberufs mit einheitlichen und festgelegten Zugangsstudieninhalten ausgesprochen hat, als für SozialarbeiterInnen fataler Weg zurückgewiesen. Die stattdessen angebotene Lösung, sich auf eine andere Inhaltsdefinition (Anfang des Jahres vorgelegt von der Bundeskammerkommission unter Leitung von Prof. Esser, Universität Potsdam) zu einigen, überzeugt nicht vollständig. Als LeserIn bleibt man vielmehr doch mit der Frage zurück: Kann es eine Lösung geben, ohne die Antwort darauf, ob zukünftig auf einen eigenständigen KJP-Beruf verzichtet werden kann? Eine Antwort also, die nicht zuletzt auch für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen von entscheidender Bedeutung ist. Das erwähnte Forschungsgutachten hatte hierzu überzeugend festgestellt, dass über den Erhalt von weiterhin zwei Psychotherapieberufen für SozialarbeiterInnen einen Zugangsweg sichergestellt werden kann. Und das eben ohne das Risiko, die Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen zu verschlechtern.
Zusammenfassend sei aber nochmals festgestellt: Das Werk von Beck und Borg-Laufs ist für Akteure in der aktuellen Diskussion unverzichtbar und vollbringt gleichzeitig das Kunststück, auch den/die BetrachterIn aus der Ferne schnell und nachvollziehbar an die Zentralpunkte der Diskussion heranzuführen.
Günter Ruggaber, Tübingen