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Raimund Metzger

Bericht der Landesgruppe Saarland ('Rosa Beilage' zur VPP 4/2002)

03. März 2007

Regionale Mitgliederversammlung der Landesgruppe Saarland am 10. September 2002

 

Ad. 1) Zur Kammergründung

Der sich im Erfahrungsbericht des Unterzeichneten (VPP 3/2002, S.682-687) reflektie-rende state of affairs scheint im wesentlichen nach wie vor derselbe. Zum laufenden gesetzgeberischen Procedere lagen uns in der heutigen Sitzung jedenfalls keine Informationen über dessen neuesten Stand vor. Wann wir mit der Ernennung des Errichtungsausschusses rechnen können, ist zwar ebenfalls unklar, doch wird das jetzt möglicherweise recht schnell gehen und vielleicht schon in einigen Wochen passiert sein. Von der vermutlich letzten LaKo-Sitzung, die nicht ganz 2 Wochen nach der Anhörung am 6. Juni im Landtag stattgefunden hat, liegt bisher kein Protokoll vor, sondern lediglich eine dort noch einmal abgestimmte Vorschlagsliste für die personelle Besetzung des Errichtungsausschusses. Auf ihr taucht übrigens plötzlich der Name einer Kollegin auf, die bisher nicht im geringsten an den Vorbereitungs-arbeiten der LaKo beteiligt und die auch auf keiner einzigen von deren Sitzungen anwesend, kurzum: von der in diesem Rahmen oder Zusammenhang nie die Rede war. Es handelt sich um die frühere Landesvorsitzende des BDP, die in diesem Verband inzwischen Funktionärin auf Bundesebene geworden ist. Der BDP/Saar ist aber auf der Vorschlagsliste bereits durch seinen jetzigen Vorsitzenden vertreten. Wir können nur vermuten, dass die "neue" Kollegin daneben als Vertreterin des VPP innerhalb des BDP auftreten möchte, doch auf wessen Betreiben sie mit dieser Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit den bisher letzten noch vakanten der im Gesetzesentwurf vorgesehenen 12 Sitze mit Beschlag belegt hat, ist uns bis dato nicht bekannt. Leider haben wir unsererseits vorher nicht zu testen gewagt, ob dies auch bei anderen, bisher an der LaKo-Arbeit aus welchen Gründen immer nicht beteiligten Verbänden (so etwa der "Fachverband Verhaltenstherapie Saar" oder der DVT) auf unsere Anregung hin so ohne weiteres möglich gewesen wäre; denn den einen oder anderen Kandidaten hätten wir jedenfalls zu benennen gewusst. Wie auch immer: für die Allgemeinheit sind innerverbandliche Que-relen und deren organisatorische Auswüchse kein akzeptables Argument oder Kriterium, dem betreffenden Verband zwei Ausschusssitze einzuräumen, selbst wenn es sich (wie im hier an-gesprochenen Falle) um den BDP handelt.
Sei dem (gewesen), wie es mag, in der Zwischenzeit sollen, so unser heutiger Beschluss, schon einmal unsere Fühler insbesondere in Richtung der gesprächspsychotherapeutischen Kollegen (von GwG resp. DPGG) zum Zwecke informeller Sondierungsgespräche hinsichtlich einer möglichen gemeinsamen Liste für die Kammer-Wahlen ausgestreckt werden. Ein erstes Treffen soll bis spätestens Mitte November zustandekommen. Übrigens trauen auch diese zuletzt genannten Kollegen dem Frieden (der Freude und dem Eierkuchen) nicht so recht, was bei ihnen darin zum Ausdruck kam und kommt, dass sie sich in ihrer vorher für die Anhörung eingereichten Stellungnahme (und während derselben) dagegen wandten, dass "eine vom Ministerium berufene Gruppe, die nicht durch eine demokratische Wahl legitimiert ist, das Recht erhält, eine Kammersatzung zu beschließen" (in der Tat müssten besonders diejeni-gen Verbände, welche sich doch nicht zuletzt aus vorgeblicher selbstkritischer Bescheiden-heit so sehr für die Herausnahme der Weiterbildungskompetenz aus unserem Kammer-Gesetz (SHKG) verwendet hat, in der Tat auch in der Satzungsfrage so zurückhaltend zeigen, wenn man ihre zur Schau getragene Attitüde ernst nehmen soll).

Angesichts des Erfahrungsberichts des Unterzeichneten wurde noch das Verhältnis zwischen interner Debatte und dem Auftreten nach außen problematisiert. Es gilt nicht nur für uns in der DGVT, sondern wird auch für unsere demnächst zu errichtende Psychotherapeuten-Kammer gelten, dass wir uns nach innen zwar "fetzen" mögen oder gar sollen, aber nach außen bzw. öffentlich nach Maßgabe einer als solche auch zurecht so bezeichneten Kollegialität in Erscheinung treten. Freilich rührt das an die in dem Bericht aufgeworfene Frage der beiden sich derzeit unter uns saarländischen VerbandsvertreterInnen gegenüberstehenden Linien: "Eigene professionelle Identität als PP und KJP" (was zwangsläufig eine Abgrenzung z.B. von entsprechenden ärztlichen und anderen Professionen impliziert, denn "Identität" heißt no-lens volens immer auch "Differenz") versus "Verschmelzung mit den ÄrztInnen der (ver-meintlich) selben oder gleichen Profession zu einer "Branche" (wie die Ministerin Görner es bei der Anhörung nannte).Werden aber die v.a. tiefenpsychologischen KollegInnen, die auf der zuletzt genannten Linie liegen und sich mit den "psychotherapeutisch tätigen" ÄrztInnen identifizieren, es überhaupt zulassen, dass wir eine solche Trennung zwischen "inneren" und "äußeren Angelegenheiten" aufrechterhalten können?

Ad 2) Zur Lage der Psychologie: Der Roll-Back zur Somatik

Die heutige Situation in bzw. betreffs unserer Disziplin lässt einen unwillkürlich an jene historische Situation vor über 100 Jahren zurückdenken, als weiland Freud gerade mit seinem Versuch begonnen hatte, gegen die - die Szene beherrschenden und jegliche Alternative als undenkbar ausschließenden - "somatischen" Erklärungen menschlichen Verhaltens und Erlebens, menschlicher Werdegänge und Persönlichkeiten sowie der an jenen zu beobachtenden Abweichungen und Störungen eine rein "psychologische", i.e. auf der Ebene der Individuum-Umwelt-Interaktion jenseits der Physiologie unseres ZNS "spielende", Theorie zu entwickeln. In der aktuellen Situation scheint es umgekehrt zu gehen: Hirnforschung oder Brain Science bzw. Neurophysiologie als Teil der Biologie und Medizin (genauer: der biologischen Psychia-trie) präsentieren sich der Öffentlichkeit als die Berufenen schlechthin, was eine den Namen verdienende, i.e. "materialistische", naturwissenschaftliche Erklärung unseres Verhaltens, un-serer Persönlichkeiten und unserer "psychischen Störungen" angeht. Dabei gibt es offensicht-lich keine nennenswerten Neuentdeckungen oder konzeptionelle Neuerungen, die derglei-chen zwingend auf die Tagesordnung setzen würden oder gesetzt hätten (der in der allgemei-nen Presse wiederhallende Ruf einiger besonders marktschreierisch auftretetender Hirnfor-scher, demzufolge sie demnächst "das Bewusstsein erklären" würden, ist hier entlarvend genug), sondern es sind instrumentelle oder maschinelle technische Neuerungen (mit dem gängigen Schlagwort: die neuen "bildgebenden Verfahren"), die für die ganze Groß- und Wichtigtuerei in bzw. aus den entsprechenden Kreisen den Impuls gegeben haben und (wie lange) noch (?) geben. Impliziert ist jedenfalls mit all dem, dass die Psychologie als Wissenschafts-disziplin grundsätzlich nicht zu eigenen theoretischen Erklärungen (auf einer Ebene jenseits des "materiellen" Geschehens im Gehirn bzw. ZNS) kommen kann und sich von daher ir-gendwann als solche wird verabschieden respektive in einer anderen, naturwissenschaftlichen Disziplin restlos wird auflösen müssen. Der zur Vorbereitung herangezogene SPIEGEL-Artikel (s.Einladung) zeigt sehr schön auf, wie die vielfältigen und diffizilen Fragen "sozialisatorischer" bzw. erzieherischer Verhaltensformung bei Kindern auf die Behandlung mit einem fragwürdigen Modepräparat ("Ritalin") reduziert werden. Aber auch sonst wird von interessierter Seite suggeriert, für alle möglichen, bisher uns als klinische PsychologInnen und psychologische PsychotherapeutInnen primär angehende Störungen (Sucht, Angst, Depressio-nen, Zwänge, Psychopathien etc.) seien genetisch bedingt und wenn überhaupt nur medika-mentös wirksam zu behandeln, wenn es nicht irgendwann gelingt, sie gleich von vornherein gentechnologisch auszuschließen Eine solche Perspektive scheinen auch einige v.a. universitäre KollegInnen aus unseren eigenen Reihen zu teilen, etwa wenn eine prominente solche (Frau Angela Frederici) meint, der Gegenstand der Psychologie sei "das Gehirn". Die systematische Geringschätzung der und Ablenkung unserer Aufmerksamkeit von den im Zuge der Individuum-Umwelt-Interaktion kausal nicht weniger bedeutsamen Umwelteinflüssen ist heute schon allenthalben spürbar (s. die o.e. Titelstory des SPIEGEL Nr.29). Dabei gibt es schon solche schlagenden Gegenevidenzen wie jene Untersuchungen an der Medizinischen Hochschule Hannover, die zeigten, dass die strukturellen "materiellen" bzw. geweblichen Veränderungen in den Gehirnen Zwangskranker sich im Zuge erfolgreicher Verhaltenstherapien zu-rückbildeten, also "nur" korrelativer Natur bzw. "abhängige Variablen" waren. Es ist schon erstaunlich, wenn universitäre FachkollegInnen plötzlich vergessen, was sie selber ihren Erst-semestern gleich von Beginn an einzuschärfen pflegen: Korrelationen können und dürfen niemals kausal interpretiert werden! Unser Verhalten und unsere Persönlichkeiten werden mit-nichten von unserem Gehirn als Primum mobile oder allweisem und allmächtigen Schöpfer erzeugt, sondern immer noch in der Interaktion mit der Umwelt geformt, ungeachtet der natürlich vorher gegebenen, den Ausgangspunkt bildenden genetischen Prädispositionen, Tendenzen, Preparednesses etc. oder des Hinzukommens anderer "materieller bzw. physikali-scher Ursachen" wie z.B. organische Schädigungen (s. das dazu weiter unten zitierte diesbezügliche Zugeständnis des Göttinger Hirnforschers Gerald Hüther). In unserer hier wiedergegebenen Diskussion gab es verschiedene Reaktionen auf die skizzierte Lage: zum einen die Haltung, wonach die Psychologie v.a. im angewandten Bereich ihre Existenzberechtigung mittlerweile zur Genüge unter Beweis gestellt hat und wir nicht befürchten müssen, dass sie von Außenstehenden jemals als überflüssig beurteilt oder eingeschätzt werden wird. Sie braucht nicht mit den für die Naturwissenschaften kennzeichnenden, lückenlos bis ins kleinste Detail vordringenden theoretischen Erklärungen und exakt berechneten Vorhersagen zu impo-nieren und zu konkurrieren, ihre Stärken liegen woanders, nämlich im Einfühlen, Verstehen und Helfen (oder wie man es sonst ausdrücken will). Zum anderen artikulierte sich aber auch die Auffassung, dass wir nicht umhin kommen werden, das "Wie" der Genese und Aufrechterhaltung von Phänomenen unseres Gegenstandsbereiches (bestimmtes Verhalten, bestimmte emotionale Reaktionen, bestimmte Persönlichkeitseigenarten) selber in Begriffen der Organismus/Individuum/Person/Verhaltens-Umwelt-Interaktion fassen müssen, und zwar ebenfalls bis ins kleinstmögliche Detail hinein. Dabei geht es nicht unbedingt darum, dass auch die Be-havioral Sciences ihre "Quarks" oder gar ihren ganzen "Teilchenzoo" haben, wie dagegen zu bedenken gegeben wurde, aber doch um die Frage nach den wesentlichen eigenen Mechanis-men, die das ja sich auch in unserer fachdisziplinären Perspektive letztlich alles andere als zu-fällig und wahllos darstellende einschlägige Geschehen (der "Ontogenese des Verhaltens", der Personal History, des individuellen Lern- und Erfahrungsbildungsprozesses) ermöglichen, steuern, voranbringen (oder wie immer). Bisher gibt es zu diesem "Wie" der Umweltein-wirkung auf uns nur das, was die Physiologie allgemein zu dem Weg beschreibt, den ein äus-serer (visueller, akustischer oder olfaktorischer) Stimulus über unsere peripheren Rezeptoren und neuralen Fortleitungen ins Gehirn nimmt, und zu der Art, wie er über diesen Weg trans-portiert wird. Was wir darüber hinaus aber brauchen, ist Wissen über das "Wie" des Trans-ports spezifischer Inhalte in den sowie deren nachfolgende Auswirkung auf den individuellen menschlichen Organismus und sein Verhalten. Schließlich muss auch der neue "Medien-Star" des Hirnforscher-Camps, der Göttinger Neurobiologe und Psychiater Gerald Hüther in seiner "Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn" (erschienen 2001 bei Vandenhoeck & Ruprecht) einräumen, dass das Entscheidende für unsere Ontogenese, also laut Hüther dafür, "dass unser Gehirn so wird, wie..." es sich dann jeweils präsentiert, ist, "wie wir es [nämlich das Gehirn] benutzen". Denn "wir Menschen haben ein Gehirn, das sich erst durch die Art seiner Benutzung gewissermaßen selbst programmiert" (a.a.O., S.99; kursive Hervorhebung R.M.). Damit ist immerhin klargestellt, dass es ein übergreifendes Geschehen gibt, von dem die entsprechenden naturwissenschaftlich zu beschreibenden Vorgänge in unserem Organis-mus wiederum "kausal" abhängen bzw. determiniert werden, und es folgt unmittelbar daraus, dass wir jenes Geschehen (auf der Ebene der Organismus/Person-Umwelt-Interaktion) "as a subject matter in its own right" (wie B.F.Skinner es zu sagen pflegte) analytisch angehen und in den Griff bekommen müssen. Die Benutzung unseres Gehirns ist etwas, das wir tun, und zwischen dem, was wir tun und wie die Welt um uns herum ist, gibt es systematische ("ge-setzmäßige") Zusammenhänge oder Beziehungen, andernfalls wir außerstande wären, uns in dieser Umwelt erfolgreich zu bewegen und zu verhalten. Natürlich müssen wir dabei erst mit gröberen ("molaren") Zusammenhängen beginnen und von da aus erst in die einschlägige Welt der Details vorstoßen (wie es die Chemie ja auch gemacht hat, die lange ohne die Teilchenphysik auskam, aber erst jetzt merkt, dass sie sich selbst bzw. den eigenen Gegen-stand ohne jene eigentlich gar nicht zu verstehen in der Lage ist). Es hat jedoch nach dieser zuletzt referierten Auffassung wenig Sinn, und auch keine Aussicht auf Erfolg, wenn wir versuchen wollten, unseren diesbezüglichen Wissens- und Entdeckerdrang zu stoppen, nach dem seltsamen Motto einer Teilnehmerin (ihres Zeichens für die Verhaltenstherapie an einem psy-chologischen Institut hierzulande zuständige akademischen Rätin) an der von der DGVT (am 31.3.2001 in Tübingen) veranstalteten Podiumsdiskussion "Verhaltenstherapie im Dialog - Möglichkeiten des Zusammenwirkens verschiedener psychotherapeutischer Verfahren", die zu Fragen wie den hier angeschnittenen allen Ernstes meinte: "Ich will es gar nicht so genau wissen!"

Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass diese ganze Diskussion vielschichtig ist und von uns gerade erst ein bisschen angefacht werden konnte. Es hat sich aber auch gezeigt, wie fruchtbar solche in letzter Zeit leider aus der Mode gekommen grundsätzlichen gemeinsamen Reflexionen sein können und wie viel an mitteilungswürdiger persönlicher Erfahrung und Überlegung dabei jeder von uns einflie�?en lassen kann. Es bleibt also zu hoffen, dass wir da-mit immer mehr KollegInnen (re-)aktivieren können, was unmittelbar überleitet...

Ad 3) Die Zukunft der regionalen MVs

....wo wir festlegten, ab dem nächsten Jahr unsere regionalen MVs in der Klinik Berus jeweils vor dem monatlichen Fortbildungsvortrag abzuhalten (wobei wir selbstredend bei un-serem Quartalsrhythmus bleiben werden). Die Vorträge beginnen jeweils um 19 Uhr, so dass wir, wenn wir 18 Uhr beginnen (früher ist aus "anfahrtstechnischen" Gründen wohl nicht drin), immerhin eine Stunde für unsere internen Angelegenheiten haben und danach gemeinsam an der Fortbildungsveranstaltung teilnehmen können. Da aber für den Dezember d.J. in Berus kein Vortrag vorgesehen ist, werden wir erstmals im Februar oder März 2003 (das muss noch festgelegt werden) wie projektiert verfahren können.