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Armin Kuhr, Dinklar

Bericht über die 20. Jahrestagung der International Society for Traumatic Stress Studies

01. Februar 2007

vom 14. bis 18.11.2004 in New Orleans, USA

 

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Dieser viel zitierte Spruch aus den siebziger Jahren kam mir wieder in den Sinn, als ich das Programm mit dem Oberthema War as a Universal Trauma las. Warum gehen eigentlich so viele hin? Warum scheint es so leicht, Kriege anzuzetteln? Die Aussage von US-Präsident Truman am Ende des zweiten Weltkrieges, dass dies der Krieg gewesen sei, der alle Kriege beende, hat sich als falsch erwiesen. Das Gedächtnis scheint kurz, die Motivation, Gewalt einzusetzen, vielfältig. Von hohem Interesse für mich war daher der Eröffnungsvortrag von Chris Hedges, einem Journalisten, der mehrere Jahre für die New York Times als Kriegsreporter gearbeitet hatte. "War is a force that gives us meaning". Von allen Veranstaltungen, die ich besuchte, war dies eine der Wenigen, in welcher der Irakkrieg explizit erwähnt und kommentiert wurde, was angesichts der Tatsache erstaunte, dass die Zeitungen voll waren mit Berichten über die intensiv geführten Kämpfe um Falluja, mit täglich neuen Todesstatistiken der US Truppen. Bis zum 17.11.2004 hatten insgesamt mehr als 1.200 amerikanische Soldaten ihr Leben verloren - die vermutlich weit größere Zahl irakischer Opfer fand keine Erwähnung!

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, den Vortrag von Hedges detailliert zu dokumentieren, angesichts seiner Bedeutung sollen aber einige Kernthemen und -thesen wiedergegeben werden:

Hedges begann mit kritischen Bemerkungen zur gegenwärtigen Situation in den USA. Er zitierte den seinerzeitigen amerikanischen Außenminister McNamara, der die Bombardierung Nordvietnams 1965 als "ein Mittel der Kommunikation mit den Kommunisten" interpretierte. Diese Lektion sei durch die Terroristen, welche die Angriffe auf New York und Washington planten, übernommen wurden - sie haben gut gelernt "Terror als Botschaft". Die Bescheidenheit in den USA nach dem Vietnamkrieg sei inzwischen verflogen. Er sieht die Erfahrung bestätigt, dass dann, wenn das nötige Material zum Führen eines Krieges vorhanden ist, die Wahrscheinlichkeit für dessen Einsatz hoch sei ("weil die Fähigkeit zur Kriegführung existiert, haben wir auch das Recht, Krieg zu führen" In der Bevölkerung habe sich die Grundeinstellung verfestigt, dass "die Technologie uns unbesiegbar macht". Die Militarisierung der Gesellschaft habe auch erhebliche innenpolitische Folgen: "Wir sind zum Tyrannen im Ausland geworden, am Ende werden wir auch Tyrannen in unserem eigenen Land sein."

Ein weiterer Aspekt: In "1984" schrieb Orwell von der Notwendigkeit, permanent gegen Andere Krieg zu führen, um (eine falsche) Einheit im Volk zu erzeugen. Ein Mechanismus, der von politischen Führern immer wieder genutzt wurde und werde. Hedges sieht den Irakkrieg auch in diesem Licht. So habe es nach den Attacken vom September 2001 ein Gefühl von Gemeinsamkeit gegeben, welches praktisch alle Amerikaner erfasste. Die Entfremdung des Einzelnen war aufgehoben, das Gemeinschaftsgefühl sehr stark. Als dieses abflaute, blieb eine starke Sehnsucht danach übrig.

Eine weitere, bedrohliche, Seite des Themas bringt Hedges drastisch auf folgenden Punkt: "Krieg ist die Pornographie der Gewalt. Er hat eine dunkle Schönheit". Ein Beleg dafür sei die Tatsache, dass die Unterhaltungsindustrie auf der Attraktivität von Gewalt aufbaue. "Krieg ist praktische Nekrophilie". Seine Worte erhalten Gewicht durch die eigenen Erfahrungen. Er habe früh gelernt, dass Krieg seine eigene Kultur forme: "The rush of battle is a potent and often lethal addiction, for war is a drug, one I ingested for many years." (Hedges, 2003, S. 3)

Aufgrund seiner Erfahrungen sieht er die überdauernde Attraktion von Krieg in folgendem Sachverhalt: Trotz der hinreichend bekannten Folgen von Krieg, trotz der in alle Bereiche hinein wirkenden Schädigung und Zerstörung - "Krieg kann uns das geben, wonach wir uns im Leben sehnen". Er kann uns eine Aufgabe, er kann uns Bedeutung geben, einen "Grund zu leben". "Viele von uns, ruhelos und unerfüllt, sehen keinen überragenden Wert in ihrem Leben. Wir wollen mehr. Krieg, zumindest, gibt uns das Gefühl, dass wir über uns selbst, die wir klein und zerrissen sind, hinauswachsen können." Er ermöglicht uns, über die "Trivialität des Alltags" hinauszuwachsen. Er ist ein stimulierendes Elixier. Er gibt uns Entschlossenheit, Sinn. Wir befinden uns in einer verschworenen Gemeinschaft ("einer für alle, alle für einen"). Wir sind Herr über Leben und Tod. Krieg erlaubt uns Mut zu zeigen, für den wir bewundert werden.

Die suchterzeugende Wirkung des Krieges nahm Hedges an sich selbst wahr, 15 Jahre arbeitete er als Kriegsreporter. Und wie bei jedem Abhängigen, gibt es bei ihm bis heute eine gewisse Nostalgie für die "Einfachheit" und die "Highs", welche mit Krieg verbunden sind. Dies alles trotz des Todes von befreundeten Kollegen oder der vielen bestialischen Bilder, die er im Grunde besser nicht gesehen hätte. Es gab Momente, in denen er glaubte, dass er lieber sterben wolle, als in die tägliche Routine zurückzugehen. Dies ist nicht nur Theorie: Er berichtet von einem Kollegen, der als Fotograf während des Krieges in San Salvador arbeitete und sich nach einigen sehr kritischen Situationen entschloss, in die USA zurück zu kehren, um dort als Magazinfotograf zu arbeiten. Dies war ihm aber bald "zu langweilig"; er ging zurück nach Mittelamerika, einige Monate später war er tot.

Auf meine Frage, wie er sich aus der Droge des Krieges lösen konnte, antwortete er: es sei ein dreijähriger Kampf gewesen, mit erheblichen Entzugssymptomen (Sehnsucht nach dem Adrenalin), das Prestige ein Kriegskorrespondent zu sein, der Druck der Zeitung, dabei zu bleiben. Die letzte Erfahrung, die es ihm ermöglichte, den Prozess der Herauslösens zu beginnen, machte er im Gaza-Streifen, wo ein fünfzehnjähriger Jugendlicher, nur wenige Meter von ihm entfernt, bei einem Schusswechsel zwischen Palästinensern und Israelis getötet wurde. Außerdem: Er heiratete.

Die gegenwärtige Attraktivität des Themas Trauma zeigte sich daran, dass mehr als 1.000 TeilnehmerInnen nach New Orleans gekommen waren. Beeindruckend war die Breite der Themen: Neben der Wirkung von Kriegshandlungen auf Soldaten und Zivilbevölkerung, der Diagnostik, Prävention und Behandlung traumabedingter Störungen, wurden gemeindepsychologische Programme und Interventionen und übergreifende kulturelle und politische Fragen behandelt.

Highlights herauszugreifen ist sehr schwierig, deshalb nur ein paar Stichworte zu einigen Beirägen:

Ein nachträglich ins Programm aufgenommener Vortrag (innerhalb des Symposions Trauma, Gender, Violence and Military Culture) wurde von einem ehemaligen Soldaten gehalten, der sich im Verlauf des Irakkriegs wegen posttraumatischer Symptome krank gemeldet hatte. Er wurde daraufhin wegen Feigheit angeklagt (der erste Fall seit dem Vietnamkrieg). Das Verfahren wurde fallen gelassen, als die Presse sich dieses Themas annahm.

Ein Thema, das angesichts einiger erschreckender Vorkommnisse zunehmend Bedeutung erlangen wird, sind die Auswirkungen von Kriegserfahrungen auf Partnerschaft und Familie. Daten zu diesem Thema lieferten exploratorische Interviewstudien, außerdem wurden erste, ermutigende Ergebnisse einer naturalistischen kognitiv-behavioral orientierten Paartherapie berichtet.

Von hohem Interesse war ein Vortrag von Cahill et al. mit dem Titel First Do No Harm: Worsening or Improvement After Prolonged Exposure. Die vorläufige Analyse verschiedener Studien zeigte, dass zuverlässige Verschlechterung nur in den Wartelisten (13%) auftrat, gegen (eventuell) ein Prozent in den einbezogenen Behandlungsgruppen. 90% der TeilnehmerInnen profitierten von der Behandlung.

Gersons fasste an anderer Stelle dieses Symposions die Ergebnisse aus der Literatur so zusammen: "is a disordered fear response in need of exposure treatment."

Postskriptum: Die Süddeutsche Zeitung (5.-6. Februar 2005, S. 9) berichtet über einen amerikanischen Offizier, der bei einer Podiumsdiskussion in San Diego gemäß Fernsehaufzeichnung folgendes sagte: In Afghanistan gebe es "Typen, die Frauen fünf Jahre lang schlagen, weil sie keinen Schleier tragen. Typen wie diese sind keine echten Männer mehr. Und es macht verdammt viel Spaß, sie zu erschießen."  Die Zuhörer applaudierten.

Literatur

Hedges, Chris (2003) War Is a Force That Gives Us Meaning. New York: Anchor Books.