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Publikationen  • Kongress  • VPP 2/2021

Bericht zum DGVT-Kongress Online „Brave New PsychoTherapy“ vom 4.-6. März 2021

12. April 2021
 

Der erste Online-Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung hat vom 4. - 6. März mit über 730 Teilnehmer*innen erfolgreich stattgefunden. Der Kongress stand unter dem Motto „Brave New PsychoTherapy“. Als wir 2019 in der Planungsgruppe begonnen haben, diesen Kongress vorzubereiten, sind wir noch davon ausgegangen, dass wir einen ganz „normalen“ Kongress planen, gemeinsam in Berlin, in Präsenz, wo wir uns nicht nur sehen und hören würden, sondern auch die Hände schütteln und uns drücken könnten. 

Und wir dachten daran, bei diesem Kongress einen gemeinsamen Blick in die Zukunft zu werfen. Auf die Entwicklung unserer Profession und der Psychotherapie in unserer Gesellschaft. Wie Aldous Huxley in seinem Roman „Brave New World“ wollten wir fragen: „Was ist die schöne neue Welt der Psychotherapie?“ Wohin steuern wir? Wie wird unsere Zukunft aussehen?

Und dann sind wir schneller als gedacht in dieser Zukunft angekommen. Denn in der Zwischenzeit hat die Covid-19-Pandemie die Welt auf den Kopf gestellt. Und Manches war anders als sonst. Und wir alle gingen andere, manchmal neue Wege.

Auch für die Planung waren keine Präsenztreffen mehr möglich und so planten wir aus unseren Arbeits- und Wohnzimmern heraus und wagten uns auch mit dem DGVT-Kongress auf Neuland. Im März 2021 schließlich versammelten wir uns (mit einiger Aufregung) zum ersten Mal zu einem großen, virtuellen DGVT-Kongress! Um miteinander Neues zu erfahren, Perspektiven auszutauschen und Entwicklungen in unserem Feld zu diskutieren. Und wann könnte dies wichtiger sein, als in Zeiten wie diesen?

Eröffnungsvortrag und Hauptvorträge
Prof. Dr. Stefan Hofmann ist eine absolute Größe im Bereich der Psychotherapieforschung. Er ist bekannt für seine Forschung zu Angsterkrankungen. Und wir durften ihn als unseren Eröffnungsredner begrüßen. In seinem Vortrag brachte er uns die Idee der prozessbasierten Therapie näher. Wir konnten erfahren, welche Probleme mit den gängigen Klassifikationssystemen bestehen und warum die Weiterentwicklung der Psychotherapie mit dem bisher vorwiegend störungsspezifischen Vorgehen stagniert. Wir durften zudem näher kennenlernen, wie das Konzept der prozessbasierten Therapie sowohl netzwerktheoretische als auch evolutionsbiologische Prinzipien einbezieht und Therapie als einen Prozess zu mehr Adaptivität versteht.

Dr. Michael Hengartner beleuchtete in seinem Vortrag kritisch die gängige Praxis der Diagnostik und pharmakologischen Behandlung depressiver Störungen. Ausgehend von aktuellen epidemiologischen Erkenntnissen und basierend auf neueren Meta-Analysen argumentierte Herr Hengartner, dass keine wissenschaftlichen Evidenzen für einen medial und populärwissenschaftlich häufig postulierten „epidemischen Anstieg“ depressiver Störungen existieren. Vielmehr kommt es insbesondere im hausärztlichen Kontext verstärkt zu falsch-positiven Diagnosen und in der Folge zu weder evidenzbasierten noch leitlinienkonformen Behandlungen (z. B. in Form von psychopharmakologischer Intervention auch bei leichter depressiver Symptomatik). Weitere von Herrn Hengartner thematisierte Missstände betreffen einen systematischen Publikations-Bias hinsichtlich der (Nicht-)Wirksamkeit populärer Antidepressiva, die mangelnde Thematisierung von gravierenden Nebenwirkungen sowie das Fehlen von gesichertem Wissen hinsichtlich der genauen Wirkmechanismen antidepressiver Medikation. Herr Hengartner plädiert hierbei nicht für einen Verzicht auf Antidepressiva, sondern lediglich für eine ausgewogene und wissenschaftlich fundierte Betrachtung der positiven und negativen Aspekte dieser Behandlungsoption.

Prof. Dr. Andreas Zick, Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, sprach zu dem gesellschaftspolitisch wichtigen Thema „Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit und neue Radikalität in extremen Zeiten“. Das Erstarken des Rechtsextremismus und -populismus, die menschenfeindlichen neuen Verschwörungsgruppen, Hasswellen im Netz und viele andere Hinweise auf innergesellschaftliche Zerreißproben waren angesichts dessen, was Forschungsergebnisse schon vor der Pandemie zeigten, wenig verwunderlich. Die Pandemie erhöht nicht nur Verteilungskonflikte, sondern wird auch begleitet von Konflikten um Identität und Werte zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Sie äußern sich in Feindbildern, der Radikalisierung von Gruppen und der Entwicklung von destruktiven radikalen und extremistischen Ideologien, die Menschen in radikale Gemeinschaften einbinden und in die politische Mitte eindringen; auch ist ein Anstieg von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Gewalt zu verzeichnen.

Hier knüpft der sozialpsychologische Blick auf die gesellschaftlichen Konfliktlagen. Er fragt aus einer sozialpsychologischen Perspektive, in welchem Zustand sich das Land befindet und schaut dabei vor allem auf antidemokratische Orientierungen, Feindbilder und Diskriminierung von gesellschaftlichen Gruppen. Dazu wurden Befunde aus der sog. Mitte-Langzeitstudie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und rechtsextremen Einstellungen sowie aktuelle Studien während der Corona-Pandemie herangezogen. Zudem wurde auf die Frage eingegangen, welche gesellschaftlichen Strukturen und Orientierungen wir eigentlich benötigen, um eine Gesellschaft so zu entwickeln, dass sie weniger in Spaltungen und Polarisierungen verfällt als vielmehr in eine Zivilgesellschaft mündet, die aktiv gegen Menschenfeindlichkeit und Gewalt eintritt. Zick plädiert für ein stärkeres Engagement der Psychologie und Psychotherapie bei der Prävention von extremistischer Radikalisierung. So entstand auch ein Vorschlag für eine „DGVT-Charta“: Die DGVT ist eine demokratische Gemeinschaft. Sie ermöglicht die Gleichbehandlung, Integration und den Zusammenhalt in einer sich verändernden Gesellschaft durch ihre Arbeit. In der DGVT treten Menschen in jeder Situation mit maximaler Fairness gegenüber allen Gruppierungen auf. Ihre gegenseitige Wertschätzung ist über jeden Zweifel erhaben, und sie ist mit einem deutlichen Respekt gegenüber sozialer und kultureller Vielfalt verbunden.

Die DGVT ist Wächterin gegen Diskriminierung, fähig Ungleichwertigkeit zu erkennen und ergreift präventive Maßnahmen zur Bekämpfung von Vorurteilen, Rassismus, Extremismus und Diskriminierung. Unser Grundprinzip gegenüber allen Menschen ist: Achtung der Rechte, Anerkennung und Solidarität mit jenen, denen Rechte, Anerkennung und Solidarität fehlt. Der DGVT-Vorstand wird diesen Vorschlag aufgreifen und diskutieren.

Die Thematik wurde in einem Symposium und einem Roundtable vertieft; hier entstand auch die Idee, eine Arbeitsgruppe innerhalb der DGVT gegen Rechtsextremismus zu gründen.

Prof. Stephen Hinshaw beleuchtete das Thema Stigmatisierung psychisch Erkrankter. Dabei erfuhren wir nicht nur Hintergründe, Theorien und Beispiele zur Stigmatisierung früher wie heute. Auch illustrierte Hinshaw die Abfärbung der Stigmatisierung auf Angehörige und zeigte die Zusammenhänge mit Gewalt auf. Zuletzt berichtete er von Erfahrungen aus seiner eigenen Familie und wie es für ihn als Kind war, dass sein Vater aufgrund einer fehldiagnostizierten bipolar-affektiven Erkrankung immer wieder für lange Zeit verschwand und zum Schutz der Kinder nichts von seinem mentalen Zustand offenbarte.

Die Belange von Kindern und Jugendlichen liegen uns als Psychotherapeut*innen sehr am Herzen. Doch nicht selten treten sie in den Hintergrund, wenn Eltern psychisch besonders belastet sind. Mit großer Freude konnten wir Frau Professorin Dr. Hanna Christiansen am Samstagmorgen zum KiJu-Thema „Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen: eine Standortbestimmung und Ziele für die Versorgung“ im Hauptvortrag hören und erleben. Anschaulich stellte uns Frau Christiansen die Befundlage – einschließlich meta-analytischer Bewertungen der bislang vorliegenden randomisiert kontrollierten Studien – sowie Anregungen zu Interventionen (bspw. Programme VIA7-11 und VIA Family, COMPARE und Village) dar. Neben der Vernetzung der verschiedenen Versorgungsebenen und einem Perspektivwechsel auch auf Bundesebene, wurde der Wunsch nach dem bedarfsgerechten Ausbau ambulanter multimodaler Hilfen deutlich. Psychologische Psychotherapeut*innen wie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen nutzen im Anschluss des Vortrags die Zeit zum Austausch, unter anderem zu Fragen, wie Erkenntnisse für beide Berufsgruppen nutzbar werden können.  

Im Vortrag von Prof. Dr. David Ebert erfuhren wir Interessantes zu digitalen Gesundheitsanwendungen, den sogenannten DiGAs. So erweisen sich DiGAs nicht erst seit der COVID-19-Pandemie als erstaunlich wirksames alternatives Behandlungsmedium für die meisten psychischen Störungsbilder mit Effektivitätswerten, die in vielen Studien mit der Wirksamkeit von traditioneller Face-to-Face-Psychotherapie vergleichbar sind. Gleichzeitig gelingt es auch mit DiGAs nicht, die besonders bedürftigen und bis dato unterversorgten Bevölkerungsgruppen verstärkt zu erreichen und es mehren sich die Hinweise, wonach reine App-basierte Stand-Alone-Anwendungen ohne fachkundige Begleitung („Guidance“) eine deutlich geringere Wirksamkeit entfalten. Herr Ebert argumentiert, dass DiGAs nicht dazu geeignet sind, traditionelle Face-to-Face-Psychotherapie zu ersetzen, sondern vielmehr dazu dienen sollten, das Behandlungsangebot zu ergänzen, zu erweitern und durch kombinierte Behandlungsformate („blended care“) die Effektivität von Psychotherapie möglicherweise zu steigern.

Und last not least führte uns die Keynote von Prof. Dr. Daniela Mier zum Abschluss zu den psychotherapeutischen Implikationen der neurowissenschaftlichen Forschung zur Schizophrenie. Wir konnten von ihr lernen, welche Veränderungen sozialer Kognitionen es bei Menschen mit Schizophrenien gibt und wie funktionelle Bildgebungsstudien helfen können, die dahinterliegenden Mechanismen besser zu verstehen. Menschen mit psychotischen Symptomen zeigen etwa die Tendenz, neutralen Gesichtsausdrücken eine negative Bedeutung zuzuschreiben. Ein wichtiger Befund, der zum einen die Entwicklung spezifischer Interventionen informieren kann, zum anderen aber auch genutzt werden kann, um die therapeutische Beziehung zu Patient*innen mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis wirkungsvoller zu gestalten.

DGVT-Preise und einzelne Symposien
Der DGVT-Preis ging an Prof. Dr. Franz Caspar, Bern/Schweiz. Mit Franz Caspar würdigt das DGVT-Preiskuratorium einen Psychotherapieforscher und Kliniker, der sich sowohl auf nationaler / deutschsprachiger Ebene als auch international in herausragender Weise um die Entwicklung der Psychotherapie / Verhaltenstherapie in gesundheitspolitischer Verantwortung verdient gemacht hat und der DGVT seit vielen Jahren eng verbunden ist. Mit seiner unermüdlichen Forschung und seinem Engagement für die Vernetzung von Forschung und Praxis führte und führt er die Arbeit von Klaus Grawe fort. Sein Fokus gilt der Psychotherapieprozessforschung und der Plananalyse und ihrer praktischen Nutzung in der Therapie. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Martina Belz hat er maßgeblich dazu beigetragen, die Kooperation zwischen der Universität Bern und der DGVT-AusbildungsAkademie zu intensiveren und einen eigenen Studiengang für Teilnehmende der DGVT-PP-Ausbildungsinstitute an der Uni Bern mit mittlerweile ca. 800 Absolvent*innen ins Leben zu rufen.

Der DGVT-Förderpreis ging an Dr. Theresa Koch, München. Mit ihrer Dissertation „Emotion regulation in traumatized Afghan Refugees: A transdiagnostic perspective on its role in psychopathology and treatment“ hat sie das Preiskuratorium der DGVT überzeugt. In ihrer Dissertation hat Frau Koch einen innovativen und vielversprechenden Behandlungsansatz entwickelt. So hat sie einen transdiagnostischen Ansatz gewählt, der nicht ein spezifisches Störungsbild, sondern zugrundeliegende psychische Prozesse fokussiert. Hiermit kann sie die hohe Komorbidität der von ihr gewählten Population von geflüchteten Menschen adressieren und mit großer Sensibilität auf die Kulturen der Behandelten eingehen.

Wie immer gab es über die Hauptvorträge hinaus ein breites bunt gemischtes Angebot an Symposien, Workshops und Round Tables, die es allesamt verdient hätten, hier im Einzelnen gewürdigt zu werden.

Stellvertretend seien hier einige Angebote erwähnt, wie z. B. das Symposium „Umgang mit der Klimakrise – wie politisch darf bzw. muss die Psychotherapie sein“. In der von Vertreter*innen von Psychologists for Future gestalteten Veranstaltung wurde sowohl über den aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Prognosen der Klimaforschung informiert als auch die Herausforderungen und Möglichkeiten unserer Berufsgruppe dargestellt. In einem anschließenden fachübergreifenden Austausch wurde leidenschaftlich darüber diskutiert und es konnten davon ausgehend auch Ideen für konkrete Projekte entwickelt werden.

In dem Symposium „Menschenbilder Psycho(therapie) – Zahl oder Sprache“ las die Schriftstellerin Julia von Lucadou aus ihrem Roman Die Hochhausspringerin und gewährte einen Einblick in ihren persönlichen Bezug.

Das Symposium „Informationsveranstaltung zur Ausbildungsreform“ informierte zahlreiche Interessierte über den aktuellen Stand der Musterweiterbildungsordnung und die Implikationen für den zukünftigen Weg zur Psychotherapeut*in. Anhand zahlreicher Fragen und Beiträge aus dem Auditorium konnten verschiedenste Aspekte reflektiert werden.

Im Symposium „Psychologische Auswirkungen der Covid-19-Pandemie“ wurden die Effekte der physischen Distanzierung und Quarantäne im Allgemeinen, mit besonderem Blick auf Eltern und Kinder, aber auch die Auswirkungen auf Therapeut*innen am Beispiel von Psychotherapeut*innen in Ausbildung, dargestellt. Zudem wurde über die Implementierung und Evaluation einer Hotline zur Ersthilfe berichtet.

Dass die Durchführung des Kongresses ohne große technische Probleme gelingen konnte, ist vor allen Dingen den Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle, allen voran Milana Kirsch als Verantwortliche, zu verdanken. Milana Kirsch hat die Inhaltliche Planungsgruppe bereits im Vorfeld des Kongresses mit viel Geduld und Know-how in die Webinar- und Zoomfunktionen eingewiesen. Alle Teilnehmenden erhalten schon bald einen Zugang zu Folien und Beiträgen des Kongresses.

Trotz der gelungenen Premiere kam zwischenzeitlich während des Kongresses und bei der Nachbesprechung der Planungsgruppe nach dem Kongress etwas Wehmut auf. Die Begegnungen und Gespräche am Berliner Abend, in den Pausen und außerhalb des Kongresses, das Stöbern am Buchstand, die City Night Lecture und das ausgelassene Tanzen an der Kongressfete haben wir doch sehr vermisst. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen in 2023 in Berlin. 

Die Kongressplanungsgruppe