Bericht zum Kongress 'Prävention psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Stärkung der Erziehungskompetenz.'
Am ersten Tag des Symposiums wurden ausschließlich englischsprachige Vorträge aus den USA, Australien und Holland gehalten. Vielleicht war dies symptomatisch für die noch großen Unterschiede zwischen der BRD und diesen Nationen, zumindest im Bereich der Präventionsforschung. Kurt Hahlweg wies auch in der Eröffnungsrede auf die vergleichsweise deutlichen Forschungsdefizite im Bereich der Prävention in Deutschland hin.
Wie üblich auf diesem Gebiet, wurde auf die epidemiologischen Daten hingewiesen und deutlich gemacht, dass der großen Zahl auch an stark persistenten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen und den sie mitbedingenden Risiko- und fehlenden protektiven Faktoren nicht allein mit kurativen Maßnahmen begegnet werden kann. Es wurde verdeutlicht, dass viele Erziehungsinstanzen damit konfrontiert, auch überfordert werden. Ausdruck dieser Not ist auch eine zunehmende Inanspruchnahme von entsprechenden Diensten. Deshalb wurde die Stärkung von therapeutischen und erzieherischen Kompetenzen in Familie, Schule und Gemeinde als dringlichst notwendig angesehen. Offensichtlich sind die Risikofaktoren nicht allein im Mangel angemessener Erziehungsfertigkeiten zu suchen, sondern die Risiken sind weit gestreut und kein Risiko kann für sich beanspruchen, mehr Varianz als andere aufzuklären (soweit Esser in seinem Vortrag Epidemiologie, Risikofaktoren und protektive Faktoren).
Dementsprechend wurde verdeutlicht, dass nicht allein auf die sehr verschiedenen Risiko- und Schutzfaktoren angelegte Interventionen abzuheben ist, sondern dass darüber hinaus alle Arten der Prävention (indizierte, selektive und universelle) notwendig sind. Sie müssen außerdem langfristig angelegt sein, von vielen Komponenten getragen und auch durch verschiedene Settings (Schule, Familie etc.) gepflegt werden. Insgesamt waren die Bemühungen deutlich, differenzierte, entwicklungsangepasste und auch kulturell angemessene Programme zu konstruieren und auch so zu evaluieren, dass erkennbar wird, welche Mediatoren (z. B. Schicht, Einstellungen) einzelne Ergebnisse beeinflussen können.
Gleichzeitig wurde vorgeführt, dass zunehmend auch Aspekte der Ökonomisierung eine Rolle spielen und dies nicht nur durch den Nachweis von Kosten-Nutzen-Effekten. Eine weitere Form davon ist die Suche nach kurzen Programmen, die auch Selbsthilfekräfte oder Beratungsstellen nutzen. Die erkennbare Zunahme an Interventionen in diesem Bereich durch private Anbieter ist eine weitere Form der Ökonomisierung. Sie erscheint teilweise als Werbung in den Medien für ein psychosoziales Produkt und als Disseminationsversuch, Marktsegmente zu erobern (erste Konzerne bilden sich mit konkurrenten Kleinanbietern). Private oder semiprivate Anbieter machen den zum Teil öffentlichen Anbietern vor, was man unter Social Marketing zu verstehen hat.
Die Tendenz zur Ökonomisierung von Prävention und insbesondere auch von Erziehungsmaßnahmen wurde u. a. in einem bemerkenswerten Vortrag von Hurrelmann beschrieben und auch in Teilen kritisch beleuchtet. U. a. wurde die Gefahr der sozialen Ungleichverteilung von Erziehungsressourcen angesprochen, die explizit im Kontext der rot-grünen Bildungs- und Familienpolitik der Bundesministerin nicht gewollt ist. Darüber hinaus formulierte er die Frage, ob diese Programme hinreichend an den sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wie zunehmender Orientierungslosigkeit orientiert sind.
Im Vordergrund der einzelnen Präsentationen standen zunächst Elterntrainingsprogramme, wie das Triple-P, das sich in der BRD (inzwischen in insgesamt 13 Ländern) zunehmender Beliebtheit erfreut (also schon viele Segmente erobert hat), aber auch einem weniger bekannten, dennoch sehr interessanten Programm, dem sog. Fast Track-Programm).[1] Das Triple-P-Programm ist auf all diese Arten der Prävention gemünzt, trainiert Eltern in angemessenem Erziehungsverhalten, bietet Hilfen bei bestimmten Erziehungsproblemen und tut dies auch medienunterstützt. In zahlreichen Studien wurde die Effektivität, der Nutzen der verschiedenen abgestuften Programme vorgeführt. Interessanterweise ist die Streubreite der Effektstärken der Studien sehr hoch und in einer Antwort in der Diskussion zum Vortrag von Sanders zum Triple-P, das als universelles Programm angepriesen wird, wurde klar, dass es sich im Moment am meisten für Risikokinder empfiehlt. Langzeiteffekte werden im Moment in den USA überprüft.
Der Vortrag zum Fast Track Programm berichtete über weitaus bescheidenere Zahlen zur Effektivität dieses Trainings, das nicht nur Kinder, Risikogruppen, sondern auch Vorschulen und Schulen, nebst LehrerInnen und ErzieherInnen mit einbezieht. Nicht nur durch eine breite Implementation in verschiedenen Settings zeichnet sich dieses Programm aus, sondern auch dadurch, dass die Rezeptionsbereitschaft für dieses Programm durch Hilfen für die Entwicklung von Kulturfertigkeiten (Lesen, Schreiben), Besserung der Klassenatmosphäre, Pflege sozialer Netzwerke und von Life Skills deutlich erhöht sein dürfte. Zudem ist es entwicklungspsychopathologisch fundiert, extrem langwährend angelegt (auch Langzeitstudien begleiten dieses Programm). Die Ergebnisse sind in Teilen mit denen des Triple P vergleichbar, aber in ihrer Breite erstaunlich (auch Inzidenzraten berücksichtigend). Sie entsprechen insgesamt den Werten, wie man sie in Meta-Analysen zu diesem Bereich findet (hierzu wurde im übrigen eine neue eindrückliche Meta-Analyse von Lösel, Beelmann et al. im Rahmen eines Vortrags und Posters vorgelegt).
Beispiel für die Tendenz, solche Elterntrainingsprogramme spezifizieren zu wollen, stellte das Scheidungsprojekt von Forgatch dar. ÿblicherweise werden die Risiken der Folgen einer Scheidung für Kinder durch spezielle Gruppenangebote gemindert, sehr selten durch eine Verbesserung des Interaktionsklimas zwischen Kind und Eltern auch durch Besserung der Erziehungsfertigkeiten. Eben dies geschah in dem Programm von Forgatch. Im Ergebnis wurden nicht nur die Probleme der Kinder direkt gemindert, sondern auch über eine Abnahme der Probleme der Eltern und über die Stärkung von Ressourcen. Langzeiteffekte über 30 Monate und viele Variabeln, auch in Hinsicht auf das Einkommen wurden berichtet.
Für die Prävention internalisierender Probleme gaben die englischsprachigen Beiträge eher nur werbende Hinweise auf ein spezifisches Programm (FEAR). Dabei ist anzumerken, dass zahlreiche weitere sehr effiziente Programme entwickelt wurden. Dieses Manko wurde aber durch deutschsprachige Vorträge am zweiten Tag des Kongresses hinreichend ausgeglichen. Silvia Schneider gab eine Übersicht zur epidemiologischen Bedeutung von Angststörungen bei Kindern und berichtete über zwei Beispiele von Interventionsprogrammen, die in der BRD auf der Grundlage internationaler Vorbilder entwickelt und auch im schulischen Kontext evaluiert wurden. Das gemeinsame Moment dieser Programme ist, dass sie Techniken der Behandlung nutzen, um präventiv wirksam zu werden. Es zeigt sich im übrigen nicht nur deshalb, aber auch deshalb, dass diese Programme eher bei Risikopersonen ansprechen.
Auch das Programm LARS & LISA, das speziell Depressionen verhindern will, das von Hautzinger vorgestellt und von Pössel entwickelt wurde, hat einen ähnlichen Charakter und kann auch über vergleichbare Ergebnisse berichten.
Ein Programm zur Vermeidung von Essstörungen, von Tuschen-Caffíer vorgestellt (von Dannigkeit entwickelt), schließt an internationale Programme zur Prävention dieses auch stark mit emotionalen Problemen in Zusammenhang stehenden Störungsbereichs an. Zahlreiche Programme wurden in diesem Bereich entwickelt (eine erste Meta-Analyse liegt vor); die Ergebnisse sind zwar ermutigend, aber in jedem Fall nicht sehr oft auf einer breiten Datenbasis stehend. Das Programm, das in Marburg, Siegen und Bielefeld entwickelt wurde, versucht die Kraft der wichtigsten Risikofaktoren in diesem Bereich zu mindern (z. B. Körperbild, Wirkung der Werbung etc.) und die der Ressourcen (Selbstwert) zu steigern. Dabei war es bei einer großen Zahl von Schülern durchaus erfolgreich in Bereichen wie Essstil und erlebter Attraktivität.
In Ergänzung zu den internationalen Vorträgen wurden verschiedene deutschsprachige Varianten und Anschlussprojekte auch zum Thema Vermeidung externalisierender Störungen vorgestellt, allen voran natürlich die deutschsprachige Variante des Triple-P der Gruppe um Hahlweg. In der universell angelegten Variante konnten sowohl für externalisierende als auch internalisierende Probleme auch nach einem Jahr Follow-Up Effekte nachgewiesen werden. In einem zweiten Projekt (Jacobsstudie) konnten mit finanziellen Anreizen sozial benachteiligte Eltern (auch Migranten) zur Teilnahme an diesem Programm gewonnen werden. Auch hier zeigten sich Effekte, so dass gefolgert wurde, dass das Triple-P auch unter schwierigen Lebensumständen implementierbar und erfolgreich sein kann.[2]
In enger Abstimmung zu dieser Intervention wurde das Kölner Programm PEP der Gruppe um Döpfner vorgestellt. Dieses richtet sich aber mehr an Risikokinder. Interessanterweise waren hier trotz dieser Zielgruppe die Effektstärken im mittleren Bereich anzusiedeln. Aber auch ein Selbsthilfeprogramm erwies sich als effizient, ähnlich wie ein solches, das auch für das Triple-P entwickelt und das im Rahmen eines Posters vorgestellt wurde.
Das Nürnberger EFFEKT Programm (Erlangen-Nürnberger-Entwicklungs- und Präventionsstudie) besteht aus einem Kinderprogramm, das stark am Problemlösetraining von Spivack und Shure orientiert ist und aus einem Elterntraining, das grundlegende Kompetenzen (z. B. Grenzen ziehen können) vermittelt. In unterschiedlichen Maßen wurden damit bis zu mittel hohen Effekten erzielt, auch bei relativ harten Daten wie Zeugnisbemerkungen (vgl. www.phil.uni-erlangen.de/%7Ep1/psy1/Projekte.html .)
Als Apercu sei erwähnt, dass ein gestandener Psychoanalytiker mit mehrdeutigen Nebenbemerkungen zur Verhaltenstherapie am Anfang seines Vortrages ein relativ klassisches Kompetenztrainingsprogramm aus dem us-amerikanischen Bereich zur Gewaltprävention vorstellte, das jetzt in Kindergärten und wohl bald auch in Schulen durchgeführt werden kann:Faustlos (aber sehr teuer).
Eingerahmt und ergänzt wurden die Vorträge und kurzen Diskussionen dazu durch die Präsentation von Postern mit sehr unterschiedlicher Couleur. Ergänzungen im engeren Sinne waren Poster zu Teilfragen im Umgang mit den in den Vorträgen vorgestellten Programmen (z. B. zur Akzeptanz von Triple-P, Nutzen der Werbung, Wirkung bei Migranten). Andere wiederum konnte man als konkurrente oder auch sich anschließende Interventionen werten (Prävention im Bereich Adipositas, Erziehungsprogramme im Kindergarten, Bedeutung von Eheberatung für die kindliche Entwicklung mit und ohne Bezug zu dayadischen Stressbewältigungsprogrammen, Gewalt- bzw. Bullying-Präventionsprogramm in der Schule: ProAct).
Spezielle Studien warteten mit Berichten zur Risiko- und Ressourcenanalyse oder auch Komorbiditätsraten (Psychopathie) auf. Andere thematisierten Bereiche wie die Prävention des sexuellen Missbrauchs.
Es gab auch einen kurativen Zweig bei den Postern, wie z. B. zur Behandlung sozialer Ängste, soziale Fertigkeitstrainings, Folgerungen für die Psychotherapiepraxis, Früherkennung von Krankheiten, Behandlung von Schlafstörungen oder ADHS.
Einzelne Poster hätte man gerne als Vorträge goutiert, wie z. B. die Übersicht zu suchtpräventiven Maßnahmen aus dem IFT München. Auch weitere Elterntrainingsprogramme, die offensichtlich noch nicht weit genug entwickelt und evaluiert sind, wie das Kölner KES der Lauth-Gruppe, blieben leider etwas im Hintergrund.
Insgesamt war dieses Symposium ein weiterer wichtiger Meilenstein bei der Gestaltung einer psychosozial orientierten Präventionslandschaft in der BRD, die noch den internationalen Anschluss sucht und dabei in Köln sicher fündig geworden ist.
Prof. Dr. Bernhard Röhrle
Psychologie der Philipps-Universität Marburg
Abteilung Klinische Psychologie
Gutenbergstr. 18
35037 Marburg
roehrle@staff.uni-marburg.de
[1] Hier wird nur auszugsweise über besonders bemerkenswerte Vorträge berichtet (vgl. die Abstracts aller Präsentationen unter www.praeventionskongress2005.de )
[2] Ein großer Teil dieser Projekte und auch noch darüber hinausgehende Themen werden in Kürze nachzulesen sein (Röhrle, B. (Hrsg.) (im Druck). Prävention psychischer Störungen und Förderung seelischer Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen. Tübingen: DGVT)
Quelle: VPP 3/2005