Blick über die Grenzen [1] : Pressekonferenz „Medizinische Psychotherapie: Neues ärztliches Angebot mit traditioneller Wurzel“[2]
Psychotherapie in die wissenschaftliche Medizin rückführen - Versorgungslücken auffüllen – auf Behandlungseffizienz achten – Qualität sichern
Auf ein wesentliches Versorgungsproblem bei der Psychotherapie wies die Österreichische Ärztekammer am 10.3.2009 auf einer Pressekonferenz aus Anlass eines Symposiums über den Stellenwert und die spezifischen Aufgaben der Medizinischen Psychotherapie im österreichischen Gesundheitssystem hin. Experten sehen sowohl ein quantitatives wie auch ein qualitatives Defizit, das laut Befund des Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Walter Dorner, „dem heimischen Gesundheitswesen Effizienzverluste einbringt und daher unnötige Kosten verursacht“. Er sieht in der Medizinischen Psychotherapie ein Mittel zur Beseitigung des Qualitätsproblems, da sie der einzige seriöse Ansatz auf gesicherter medizinischer Grundlage und auf wissenschaftlichem Boden sei. Dorner forderte die Forcierung der Medizinischen Psychotherapie und ihren schrittweisen Ausbau zu einem umfassenden, flächendeckenden Angebot in ganz Österreich. Die medizinische Psychotherapie sei ein unverzichtbarer und „idealtypischer“ Weg zur integrierten Patientenbehandlung auf Basis eines humanistischen und ganzheitlichen Menschenbildes, begründete der Ärztepräsident seine Forderung. Sie sei die Antwort auf „komplexe Fragen der modernen Medizin, die ganz auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet ist“. Die Förderung der Medizinischen Psychotherapie sei daher eine „wichtige Maßnahme zur Behebung des Defizits an ärztlicher Zuwendung im österreichischen Gesundheitssystem“. „Medizin ist keine eindimensionale Wissenschaft – sie stellt den Menschen und die bio-psycho-sozialen Zusammenhänge von Gesundheit und Krankheit in den Mittelpunkt“, so der Ärztepräsident. Die Gesundheitspolitik sei zum Paradigmenwechsel aufgerufen; und im Gesundheitssystem sei dem „menschlichen Faktor“ folglich erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Das entspreche nicht nur dem Wunsche der Patientinnen und Patienten sondern sei auch ein Gebot der Stunde, „da vermehrte ärztliche Zuwendung und der punktgenaue Einsatz Medizinischer Psychotherapie in Kombination mit anderen ärztlichen Schritten Fehlleitungen von Patienten verhindern. Und die richtige Behandlung zum richtigen Zeitpunkt lässt die Wirkung früher eintreten und erhöht sie. Das könnte erfahrungsgemäß auch eine Therapie gegen steigende Kosten im Gesundheitssystem sein.“ Dorner sieht daher in der integrativen Sichtweise, die über viele Jahrtausende ärztliche Tradition sei, eine notwendige Strategie zur „Rehumanisierung“ der Medizin sowie zur Bewältigung zentraler Probleme des modernen Gesundheitssystems und der finanziell angeschlagenen Krankenkassen.
Unübersichtliche Situation
Medizinische Psychotherapie sei „notwendiger denn je“, erläuterte der ÖÄK-Referent für psychosoziale, psychosomatische und psychotherapeutische Medizin, Michael Krenn, und führte dafür mehrere Gründe an. „Heute gibt es ein sehr vielfältiges psychotherapeutisches Angebot, das in zahlreichen Schulen kanalisiert wird und oft keinen berufsspezifischen akademischen Hintergrund hat. Die Situation ist so unübersichtlich, dass die Patienten oft ratlos sind und buchstäblich ohne Orientierung herumirren. Zur Behebung dieses Mankos brauchen wir eine Integrationszentrale durch spezialisierte Ärzte“, argumentierte der Psychiater. Ärztinnen und Ärzte, die durch spezielle Ausbildungen ein besonderes Know-how in der Medizinischen Psychotherapie erworben hätten, seien dem Aspekt der Ganzheitlichkeit auf der Grundlage einer uralten medizinischen Tradition verpflichtet. Sie seien unentbehrliche Garanten für die laufende Rückkoppelung zur „naturwissenschaftlichen“ Medizin. Es sei Aufgabe der medizinischen Psychotherapie, „über die Grenzen zahlreicher Schulen hinweg Behandlungspfade zu suchen und zwischen evidenzbasierter Strategie (EBM) und klinisch kontextbezogener Erfahrung zu verbinden“. Dies sei ein entscheidender Punkt der Qualitätssicherung, da Psychotherapie nicht nur Wirkungen sondern auch Nebenwirkungen haben könne. Die akademische Basis und „die klare ärztliche und disziplinarrechtliche Verantwortung stellen darüber hinaus sicher, dass Psychotherapie als Teil der Medizin auf dem Boden der Realität bleibt und nicht ´konfessionell überhöht` wird“. Krenn: „Die Zuwendung und heilende Aufmerksamkeit des Arztes sind zentrale Bedürfnisse unserer Patienten und finden in der Medizinischen Psychotherapie eine besonders geschulte Entsprechung und Antwort.“ Man müsse den Ärzten aber durch gute gesundheitspolitische Maßnahmen mehr Gelegenheit geben, diese auch anwenden zu können.
Fehler der Vergangenheit
Krenn sieht aber auch durchaus Anlass für ärztliche Selbstkritik. In der Nachkriegszeit habe man die ärztliche Psychotherapie vernachlässigt. „Das Ziel der Kassenstrukturen war, die Menschen rasch arbeitsfähig zu machen. Auf Psychohygiene und Mental Health wurde dabei weniger Wert gelegt. Die Medizin ist in Österreich diesen Weg mitgegangen. Das war aus heutiger Sicht ein Fehler. Wir haben dies erkannt und an der Entwicklung psychotherapeutisch medizinischer Ausbildungen gearbeitet.“ Seit 20 Jahren gebe es nun ein eigenes Referat in der ÖÄK und seit 20 Jahren könnten Ärztinnen und Ärzte aus allen Fachrichtungen diese spezielle und gestufte fünf- bis sechsjährige Ausbildung machen und anwenden. Als jüngsten Schritt weiterer Qualifizierung nannte der Experte die Einführung des neuen Spezialfaches für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Doch die Entwicklung gehe noch weiter. Jetzt werde über eine fortschreitende Integration unterschiedlicher psychotherapeutischer Heilverfahren in ein ganzheitliches medizinisches Konzept nachgedacht. Mit diesen drei Schritten werde die Medizinische Psychotherapie nach Krenns Aussage als Plattform aller Ärztinnen und Ärzte mit psychotherapeutischer Kompetenz etabliert.
Der kleine Unterschied
Was unterscheidet nun die auf akademischer Grundlage stehende Medizinische Psychotherapie von sekundären Therapiezugängen, die in zahlreichen Schulen beheimatet sind? Die ärztliche Tradition verpflichte Ärzte zu einer konsiliären Zusammenschau auf einen Patienten, erklärt ÖÄK-Referent Krenn, denn: „Wir behandeln nicht Menschenbilder gemäß irgendeiner der zahlreichen psychotherapeutischen Traditionen und Schulen, wir behandeln einen bestimmten Menschen, der sich nicht in eine der Schulen hineinzwängen lässt. Ein Mensch kommt ja nicht vorsortiert und mit der Etikette einer psychotherapeutischen Schule versehen in unsere Ordination, sondern mit einem ganz persönlichen Problem, aber ebenso auch mit einer allgemein erkannten und erforschten Erkrankung.“ In diesem bio-psycho-sozialen Kontext stehe nun der Arzt als Begleiter, Katalysator und Problemlöser. „Die unterschiedlichen nichtmedizinischen Schulen und Traditionen sind und bleiben in einem losgelösten Kontext letztlich partikuläre Ansätze, was unserem Verständnis von ganzheitlicher Medizin nicht entspricht“, sagte Krenn. Die Medizinische Psychotherapie sei hingegen eine spezialisierte Heilkunst im Rahmen der gesamten Heilkunde - auf einem ganz klaren naturwissenschaftlichen Boden. Die ärztliche Aufgabe bestehe darin, zwischen Biologie, sozialer Wirklichkeit und geistig seelischen Prozessen zu vermitteln und das in Gegenwart des Patienten realisieren zu helfen. Ein weiterer Faktor für die notwendige Rückführung der Psychotherapie in die wissenschaftliche Medizin sei die „Multimodale Therapie“, die seit Jahren als „State-of-the-art“ in der Behandlung seelischer Erkrankungen gelte. Krenn: „Zum Beispiel ist in den modernen psychiatrischen Kliniken die Kombinationsbehandlung aus Psychotherapie und Psychopharmakologie eine Selbstverständlichkeit.“ Der heutige Stand der Forschung führe sogar noch weiter. Demnach sei nachgewiesen worden, dass der Nutzen einer pharmakologischen Behandlung auch von der psychotherapeutischen Kompetenz und Effektivität des behandelnden Arztes abhänge. Das heißt: Medikamente und Psychotherapie seien oft in ihrer Heilkraft voneinander abhängig und ergänzen sich. Die Zusammenführung beider Faktoren bestimme damit den Erfolg, so Krenn. Krenns abschließende Folgerung: „Wenn man das gesamte Potential Medizinischer Psychotherapie und moderner Psychiatrie zulässt, dann kann eine radikale Aufteilung in psychologisch-psychosoziale Interventionen einerseits und biologisch-pharmakologische Behandlungsformen andererseits überhaupt nicht mehr aufrecht erhalten werden.“
Wer braucht die Medizinische Psychotherapie?
Das wesentliche Merkmal der medizinischen Psychotherapie bestehe in der Integration psychotherapeutischer Maßnahmen und Vorgehensweisen in ein medizinisches Gesamtbehandlungsprogramm, unterstrich der Institutsvorstand und ärztliche Leiter des Anton Proksch Instituts, Univ. Prof. Michael Musalek. Musalek, der derzeit auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie ist, teilt die Menschen, die Psychotherapie in Anspruch nehmen, in drei große Gruppen:
1. PatientInnen mit psychischen Erkrankungen, wie sie in den heute allgemein anerkannten Klassifikationssystemen festgeschrieben sind 2. PatientInnen in persönlichen Krisen bzw. Krisensituationen 3. PatientInnen mit Lebensproblemen und damit verbundenen Leidenssituationen
Nach neuesten Erkenntnissen seien psychische Erkrankungen als komplexes Geschehen anzusehen, so der renommierte Psychiater. Ihre Ursachen fänden sich gleichermaßen in körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren. Musalek: „Dementsprechend braucht es auch komplexe Behandlungsformen, um nachhaltige Verbesserungen erreichen zu können. Die Psychotherapie stellt dabei einen ganz wesentlichen Behandlungsbereich dar, der allerdings immer in einen medizinischen Gesamtbehandlungsplan zu integrieren ist.“ Zwischen PatientInnen mit „klassifizierten“ psychischen Erkrankungen und solchen in Krisensituationen sei oft eine genaue Grenzziehung nicht möglich. Gerade Krisensituationen mit hoher Selbstmord-Neigung (Suizidalität) und Depressivität seien Beispiele für die unbedingte Notwendigkeit integrativer Behandlungsansätze, sagte Musalek. Auch die dritte Gruppe von Patienten zeige mannigfache Überschneidungen zu den ersten beiden Gruppen. Das Hauptproblem seien hier PatientInnen mit (noch) unerkannten Depressionen – wobei die Depressionsdiagnostik wohl zu den schwierigsten Diagnosebereichen gehöre. „Eine zielführende und umfassende Depressionsdiagnostik ist auch nur nach langer klinischer Erfahrung möglich“, betonte Musalek. Ein weiterer Teilbereich dieser dritten Gruppe umfasse Lebensprobleme, die in einem Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen stünden. Auch diese psychosomatischen Störungen bräuchten „natürlich eine Integration psychotherapeutischer Maßnahmen in einen medizinischen Gesamtbehandlungsplan“.
Unterversorgung an Medizinischer Psychotherapie
Aus all den genannten Gründen seien nach Beurteilung des Fachmannes für PatientInnen der ersten und zweiten Gruppe und auch für einen großen Teil der dritten Gruppe komplexe integrative Behandlungsmodelle erforderlich. Idealerweise würden diese von Fachkräften vermittelt, die in einer Person sowohl die erforderlichen medizinischen sowie auch psychotherapeutischen Kompetenzen vereinigen – „das sind Ärztinnen und Ärzte mit einer speziellen Ausbildung“ (Musalek). Freilich gebe es gegenwärtig für die Medizinische Psychotherapie „objektive Versorgungsengpässe, an deren Beseitigung konsequent zu arbeiten ist“. Bis dieses Ziel erreicht sei, müssten deshalb auch Modelle zur integrativen medizinischen Behandlung in multiprofessionellen Behandlungsteams entwickelt und umgesetzt werden. Als Beispiel für eine medizinische Psychotherapie auf Basis enger Kooperation nannte Musalek die enge Zusammenarbeit zwischen klinischen Psychologen und Psychiatern im Anton Proksch Institut.
[1] Nachdruck – ausdrücklich unkommentiert, aber als Diskussionsanregung gedacht.
[2] Quelle: www.aerztekammer.at