Depressionen und höheres Lebensalter [1],[2]
Die Grenzziehung zwischen einer depressiven Verstimmung und einer behandlungsbedürftigen Depression ist wichtig, um die erkrankten Menschen wirklich ernst zu nehmen.
Das ›Depressive Syndrom‹ ist im Alter die zweithäufigste Erkrankung. Ca. 15 % der 60–90-jährigen Bevölkerung leiden an Depressionen. Besonders Menschen, die einsam und/oder pflegebedürftig sind und die wenige soziale Kontakte haben, sind gefährdet, depressiv zu erkranken. Depressionen äußern sich im Alter jedoch nicht grundlegend anders als im mittleren Lebensalter. Eine Depression ist eine ernsthafte, für manche eine lebensbedrohliche Erkrankung, die mit großem Leidensdruck einhergeht. Für viele Erkrankte ist der Leidensdruck so groß, dass sie sich wünschen, aus dem Leben zu scheiden. Deshalb ist es wichtig, dass die Betroffenen professionelle Hilfe und Unterstützung erhalten. Immerhin begehen ca. 15% der Erkrankten während einer depressiven Phase Suizid.
Gesellschaftliche Hintergründe
Besonders in den hoch industrialisierten Ländern wurde in den vergangenen Jahren ein starker Anstieg der Depressionen verzeichnet. Vermutete Ursachen sind Stress und Beanspruchung sowie Verunsicherung sowohl in beruflicher als auch privater Hinsicht. Das Verhältnis Männer gegenüber Frauen beträgt 3:7. Es gibt bisher mehr Theorien als gesicherte Erkenntnisse darüber, warum Frauen mehr als doppelt so häufig erkranken. Ursachen könnten jedoch in den deutlich schlechteren sozioökonomischen Bedingungen und der Mehrfachbelastung von Frauen liegen.
Symptomatologie und Ursachen
Der Begriff Depression bezeichnet auf der symptomatologischen Ebene den Zustand affektiver Verstimmtheit, Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Dabei kommt es zu einer regelhaften Kombination von emotionalen, kognitiven, motorischen und vegetativen Störungen. Die Ursachen der Depression sind weitgehend unbekannt. Man geht aber davon aus, dass eine Störung der Neurotransmitter (Botenstoffe im Gehirn, die Informationen von einem Nervenende auf das andere übertragen) für die Erkrankung verantwortlich ist. Darüber hinaus können körperliche Erkrankungen oder psychische Störungen ausschlaggebend für das Auftreten einer Depression sein. Immer wieder wird auch Vererbung diskutiert. Hier gibt es aber zu nahezu jeder Studie gleich wieder eine Gegenstudie, so dass Vererbungstheorien weiter sehr umstritten bleiben.
Behandlung von Depression
Bei der Depression unterscheidet man die psychogenen Depressionen, die somatogenen Depressionen und die endogenen Depressionen. Letztere sind körperlich und seelisch nicht begründbar. Je nach Erscheinungsform wird individuell unterschiedlich therapiert. Während bei der somatogenen Depression die Therapie der körperlichen Erkrankung im Vordergrund steht, benötigen die psychogen Erkrankten eher eine Psychotherapie. Antidepressiva werden vorrangig bei endogen erkrankten Menschen eingesetzt, wobei die medikamentöse Wirkung bei Frauen häufig anders bzw. nicht so effektiv wie gewünscht ist, da Frauen in Testreihen von Medikamenten in der Regel nicht als Probandinnen mitwirken. Im höheren Lebensalter dauern depressive Phasen deutlich länger an. Daher muss nach Abklingen der akuten Symptome über mehrere Monate in reduzierter Dosis weiterbehandelt werden. Andernfalls kommt es fast immer zu einem erneuten Ausbruch der Erkrankung, der dann wesentlich schwieriger zu therapieren ist. Darüber hinaus gibt es weitere besondere Kennzeichen der Antidepressiva-Therapie bei älteren Menschen. Dazu gehören die schlechtere Toleranz der Nebenwirkungen ebenso wie eine schlechtere Compliance und häufig hohe Multimorbidität.
Depression bei demenziell erkrankten Menschen
Wenn eine endogene Depression erstmalig im höheren Lebensalter beobachtet wird, so muss man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich um ein frühes Stadium der Alzheimerschen Erkrankung handelt. Eine derartige (unechte) Depression ist durch schlechtes Ansprechen auf Antidepressiva und einen fluktuierenden, also wechselhaften, schwankenden Verlauf gekennzeichnet. Diese Besonderheit des höheren Lebensalters muss unbedingt differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden. Auch in der Demenz selbst muss mit einem häufigen Vorkommen von depressiven Krankheitssymptomen gerechnet werden. Ca. 40% der demenziell erkrankten Menschen leiden als Begleiterscheinung ihrer Demenz an einer Depression. Erschwert wird die Diagnostik im Alter dadurch, dass ältere Menschen mit Depressionen häufiger über körperliche Probleme klagen als über Verstimmung und Traurigkeit. Hier ist sehr genaues Hinhören und evtl. ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen gefordert. Die Erkrankungsphasen im Alter dauern häufig länger an, die Ansprechbarkeit auf Antidepressiva ist reduziert und die Suizidrate ist höher. Eine Depression im medizinischen Sinne ist immer eine behandlungsbedürftige, psychiatrische Erkrankung.
Insgesamt können Depressionen in der Regel sehr gut behandelt werden. Wichtig ist, dass wir uns gut in das Krankheitsbild einfühlen, um angemessen mit depressiv erkrankten Menschen umgehen zu können. Denn wer depressiv ist, ist nicht ›selber schuld‹, kann sich nicht ›zusammenreißen‹ oder sich aufraffen. Wer depressiv ist, benötigt professionelle Hilfe, sei sie nun psychotherapeutisch oder pharmakologisch ausgerichtet. Medikamente sind genau wie Zuwendung und Verständnis wichtige Bausteine dazu. Wer depressiv ist, braucht unseren Respekt, unsere Achtung vor seiner Krankheit. Spott, Ironie oder scheinbar lockere Sprüche sind bei der Depression unangemessen. Sie führen lediglich dazu, dass die Erkrankten sich noch mehr zurückziehen, noch weniger Mut haben, sich professioneller Hilfe anzuvertrauen, und ihr Suizidrisiko steigt.
Der vollständige Newsletter ist über folgenden Link erhältlich: http://ww.gesundheit-nds.de/veroeffentlichungen/newsletterimpuse/index.htm .
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Birgit Jaster
Arbeitswissenschaftlerin
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[1] Quelle: Newsletter- zur Gesundheitsförderung „impu!se“, Heft 57/2007, der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.
[2] Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin