Der Arzt im Wandel: Beruf statt Berufung [1]
Bei der zentralen Veranstaltung zur Zukunft der Niedergelassenen auf dem Hauptstadtkongress am 7. Mai haben VertreterInnen von Politik und Ärzteschaft über den Wandel des Arztberufes und die zukünftige Ausrichtung der Gesundheitspolitik diskutiert. Auf dem Podium im Berliner ICC saßen Dr. Andreas Köhler, Vorsitzender des Vorstands der KBV, Dr. Cornelia Goesmann, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. Daniel Rühmkorf, Staatsekretär im Brandenburgischen Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz sowie die niedergelassene Neurologin Dr. Annette Mainz-Perchalla.
Dr. Daniel Rühmkorf war kurzfristig eingesprungen, da die Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Annette Widmann-Mauz (CDU) und der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Prof. Karl Lauterbach, aufgrund der Debatte um das Rettungspaket für Griechenland im Bundestag kurzfristig abgesagt hatten. Die Moderation hatte Wolfgang van den Bergh, Themen der Diskussion waren: Kosten im Gesundheitswesen, Ausgaben für Arzneimittel, Priorisierung, Bedarfsplanung, Feminisierung des Arztberufs.
„Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen steigt stetig. Der Zugang wird jedoch nicht gesteuert, die finanziellen Mittel steigen nicht. Diesen Grundkonflikt haben wir seit Jahren, und kein Gesetz hat ihn bislang gelöst“, skizzierte Köhler das Dilemma in der Gesundheitsversorgung. Seit 20 Jahren würden die KBV und die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) versuchen, zu wenig Geld gerecht zu verteilen. „Ich kenne keine andere Institution, die das geschafft hat“, so Köhler.
Der KBV-Chef mahnte außerdem mehr Eigenverantwortung für das Gesundheitssystem an, und zwar vor allem in Bezug auf den Zugang zu ärztlichen Leistungen.
In einem System mit begrenzten Ressourcen müssen wir ein Ranking erstellen, was bezahlt werden kann. „Priorisierung ist nicht per se etwas Schlimmes. Sie vermeidet Rationierung“, so Köhler.
Rühmkorf sieht die Patientenversorgung bereits heute gefährdet. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Schließung von Praxen am Ende des Quartals, weil das Budget aufgebraucht sei oder aber keine Medikamente mehr verordnet werden könnten. Es gibt keine sozialverträgliche Selbstbeteiligung. Entweder ist diese so hoch, dass sie Schwächere über Gebühr belastet, oder so gering, dass sie keine Steuerungswirkung entfaltet“.
Die niedergelassene Neurologin beschrieb ihre Arbeit im System mit den Worten: „Wir arbeiten so vor uns hin und hoffen, dass es gut geht. Verstehen tun wir das schon lange nicht mehr“. Die Ärzte brauchen mehr Verlässlichkeit für ihr Arbeiten, ständige Gesetzesänderungen erhöhen immer mehr die Bürokratie. Sie forderte auch eine Debatte über gerechte Verteilung. Während in bestimmten Gebieten Patienten überversorgt seien und zu viele Untersuchungen gemacht würden, gebe es in anderen Bereichen teilweise deutlichen Mangel, etwa in Pflegeheimen.
Bei der Frage der Kostensteuerung bei Arzneimitteln waren sich die Diskutanten weitgehend einig. Regressforderungen an Ärzte seien im Zeitalter von Rabattverträgen nicht mehr zeitgemäß. „Eine Positivliste würde Regresse überflüssig machen“, sagte Rühmkorf. Köhler würdigte die positiven Signale der Bundespolitik, Reformen anzugehen. Absichtserklärungen würden allerdings nicht reichen, es bedürfe konkreter Vereinfachungen der Gesetzeslage.
Um die ambulante flächendeckende Versorgung zu sichern, müssten die Arbeitsmöglichkeiten im Gesundheitssystem noch flexibler werden und man müsse der sogenannten Feminisierung des Arztberufs Rechnung tragen. "Inzwischen sind 60 Prozent der Medizinstudierenden Frauen", sagte Köhler. Frauen zögen es vor, angestellt zu arbeiten. Bereits jetzt seien etwa 4000 Ärztinnen im niedergelassenen Bereich angestellt - 2008 waren es noch 1200. Man müsse mehr Teilzeittätigkeiten ermöglichen und um jede/n Arzt/Ärztin zu gewinnen, auch die Möglichkeit bieten, z. B. nur 7 Std./Woche zu arbeiten, ohne bestraft zu werden. Die niedergelassene Neurologin Mainz-Perchalla ergänzte: "Viele Frauen müssen sich genau überlegen, ob sie tatsächlich nur einen halben Arztsitz annehmen, da man damit kaum über die Runden kommt."
"Die neuen Versorgungsstrukturen, die etwa durch das Vertragsarztrechtsänderungs-Gesetz im Jahr 2007 geschaffen worden sind, werden bisher nur zögerlich genutzt", sagte die Vize-Chefin der Bundesärztekammer, Cornelia Goesmann.
Dem Ärztemangel jedoch könne man nur mit einer kleinteiligen Bedarfsplanung begegnen, die eine wohnortnahe - auch fachärztliche - Grundversorgung sichere. In einer solchen Bedarfsplanung dürfe es keine starren Bedarfsplanungsgrenzen mehr geben und sie müsse die Sektoren ambulant und stationär überwinden, forderte Köhler. Wie das konkret aussehen könnte, habe die KBV mit anderen Akteuren vor 14 Tagen im Bundesministerium für Gesundheit besprochen. Es sei eine Arbeitsgruppe unter der Federführung der KBV eingerichtet worden, um Details auszuarbeiten. In ca. 2 Monaten könne man mit ersten Ergebnissen rechnen. Auf die Frage eines Zuhörers, ob man dann im nächsten Jahr mit einer Änderung der Bedarfsplanung rechnen könne, meinte Köhler, bis die neue Bedarfsplanung stehe bzw. umgesetzt werden könne, würden noch drei bis vier Jahre vergehen.
Rühmkorf äußerte sich zu dem Vorhaben skeptisch. Seine Befürchtung: "Das führt nur wieder dazu, dass sich Ärzte in überversorgten Gebieten niederlassen."
Waltraud Deubert
[1] Veranstaltung im Rahmen des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit am 7.5.2010