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VPP 2/2014

DGIV-Bundeskongress - Leuchtturmprojekte zeigen bessere Versorgung auf[1]

05. Mai 2014
 

Berlin – Modelle der Integrierten Versorgung (IV) können die Situation von Patienten verbessern – das zeigen zwei Beispiele, die auf dem 10. Bundeskongress der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung (DGIV) vorgestellt wurden. Ob die Konzepte mit der neuen Bundesregierung auch neuen Schwung bekommen, darüber gehen die Meinungen auf der Veranstaltung auseinander.

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener (© Universitätsklinikum Essen)

Welches Potenzial die IV hat, zeigt das auf dem Kongress vorgestellte Beispiel „IV Kopfschmerz“ des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums in Essen und mehreren großen Krankenkassen. In dem interdisziplinären und sektorübergreifenden Modell erhalten Patienten in einer Tagesklinik eine fünftägige Rundumbehandlung einschließlich medizinischer Diagnose, (medikamentöser) Therapie, Schulung über die Ursachen der Erkrankung sowie verhaltenspsychologische und physiotherapeutische Bewältigungsstrategien. Die ambulante Weiterbehandlung übernimmt einer der 60 an dem Projekt teilnehmenden niedergelassenen Neurologen. Bisher seien 7.500 Patienten aus Nordrhein-Westfalen behandelt worden, erläutert der Direktor der Essener Neurologie, Prof. Dr. Hans-Christoph Diener. Die Akquise potenzieller Teilnehmer erfolge aus der Analyse der Routinedaten der Kassen. Die Evaluierung habe ergeben, dass die Zahl der Kopfschmerztage bei den Teilnehmern um rund 50 Prozent zurückgehe, so Diener. Damit verringerten sich auch die Krankschreibungen wegen Kopfschmerzen um 50 Prozent. Außerdem sparten die Kassen im Vergleich zu Patienten in der Regelversorgung gut die Hälfte an Behandlungsausgaben ein, etwa 1.700 Euro pro teilnehmenden Versicherten.

Beispiel kardiovaskuläre Erkrankungen
Ein weiteres Beispiel einer guten Versorgung im Rahmen eines IV-Vertrages ist das Projekt „CARDIO-Integral“ der AOK plus in Sachsen. Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen (Herz und Gefäße sowie das Herz-Kreislauf-System betreffend) werden dabei individuell durch den Hausarzt in Abstimmung mit dem Kardiologen betreut. Der Facharzt legt gemeinsam mit dem Versicherten auf ihn individuell abgestimmte Behandlungs- und Therapieziele fest. Die Weiterbehandlung erfolgt beim Hausarzt. Dieser berücksichtigt eventuell bestehende Begleiterkrankungen und behält den Überblick über den gesamten Arzneimitteleinsatz. Mit mehr als 80.000 eingeschriebenen Versicherten gilt CARDIO-Integral als der größte deutsche IV-Vertrag überhaupt. Beteiligt sind 1.250 Hausärzte, rund 100 Fachärzte und sechs invasive Leistungserbringer. „In dem Netz lassen sich Facharzttermine schnell vermitteln und Doppeluntersuchungen vermeiden“, sagt Marius Milde von der AOK plus. Der festgelegte Behandlungspfad für die Versicherten helfe den Gesundheitszustand der Patienten zu stabilisieren. Dadurch habe die Zahl der Schlaganfälle und der operativen Eingriffe im Vergleich zu Patienten in der Regelversorgung gesenkt werden können.

Ernüchternde Bilanz

Prof. Dr. Stefan Spitzer (© DGIV)

Trotz einiger Leuchtturmprojekte wie CARDIO-Integral oder IV Kopfschmerz hat nach Prof. Dr. Stefan Spitzer, Vorsitzender des Vorstandes der DGIV, die Integrierte Versorgung längst nicht das erreicht, was möglich gewesen wäre. Die Zahl der IV-Verträge stagnierte demnach zwischen 2008 (6.400) und 2011 (6.339), die Zahl der Teilnehmer an einer Integrierten Versorgung stieg im selben Zeitraum von 1,66 Millionen auf 1,93 Millionen. Viele Hindernisse wie der frühe Wegfall der Anschubfinanzierung, der Wirtschaftlichkeitsnachweis nach einem Jahr oder die Vorlagepflicht der Verträge beim Bundesversicherungsamt (BVA) hätten eine positivere Entwicklung verhindert.

Wie geht es weiter?

Franz Knieps (© pag/Maybaum)

„Neue Luft für IV-Verträge und andere besondere Versorgungsformen“ sieht Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes. Er sei „mehr als zufrieden“, denn die neue Koalition wolle den Krankenkassen mehr Freiräume bei Selektivverträgen einräumen. Positiv bewertet er, dass Selektivverträge künftig nicht wie bisher nach einem, sondern erst nach vier Jahren ihre Wirtschaftlichkeit nachweisen müssten. Profitieren könnte die IV auch von dem geplanten Innovationsfonds über 300 Millionen Euro, der sektorübergreifende Versorgungsformen und die Versorgungsforschung fördern soll.
Aus Sicht von Prof. Dr. Jürgen Wasem, Universität Duisburg-Essen, schaffe der Koalitionsvertrag zwar Erleichterungen für die IV, einen Durchbruch kann der Essener Professor allerdings nicht erkennen. Skeptisch ist Wasem insbesondere gegenüber den „Freiräumen“, die den Selektivverträgen eingeräumt werden sollen. Das habe fast wörtlich auch schon im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung gestanden. „Das ist fast schon Politiklyrik“, sagt Wasem. Positiv bewertet der Gesundheitsökonom, dass der Zusatzbeitrag künftig als prozentualer Satz vom beitragspflichtigen Einkommen erhoben werden soll. Viele Kassen seien aus Angst vor dem alten Kopf-Pauschalen-Zusatzbeitrag sehr zurückhaltend bei innovativen Konzepten wie IV-Verträgen gewesen. Mit dem neuen Modell könnten die Kassen wieder mittelfristige Projekte angehen. Wenig hält der Wasem dagegen von der Idee, dass Leuchtturmprojekte in die Regelversorgung übergehen sollen. „Das ist kontraproduktiv und ein großes Hemmnis“, sagt er. „So werden Verluste privatisiert, Erfolge sozialisiert.“ Kassen sollten von ihren erfolgreichen Projekten auch profitieren können.

Ärzte vielfach skeptisch gegenüber IV
Auf die Bedeutung der Akzeptanz der IV durch die Ärzte weist Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der KKH, hin. Die Mediziner stünden der Integrierten Versorgung jedoch teilweise skeptisch gegenüber, da sie von ihr keinen Vorteil hätten. Dabei sei ihre Mitwirkung besonders wichtig, denn bei vielen Indikationen wie beispielsweise Vorhofflimmern könnten nur die Ärzte betroffene Patienten zum Einschreiben in einen IV-Vertrag bewegen. Von dem Potenzial der IV-Verträge zeigt sich Kailuweit überzeugt: „Es gibt genug Themen, aber es hat bisher nicht funktioniert“, sagt der Kassen-Chef. Als Beispiel nennt er den Diabetischen Fuß. Allein bei der KKH gäbe es aus diesem Grund 1.000 Amputationen jährlich. Die Hälfte von ihnen sei bei einer guten Versorgung – etwa im Rahmen einer Integrierten Versorgung – vermeidbar. Für das Gelingen eines IV-Vertrages nennt Kailuweit verschiedene Kriterien. Zum einen komme es auf die Anreize für Versicherte, Ärzte und Kassen an. Dies könnten finanzielle Vorteile, bessere Versorgungsqualität oder Wettbewerbsvorteile sein. Darüber hinaus gebe es Erfolgsfaktoren, so unter anderem, dass die IV an den Bedürfnissen der Patienten orientiert sei, dass Informationsmaterial zur Verfügung stehe oder dass die Qualität regelmäßig überprüft werde. Die KKH hat gegenwärtig 96 Programme der Integrierten Versorgung mit insgesamt 4.500 Teilnehmern aufgelegt.


[1]Quelle: Verband Forschender Arzneimittelhersteller e. V. (vfa); Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.