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Berufsbild KJP / PP  • Umsetzung  • Rosa Beilage 3/2008

DGVT-Expertenhearing „Perspektiven der Psychotherapieausbildung“ am 19.-20.9.2008 in Berlin

16. Oktober 2008

Am 19. und 20. September 2008 fand in Berlin Mitte ein Expertenhearing der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der AV (DGVT-AusbildungsVerbund) zum Thema „Perspektiven der Psychotherapieausbildung“ statt, zu dem sich rund 60 Interessierte eingefunden hatten. Begrüßt wurden sie von Armin Kuhr, dem Organisator der Tagung, und für den DGVT-Vorstand von Heiner Vogel.

 

Die Bezeichnung „Experte“ traf jedoch nicht nur für die ReferentInnen zu, sondern auch für das Publikum, in dem viele Kenner und Akteure aus der Ausbildungslandschaft saßen – ein Grund für die hohe Qualität der Diskussionen. Somit boten die beiden Tage einen sehr guten Einblick in die verschiedenen aktuellen Diskussionsstränge und Themen aus dem Bereich der Psychotherapieausbildung.

In seinem sehr plastischen Eröffnungsvortrag umriss Wolfgang Körner, Referent für Hochschulentwicklung und -controlling im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur,Fragestellungen für die zukünftige Psychotherapieausbildung. Durch den Bolognaprozess, die Bachelor (BA)- und Master (MA)- Abschlüsse, sind die Zugangsvoraussetzungen für die Ausbildung in der Diskussion. Er warf die Frage auf, wie man von einer statischen zu einer dynamischen Qualitätssicherung kommen könnte, in der nicht länger gefragt wird, was in der Ausbildung angeboten wurde, sondern welche Kompetenzen tatsächlich erworben wurden. Standards müssten für diese Kompetenzen allerdings erst entwickelt werden und hier sei der Berufsstand gefragt, aufzuzeigen, welche Kompetenzen für die Erfüllung des Behandlungsauftrags notwendigerweise vorhanden sein müssten. Er plädierte hier für eine bessere Synchronisierung zwischen Hochschulen und Ausbildungsstätten, für die er ein Modell eines berufsrechtlichen Akkreditierungsverfahrens vorschlug.

In der lebhaften Diskussion wurde die Art und Weise einer möglichen Akkreditierung von Ausbildungsstätten erörtert und die Frage gestellt, wie man mit MA und BA und den beiden Berufsgruppen der Psychologischen PsychotherapeutInnen (PP) und der Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (KJP) umgehen sollte.

Anschließend plädierte Prof. Dr. Rainer Richter in seinem Vortrag für eine am Versorgungsbedarf orientierte Psychotherapieausbildung. Er ging der Frage nach, wie eine Ausbildung aussehen muss, damit eine gute Versorgung gewährleistet ist? Auch er bezog sich auf die psychotherapeutischen Kompetenzen, die an die Bedürfnisse der zu Versorgenden angepasst werden müssten. Damit zielte er nicht nur auf zunehmend geforderte Kompetenzen im Bereich Persönlichkeitsstörung oder somatischer Komorbidität, sondern auch auf Kenntnisse im Bereich von Gesundheitsökonomie, Versorgungssystem und Public Health ab. Als Konsequenz für die Ausbildungsstruktur forderte er mehr Behandlungserfahrung mit PatientInnen unterschiedlichen Alters und Geschlechts in allen Sektoren (ambulanter Bereich, multiprofessionelle Teams und Prävention). Er regte an, das Psychiatriepraktikum zu verkürzen, um eine breitere praktische Ausbildung anbieten zu können. Herr Richter sprach sich – aus berufspolitischen Gründen – dafür aus, nur einen Psychotherapeuten-Beruf anstatt – wie bisher – zwei unterschiedliche Berufe (PP und KJP) auszubilden.

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs hielt in seinem Vortrag dagegen und hob die Besonderheiten der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hervor und betonte die besonderen Qualifikationen und Kompetenzen, die TherapeutInnen dafür erlernen müssen. Er sprach sich für den Verbleib eines eigenständigen KJP-Berufes aus und unterstützte die Möglichkeiten zur Ausbildung auf der Grundlage der bisherigen Studiengänge. PsychologInnen hätten nicht für alle Bereiche der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie die besten Voraussetzungen und seien darum den PädagogInnen und SozialarbeiterInnen nicht überlegen. Zur Frage, ob der Bachelor- oder der Master-Abschluss den Zugang zur Ausbildung ermöglichen soll, schlug er vor, den BA für den Zugang zur Ausbildung vorauszusetzen und parallel zur Ausbildung den MA zu absolvieren.

In der folgenden Debatte wurden Zweifel geäußert, ob die Psychotherapie-Ausbildung und ein Master-Studiengang gleichzeitig zu bewältigen seien. Für dieses Modell sprächen aber Synergieeffekte bei einer guten Synchronisation der Studien- und Ausbildungsinhalte. Aus einem Ausbildungszentrum in Magdeburg wurde angekündigt, dass dieses Modell nun in die Praxis umgesetzt werde.

Zu den unterschiedlichen Studiengängen und ihrer Eignung als Voraussetzung für die Ausbildung wurde die Bedeutung des wissenschaftlichen Arbeitens hervorgehoben, welches nicht in allen Studiengängen gleichermaßen gelehrt werde.

Aus der Perspektive des Chefarztes einer Klinik, vertrat Dr. med. Dipl.-Psych. Bernhard Prankel den Standpunkt, dass nicht ausschließlich das Studienfach ausschlaggebend sei, ob jemand in einer Klinik (auch als PiA) angestellt würde, sondern auch die praktische Erfahrung und die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten. Nach seiner Erfahrung qualifiziere das Psychologiestudium die Bewerber am besten. Die wissenschaftlichen Kenntnisse und die klinisch-psychologischen Qualifikationen sollten vereinheitlicht werden. Er sprach sich dafür aus, analog zu den Medizinern, nach dem Studium die Weiterbildung während der Berufstätigkeit anzuschließen.

Zur Frage der Weiterbildung von KrankenhausärztInnen und der Ausbildung von PsychologInnen zu Psychologischen PsychotherapeutInnen sprach Prof. Dr. Martin Driessen. Er berichtete aus dem Weiterbildungsverbund Ostwestfalen-Lippe, der sich die Vernetzung der ärztlichen Weiterbildung und der psychologischen Ausbildung zum Ziel gesetzt hat. ÄrztInnen und PsychologInnen würden ausgezeichnet voneinander profitieren. Sie sollten gleichgestellt werden in der Weiterbildung, gleich bezahlt werden und ebenso wie die AssistenzärztInnen sollten PsychologInnen mehr und mehr die verantwortliche TherapeutInnen­rolle übernehmen. Befragt nach den Chancen einer gemeinsamen Weiterbildung beider Fächer zeigte sich der Referent zuversichtlich. Die Psychotherapie sei diejenige Disziplin, die sich dynamisch entwickle, während auf dem Gebiet der Pharmakologie wenig Neues zu erwarten sei.

Einen inhaltlichen Aspekt der Ausbildung beleuchtete Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt in ihrem Vortrag: Gibt es eine geschlechtsspezifische Psychotherapie? Sie beantwortete ihre Frage direkt selbst. Bisher gebe es keine geschlechtsspezifische Psychotherapie, es müsse sie aber geben. Das Geschlecht der TherapeutInnen und PatientInnen sei bedeutsam für die Therapie, ebenso deren Einstellung zu Sexualität. Sie plädierte dafür, dass Themen wie Identität als Mann/Frau, sexuelle Wünsche, Traumatisierung, Homosexualität u.v.m. in die Aus-, Fort- und Weiterbildung integriert werden müssten.

Prof. Dr. Franz Caspar stelle in seinem Vortrag die Zukunft der Psychotherapieausbildung aus Sicht der empirischen Psychologie dar. Als Ziel der Ausbildung benannte er kompetente PsychotherapeutInnen. Was macht jedoch die ExpertInnen aus? Nach Ansicht von Professor Franz Caspar entwickeln sie komplexere Fallkonzeptionen, beweisen stärkere Konsistenz und gehen systematischer vor als Novizen. Die „deliberate practice“ führe am ehesten zur Expertise. Diese beinhalte ein unmittelbares informatives Feedback mit der Möglichkeit gleiche und ähnliche Aufgaben wiederholt durchführen zu können. Er betonte den Aspekt des Übens, der nicht durch bloße Erfahrung abzudecken sei, auch Piloten würden schwierige Situationen im Simulator üben. Die empirische Psychotherapie habe somit viel zu bieten bei der Optimierung der Ausbildung.

Prof. Dr. Michael Kierein stellte die Besonderheiten der Psychotherapie in Österreich dar, die vor allem eine wesentlich größere Methodenvielfalt aufweist. In Österreich seien 20 Therapiemethoden anerkannt, die aktuell in Gruppen geclustert würden. Das Problem bestehe vor allem in der noch lange nicht erreichten Vollversorgung in Österreich.

Auf die Frage, ob die Methodenvielfalt sich negativ auf die Versorgung auswirke, äußerte der Referent die Ansicht, dass es laut vieler Studien vor allem auf die Persönlichkeit der PsychotherapeutInnen ankäme und weniger auf die Methode, die angewendet wird.
Als Abschlussredner stellteSteffen Fliegel in seinem Vortrag den aktuellen Stand des Forschungsgutachtens zur Ausbildung in Psychologischer Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychotherapie vor. Ziel sei es, die Ausbildungslandschaft in Deutschland aufzuarbeiten, Entwicklungen im In- und Ausland aufzugreifen und schließlich eine Stellungnahme zu der Zulassungssituation nach der Studienreform aber auch zu anderen Punkten des Psychotherapeutengesetzes zu geben und damit Einfluss auf die bevorstehenden Veränderungen zu nehmen. Das Gutachten sei für alle Beteiligten ein sehr aufwändiges Unterfangen, da eine Vielzahl der an der Ausbildung beteiligten Stellen und Personen differenziert befragt werden. Umso erfreulicher sei es, dass der Rücklauf in weiten Teilen sehr gut sei, z.B. hätten alle angeschriebenen Aufsichtsbehörden differenzierte Rückmeldung gegeben. Das Ende der Auswertungsphase ist am 29.1.2009, das Gutachten muss laut Vertrag Ende März 2009 fertig gestellt sein.

In seinem Schlusswort bedankte sich Wolfgang Schneider im Namen des DGVT-AusbildungsVerbundes bei Armin Kuhr für die Organisation der sehr gelungenen Tagung und bei der DGVT-Bundesgeschäftsstelle in Tübingen für die engagierte Mithilfe sowie bei allen ReferentInnen und Beteiligten aus dem Publikum für die angeregte Diskussion.

In der nächsten Ausgabe der Zeitschrift „Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis“ (VPP) sollen einzelne Vorträge veröffentlicht werden.

Anja Dresenkamp
Rheinische Akademie für Psychotherapie und Verhaltensmedizin (RHAP) gGmbH
Ostwall 41
47798 Krefeld
dresenkamp@web.de

Präsentationen der Vorträge zum Expertenhearing

Präsention von Prof. Dr. Rainer Richter:
Überlegungen zu einer am Versorgungsbedarf orientieren Psychotherapieausbildung

Präsentation von Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt:
Gibt es eine geschlechtsspezifische Psychotherapie?

Präsention von Prof. Dr. Martin Driessen:
Zur Frage der Kooperation mit der ärztlichen Weiterbildung und die Rolle von KrankenhausärztInnen in der Ausbildung von Psychologischen PsychotherapeutInnen

Präsention von Prof. Dr. Michael Borg-Laufs:
Perspektiven der Ausbildung in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Präsention von Dipl.-Phys. Wolfgang Körner:
Zur Qualitätssicherung in der Psychotherapieausbildungneue Chancen im Bolognaprozess

Präsention von Bernhard Prankel
Welche Qualifikation erfordert Entwicklungstherapie?