Die kapitalistische Poliklinik - oder wie gehen wir mit der Gesundheitsreform um?
Eigentlich haben wir es ja immer gewollt. Die Polikliniken, die Entmachtung der KVen, die Integration von ambulanter und stationärer Medizin, die kontrollierte ärztliche Fortbildung, die Qualitätssicherung. Jetzt haben wir dies alles - und sind doch nicht zufrieden. Aber haben wir mit dem GMG wirklich das, was wir für ein soziales Gesundheitswesen immer wollten?
Natürlich nicht. Das GMG ist ein weiterer Schritt zur Öffnung des freien Marktes Gesundheitswesen. Da sind sich Rot-Grün und Schwarz einig: was zu Geld gemacht werden kann, muss vermarktet werden, dem Staat bleiben die Schulden. Politische Kontrolle findet nur beschränkt statt. Und so gibt es neben dem Energiemarkt dem Kommunikationsmarkt, den Wassermarkt, den Verkehrsmarkt und eben auch den Gesundheitsmarkt. Der Bildungsmarkt wird bald folgen.
Die Regierung versucht mit dem GMG diesen Markt durch staatliche Vorgaben zu beeinflussen. Doch wer Markt sagt, muss Geld und Gewinn als Regulativ akzeptieren. Das Ziel eines sozialen, an den Interessen der Patienten orientierten Gesundheitswesens wird zunehmend verloren gehen. Während sich die Anbieter von Gesundheitsleistungen zu Ketten, Kartellen und Monopolen zusammenschließen, wird der Kunde Patient vereinzelt und isoliert. Statt einer 2-Klassen- werden wir eine Vielklassen-Medizin haben: es wird den Selbstzahler, den DMP-, den integriert versorgten und den Chroniker-Patienten geben, jeder eingeschrieben in das Programm einer anderen Kasse. Auch wenn er vorgeblich die große Auswahl hat, die Stellung des Patienten wird langfristig geschwächt werden.
Dieser Markt lässt sich nicht mit verstaubten KV-Funktionären oder beamteten Verwaltungsleitern in den Krankenhäusern aufrollen, da braucht es den gestriegelten Betriebswirt, den Gesundheitsökonomen und den Klinik-Manager. Die alten, auch von uns immer kritisierten Strukturen sind nur hinderlich. Dies gilt insbesondere für die KV als öffentlich rechtliche Zwangskörperschaft. Über ihre Zukunft und insbesondere, was nach ihr kommen wird oder nach unseren Vorstellungen kommen soll, werden wir noch heftig diskutieren müssen. Und da steckt unser Problem: wir finden unsere Forderungen plötzlich vertreten in Kreisen, in denen wir nie unsere Bündnispartner vermuten würden. Da wollen wir denn doch lieber nicht mitmachen - und bleiben außen vor.
Doch müssen Ärztinnen und Ärzte, die noch die Idee eines sozialen Gesundheitswesens vertreten, bei diesem Prozess tatenlos beiseite stehen? Nein, sicher nicht. Zwei Artikel dieses Rundbriefes beleuchten Möglichkeiten, die das GMG für eine verbesserte Patientenversorgung bietet. Z.B. integrierte Versorgung oder medizinische Versorgungszentren. Welche Kräfte den Markt regieren, wissen wir schon lange. Aber ist eine "kapitalistische" Poliklinik nicht allemal besser als eine scheinsammelnde Einzelklitsche? Ist eine Klinikkette nicht rationaler organisiert und qualitätsbewusster als eine höfische Chefarzt- oder Ordinarienklinik? Was gefragt ist, ist die politische Kontrolle, und da kann durchaus Einfluss genommen werden.
Das alte System war in Vielem überkommen. Deshalb haben wir es schließlich seit Jahren kritisiert. Der VDÄÄ muss sich jetzt in die Diskussion miteinmischen, wie neue Strukturen im Sinne einer besseren Patientenversorgung, aber auch einer befriedigenderen Berufsausübung genutzt werden können. Nur Beiseitestehen und den moralischen Zeigefinger heben wird nur den Geschäftemachern nutzen. In diesem Sinne sollte der VDÄÄ die durch das GMG veränderten Strukturen diskutieren und nutzen.