Ein Blick durch die „Berner Brille“
In Bern blickt man mittels der dort gelehrten diagnostischen Prinzipien auf den Patienten. Diese „Berner Brille“ ist ein zentrales Element der Forschungsgruppe um Franz Caspar[1]. Wer durch die „Berner Brille“ schaut, behält die therapeutische Beziehung im Blick, wirft stets ein Auge auf die Ressourcen seiner PatientInnen und schaut sich die Wirkfaktoren von Therapien genauer an. Vom 4. bis 6. Juli 2013 sind erstmalig 430 DGVTlerInnen im Rahmen des neuen Psychotherapie-Masterstudiums zur Sommerakademie an der Universität Bern angereist. Spätestens seit dem ist die „Berner Brille“ auch unsere Brille, durch die wir gerne auf die Zeit in Bern zurückblicken:
Die Beziehung
„Bislang waren die Berner meist bei der DGVT in Deutschland unterwegs, jetzt sind wir endlich auch bei ihnen zu Gast“, betonte DGVT-Vorstand Rudi Merod bei der feierlichen Eröffnung der ersten Sommerakademie, und die Rolle der Gastgeber schienen die Berner gerne zu spielen. So fühlten wir uns sehr herzlich in Empfang genommen. Startschwierigkeiten, beispielsweise bei der Anmeldung zu den Seminaren, wurden behoben und die darauffolgende Organisation ließ keine Wünsche offen. Ob Pausen oder Verpflegung, um unser Wohlergehen war stets gesorgt. Laut der Ausführung des Leiters des Berner Zentrums für universitäre Weiterbildung, Dr. Andreas Fischer, zu Recht – schließlich handele es sich bei unserer Ausbildung um einen „Veredelungsprozess“, wie ihn ein guter Wein durchlaufe.
Einen Grundstein für ein geselliges Miteinander legte der gemeinsame Umtrunk zur Eröffnung, nach dem die TeilnehmerInnen sich bei sommerlichen Temperaturen und blauem Himmel auf der Wiese vor der Universität zusammenfanden und erste Kontakte knüpften. Ein Beweis für die gelungene Beziehungsgestaltung war auch das Tagungsfest: Hier wurde ausgelassen gelacht, gefeiert und getanzt. Wir erlebten den Austausch mit den Bernern wie auch mit den KollegInnen von der DGVT als eine wahre Bereicherung.
Fazit: Das mit der Beziehung, das haben sie drauf. Zwischen DGVTlern und Bernern wurde eine solide Brücke geschlagen. Nun sind wir nicht nur Studierende der Universität Bern – wir fühlen uns auch so!
Ressourcen (was Bern zu bieten hat)
Besondere Stärken der Sommerakademie in Bern (kurzes Brainstorming): Gute Verpflegung (FairTrade Kaffee, Äpfel, Croissants), Seminare und Kontakte mit Personen, die man sonst meist nur vom Papier oder dem ein oder anderen Fragebogen kennt (Franz Casper, Martin Grosse Holtforth, Christoph Flückiger, Thomas Berger, Martina Belz ...). Weniger beabsichtigt und dennoch stets präsent: die Aura Klaus Grawes (1943 -2005)[2], dessen Geist und Inspiration in der Forschergruppe weiterzuleben scheint und dessen Wirken wir dadurch begegnen konnten.
Außerdem ist Bern ein Ort zum Wohlfühlen und Erkunden. Wir tagten in der ehemaligen Toblerone-Fabrik, in der noch Schokoladengeruch in der Luft hing, und hatten eine Vorlesung in einem umgebauten, aber seinem Stil treu gebliebenen alten Fabrikgebäude. Und nicht zu vergessen das Abenteuer, in der 14°C kühlen Aare zu schwimmen und dem Rauschen der Kieselsteine unter Wasser zu lauschen. Der Fluss umschlingt die wunderschöne Berner Innenstadt in einer Schlaufe und lud zur Mittagszeit zu einem erfrischenden Bad ein.
Fazit: Die Berner Sommerakademie ist eine runde Sache. Ob wissenschaftliche Größen, das leibliche Wohl oder die Standortqualität von Bern – das Angebot ist rundum überzeugend.
Wirkfaktoren
Zu guter Letzt stellt sich die entscheidende Frage: Was konnten wir, basierend auf einer guten Beziehung, von den vielen Ressourcen mitnehmen? Was wirkt von der Berner Sommerakademie nach? Bereits dieser Artikel bezeugt, dass die „Berner Brille“ sitzt. Dies ist den vielen Vorlesungen und Seminaren zu verdanken, die versuchten das Berner Modell aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten, beispielsweise über CBASP, Internet-Therapieansätze, Emotionsfokussierung, Ressourcenaktivierung oder auch im Bereich der Neuropsychologie.
Doch zeigte sich auch, dass es noch viel zu tun gibt: Aufgrund der unterschiedlichen Vorerfahrungen der TeilnehmerInnen aus unterschiedlichen Jahrgängen und Ausbildungszentren war das Vorwissen über das Berner Modell sehr heterogen. Die SeminarleiterInnen gingen zwar flexibel auf die jeweiligen Bedürfnisse ein, dadurch blieben die theoretischen Inhalte jedoch relativ allgemein und es kam zu einigen Redundanzen in den Kursen. Die meisten TeilnehmerInnen beherrschen nun zwar eine „Wild-West-Plananalyse“ (eine erste, oberflächliche Plananalyse, die auf dem Eindruck weniger Minuten Videomaterial basiert) und kennen viele neuere Entwicklungen der Psychotherapie, doch stellt sich einigen die Frage, wie damit nun in der eigenen therapeutischen Arbeit umgegangen werden kann und wie die Konzepte zu dem passen, was wir bereits wissen.
Fazit: Wir konnten das Berner Modell im Rahmen verschiedener therapeutischer Ansätze kennenlernen und einige Impulse für die eigene Arbeit mitnehmen. Für die Zukunft wäre möglicherweise eine erste gemeinsame Veranstaltung zur Plananalyse sinnvoll, um dann in den Seminaren die einzelnen Inhalte besser vertiefen zu können. Außerdem wäre es für die eigene therapeutische Arbeit sicherlich spannend, inhaltlich direkt mit eigenen Fällen zu arbeiten, zum Beispiel mit eigenen Videos, Tonbändern oder Fallkonzepten.
Saskia Scholten
Saskia Scholten ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie. Am DGVT-Ausbildungsinstitut Dortmund absolviert sie ihre Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin.
[1] Prof. Dr. Franz Caspar ist Leiter der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern, Leiter der Psychotherapeutischen Praxisstelle und Leiter der Postgradualen Weiterbildung Psychotherapie.
[2] Klaus Grawe (1943 bis 2005) hatte an der Universität Bern den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie inne. Sein zentrales Thema waren die Wirkfaktoren der Psychotherapie, die sich schulenübergreifend nachweisen lassen.