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Rosa Beilage 1/2011

"Ein System ohne Zukunft"

01. März 2011

Verbraucherexperte zur Trennung von GKV und PKV.

 

DIE ZEIT: Herr Etgeton, zum Jahreswechsel sind die Beiträge der privaten Krankenversicherer zum wiederholten Mal kräftig gestiegen, Umfragen zufolge um durchschnittlich 7,5 Prozent. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Stefan Etgeton: Wir erleben seit Jahren, dass die Beiträge in der PKV stärker steigen als bei den gesetzlichen Kassen. Ein Grund dafür ist, dass die privaten Versicherungen weniger gegen den Anstieg der Kosten unternehmen als die gesetzlichen Kassen. Das gilt vor allem für die Arzthonorare und für Arzneimittel – und das sind die stärksten Kostentreiber. Hinzu kommt, dass die privaten Versicherungen momentan für Makler Vermittlungsprovisionen von 9 bis 18 Monatsraten pro Vertrag zahlen. Diesen Kostenfaktor bekommt die Branche nicht in den Griff – auch dafür zahlen die Versicherten. Dann gibt es noch die gemeinsamen Probleme von gesetzlichen und privaten Versicherungen: Eine steigende Zahl älterer Mitglieder, die mehr Leistungen in Anspruch nimmt, sowie der teure medizinische Fortschritt.

ZEIT: Stimmt dann der Vorwurf der Zwei-Klassen-Medizin überhaupt, wonach privilegierte Privatpatienten oft für weniger Geld bessere Leistungen erhalten?

Etgeton: Die heutigen Privatversicherten sind Mitglied in einem System mit ungewisser Zukunft, sie müssen mit weiter steigenden Beiträgen rechnen und können nicht ins gesetzliche System wechseln. Insofern sind sie in keiner günstigen Position. Anders ist das bei freiwillig Versicherten, den gut verdienenden Mitgliedern der gesetzlichen Kassen. Sie können sich aussuchen, wo sie versichert sein wollen – und die Regierung hat gerade den Wechsel zur privaten Versicherung erleichtert. Die Einkommensgrenze, ab der das möglich ist, ist auf ein Jahreseinkommen von 49.500 Euro gesunken – und dieses Einkommen muss nur noch ein Jahr statt drei aufeinanderfolgende Jahre lang erreicht werden.

ZEIT: Für wen lohnt sich der Wechsel noch?

Etgeton: Kurzfristig lohnt sich der Wechsel vor allem für gut verdienende Menschen ohne Kinder. Plant man eine Familie, ist die gesetzliche Krankenversicherung mit ihrer Beitragsfreiheit für Kinder und Partner schon wieder attraktiver. Jungen privat Versicherten ist auf jeden Fall zu empfehlen, Rücklagen zu bilden für die steigenden Gesundheitskosten im Alter. (…)

ZEIT: Sie beobachten für die Verbraucherzentralen die Gesundheitspolitik – wie bewerten Sie die Reformpläne der Parteien für die private Versicherung? Wie viel Zukunft hat das System?

Etgeton: Schauen Sie auf Gesundheitsreformen in Nachbarländern wie den Niederlanden: Dort hat sogar eine bürgerliche Regierung dieses doppelte System abgeschafft. Entweder die heutigen Oppositionsparteien führen irgendwann ihre sogenannte Bürgerversicherung ein, die ja einheitliche Leistungen für alle anbieten soll – oder wir erleben einen schleichenden Abschied vom zweigeteilten Versicherungsmarkt. Diesen Abschied wollen auch viele in den Regierungsparteien. Schon jetzt werden die Unterschiede zwischen beiden Versicherungsarten kleiner, die PKV übernimmt Instrumente zur Kostensenkung wie Zwangsrabatte, und die gesetzlichen Kassen sollen das Prinzip der Kostenerstattung einführen. Ich glaube nicht, dass unser deutsches Modell mit seinem Nebeneinander von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen eine Zukunft hat.

ZEIT: Spielen Sie zum Jahresbeginn für uns Orakel: Wird die geplante Honorarreform für Ärzte dazu führen, dass die Behandlung von Privatpatienten nicht mehr lukrativer ist als das Geschäft mit den Kassenpatienten?

Etgeton: Das kann geschehen, wenn die privaten Krankenversicherungen direkt Verträge mit den Ärzten abschließen können. Bisher zahlen sie nach Gebührenordnung Honorare, die deutlich höher sind als die zwischen Ärzteverbänden und gesetzlichen Krankenkassen vereinbarten Vergütungen. Wenn der Gesetzgeber die Spielregeln verändert, könnten die privaten mehr sparen – es würden aber auch die Unterschiede in der Behandlung von Privatpatienten und Kassenversicherten verschwinden, zum Beispiel bei den Wartezeiten. Das wäre ein Weg, um das Zwei-Klassen-System im Gesundheitswesen zu überwinden. (…)

Dr. Stefan Etgeton arbeitet seit 2002 als Gesundheitsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentrale. Die Fragen stellte „Zeit“-Redakteurin Elisabeth Niejahr. Der Artikel erschien in der Online-Zeitung „Die Zeit“, Ausgabe 2/2011. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.