Entwicklung der nationalen Versorgungslinie Depression (S3-Leitlinie)
Im Prozess der Entwicklung der Versorgungsleitlinie Depression stand für dieses Treffen für den Vormittag vor allem die Graduierung der Empfehlungen zu Kapitel 3 (Diagnostik) sowie Kapitel 4.4 (Pharmakotherapie) in so genannten Nominalen Gruppenprozessen auf der Tageordnung. Für den Nachmittag war geplant, zunächst den Diskussionsstand in der Steuerungsgruppe zu Kapitel 4.5 (Psychotherapie) zu berichten und im Anschluss daran Entwürfe für Hintergrundtexte zu den Kapiteln 2 (Epidemiologie), 3 (Diagnostik) und 4.4 (Pharmakotherapie) vorzustellen.
In der Sitzung zeichnete sich bereits frühzeitig ab, dass zu einzelnen Punkten erneut (wie bereits bei den vorigen Konsensusrunden) teilweise erheblicher Diskussionsbedarf bestand.
Weitgehende Einigkeit besteht zwischenzeitlich über den Geltungsbereich der Leitlinie (unipolare depressive Störungen, Dysthymie, für Erwachsene, auch in höherem Lebensalter, nicht für Kinder und nicht für bipolare depressive Störungen) sowie die Diagnosestellung nach ICD-10.
Sehr kontrovers diskutiert wurde die Frage zusätzlicher somatischer Untersuchungen bei depressiven Ersterkrankungen: während sich einzelne Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine ausführliche internistische und neurologische Untersuchung aussprachen (Differenzialblutbild, BSG, Leberwerte, Nierenwerte, TSH) wurde von anderen Teilnehmern Zweifel daran geäußert, dass eine routinemäßige Durchführung dieser Untersuchungen ohne Vorliegen eines Anfangverdachts sinnvoll ist. Durch die lange und intensive Diskussion zu diesem Punkt verschob sich die Tagesordnung deutlich nach hinten. Im Folgenden konnte bezüglich weiterer Punkte häufig Konsens hergestellt werden (Verlaufsdiagnostik, Screening-Diagnostik, Komorbidität, Aufklärung).
Insgesamt schreitet somit der Prozess der Entwicklung der nationalen Versorgungsleitlinie Depression erfolgreich fort – es zeigt sich jedoch auch, dass aufgrund der Vielzahl der an der Diskussion beteiligten Fachgesellschaften die Diskussionsprozesse häufig intensiv und zeitaufwendig sind. Aus Sicht der Verhaltenstherapie (und der Psychotherapie insgesamt) wird die Diskussion um Kapitel 4.5 (Psychotherapie) von zentraler Bedeutung sein. Auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes ist zu erwarten, dass kognitiv-behaviorale Interventionen (neben anderen psychotherapeutischen Interventionen) als Methoden der Wahl bei leichten bis mittelschweren depressiven Ersterkrankungen eingestuft werden. Spannende Diskussionen sind wiederum für die Bereiche schwerer depressiver Episoden, rezidivierende depressive Störungen sowie die Frage nach der Kombination psychotherapeutischer und pharmakotherapeutischer Verfahren zu erwarten.