Forschungsgegenstand Psychotherapeut - zwischen Virtuosität und mühsamem Handwerk?!
Am 6./7. Juli 2001 fand im Karlsruher Kongresszentrum eine international besetzte Arbeitstagung anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Klinik Bad Herrenalb statt, die einen Überblick gab über neueste Forschungsergebnisse zur professionellen Entwicklung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und über deren Erleben von Psychotherapie. Veranstaltet wurde die Tagung mit dem Titel "Forschungsgegenstand Psychotherapeut - zwischen Virtuosität und mühsamem Handwerk?!" gemeinsam von der Klinik Bad Herrenalb und dessen Träger Karlsruher-Sanatorium AG sowie dem eqs.-Institut Karlsruhe. Die relativ kurzfristig angekündigte und dennoch mit ca. 100 Teilnehmern gut besuchte Tagung richtete sich sowohl an praktizierende als auch an forschende Psychotherapeuten.
Die Beschäftigung mit der Person der Psychotherapeutin bzw. des Psychotherapeuten hat in der Psychotherapieforschung zunehmend an Bedeutung gewonnen. Wesentliche Impulse für diese Entwicklung kamen von einer von David Orlinsky (Chicago) geleiteten internationalen Gruppe von Psychotherapieforscherinnen und Psychotherapieforschern (das Collaborative Research Network' (CRN) der Society of Psychotherapy Research (SPR)). Diese Gruppe hat sich vor über 10 Jahren zusammengeschlossen, um im Rahmen eines großen Forschungsprojektes zu untersuchen, ob, wie und in welchen Bereichen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten unterschiedlicher Nationalität, Profession und Psychotherapieschulenzugehörigkeit sich und ihre Kompetenzen entwickeln und mit welchen Determinanten (positiv oder negativ) diese Entwicklung zusammenhängt. Bei der Karlsruher Arbeitstagung stellten die Mitglieder des sogenannten Steering Committees' des CRN die neuesten Ergebnisse ihres Forschungsprojekts vor. In Kürze wird hierüber eine umfassende Buchpublikation erscheinen (Orlinsky et al., in press).
Eröffnet wurde die Tagung von Franz Caspar, dem derzeitigen Präsident der SPR und Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Freiburg, mit einem Vortrag über das Thema "Was geht im Kopf von Psychotherapeuten vor?". Er ging dabei insbesondere auf die Bedeutung der Sichtweise von Psychotherapeuten über ihre Patienten ein und diskutierte Möglichkeiten spezifischer, auch computerunterstützter Trainings. David Orlinsky, Professor für Psychologie an der University of Chicago, referierte aus der über 5.000 Psychotherapeuten aus über 14 Ländern umfassenden CRN-Studie (Orlinsky et al. 2000a, b). Ihrer Selbsteinschätzung zufolge kann die überwiegende Mehrheit als Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit "Herz und Seele" beschrieben werden, die meisten fühlen sich im Allgemeinen persönlich stark involviert mit ihren Patienten und erleben ihre Arbeit als Herausforderung. Daneben gebe es eine Minderheit, die sich als ungebunden, zurückhaltend und leidenschaftslos beschreiben und die eher das Bild des unpersönlichen Anwenders von "objektiven" Behandlungstechniken stützten. Dabei zeige sich aber ein deutlicher Effekt hinsichtlich der Dauer der beruflichen Erfahrung: Erfahrenere Therapeuten erleben sich in ihrer Arbeit als wirksamer bei gleichzeitig abnehmender Gebundenheit an eine psychotherapeutische Schule. Dies bedeute, dass (neben Patientenvaria-blen) zunehmend die persönlichen Faktoren von Psychotherapeuten und deren Erfahrungshintergrund als wesentlich für Verlauf und Ergebnis von Psychotherapien angesehen werden könne.
Die Referate am Samstag vertieften diese Ausführungen. Zunächst sprach im Vormittagsblock Prof. Manfred Cierpka, Psychoanalytiker, Ordinarius an der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg und Leiter der Lindauer Psychotherapiewochen, über die professionelle Sozialisation der PsychotherapeutInnen. Ausgehend von Goethes Zauberlehrling ("Erst die Meister beherrschen die Geister") beleuchtete er Kontextbedingungen (soziale, kulturelle, fachliche), unter denen sich Psychotherapeuten in ihrer beruflichen Sozialisation entwickeln. Schwerpunkt war dabei die Zusammenstellung von forschungsbasiertem Wissen dazu, auch aus der CRN-Studie, wobei Aspekte der Passung zwischen Therapeut und Patient sowie die Stufen professioneller Entwicklung hin zu einem "Professionellen Selbst" (vgl. Skovholt & Rønnestad, 1992) besonders hervorgehoben wurden.
Daran anschließend referierte Dr. Thomas Schröder, psychoanalytisch arbeitender Klinischer Psychologe beim Derbyshire Psychotherapy Service, (Derby, England) über "Schwierigkeiten in der therapeutischen Arbeit und deren Lösungsmöglichkeiten" und PD Dr. Ulrike Willutzki, Klinische Psychologin und Verhaltenstherapeutin an der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, über "Schwierigkeiten von PsychotherapeutInnen in der Therapie und ihr Zusammenhang zum Therapieerfolg". Beide hoben in ihren Beiträgen die Chancen, die sich aus schwierigen Psychotherapieverläufen ergeben, und die damit verbundene besondere Bedeutung der Supervision für gute Behandlungen hervor.
Den in englischer Sprache gehaltenen Nachmittagsblock leitete Dr. Hadas Wiseman ein. Sie ist Klinische Psychologin an der Faculty of Education der Universität Haifa (Israel) und sprach zum Thema "The Impacts of Personal Therapy on Personal and Professional Development: A Narrative Study of Experienced Psychoanalytically Oriented Psychotherapists". Sie konnte mit anschaulichen Beispielen aus der klinischen Praxis zeigen, wie stark positive therapeutische Entwicklungen von Patienten u.a. durch Aspekte wie besondere Persönlichkeitseigenschaften, berufliche Identität, empathische Fähigkeiten oder innere Freiheit des Therapeuten beeinflusst werden.
Dr. Jean-François Botermans vom Centre de Guidance de Louvain-la-Neuve der katholischen Universität Louvain (Belgien) stellte seinem Referat die provozierende Frage "Can one really LEARN to become a (good) therapist?" voran. Er untersuchte auf der Grundlage des CRN-Datensatzes relevante Prädiktoren für die selbsteingeschätzte therapeutische Kompetenz. Die wichtigsten Einflussfaktoren waren u.a. (mit absteigender Bedeutung) die Dauer der bisherigen Berufspraxis, die Breite der theoretischen Orientierung, Unabhängigkeit, eine positiv erlebte Eigentherapie, die Dauer der Eigentherapie (negative Beziehung) sowie die Beziehung zwischen Supervisionshäufigkeit und Berufspraxis. Botermans verglich in seinem Fazit das Erlernen von Psychotherapie mit dem Erlernen einer Fremdsprache, die nicht allein über Grammatik, Wortschatz etc., sondern ganz entscheidend vom ständigen Gebrauch und der Erfahrung gelernt wird. Psychotherapie lernen heiße lernen zu kommunizieren.
Abschließend sprach Prof. Dr. Helge Rønnestad, Ordinarius und Leiter des Department of Psychology der Universität Oslo (Norwegen) über die "Sources of influence for professional life: Some lessons from quantitative and qualitative research on psychotherapists". Rønnestad, Mitautor des genannten Phasenmodells der therapeutischen Sozialisation (vom Ausbildungsbeginn bis zur therapeutischen Meisterschaft bzw. zum "Professionellen Selbst", vgl. Skovholt & Rønnestad, 1992), hat in den USA in den vergangenen Jahren hierzu über 100 erfahrende Psychotherapeuten interviewt, deren Ergebnisse gut mit denen der CRN-Studie korrespondieren.
Insgesamt konnten die Veranstalter wie auch die Referenten und die Teilnehmer von einer gelungen, sehr interessanten und sowohl für Forscher und Praktiker wichtigen und aufschlussreichen Tagung sprechen. Dies zeigten auch die engagierten Diskussionen, für die das Programm erfreulicherweise ausreichend Zeit einräumte.
Literatur:
Skovholt, TM, Rønnestad, MH (1992). The evolving professional self: stages and themes in therapist and counsellor development. New York, Wiley.
Orlinsky, D et al. (1999a). Development of psychotherapists: Concepts, Questions, and methods of a collaborative international study. Psychotherapy Research.
Orlinsky, D et al. (1999b). Psychotherapists´ assessment of their development at different career levels. Psychotherapy Research.
Orlinsky, D, Rønnestad, MH and the CRN (in press). The psychotherapist´s perspective: experiences of work, development, and personal life.
Dr. Rüdiger Nübling, Karlsruhe