Gender Mainstreaming in der Praxis des Gesundheitswesens, 26./27.10.2001 in Hannover
Regine Steinhauer von KOBRA Berlin, einer Promotion-Agentur für Chancengleichheit und Frauenförderung mit Schwerpunkt im Berufs- und Arbeitsmarkt, führte in das Thema ein, indem sie Konzepte und Strategien für Organisationen vorstellte, die Gender Mainstreaming umsetzen wollen. Gender Mainstreaming habe Wirkungen nach innen in die Institution hinein, z.B. im Bereich Personal- und Organisationsentwicklung. Nach außen seien die Veränderungen z.B. in den Zielsetzungen, den Produkten, der Ressourcenverteilung abzulesen. Personen mit Macht- und Entscheidungskompetenzen und -befugnissen müssten integriert sein, um Gender Mainstreaming erfolgreich zu realisieren. Status-Quo-Analysen und deren Bewertung bildeten den Startpunkt eines solchen Prozesses. Das Festlegen von Entwicklungszielen sowie das Entwickeln und Umsetzen von Maßnahmen mit anschließender Evaluation seien der immer wiederkehrende Reigen der notwendigen Schritte.
Dr. Barbara Ehret-Wagener, leitende Ärztin in einer Rehabilitationsklinik, nahm eine Bewertung hinsichtlich der Chancen des Gender Mainstreaming Ansatzes in der Rehabilitation vor. Auf der Suche nach Ungleichheiten stellte sie folgendes fest: Da die Zielsetzung der medizinischen Rehabilitation auf das Erwerbsleben ausgerichtet sei, würden familienversicherte Frauen, die nicht berufstätig seien, diskriminiert, weil auch ihr Antrag auf Rehabilitation auf Wiederherstellung der Gesundheit in Verbindung mit der Vermeidung von Erwerbsunfähigkeit lautete. Familienversicherte Frauen hätten zudem nicht Teil an beruflicher Rehabilitation, was zu problematisieren sei. Oft sei zu beobachten, dass die Reha-Bedürftigkeit durch Routineoperationen an einer psychosozial stark belasteten Frau entstünde. Auch die Zuweisung in die Art der Rehabilitation sei oft zufällig erfolgt. Eine gravierende Unterversorgung sei bei den gynäkologisch erkrankten Patientinnen zu verzeichnen, die in der Akutversorgung und im ambulanten Bereich eine große Rolle spielen, in der Rehabilitation aber eine verschwindend geringe.
Eine geschlechtsspezifische Versorgung in der medizinischen Rehabilitation begänne in der therapeutischen Haltung einer parteilichen Stellungnahme für Frauen und eines Verständnisses für ihr subjektives Krankheitserleben. Auch die Bereitschaft, Grenzverletzungen, Fehler oder Missverständnisse vorheriger Behandlungen zu identifizieren und ggf. zu klären, machten frauenspezifische Strategien in der Medizin aus. Sie mahnt eine Datenerhebung, die frauenspezifische Fragestellungen zur Grundlage hat, an, da geschlechtsneutrale Datenerhebung androzentrische Datenerhebung sei. Frau Ehret-Wagener erwartet bei konsequenter Durchführung von Gender Mainstreaming Strategien erhebliche Qualitätsverbesserungen, da damit den Erfordernissen der evidenzbasierten Medizin entsprochen würde.
Kerstin Walther von der Fachhochschule Nordostniedersachsen erörterte am Thema der ambulanten psychosozialen Beratung, wie Gender Mainstreaming Frage- und Analysehorizonte erweitere. Sie untersuchte Arbeitsverhältnisse, Arbeitszeiten und Berufsbiografien bzgl. Gender Aspekten. Dr. Uta Enders von der Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Frauenforschung stellte ihrer 1994/95 durchgeführten Forschung über Frauen in der stationären psychiatrischen Versorgung im Detail gegenüber, wie diese Fragestellung unter Gender Mainstreaming Gesichtspunkten angelegt und untersucht würde.
In den Arbeitsgruppen wurden diese Themen vertieft. Eine Fragebogenuntersuchung, die die Behandlungsbedürfnisse von Frauen in der Psychiatrie in Osnabrück erfassen will, wurde von Monika Voß-Büter und Klaus-Dieter Simmert vorgestellt. An dieser Untersuchung sind die Universität Osnabrück, das Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales und das Niedersächsische Landeskrankenhaus Osnabrück beteiligt. Zur Zeit laufen die Auswertungen noch. Angestrebt ist, konkrete Maßnahmen aus den Ergebnissen abzuleiten.
Christel Ewert von Equality stellte die Möglichkeiten und Grenzen von Gendertrainings dar. Gendertrainings finden in teils öffentlichen, teils geschützten Räumen statt und thematisieren und reflektieren die eigene Geschlechterrolle im Verhältnis zur anderen Geschlechterrolle unter Anleitung von einer Expertin und einem Experten. Je nach Zielsetzung und vorhandener Problemlage kann das Training biografische Reflexionsarbeit beinhalten. In der Regel arbeiten Gendertrainings mit beiden Geschlechtern und einem gemischten ExpertInnenteam.
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass Gender Mainstreaming sich sehr gut mit der Qualitätsdiskussion verknüpfen lässt. Dadurch könnten auch Männer für das Thema gewonnen werden. Damit Gender Mainstreaming auch in den Kommunen greifen kann, sollten regional und überregional Gendertrainings durchgeführt werden, damit nicht die Last der Überzeugungsarbeit bei den Frauenbeauftragten bleibt. Diese, so wünscht sich Heide von Ritz-Lichtenow, Frauenbeauftragte aus Osterholz-Scharmbeck, sollten durch die Landesregierung gefördert werden. Die Landesregierung solle zudem deutlicher als bisher Gendersignale an die Kommunen aussenden.
Die 14. Tagung des Netzwerkes, das von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen, dem Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales sowie dem Pro Familia Landesverband Niedersachsen getragen wird, wurde diesmal in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. und der Stiftung Leben und Umwelt durchgeführt. Eine Tagungsdokumentation wird erstellt.
Weitere Informationen über Ute Sonntag
Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.
Fenskeweg 2
30165 Hannover
E-Mail: LV-Gesundheit.Nds@t-online.de
Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter dem Link: http://www.ms.niedersachsen.de/master/C166763_N2728194_L20_D0_I674.html
Die VPP 3/2002 befasst sich in einem Schwerpunktheft mit der Thematik Gender Mainstreaming in der Gesundheitsarbeit.
Quelle: Rosa Beilage zur VPP 1/2002