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Rosa Beilage 3/2011  • Tagungsberichte 2011

Grüner Ärztetag: Auftakt zum Dialog

26. August 2011

PolitikerInnen und ÄrztInnen diskutieren aktuelle Probleme des Gesundheitssystems

 

Erstmals hatte die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zu einem „Grünen Ärztetag“ eingeladen. Rund 200 TeilnehmerInnen beschäftigten sich im Mai in Berlin mit dem Thema „Ärztliches Berufsbild im Wandel“.

Zu traditionellen Rolle des Heilberuflers sind viele weitere hinzugekommen: ÄrztInnen sollen Team-ArbeiterInnen sein und eng mit anderen Gesundheitsberufen kooperieren. Sie sollen stets auf dem aktuellen Stand des immer größer werdenden medizinischen Wissens sein. Sie sollen, soweit sie niedergelassen sind, als Unternehmer auf dem Markt bestehen. Und den PatientInnen sollen sie nicht mehr als „Halbgötter in Weiß“ gegen-übertreten, sondern als PartnerInnen.

In einem Einführungsvortrag, sechs Panels und einer Podiumsdiskussion wurde eine Vielzahl an Themen abgehandelt. Den Einführungsvortrag hielt Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. Er wies auf die derzeitigen Trends im Gesundheitswesen hin: Epidemische Zunahme von chronischen Erkrankungen, Verwissenschaftlichung aller Zweige der Medizin, medizinisch-technischer Fortschritt, zunehmende Bedeutung der Ökonomie. Er kritisierte die Fixierung der Gesundheitspolitik auf die Krankenversicherungssysteme. Eine bevölkerungsbezogene Perspektive fehle, und die Prävention habe einen zu niedrigen Stellenwert.

In Panel 1 ging es um „Rationierung, Priorisierung oder Rationalisierung“ im Gesundheitswesen. Prof. Dr. Christoph Fuchs von der Bundesärztekammer verwies auf die immer größer werdende Schere zwischen medizinisch notwendigen Leistungen und den zur Verfügung stehenden Mitteln. Ein „Unabhängiger Gesundheitsrat“ solle sich mit „gerechter Ressourcenverteilung“ befassen.

„Der Arzt als Dienstleister – der Patient als Kunde?“ Diese Frage wurde in Panel 2 diskutiert. Dr. Stefan Etgeton (Verbraucherzentrale Bundesverband) betonte, dass der Verbraucher als Nutzer von Gesundheitsleistungen sowohl Patient als auch Versicherter und Kunde sei. Verbraucher hätten das Recht, Angebote zu prüfen und Entscheidungen zu treffen. Etgeton warnte jedoch davor, den Patienten zu überfordern: Er könne „unsichere“ Angebote nicht überblicken.

60 Prozent der AbsolventInnen in der Humanmedizin sind mittlerweile weiblich. Damit geraten Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexible Arbeitszeitmodelle und eine bessere work-life-balance immer stärker in den Fokus. Darüber diskutierten Dr. Regine Rapp-Engels (Deutscher Ärztinnenbund) und Dr. Ursula Hurst (Chefärztinnen-Netzwerk SOPHIA) in Panel 3, das unter der Fragestellung „Ist die Zukunft der Medizin weiblich?“ firmierte. Der Frauenanteil bei den ChefärztInnen liegt derzeit bei nur acht Prozent.

In Panel 4 wurde gefragt, wie viel Qualität angesichts überbordender Bürokratie noch möglich ist. Von ÄrztInnen werde ein hohes Maß an ethischer Verantwortung im Rahmen einer werteorientierten Versorgung erwartet, erklärte Dr. Günther Jonitz von der Ärztekammer Berlin. Andererseits sei das Gesundheitswesen zunehmend von Kostenbegrenzung und Wirtschaftlichkeitsorientierung bestimmt. Beides schließe sich gegenseitig aus und bringe nur Belastungen sowohl für die Berufsgruppe wie auch für die Patienten.

Um die Rolle der Komplementärmedizin – dazu gehören Einzelverfahren wie Akupunktur und Entspannungsverfahren sowie komplette Therapiesysteme wie Anthroposophie, Homöopathie und Traditionelle Chinesische Medizin – ging es in Panel 5. Anwendungen aus dem Bereich der Komplementär- oder Alternativmedizin werden überwiegend von den Patienten selbst bezahlt, obwohl sie zum Beispiel bei Krebskranken eine herausragende Rolle spielen, wie Dr. Markus Horneber (Klinikum Nürnberg-Nord) feststellte.

Probleme und Reformbedarfe des Medizinstudiums kontrovers zu diskutieren, war das Ziel von Panel 6. In Deutschland werden, bezogen auf die Einwohnerzahl, weltweit die meisten MedizinerInnen ausgebildet, von denen jedoch viele nach dem Studium ins Ausland abwandern. Gleichwohl sei der ärztliche Versorgungsgrad in Deutschland gut, sagte Dr. Volker Hildebrandt (Medizinischer Fakultätentag).

Die Grünen traten mit dieser Veranstaltung erstmals in Dialog mit der Ärzteschaft – ein Angebot, das von Dr. Frank Ulrich Montgomery, mittlerweile Präsident der Bundesärztekammer, gerne angenommen wurde –, denn man wisse durchaus, dass man ohne die Ärzte keine Veränderungen im Gesundheitssystem erreichen kann, wie Jürgen Trittin, Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion, betonte. Heiße Themen wie die grüne Bürgerversicherung und die unterschiedliche Versorgung durch private und gesetzliche Krankenkassen blieben allerdings außen vor.

Angela Baer