Jenseits der Therapieschulen - Begegnung im Hier und Jetzt
Im März 2013 fand in Bad Wildungen (Hessen) die 28. Tagung des „Wildunger Arbeitskreises für Psychotherapie“ (WAP) mit knapp 250 TeilnehmerInnen zum Oberthema „Bestie Mensch und die Sehnsucht nach dem Paradies“ statt.
Besondere Kennzeichen dieser traditionsreichen Arbeitstagungen sind:
- Die Verbindung von anthropologischen, ethischen aber auch politischen Fragestellungen mit psychotherapeutischen Themenstellungen.
- Eine therapieschulenübergreifende Sicht und der Versuch, einen Austausch der verschiedenen Psychotherapietraditionen zu gestalten; einen besonderen Raum haben dabei die psychodynamischen und humanistischen Verfahren.
- Die Verbindung von Praxis und Konzeptbildung, auch unter Einbezug philosophischer, spiritueller und künstlerischer/kunsttherapeutischer Aspekte.
- Nicht zuletzt erlaubt die Seminarstruktur über insgesamt fünf Tage einen breiten Austausch und Begegnungen, erlaubt also die Möglichkeit, die eigenen Perspektiven zu erweitern.
Die Tagung wurde an den Vormittagen gestaltet durch acht Hauptvorträge, besonders hervorzuheben waren die von Ralf Vogel („Das Dunkle im Menschen - Zum Schattenkonzept der Analytischen Psychologie und seiner Bedeutung für Therapie und Alltag“), Svenja Taubner („Ursachen und Hypothesen zur Gewaltentstehung aus entwicklungspsychopathologischer Sicht“), Cornelia Hammer („Die buddhistische Perspektive zur Überwindung destruktiver Emotionen“) sowie von Silke Gahleitner („Posttraumatisches Wachstum nach grenzenloser Grausamkeit: Realität oder Fiktion?“). Äußerst spannend war der Beitrag von Rebekka Reinhard, die sich aus philosophischer Sicht mit dem Thema befasste: „Vom Bösen - warum sich der Mensch mit dem Guten so schwer tut“.
An den Nachmittagen wurden insgesamt 20 Workshops mit einem breiten Spektrum – von der Balintgruppe für ÄrztInnen und PsychologInnen bis zur Einführung in die „Psychosynthese“ – angeboten.
Parallel zu diesen Workshops fand ein Symposium zum Thema „Störungen des Sozialverhaltens im Kinder- und Jugendalter - oder: (wie) lassen sich Kinder mit aggressivem Verhalten bändigen?“ statt. Dabei wurde die in den klassischen psychotherapeutischen Lehrbüchern oft unterrepräsentierte Thematik breit betrachtet: Auf einer konzeptionellen Ebene wurden ambulante Psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie aber auch der Jugendstrafvollzug vorgestellt. Beeindruckend war dabei die Darstellung von Renato Rossi (Direktor des Arxhof, eine offene Einrichtung des Maßnahmenvollzugs in der Schweiz für Jugendliche und junge Erwachsene) zur „Ich-stärkenden Arbeit mit straffälligen Jugendlichen“ in diesem Maßnahmenzentrum ohne Mauern für jugendliche Straftäter. Auf praktischer Ebene wurden Konzepte zur Gewaltprävention und -intervention in Schulen, aber auch therapeutische Prozesse aus psychoanalytischer, humanistischer und verhaltenstherapeutischer Sicht vorgestellt.
Folgende zentrale Erkenntnisse ließen sich aus dem Symposium ableiten:
- Im Rahmen einer multimethodalen Diagnostik geht es nicht nur darum, Symptome zu klassifizieren, sondern insbesondere das Gewordensein des herausfordernden Verhaltens der Kinder und Jugendlichen zu verstehen und ebenso die Ressourcen der Betroffenen zu erfassen.
- Im Rahmen der Therapie reicht die Einzeltherapie meist nicht aus und es ist neben der beziehungsorientierten, aber auch konfrontierenden Arbeit mit den Betroffenen die unterstützende Zusammenarbeit mit den Eltern und dem weiteren Umfeld (Schule, Kindergarten) ebenso essentiell.
- Sehr deutlich wurde, dass es nötig ist, ein einzelfallbezogenes, differentielles Vorgehen zu realisieren: das Programm oder Konzept für alle aggressiven oder gewalttätigen Kinder und Jugendlichen gibt es nicht.
- Da die allermeisten „störenden“ Kinder und Jugendlichen bereits in Kindertageseinrichtungen oder spätestens Grundschule besonders „auffällig“ waren, gilt es sehr frühzeitig Unterstützungen anzubieten und neben universellen Präventionsprogrammen auch gezielt selektive und indizierte Präventionsmaßnahmen zu initiieren.
Die 28. Wildunger Arbeitstagung bot wieder einen ausgezeichneten Rahmen für PsychotherapeutInnen und PädagogInnen, denen es ein besonderes Anliegen ist, sich mit den eigenen Haltungen auseinanderzusetzen, über die Grenzen enger „Schulen“ hinweg zu schauen und sich mit Perspektiven von Ganzheitlichkeit und Komplexität auseinanderzusetzen.
Die 29. Arbeitstagung findet vom 15. bis 19.03.2014 statt. Das Arbeitsthema: „In der Welt zuhause … Über Bindung, Beziehung und Vernetzung“).
Weitere Informationen: www.arbeitskreis-psychotherapie.de
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Der Autor ist Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychoanalytiker und Supervisor. Er ist Dozent und Forschungsbeauftragter an der Evangelischen Hochschule Freiburg.