Laudatio für PD Dr. Tania Lincoln
Sehr gern habe ich die Aufgabe übernommen, eine Laudatio für Frau Tania Lincoln zu halten, die den diesjährigen DGVT Preis für Verhaltenstherapie in der psychosozialen Versorgung erhält. Aus meiner Sicht hat die Auswahlkommission eine hervorragende Wahl getroffen, da sich Frau Lincoln in ihren Arbeiten mit einem ebenso spannenden wie herausfordernden Thema, der psychologischen Behandlung von Wahn, Halluzinationen und Negativsymptomatik beschäftigt.
Frau Lincoln hat sich damit einem innovativen Therapieansatz, der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung der Schizophrenie zugewandt. Damit bricht sie mit der insbesondere im deutschen psychiatrischen System lange Jahre vorherrschenden Maxime, dass man Wahnsymptomatik nicht direkt ansprechen uns schon gar nicht direkt psychotherapeutisch angehen sollte. Neben der Behandlung von psychotischen Symptomen beschäftigt sich Frau Lincoln in ihren aktuellen Arbeiten auch mit so spannenden Themen wie: Gibt es funktionale (gesunde) Antworten auf paranoide Gedanken? Dieser Titel weckt Neugier und auch hierbei handelt es sich um eine innovative Forschungsfrage.
Für die Auswahl ist auch von Interesse, ob die PreisträgerInnen Bezug zu gesellschaftlich benachteiligten oder gesundheitlich gefährdeten Gruppen haben. Diesen Bezug hat Frau Lincoln ganz ohne Frage in Ihren Arbeiten hergestellt, denn sie widmet sich in ihren Forschungsarbeiten auch Vorurteilen gegenüber Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind.
Tania Lincoln hat an der Universität Marburg Psychologie studiert, nachdem sie ein soziales Jahr in Manila auf den Philippinen verbracht hat. Nach dem Psychologie-Studium begann sie bei der Christoph-Dornier-Stiftung als Stipendiatin, wo sie sich im Besonderen für die Verbindung von Forschungsergebnissen zur Psychotherapie mit Klinischer Praxis interessiert hat. Entsprechend wählte sie als Thema ihrer Promotionsarbeit „Cognitive behavioral treatment of social phobia – bridging the gap between research and practice“. Anschließend wechselte sie für das Psychiatriejahr in die forensische Psychiatrie nach Haina und kam im Mai 2005 zurück zur Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Philipps-Universität. Sie erlangte 2005 ihre Approbation und ist auch weiterhin nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kontinuierlich praktisch-klinisch im Rahmen der Hochschul-Ambulanz und der Ausbildungsambulanz tätig.
Das Besondere am wissenschaftlichen Werk von Tania Lincoln seit ihrer Rückkehr an die Universität 2005 ist die Beschäftigung mit der psychologischen Behandlung von Positivsymptomatik bei schizophren Erkrankten. Während in früheren Jahren es als absolutes „No“ galt, bei schizophren Erkrankten als Psychologe und Psychologin auch auf die Wahn- oder Halluzinationssymptomatik aktiv einzugehen, erbrachten Ergebnisse aus Großbritannien Ende der 90er Jahre erstmalig den Befund, dass auch diese Positivsymptomatik einer psychologischen Behandlung zugänglich sein könnte. Tania Lincoln hat sich deshalb zu Beginn ihrer Habilitationsphase mit diesen neuen Ansätzen beschäftigt, einen Workshop bei Liz Kuipers in London besucht und diesen Ansatz mit ihrer eigenen Erfahrung ergänzt und für die deutschen Verhältnisse angepasst. Das von ihr veröffentlichte Behandlungsmanual zur Psychotherapie bei schizophren Erkrankten enthält zahlreiche hilfreiche Anregungen zum Umgang mit dieser Patientengruppe. Aus eigener Erfahrung der Tätigkeiten in unserer Hochschulambulanz kann ich nur sagen: Das Manual ist eine sehr nützliche Anleitung für die praktische Durchführung der Behandlung von Menschen, die an psychotischen Symptomen leiden.
In ihrer Forschung gelang es Tania Lincoln, im ambulanten Setting des überschaubaren Städtchens Marburg eine randomisierte klinische Studie auf die Beine zu stellen, bei der dieser Behandlungsansatz für Schizophrenie evaluiert wurde. Über 70 PatientInnen mit Schizophrenie wurden bereits aufgenommen und in der Hochschulambulanz behandelt.
Der neue Ansatz von Frau Lincoln wurde auch in der wissenschaftlichen Welt begeistert aufgegriffen. Sie konnte zwischenzeitlich 2 DFG-Anträge bewilligt bekommen, bei denen Hintergründe des schizophrenen Erlebens untersucht werden. Besonders herausragend ist sicherlich auch, dass der Altvater der kognitiven Therapie Aaron T. Beck auf ihre Arbeiten aufmerksam wurde und sie 2007 zum Beck Institute‘s Scholar ernannt wurde, so dass sie persönlich bei Beck und Mitarbeitern seines Instituts Supervision erhielt.
Die Relevanz dieser neuen Ansätze ist nicht hoch genug einzuschätzen. Während früher der schizophren Erkrankte als der „uneinsichtige“, psychologisch nicht erreichbare Patient galt und oftmals mit entsprechend wenig Wertschätzung behandelt wurde, ist in diesen neuen Ansätzen der Patient wie üblich in der kognitiven Therapie der Partner des Psychotherapeuten und Experte seiner eigenen Erkrankung. Seine Ansichten werden ernst genommen und seine Fähigkeit, eigene Ansichten durch Realitätsprüfung zu relativieren, wird gefördert. Somit ist dieser Behandlungsansatz nicht nur eine Verbesserung auf symptomatischer Ebene, sondern auch im Bereich der Wertschätzung des Patienten in seiner individuellen Erlebnisweise.
Das Besondere bei Frau Lincoln ist nicht nur das Streben nach einer wissenschaftlichen Karriere, sondern auch das Erkennen von größeren gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Sie setzt sich hier auf breiter Ebene für das Wohl dieser PatientInnengruppe mit schizophrenen Erkrankungen ein, ihr Engagement geht jedoch deutlich über das hinaus, was für die wissenschaftliche Karriere im engeren Sinne notwendig wäre. Sie ist Vertreterin des Mittelbaus des Fachbereichs Psychologie an der Philipps-Universität, setzt sich für die Rechte von benachteiligten Personengruppen ein, forscht zu Vorurteilen gegenüber schizophren erkrankten Personen und sie kann ihre eigenen wissenschaftlichen Arbeiten auch kritisch reflektieren, dabei ist sie zu einer ständigen persönlichen Weiterentwicklung bereit.
Der von ihr vertretene Behandlungsansatz hat das Grundverständnis zur Behandlung schizophren Erkrankter revolutioniert. In Workshops sowie in der Lehre konnte sie zahlreiche Nachwuchspsychotherapeuten/-innen und Nachwuchswissenschaftler/-innen für dieses Thema begeistern, Promotionen und Diplomarbeiten anleiten, und setzt sich im besonderen Maße für die Förderung der von ihr betreuten Personen ein. Also ist Tania Lincoln aus wissenschaftlicher wie auch aus gesellschaftlicher Sicht fürwahr eine würdige Preisträgerin!
Prof. Dr. Babette Renneberg