Mit Maus und Löwe: Lösungsfokussiertes Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Eltern - Dr. Therese Steiner stellte ihre Methode in einem Workshop vor
Einen zweitägigen Workshop zum lösungsorientierten Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen bot die renommierte Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie aus der Schweiz, Dr. Therese Steiner, im April 2013 in Flensburg an. 20 Kinderpsychologen, -therapeuten, Lehrkräfte und Sozialpädagogen aus unterschiedlichen psychosozialen Arbeitsbereichen nutzten die Gelegenheit sich fortzubilden. Eingeladen hatte das Flensburger Institut für systemisches Arbeiten (F.I.S.A.), die Organisation lag in den Händen von Jürgen Hargens.
den Therese Steiner gehört zu den erfahrensten lösungsorientiert arbeitenden Therapeutinnen in der Arbeit mit Kinder, Jugendlichen und ihren Eltern. Geprägt durch ihre Arbeit mit Steve de Shazer und Insoo Kim Berg am Brief Family Therapy Center BFTC in Milwaukee (USA), gibt sie Kurse und Workshops im In-und Ausland und arbeitet für „Terre des hommes“ im südlichen Afrika und Mittelamerika im Rahmen von Projekten psychosozialer Unterstützung von Kinder (Aids-Waisen, Gewaltopfer).
Themenschwerpunkt des Workshops war die praktische Umsetzung des lösungsfokussierten Ansatzes in der Arbeit mit Kindern und ihren Eltern, insbesondere der Einsatz von kindgemäßen Kommunikationsmethoden. Davon hatte Therese Steiner jede Menge zu bieten. Einige Aspekte davon seien hier kurz angerissen.
Der Einsatz von Handpuppen oder Stofftieren war eines der Highlights des Workshops: Vom angeregten Aussuchen der Handpuppe bzw. des Tieres durch das Kind bis zum Gespräch des Therapeuten mit der „Puppe“ (Dissoziation: Das Kind wird zur Puppe und spricht durch diese). Den Tieren bzw. Handpuppen wird eine Stellvertreterfunktion einerseits für das Problemverhalten gegeben (Externalisierung: Verlagerung des Verhaltens nach außen) und andererseits eine Stellvertreterfunktion für das gewünschte und für das bisher schon erreichte Verhalten sowie die Stärken des Kindes. So wird die kleine Stoff-Maus zum Stellvertreter für das ängstliche, aber auch vorsichtig-umsichtige Verhalten des Kindes, und der Plüsch-Löwe wird zum „Muthelfer“, der all das besonders gut kann, was das Kind noch lernen möchte. So wird der Löwe für das Kind zum Helfer und zum Modell. Das Arbeiten mit Handpuppen wurde in Kleingruppen geübt und von Therese Steiner mit Video-Bbeispielen illustriert.
Kindergeschichten und Bilderbücher sind eine wunderbare Möglichkeit, mit Kindern in Kontakt zu treten. So las Dr. Steiner zu Beginn ihres Workshops eine Geschichte von Peter Bichsel (Heute kommt Johnson nicht: Kolumnen 2005-2006. Berlin, 2008.) vor, in der auf erfahrbare Weise die Wirkung von Geschichten sowie die besonderen Sichtweisen von Kindern deutlich wurden.
Im Verlauf des Workshops wurden Bilderbücher, die in großer Auswahl auf einem Büchertisch auslagen, und die darin enthaltenen Geschichten vorgestellt und erörtert, unter welchen Fragestellungen sie eingesetzt werden könnten. Hier sei nur die Geschichte „Der Punkt“ von Peter H. Reynolds (Hildesheim, 2010) erwähnt. Mit schönen Bildern und einfachen Worten zeigt diese Geschichte die Bedeutung der Würdigung kleinster Anstrengungen, die letztendlich zu großen Veränderungen führen können. So wird die Geschichte eines Kindes erzählt, das sich im Zeichnen für völlig untalentiert hält. Nachdem es erst einmal ermutigt wird, es einen einzelnen Punkt auf ein weißes Blatt Papier malt und das Bild signiert, wächst das Kind über sich hinaus und macht immer mehr davon. Seine Bilder werden ausgestellt und bewundert. Das Kind wird ein bejubelter („Punkt“-) Maler.
Bei den „Wegwerfgeschichten“ ging es darum, mit den Kindern spielerisch zu kooperieren. Therapeut/in und Kind gestalten gemeinsam eine Geschichte, indem sie abwechselnd je einen Satz formulieren. Es geht nicht darum die Geschichte zu deuten. Es macht einfach Spaß, schafft eine angenehme Atmosphäre – diese Erfahrung konnte man beim Ausprobieren während des Workshops selbst machen.
Eine weitere kooperativ gestaltete Situation ist das „Tandemzeichnen“ bzw. das „Schnörkeln“. Hier gibt der Therapeut oder das Kind einen „Schnörkel“ bzw. eine Fantasielinie auf dem Blatt vor und der Andere stellt das Bild dann fertig. Diese auf D. W. Winnicott zurückgehende Methode wird im lösungsfokussierten Kontext benutzt, um über die Stärken des Kindes zu sprechen, beispielsweise seine Kreativität und Fantasie. Auch hier wird das Bild nicht gedeutet.
Die aus der lösungsorientierten Arbeit bekannten Skalierungsmethoden (auf einer Skala von 1 bis 10) wurden in ihrer handlungsorientierten Umsetzung mit Kindern beschrieben (beispielsweise: Wir bauen einen Turm mit zehn Klötzen. Die Höhe des Turms kann z. B. den Grad der Erreichung des gewünschten Zieles darstellen. Oder: Wir legen ein Seil auf den Fußboden, an dem die einzelnen Skalenwerte abgeschritten werden und besprochen werden können.
In ihrem „Handbuch Lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern“, das Therese Steiner zusammen mit Insoo Kim Berg verfasst hat, geben die Autoren noch weitere Beispiele von Arbeitsmethoden mit Kindern, beispielsweise eine Vielzahl von kreativ gestalteten Spielsituationen, die dem Therapeuten die Möglichkeit bieten, mehr über die Kompetenzen des Kindes zu erfahren.
Während des Workshops wurde auch auf Gesprächssituationen mit mehreren Beteiligten (inklusive Eltern und ggf. Kinder) eingegangen (z. B. Standortgespräche, Koordinierungsgespräche aus der Sonderpädagogik, Hilfeplangespräche des Jugendamts bzw. der Eingliederungshilfe). Häufig wird hier sehr viel und sehr lange über Defizite und Probleme der Kinder gesprochen. Aus lösungsorientierter Sicht ist es aber wichtig, zunächst die Ziele der Beteiligten deutlich zu formulieren und die Stärken der Kinder und der Eltern zur Sprache zu bringen, um dann zu tragfähigen Lösungsideen zu kommen.
Viele Kolleginnen und Kollegen erleben in ihrer Arbeit einen Widerspruch zwischen traditioneller, medizinisch orientierter Diagnostik und ihrem lösungsfokussierten Arbeiten. Therese Steiners kreativer Vorschlag dazu war es, diesen Gegensatz als das Sprechen zweier unterschiedlicher Sprachen zu begreifen, der ein quasi bilinguales Vorgehen erfordert:
Die Sprache der klassischen Diagnostik, die von den Geldgebern gefordert wird, um an die finanziellen Ressourcen für die Arbeit mit den Kindern zu kommen, und die Sprache des lösungsorientierten Arbeitens, um die Stärken und Kompetenzen der Kindern und Eltern zu erforschen und sie zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.
Fazit
Hinter den vielfältigen Arbeitsmethoden, die Therese Steiner so lebendig vorstellte, steht vor allem – und dies wurde in allen Themen des Workshops deutlich – eine wertschätzende Grundhaltung den Kindern, Jugendlichen und Eltern gegenüber, eineSensibilität für die Bedürfnisse der Kinder und auch der Eltern in Beratung und Therapie sowie die Würdigung der Leistungen, die Eltern bzw. Betreuer, Begleiter und Lehrkräfte in der Arbeit mit den Kindern erbringen.
Therese Steiner verstand es in diesem Workshop auf ihre sehr persönliche Weise, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Chancen und Möglichkeiten des lösungsorientierten Arbeitens mit Kindern in Klarheit und Lebendigkeit nahe zu bringen.
Heinz Graumann, Landesförderzentrum Sehen, Schleswig
Der Autor ist DGVT- und DGVT-BV-Mitglied und arbeitet am Landesförderzentrum Sehen Schleswig. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Sehbehinderung oder Blindheit besuchen in Schleswig-Holstein keine speziellen Einrichtungen für Sehbehinderte und Blinde, sondern nehmen die vorschulischen, allgemeinen oder beruflichen Bildungsangebote am Wohnort oder in dessen Nähe wahr.
Das Flensburger Institut für systemisches Arbeiten (F.I.S.A.) besteht seit 1997. Die MitarbeiterInnen organisieren Workshops und Ausbildungsveranstaltungen, in denen systemische Arbeitsansätze und Sichtweise vermittelt werden (www.fisaflensburg.de).
Weiterführende Literatur:
Steiner, Therese & Insoo Kim Berg (2005). Handbuch zum lösungsorientierten Arbeiten mit Kindern. Heidelberg
Steiner, Therese (2011). Jetzt mal angenommen....lösungsfokussierte Anregungen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Heidelberg