Skip to main content
 
VPP 3/2009

Paritätischer Armutsatlas rüttelt auf: Deutschland driftet sozial auseinander [1]

10. Juli 2009

Paritätische Forschungsstelle legt erstmals Überblick über regionale Armutsquoten vor

 

Berlin: Der Paritätische hat mit seinem Ersten Regionalen Armutsatlas ein erschütterndes Dokument der sozialen Zerrissenheit Deutschlands vorgelegt. Er zeigt: Armut und Reichtum sind in unserem Land extrem unterschiedlich verteilt. Nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Nord und Süd. Ganze Regionen drohen in einen Teufelskreis der Verarmung zu geraten, wenn die Politik nicht gezielt gegensteuert.

Für Tagesschau, Tagesthemen und heute war der Erste Regionale Armutsatlas das Top-Thema. Spiegel-Online berichtete ebenso darüber wie sämtliche große überregionale Tageszeitungen und kleine Lokalblätter. Denn der von der Forschungsstelle des Paritätischen erarbeitete Report betrifft die ganze Republik. Er enthüllt, was die bislang erhobenen bundesweiten Durchschnittsquoten verschleiert haben – wie sehr die Lebensverhältnisse in Deutschland auseinanderdriften. „20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland nicht länger zwei- sondern mindestens dreigeteilt und im Hinblick auf die Armutsbetroffenheit zerrissener als je zuvor“, betonte Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Mitte Mai in Berlin bei der Vorstellung des Armutsatlasses.

Dieser zeigt in Gelb und Rot ganz deutli

  • Es gibt einerseits einen süddeutschen Bereich, der Bayern, Hessen und Baden-Württemberg umfasst, und eine Armutsquote von gerade einmal knapp elf Prozent aufweist.
  • Daneben gibt es zugleich einen nordwestdeutschen Bereich mit den Ländern Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und den Stadtstaaten Hamburg und Bremen mit einer Armutsquote von knapp 15 Prozent.
  • Und Ostdeutschland mit fast 20 Prozent Armutsquote.

Analysiert man die Zahlen auf Ebene der 96 Raumordnungsregionen, gewinnt das Bild der Zerrissenheit noch klarer an Kontur und zugleich sozialer Schärfe. Einige Bundesländer sind durch extreme Spaltungstendenzen gezeichnet. Die krassesten regionalen Wohlstandsunterschiede fallen in Niedersachsen auf. Die Armutsquoten liegen dort zwischen 12,4 Prozent in der Region Südheide und 20,3 Prozent in Ostfriesland. Mehr als sieben Prozentpunkte Differenz zeigen daneben noch Nordrhein-Westfalen mit regionalen Armutsquoten zwischen 11,8 und 18 Prozent sowie Bayern mit Quoten zwischen 7,7 und 15,1 Prozent. Die größte Homogenität dagegen ist in den ostdeutschen Ländern zu finden –wenn auch in einer erschreckenden Ausprägung: fast flächendeckende außerordentlich hohe Armut. Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern, wo fast jeder Vierte als arm gilt. Ausnahmen bilden lediglich Südthüringen sowie das südwestliche Umland von Berlin.

Regionale Extreme Bundesweit reichen die regionalen Extreme bei den Armutsquoten von 7,4 Prozent im Schwarzwald bis hin zu 27 Prozent in Vorpommern. „Wenn die ärmste Region eine viermal so hohe Armutsquote aufweist wie die reichste, hat das mit gleichwertigen Lebensverhältnissen nichts mehr zu tun“, betonte Ulrich Schneider mit Verweis auf das Grundgesetz. „Angesichts dieser wachsenden ökonomischen Zerrissenheit schwindet die soziale Bindungskraft der Gesellschaft auf höchst besorgniserregende Weise.“ Dort, wo die Armut am höchsten sei, gebe es zudem die größte Abwanderung, warnte der Hauptgeschäftsführer. Dies führe dazu, dass das ökonomische Fundament der betroffenen Regionen noch weiter aufgezehrt werde. „Wenn wir nicht sofort und massiv gegensteuern, wird die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten sein.“ Der Paritätische fordert daher eine konsequente Armutspolitik, die zielgenau mit einer Politik der regionalen Förderung verknüpft werden müsse. Individuelle Hilfen zur Verhinderung von Einkommensarmut wie beispielsweise öffentlich geförderte Beschäftigung seien wesentlich – hinzukommen müssten jedoch eine viel stärkere Regionalisierung der Arbeitsmarktpolitik sowie eine konsequente regional orientierte Strukturförderung, so Schneider. „Insbesondere in der Arbeitsmarktpolitik bedarf es einer Verlagerung von Entscheidungskompetenzen in die Regionen.“ Zudem sei es sowohl konjunkturpolitisch als auch gesellschaftspolitisch wichtig, den Konsum in Deutschland dadurch zu stärken, dass das Geld dahin gegeben werde, wo es am dringendsten gebraucht werde: „Zu den Armen.“ Konjunkturpolitisch wäre garantiert, dass diese Mittel nicht einfach auf Sparkonten landen. Sozialpolitisch wäre geholfen, die Schere zwischen Arm und Reich endlich wieder etwas zu schließen. Gesellschaftspolitisch wäre angesichts milliardenschwerer Schutzschirme für Banken und nicht mehr nachvollziehbarer Bonizahlungen an deren Spitzenpersonal ein Signal gesetzt, dass es noch etwas gerecht zugehe in diesem Land. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen forderte die Bundesregierung auf die Unterstützungsleistungen für Hartz-IV-Bezieher endlich auf ein Niveau anzuheben, das vor Armut schützt und der Menschenwürde entspricht.

Schneider ist ebenso überzeugt wie Dr. Rudolf Martens, der Verfasser des Reports: Mit dem Armutsatlas wird ein neues Kapitel der Armutsberichterstattung in Deutschland aufgeschlagen. Die detaillierte Gesamtübersicht zur Armutsentwicklung zeigt neue Perspektiven für eine gezielte regionalspezifische Armutsbekämpfung auf.

Entsprechend groß war der Run auf die Daten, die der Verband auf der eigens eingerichteten Website unter www.armutsatlas.de allen Interessierten zugänglich macht. Schon kurz nach der Pressekonferenz musste Martin Wißkirchen. Leiter des Bereichs EDV und Öffentlichkeitsarbeit, feststellen: „Unser Server ist total überlastet.“ Kein Wunder: Hatten doch zahlreiche Onlinemedien auf ihren Seiten gleich Links zum Armutsatlas geschaltet. Und auch Pressereferentin Gwendolyn Stilling kam vom Telefon gar nicht mehr weg. Insgesamt gingen 150 Medienanfragen zum Armutsatlas ein. Dr. Ulrich Schneider und Dr. Martens haben zusammen insgesamt 38 Interviews für Hörfunk und Fernsehen gegeben.

Der Erste Regionale Armutsatlas wurde erstellt mit Unterstützung der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Auf Grundlage des Mikrozensus wurden regionale Armutsquoten errechnet. Der Armutsatlas – inzwischen in zweiter Auflage – kann bestellt werden unter Tel.: 030/246360. Download: www.armutsatlas.de.

Ulrike Bauer

Korrespondenzadresse:
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband
-Gesamtverband e.V.-
Oranienburger Straße 13-14
10178 Berlin

[1] Quelle: PARITÄTISCHES Extrablatt, Termin Pressekonferenz: Montag, 18.05.2009, Berlin; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.