"Prävention und Rehabilitation im System"
Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Symposiums zu dem Thema "Prävention und Rehabilitation im System" stand der Gedanke einer besseren Vernetzung von Prävention und Rehabilitation als Teilbereiche der gesundheitsbezogenen Versorgung. Die Vorstellung wirksamer Interventionen aus wissenschaftlicher und praxisnaher Sicht gab einen vertieften Einblick in das Thema und trug zur Entwicklung gemeinsamer Zukunftsoptionen bei. Die Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e.V. (DGRW), in der sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen der Rehabilitation zusammengeschlossen haben, war gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) der Veranstalter des Symposiums. Die Konzeption und wissenschaftliche Organisation des Symposiums lag bei dem Stiftungslehrstuhl Prävention und Rehabilitation in der System- und Versorgungsforschung an der Abteilung Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover (Prof. Ulla Walter und Dipl. Kffr. Iris Brandes, MPH) sowie bei dem Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (Prof. Uwe Koch).
Die Tagung fand am 8. und 9. Dezember 2005 in Hannover statt und war mit ca. 120 Teilnehmern gut besucht. Vertreten waren Wissenschaftler aus Hochschulen und Fachhochschulen aus den Bereichen Prävention und Rehabilitation, Entscheidungsträger der Rentenversicherungen, gesetzlichen Krankenversicherungen, gesetzlichen Unfallversicherung, viele Mediziner aus Klinken und dem niedergelassenen Sektor, einschließlich Ergo- und Physiotherapeuten, sowie Entscheidungsträger aus der Politik, dem öffentlichen Dienst und namhaften Unternehmen. Die Zusammensetzung der Teilnehmer aus Theoretikern, Praktikern und Entscheidungsträgern ermöglichte eine intensive und konstruktive Kommunikation und einen intensiven Erfahrungsaustausch.
Die Tagung begann mit Vorträgen im Plenum. Prof. Friedrich Wilhelm Schwartz (Medizinische Hochschule Hannover) zeigte auf, was Prävention heute - vor dem Hintergrund des in den Koalitionsvertrag aufgenommenen Präventionsgesetzes - leisten kann und was nicht. Zwar seien Prävention und Gesundheitsförderung unbestritten der beste Ansatz für eine auf die künftigen Herausforderungen ausgerichtete Gesundheitsversorgung in Deutschland, jedoch bestünde insbesondere bei chronischen Erkrankungen ein präventiver Nachholbedarf. Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe seien neben den Patienten, Leistungserbringern und Kostenträgern auch (Arbeitgeber sowie) Bund und Länder mit ihren Einrichtungen einzubeziehen. Erfolgreiche Prävention sei in den meisten Problemfeldern keine Frage des noch fehlenden medizinischen, psychologischen, sozialwissenschaftlichen oder Management-Wissens, sondern des konsequenten Willens zur Umsetzung auf allen Ebenen und durch alle Akteure. Ein nationales Präventionskonzept bedürfe einer Einbettung in eine angemessene ethisch-zivilisatorische Kultur. Allerdings sei Prävention kein Allheilmittel sozialer und bildungspolitischer oder arbeitsmarktpolischer Verwerfungen.
Dass die Rehabilitation seit jeher auch präventive Aspekte umfasse, indem auf die Abwendung und Verhütung von Behinderung und die dauerhafte Sicherung der Teilhabe am Arbeitsleben abgestellt wird, legte Prof. Heiner Raspe (Universitätsklinikum Schleswig Holstein) dar. Dem Vorrang der Prävention würde dadurch Rechnung getragen, dass Rehabilitationsmaßnahmen mit dem - präventiven - Ziel durchgeführt werden, den Eintritt einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit zu vermeiden. Allerdings sei die präventive Ausrichtung bislang nicht ausreichend wahrgenommen worden und der Nachweis für die präventive Wirksamkeit der bei uns üblichen Rehabilitationsformen stehe vielfach noch aus. In diesem Bereich gibt es nach Raspe noch erheblichen Forschungsbedarf.
Prof. Hermann Faller (Universität Würzburg) stellte in seinem Vortrag die Bedeutung von Schulungsprogrammen als zentralem Präventionsansatz in der Rehabilitation dar. Lebensstiländerung als wirksamer Ansatz zu gesundheitsförderlichem Verhalten und zur Bewältigung von Erkrankungen solle das individuelle und kollektive Krankheitsrisiko senken. Faller forderte die Disseminierung bereits evaluierter effektiver Programme aus dem Reha-Bereich in die Praxis und die Umsetzung in der Breite der Gesundheitsversorgung.
Dass die präventive Versorgung durch eine Vielfalt von heterogenen und auf kleine Bereiche beschränkte Ansätze gekennzeichnet sei, hob Prof. Uwe Koch (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) hervor. Defizite seien insbesondere in der fehlenden Bedarfs- und Zielgruppenorientierung zu sehen sowie in der mangelhaften Evaluation der Projekte, sodass eine Implementation in der Breite nicht erfolge und wichtige Erfahrungen ungenutzt blieben. Zur Behebung der Defizite und für die Verbesserung der Präventionsangebote biete es sich seiner Meinung nach an, auf die ausgereiften Qualitätssicherungsprogramme der Rehabilitation zurückzugreifen. Die Entwicklung und Vernetzung von Interventions- und Versorgungsangeboten erfordere die Einbindung aller Ansätze aus der Qualitätssicherung, Versorgungsforschung und Evaluation.
Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden im Rahmen von Workshops für einzelne Versorgungsfelder Defizite, Barrieren und Möglichkeiten zu ihrer Überwindung definiert. Die Workshops befassten sich mit den Themen Rehabilitation bei Kindern und Jugendlichen unter der Leitung von Prof. Franz Petermann und Dr. Hermann Mayer, Rückenbeschwerden unter Vorsitz von Prof. Klaus Pfeifer und Prof. Bernhard Greitemann, Psychische Erkrankungen mit den Vorsitzenden Prof. Friedhelm Lamprecht und Prof. Jürgen Bengel, Diabetes/Stoffwechselerkrankungen geleitet von Dr. Hartmut Pollmann und Dr. Rolf Buschmann-Steinhage sowie Herz- Kreislauf???Erkrankungen unter Vorsitz von Prof. Eike Hoberg und Prof. Werner Müller-Fahrnow. Als Ergebnis aus den Workshops kann festgehalten werden, dass der zunehmende Kostendruck und die dadurch reduzierten Angebote für präventive Maßnahmen eine wichtige Barriere darstellen. Auch die fehlende Akzeptanz und das ungenügende Wissen über entsprechende Programme - sowohl auf Seiten der Patienten wie auf Seiten der Leistungserbringer - hemmen die Umsetzung. Die Erstellung von strukturierten, den Erfordernissen bestimmter Indikationen und Patienten angepasste Programme wird eingefordert. Die frühzeitige Identifikation von Risikopersonen und -profilensowie die rechtzeitige Hinführung zu adäquaten Maßnahmen (z.B. durch Case-Manager) sollen einer unnötigen Verlängerung von Patientenkarrieren entgegenwirken. Das Schnittstellenmanagement sollte durch verschiedene Maßnahmen (Disease Management Programme/DMP, Integrierte Versorgung/IV, Weiterbildungsordnung) optimiert und schulische und berufliche Settings zur besseren Vernetzung einbezogen werden. Ziel sei die Entwicklung von Konzepten für eine bessere Vernetzung von der frühzeitigen Prävention bis zur Prävention nach der Rehabilitation.
Als Fazit kann festgehalten werden, dass es - insbesondere in der Rehabilitation, aber auch in der Prävention - bereits eine Reihe evaluierter effektiver Programme gibt, die jedoch noch nicht in ausreichendem Maße in die Praxis und die Breite der Gesundheitsversorgung umgesetzt worden sind. Für einige Bereiche besteht darüber hinaus noch ein erhebliches Defizit an evaluierten und auf die Bedarfe der Zielgruppen angepassten Programme.
Die Rehabilitation kann von den Erfahrungen der präventiven Konzepte zum Lebensstilansatz, zur Ressourcen- und Zielgruppenorientierung sowie von den erfolgreichen deutschlandweiten Präventions-Kampagnen lernen. Demgegenüber können die Bereiche Qualitätssicherung, Patientenschulung sowie ganzheitlicher und multidisziplinärer Ansatz als Vorbild für die weitere Entwicklung im Präventionsbereich gelten. Die gezielte Förderung der Rehabilitationswissenschaften im Rahmen regionaler Forschungsbünde hat sowohl für die Praxis wie auch die Forschung wichtige neue Erkenntnisse und eine beachtliche Qualitätsverbesserung gebracht und das Niveau der Rehabilitationswissenschaften deutlich gehoben. Es ist zu überlegen, ob die Einrichtung eines ähnlich strukturierten Förderschwerpunktes für die Prävention eine sinnvolle Maßnahme darstellen kann.
Prof. Dr. Ulla Walter
Abteilung Epidemiologie, Sozialmedizin und
Gesundheitssystemforschung
Medizinische Hochschule Hannover
OE 5410
Carl-Neuberg-Str. 1
30623 Hannover