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Aktuelles

Protokollnotizen vom Treffen des Nationalen Netzwerks Frauen und Gesundheit in Berlin am 28. Juni 2001 mit Frau Helga Kühn-Mengel (SPD)

15. Januar 2007

Vertreterinnen des Nationalen Netzwerks Frauen und Gesundheit haben sich in Berlin mit Politikerinnen getroffen, um über Problemfelder der Frauengesundheitsversorgung bzw. der Frauengesundheitsforschung zu sprechen. Anlass war die Nachbereitung der Anhörung zum Thema "Frauenspezifische Gesundheitsversorgung" in Berlin am 7. 3. 01.

 

Das Treffen begann mit einer Pressekonferenz zum Thema "Brustkrebs - Mehr Qualität für Früherkennung, Versorgung und Forschung. Für ein Mammographie-Screening nach Europäischen Leitlinien", die PolitikerInnen der Fraktionen von SPD und Bündnis90/Die Grünen einberufen hatten. Dargestellt wurde einmal mehr die im Vergleich mit anderen Ländern überaus schlechte Versorgungslage der Frauen in Deutschland, insbesondere das Fehlen von Qualitätsstandards. In den Presseunterlagen heißt es dazu: "Die in Deutschland durchgeführten Mammographien entsprechen in der Regel nicht den 1994 entwickelten, international anerkannten europäischen Leitlinien: Diese schreiben spezielle Zentren vor, mit der notwendigen Ausrüstung, mit technischer Qualitätskontrolle, Aufnahme- und Auswertungsmethodik und der erforderlichen Ausbildung der am Screening beteiligten Fachkräfte". Der schlechte Standard der Mammographie wird allgemein in Zusammenhang gebracht mit dem hohen Sterblichkeitsrisiko deutscher Frauen, wenn Brustkrebs diagnostiziert wird bzw. der im Vergleich mit amerikanischen Daten deutlich verzögerten Abnahme der Todesfälle als Folge von Brustkrebs in Deutschland. Das in Deutschland weit verbreitete "graue Screening", also Mammographie auch ohne Verdachtsdiagnose von Brustkrebs, führt - da Leitlinien und Qualitätsstandards fehlen - sowohl zu einer vergleichsweise hohen Anzahl von falsch-negativen Befunden (keine Entdeckung des Tumors, obwohl dieser schon auf der Mammographie zu entdecken ist) als auch von falsch-positiven Befunden (Diagnose eines Tumors, obwohl keiner vorhanden ist und anschließende Behandlung!). Das Risiko eines falsch-positiven Befundes wird für Frauen ab 50 Jahren, die alle zwei Jahre an einer Mammographie teilnehmen, mit 50% angegeben! So viel zu den Qualitätsstandards der Deutschen Gynäkologen!

Die Presse hat die Forderungen der PolitikerInnen von SPD und den Grünen sofort aufgenommen und kommentiert. Der Antrag soll zu Beginn der nächsten Sitzungsperiode in das Parlament eingebracht werden. Wir können dann verfolgen, wie wichtig den VolksvertreterInnen Verbesserungen der gesundheitlichen Versorgung von Frauen sind.

Im Anschluss an die Pressekonferenz folgte ein intensives Gespräch mit Frau Kühn-Mengel zum Thema Frauen und Gesundheit. Es begann mit einer kritischen Würdigung des Antrags zum Mammographie-Screening. Übereinstimmung besteht hinsichtlich der Forderung nach Behandlungsleitlinien sowie nach Qualitätsstandards; Differenzen ergeben sich hinsichtlich der Verknüpfung mit einem flächendeckenden Screening. In der Kürze der Zeit gelang es nicht, zu einer einvernehmlichen Position zu kommen.

Frau Kühn-Mengel wies zunächst darauf hin, dass Frauen in den Machtzentren, in denen über die Geschlechterperspektive im Gesundheitsbereich entschieden wird, unterrepräsentiert sind. Auch darum werden die Anliegen der Frauen in der Gesundheitsversorgung und in der Gesundheitsforschung immer wieder übersehen und übergangen. Immerhin gibt es Hoffnungsschimmer am Horizont. Dazu gehört die Absichtserklärung der Gesundheitsministerin, eine Abteilung "Frauengesundheit" einzurichten. Die Stellenausschreibung (vermutlich für eine Stelle) steht aus. Weiterhin soll in die Approbationsordnung der Ärzte die Geschlechterperspektive als fester Bestandteil aufgenommen werden. Ob das gelingt, wird sich zeigen, und wenn es gelingt, welche Konsequenzen daraus folgen, auch. Weiterhin soll die Zahl der Gutachterinnen in entsprechenden Beratungs- und Entscheidungsgremien in den Ministerien Frauen usw., Gesundheit und Forschung erhöht werden. Ebenso soll darauf gedrungen werden, in der Forschung geschlechtssensible Ansätze bevorzugt zu fördern. Bedenkt man, dass ähnliche Forderungen seit wenigstens 20 Jahren erhoben worden sind, kann man sich einer gewissen Skepsis nicht erwehren. Was nichts daran ändert, dass man auf diesem Wege weitergehen muss in der Hoffnung, eines Tages am guten Ende anzukommen.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurden eine Vielzahl von Themen angesprochen, von denen einige hier aufgeführt werden sollen. Gewalt gegen Frauen: Es fehlen Leitlinien für die Diagnostik und Behandlung im ambulanten und im stationären Setting sowie entsprechende Fortbildungen für Ärzte. Auch die Frage der Kostenübernahme bei Rehabilitationsmaßnahmen ist nicht geklärt. Problematisch sind in diesem Zusammenhang vor allem die Sparmaßnahmen bei Mutter-Kind-Kuren; zeigen doch die Untersuchungen der Klientel z.B. des Müttergenesungswerkes, dass in dieser Klientel der Anteil der Frauen und Kinder mit Gewalterfahrungen besonders groß ist. Gesundheitliche Versorgung von Müttern: Es fehlen Leitlinien zur Optimierung der Versorgung von Schwangeren, die sowohl Überversorgung abbauen helfen als auch Untervorsorgung vermeiden. Kritisch ist hier vor allem die Pränataldiagnostik zu sehen, die einen immer breiteren Raum einnimmt, ebenso die generelle Tendenz, Schwangerschaft und Geburt zu pathologisieren. Frau Kühn-Mengel sprach sich explizit gegen die Zulassung der PID aus, über die zur Zeit heftig und kontrovers diskutiert wird. Hormonersatztherapie: Der unverändert zunehmende Anstieg der Behandlung von Frauen mit Hormonen während und vor allem nach der Menopause ist besorgniserregend angesichts der damit zusammenhängenden ungeklärten Risiken. Gefordert wird daher eine Intensivierung der Forschung zum Thema und vor allem eine umfassende Information der Frauen über Nutzen und Risiken dieser Behandlung. Hysterektomie: Problematisch ist hier die "Überversorgung". 40% der Frauen zwischen 60 und 70 Jahren wurde die Gebärmutter entfernt. Auffallend ist ein starker Sozialgradient. Hysterektomien werden also besonders häufig bei Frauen aus der Unterschicht ausgeführt. Das legt den Verdacht nahe, dass die der Behandlung vorausgehenden Diagnosen nicht immer angemessen sind. Brustimplantate: Es fehlen Richtlinien zur Produktsicherheit sowohl bei der Implantation wie bei der Entfernung. Prävention: Besonders wichtig für die Förderung der Gesundheit von Frauen sind gezielte Anstrengungen im Hinblick auf das Rauchen. Wie epidemiologische Daten nachdrücklich belegen, erreichen einschlägige Präventionsansätze in den Schulen die Mädchen nicht besonders gut; entsprechendes gilt für präventive Botschaften, die sich an erwachsene Frauen richten. Hier sind geschlechtssensible präventive Botschaften gefragt, die es bislang kaum gibt.

Problematik von Leitlinien: Sehr kurz wurden die Schwierigkeiten, Leitlinien zu erarbeiten angerissen, sowie die generelle Problematik, die damit verbunden ist. So lange Forschungsergebnisse im Fluss sind und eindeutige Befunde ausstehen, ist es nicht gerade einfach, Leitlinien zur Diagnostik und zur Behandlung zu formulieren. Geschieht das doch, spiegeln sie Sicherheit vor, die so nicht gegeben ist. Leitlinien sind so gesehen komplexe Instrumente, die gerade in Deutschland nicht nur schwer einzuführen sind, sondern - wenn sie schließlich und endlich beschlossen worden sind - auch schwer zu ändern sind. Angesichts der rasanten Veränderungen des Wissensstandes im Hinblick auf Gesundheit und Krankheit und den damit verbundenen Behandlungsverfahren ist jedoch die Lebensdauer von Leitlinien begrenzt. Dennoch sprach sich die Runde dafür aus, dass Leitlinien eingefordert werden müssen, mit deren Hilfe dann auch Behandlungsstandards und Qualitätssicherung eingefordert werden können.

Die Fortführung solcher Gespräche wurde verabredet. Als nächster Termin für ein weiteres Treffen mit Frau Kühn-Mengel und Frau Knoche wurde der 25. Januar 2002 vorgesehen, an dem sich die Vertreterinnen im Nationalen Netzwerk ohnehin in Bremen treffen.

Frankfurt, 1. Juli 2001, Irmgard Vogt