Psychische Erkrankungen Hauptursache für Erwerbsunfähigkeitsberentungen
Psychische Erkrankungen spielen im Berentungs- und Krankheitsgeschehen eine immer größere Rolle: Psychische Erkrankungen verursachen die längsten Ausfallzeiten bei Arbeitnehmern. Sie stellen somit einen maßgeblichen wirtschaftlichen Belastungsfaktor innerhalb der verschiedenen Sozialsysteme in Deutschland dar. Laut AOK Fehlzeitenreport 2009 fehlte ein Arbeitnehmer bei einer psychischen Erkrankung durchschnittlich 22,5 Tage. Auch bei den Erwerbsunfähigkeitsberentungen gewinnen psychische Erkrankungen immer mehr an Bedeutung.
Für viele Menschen, die von einer chronischen Erkrankung betroffen sind, ist die Frühberentung ein möglicher Weg, um den krankheitsbedingten frühen Rückzug vom Arbeitsmarkt zumindest ansatzweise finanziell zu kompensieren. Außerdem ist der soziale Status der Frühberentung in Deutschland weitestgehend akzeptiert und eigentlich kaum bzw. gar nicht von sozialer Ausgrenzung bzw. Diskriminierung betroffen.
Im Folgenden sollen die aktuellen Entwicklungen im Rehabilitations- bzw. Berentungsgeschehen genauer betrachtet werden.
Leistungen zur medizinischen Rehabilitation
Trotz der angespannten wirtschaftlichen Situation ist die Zahl der Rehabilitationsanträge auf medizinische Leistungen im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum leicht um 0,8 % gestiegen. Auch die Zahl der bewilligten Anträge ist mit einem Zuwachs von 1,5% positiv ausgefallen.
Dieser Trend einer stetig zunehmenden Anzahl von Anträgen und Bewilligungen ist durchgängig über die wichtigsten Diagnosenhauptgruppen hinweg zu beobachten. Besonders auffällig ist dabei, dass rehabilitative Leistungen sowohl bei Frauen als auch bei Männern immer häufiger wegen psychischen Erkrankungen beansprucht werden. Die Tabellen 1 und 2 geben einen Überblick über die beanspruchten medizinischen Leistungen insgesamt bzw. bei psychischen Erkrankungen getrennt für Männer bzw. Frauen. Um demographische Effekte auszuschließen, sind in den Tabellen standardisierte Raten angegeben.
Tabelle 1: Medizinische Leistungen insgesamt bzw. bei psychischen Erkrankungen
pro 1000 Versicherte 1 - altersstandardisiert – Frauen
Jahr | Insgesamt | Psychische Erkrankungen |
2003 | 24,1 | 4,7 |
An Erwachsene. Bis einschließlich 1996 nur stationäre Leistungen.
1 Aktiv Versicherte am 31.12. des Berichtsvorjahres, ohne geringfügig Beschäftigte ohne Verzicht auf die Versicherungsfreiheit. Standardisierungspopulation: Summe Männer und Frauen 1992 bis einschließlich 64 Jahre.
Quelle: Statistik der Deutschen Rentenversicherung – Rehabilitation und Versicherte, verschiedene Jahrgänge
Tabelle 2: Medizinische Leistungen insgesamt bzw. bei psychischen Erkrankungen
pro 1000 Versicherte 1 - altersstandardisiert – Männer
Jahr | Insgesamt | Psychische Erkrankungen |
2003 | 22,0 | 3,5 |
An Erwachsene. Bis einschließlich 1996 nur stationäre Leistungen.
1sup Aktiv Versicherte am 31.12. des Berichtsvorjahres, ohne geringfügig Beschäftigte ohne Verzicht auf die Versicherungsfreiheit. Standardisierungspopulation: Summe Männer und Frauen 1992 bis einschließlich 64 Jahre.
Quelle: Statistik der Deutschen Rentenversicherung – Rehabilitation und Versicherte, verschiedene Jahrgänge
Der Rentenzugang wegen Erwerbsminderung
Während in der Vergangenheit Erwerbsminderungsrenten (EM-Renten) hauptsächlich wegen Erkrankungen der Bewegungsorgane bzw. wegen Herz-Kreislauferkrankungen geleistet wurden, ist seit 2002 eine deutliche Veränderung zu beobachten: Sowohl bei Männern als auch bei Frauen stieg der Anteil der EM-Renten aufgrund psychischer Erkrankungen - bei Männern von 18 % auf 30 %, bei Frauen stieg der entsprechende Anteil von 29 % auf 42 %.
Die Abbildungen 1 – 3 zeigen die Entwicklungen der EM-Renten in verschiedenen Diagnosengruppen im Zeitraum von 1998 bis 2008.

Abb.1: Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit nach ausgewählten Diagnosenhauptgruppen
Frauen in %, Gesamtdeutschland, Zeitraum 1998 – 2008
Ohne Fälle mit nicht erfasster 1.Diagnose und Renten für Bergleute wegen Vollendung des 50. Lebensjahres,
1993 – 1999 inkl. Renten nach Art. 2 RÜG,
ab 2000 Verschlüsselung der Diagnosen nach ICD 10 (vorher ICD 9)
Quelle: Statistik der Deutschen Rentenversicherung – Rentenzugang, versch. Jahrgänge

Abb. 2: Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit nach ausgewählten Diagnosenhauptgruppen
Männer in %, Gesamtdeutschland, Zeitraum 1998 – 2008
Ohne Fälle mit nicht erfasster 1.Diagnose und Renten für Bergleute wegen Vollendung des 50. Lebensjahres,
1993 – 1999 inkl. Renten nach Art. 2 RÜG,
ab 2000 Verschlüsselung der Diagnosen nach ICD 10 (vorher ICD 9)
Quelle: Statistik der Deutschen Rentenversicherung – Rentenzugang, versch. Jahrgänge

Abb.3: Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit nach ausgewählten Diagnosenhauptgruppen
Männer und Frauen in %, Gesamtdeutschland, Zeitraum 1998 – 2008
Ohne Fälle mit nicht erfasster 1.Diagnose und Renten für Bergleute wegen Vollendung des 50. Lebensjahres,
1993 – 1999 inkl. Renten nach Art. 2 RÜG,
ab 2000 Verschlüsselung der Diagnosen nach ICD 10 (vorher ICD 9)
Quelle: Statistik der Deutschen Rentenversicherung – Rentenzugang, versch. Jahrgänge
Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen ist ein deutlicher Rückgang der Frühberentungen wegen Erkrankungen der Bewegungsorgane zu beobachten (Männer: Rückgang von 26,4 % im Jahr 1998 auf 16,2 % im Jahr 2008; Frauen: Rückgang von 24,9 % im Jahr 1998 auf 15,8% im Jahr 2008).
Auch Berentungen wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten sowohl bei Männern als auch bei Frauen seltener auf (Männer: Rückgang von 20,6 % im Jahr 1998 auf 14,3 % im Jahr 2008; Frauen: Rückgang von 9,8 % im Jahr 1998 auf 6,0 % im Jahr 2008).
Eine leichte Zunahme ist beim Anteil der Frühberentungen wegen Neubildungen insbesondere bei Männern zu beobachten.
Besonders auffallend sind in den letzten 10 Jahren die Veränderungen im Bereich der psychischen Störungen: Bei den Männern stieg der Anteil der EM-Renten aufgrund psychischer Erkrankungen von 17,8 % auf 30,4 %, bei den Frauen konnte eine Zunahme von 28,9 % auf 41,6 % beobachtet werden.
Psychische Erkrankungen stellen somit die Hauptursache für Erwerbsunfähigkeitsberentungen dar.
Ursachen für das veränderte Diagnosenspektrum
Die Veränderungen in den einzelnen Diagnosegruppen sind auf verschiedene Ursachenfaktoren zurückzuführen. Im medizinischen Bereich wurden in den vergangenen 10 Jahren zahlreiche Fortschritte erzielt, Rehabilitationsmaßnahmen konnten in ihrer Wirksamkeit gesteigert bzw. verbessert werden. Der Rückgang der EM-Renten im Bereich der Herz-Kreislauferkrankungen sowie im Bereich der Erkrankungen der Bewegungsorgane ist zu einem großen Teil auf diese medizinischen Fortschritte zurückzuführen. Weiterhin könnte der Rückgang im Bereich der Herz-Kreislauferkrankungen sowie im Bereich der Erkrankungen der Bewegungsorgane auf geänderte Arbeits- und Lebensbedingungen (immer mehr Menschen legen Wert auf einen gesundheitsförderlichen Lebensstil und achten auf eine ausgewogene Ernährung sowie ausreichend Bewegung im Alltag) sowie einen verbesserten Arbeitsschutz in der Arbeitswelt zurückgeführt werden.
Die Abbildungen 1-3 verdeutlichen, dass psychische Störungen mittlerweile die häufigste Berentungsdiagnose bei EM-Renten darstellen. Worauf diese Entwicklungen zurückzuführen sind, ist bisher noch nicht eindeutig geklärt:
Zum einen könnte es sein, dass die Auftretenshäufigkeit (Prävalenz) psychischer Störungen heute tatsächlich größer ist als noch zum Beispiel vor 30 Jahren. Eine Reihe epidemiologischer Feldstudien nach dem Zweiten Weltkrieg hat jedoch keine wirklich deutlichen Zuwächse bei psychischen Störungen generell festgestellt, lediglich innerhalb der Gruppe der depressiven Störungen wird eine mögliche Zunahme diskutiert (Richter, 2003).
Die Zunahme psychischer Erkrankungen kann sicherlich auch dadurch erklärt werden, dass psychische Störungen heute durch genauere Diagnoseinstrumente und qualifiziertere Fachkräfte besser diagnostiziert werden können als früher.
Schließlich hat im Bereich der psychischen Erkrankungen auch eine Enttabuisierung stattgefunden: Immer mehr Menschen sprechen offen über ihre psychischen Probleme und „trauen“ sich zuzugeben, dass sie sich in psychotherapeutischer Behandlung befinden. Die Gesellschaft „erlaubt“ die Inanspruchnahme psychologischer bzw. psychotherapeutischer Hilfe. Der tragische Fall von Robert Enke hat hier sicherlich zu einer weiteren gesellschaftlichen Öffnung gegenüber dieser Thematik geführt.
Fazit:
Die beschriebenen Entwicklungen zeigen: Psychische Erkrankungen werden im Berentungs- und Krankheitsgeschehen immer bedeutsamer: Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Berentungsdiagnose bei Erwerbsminderungsrenten. Zudem verursachen psychische Erkrankungen die längsten Ausfallzeiten bei Arbeitnehmern. Diese Daten sollten bei der Ausgestaltung zukünftiger Veränderungen im Bereich des Gesundheitswesens unbedingt berücksichtigt werden:
Zukünftige Reformen sollten auf eine nachhaltige und vorsorgende Gesundheitspolitik ausgerichtet sein. Das Ziel der politischen Bemühungen sollte sein, die Gesundheit der Bevölkerung auf lange Sicht sicherzustellen. Hierzu gehört insbesondere auch die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Der Sicherung einer flächendeckenden psychotherapeutischen Versorgung sollte zukünftig unbedingt Priorität eingeräumt werden, zudem sollten für die Fachkräfte im medizinischen und psychosozialen Bereich angemessene Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Quellen:
Dr. Christiane Korsukewitz, Uwe Rehfeld: Rehabilitation und Erwerbsminderung - ein aktueller Überblick, RV aktuell 10/2009
Andreas Dannenberg, Jürgen Hofmann: Rentenzugang 2008: Unerwartet viele Fälle mit Vertrauensschutz bei der Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeitarbeit,
RV aktuell 11/2009
Richter, D. (2003). Psychisches System und soziale Umwelt: Soziologie psychischer Störungen in der Ära der Biowissenschaften. Bonn: Psychiatrie-Verlag